Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Früher mußte man ein Deutscher sein, jetzt muß man mit Frau Tatarinowa und mit Frau Krüdener tanzen und Eckartshausen und die Bruderschaft lesen! Oh! Am liebsten würde ich unsern schneidigen Bonaparte wieder loslassen; dann sollten ihnen wohl alle diese Dummheiten vergehen. Na, das ist denn doch unerhört, daß dem Gemeinen Schwarz das Semjonower Regiment gegeben wird!« rief er.
Nikolai war zwar frei von Denisows Neigung, alles schlecht zu finden, hielt es aber gleichfalls für ein sehr verdienstvolles, wichtiges Werk, die Regierung zu kritisieren, und war der Ansicht, die Ernennung des Herrn A. zum Minister des und des Ressorts und die Entsendung des Herrn B. als Generalgouverneur da und dahin und die und die Äußerung des Kaisers und die und die Erklärung des Ministers, das seien alles sehr wichtige Dinge. Und er hielt es für erforderlich, sein Interesse dafür an den Tag zu legen, und befragte Pierre über all dergleichen. Und infolge der Fragen, die Nikolai und Denisow stellten, kam das Gespräch aus dem Geleise des gewöhnlichen Klatsches über die höchsten Regierungskreise nicht heraus.
Aber Natascha, die alle Gebärden und Gedanken ihres Mannes kannte, sah, daß dieser sich schon längst vergeblich bemühte, das Gespräch in eine andere Bahn zu bringen und die Idee auszusprechen, die ihm ganz besonders am Herzen lag, eben die Idee, um derentwillen er nach Petersburg gefahren war, um dort mit seinem neuen Freund, dem Fürsten Fjodor, zu konferieren, und so kam sie ihm denn mit der Frage zu Hilfe, was er eigentlich mit dem Fürsten Fjodor zusammen vorhabe.
»Ja, worüber habt ihr denn verhandelt?« fragte Nikolai.
»Immer über denselben Gegenstand«, erwiderte Pierre und blickte rings um sich. »Jeder sieht, daß die Dinge einen so schlimmen Gang nehmen, daß man es nicht so weitergehen lassen darf und es die Pflicht jedes ehrenhaften Mannes ist, dem nach Kräften entgegenzuwirken.«
»Was können denn die ehrenhaften Männer dabei tun?« erwiderte Nikolai und zog die Stirn ein wenig zusammen. »Was ist dabei zu machen?«
»Die Sache ist die …«
»Wir wollen in mein Zimmer gehen«, sagte Nikolai.
Natascha, die schon längst erwartet hatte, daß man sie rufen werde, um den Kleinen zu nähren, hörte den Ruf der Kinderfrau und ging ins Kinderzimmer. Gräfin Maria ging mit ihr. Die Männer begaben sich in Nikolai Rostows Zimmer, und Nikolenka Bolkonski ging, ohne daß sein Onkel es bemerkte, auch mit und setzte sich in den Schatten, an den Schreibtisch beim Fenster.
»Na also, was werden Sie denn tun?« fragte Denisow.
»Immer Phantastereien«, sagte Nikolai.
»Die Sache ist die«, begann Pierre; er setzte sich nicht hin, sondern ging bald im Zimmer auf und ab, bald wieder blieb er stehen; beim Reden lispelte er und gestikulierte lebhaft mit den Armen. »Die Sache ist die. In Petersburg steht es so: der Kaiser kümmert sich um nichts. Er hat sich ganz dem Mystizismus in die Arme geworfen.« (Mystizismus verzieh Pierre niemandem.) »Er verlangt nur nach Ruhe, und diese Ruhe können ihm nur diese Männer ohne Treue und Gewissen verschaffen, die skrupellos alles niederschlagen und ersticken: Magnizki, Araktschejew und diese ganze Sorte … Du wirst zugeben: wenn du selbst dich nicht mit der Wirtschaft abgäbest und nur deine Ruhe haben wolltest, so würdest du deinen Zweck um so schneller erreichen, je strenger ein Vogt wäre«, sagte er, sich zu Nikolai wendend.
»Na, wozu sagst du das!« antwortete Nikolai.
»So geht nun alles zugrunde. In den Gerichten blüht das Bestechungsunwesen; beim Heer regiert nur der Stock; immer nur Exerzieren, dazu die Militärkolonien; das Volk wird gequält, die Bildung unterdrückt. Alles, was jung und ehrenhaft ist, richten sie zugrunde. Jedermann sieht, daß es so nicht weitergehen kann. Alles ist zu straff gespannt und muß mit Notwendigkeit reißen«, sagte Pierre, wie das, seit es überhaupt Regierungen gibt, die Menschen stets im Hinblick auf die Handlungen irgendeiner Regierung sagen. »Ich habe ihnen in Petersburg meine Meinung gesagt …«
»Wem?« fragte Denisow.
»Nun, ihr wißt schon, wem«, antwortete Pierre, indem er den beiden unter der gesenkten Stirn hervor einen bedeutsamen Blick zuwarf. »Dem Fürsten und ihnen allen. Ich habe ihnen gesagt: ›Zu wetteifern in Wohltätigkeit und in Verbreitung von Bildung, das ist ja alles ganz schön, selbstverständlich. Ein schönes Ziel, zweifellos; aber unter den jetzigen Umständen ist noch anderes vonnöten.‹«
In diesem Augenblick bemerkte Nikolai die Anwesenheit seines Neffen; sein Gesicht verfinsterte sich, und er ging auf ihn zu.
»Warum bist du hier?«
»Warum sollte er nicht? Laß ihn doch hierbleiben«, sagte Pierre und hielt seinen Schwager am Arm zurück; dann fuhr er fort: »Ich habe ihnen gesagt: ›Das genügt nicht; jetzt ist noch anderes vonnöten. Ihr steht da und wartet darauf, daß im nächsten Augenblick die zu straff gespannte Saite springt; alle warten auf die unausbleibliche Revolution. Aber was nottut, ist, daß wir mit möglichst vielen aus dem Volk und in möglichst engem Zusammenschluß einander die Hände reichen, um gegen die allgemeine Katastrophe anzukämpfen. Alle jungen, kräftigen Elemente werden nach jener Seite hinübergezogen und verdorben. Den einen verlocken die Weiber, den andern die Ehrenstellen, den dritten die Eitelkeit und das Geld, und so gehen sie in jenes Lager über. Unabhängige, freie Männer, wie ihr und ich, gibt es gar nicht mehr.‹ Ich habe ihnen gesagt: ›Erweitert den Umfang des Vereins; das Losungswort soll nicht allein Tugend heißen, sondern Unabhängigkeit und Tatkraft.‹«
Nikolai hatte von seinem Neffen abgelassen, ärgerlich seinen Stuhl an eine andere Stelle gerückt und sich darauf gesetzt; während er zuhörte, was Pierre sagte, hatte er sich unzufrieden geräuspert und ein immer finstereres Gesicht gemacht.
»Und welchen Zweck verfolgt denn diese Tatkraft?« rief er. »Und welche Stellung nehmt ihr der Regierung gegenüber ein?«
»Das will ich dir sagen: die Stellung von Helfern. Der Bund braucht kein geheimer zu sein, wenn die Regierung ihn gestattet. Er ist nicht nur der Regierung nicht feindlich, sondern im Gegenteil ein Bund echt konservativ gesinnter Männer, ein Bund von Gentlemen im vollen Sinn dieses Wortes. Nur damit nicht ein Pugatschew kommt, um meine und deine Kinder zu morden, und damit Araktschejew mich nicht in eine Militärkolonie schickt, nur darum reichen wir einander die Hände, und unser einziger Zweck ist das allgemeine Wohl und die allgemeine Sicherheit.«
»Ja, aber dieser Bund ist ein geheimer, folglich ist er regierungsfeindlich und schädlich und kann nur Böses hervorbringen.«
»Wieso? Hat etwa der Tugendbund, der Europa gerettet hat« (damals verstieg man sich noch nicht zu dem Gedanken, daß Rußland Europa gerettet habe), »irgendein Unheil angerichtet? Der Tugendbund ist die Liebe, die gegenseitige Hilfe; er ist das, was Christus am Kreuz gepredigt hat …«
Natascha, die mitten während dieses Gesprächs ins Zimmer gekommen war, betrachtete mit lebhafter Freude ihren Mann. Sie freute sich nicht über das, was er sagte. Das interessierte sie nicht einmal, weil es ihr schien, daß das alles außerordentlich einfach sei und sie das alles schon längst wisse (das schien ihr deshalb so, weil sie den Boden, auf welchem diese Anschauungen gewachsen waren, Pierres ganze Seele, so genau kannte); sondern sie freute sich beim Anblick seiner Lebhaftigkeit und Begeisterung.
Mit noch größerer Freude und Begeisterung hafteten an Pierres Gestalt die Blicke des von allen vergessenen Knaben mit dem schlanken Hals, der aus dem zurückgeschlagenen Hemdkragen hervorragte. Jedes Wort Pierres setzte sein Herz in hellere Glut, und mit nervösen Bewegungen der Finger zerbrach er, ohne es selbst zu bemerken, die Siegellackstangen und Federn, die ihm auf dem Schreibtisch seines Onkels in die Hände kamen.