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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Sie hatte, um die Sprache zu studieren, ein kleines Buch fränkischer Verse gelesen; ein Gedicht hatte ihr besonders gefallen. Sie suchte das Buch her und lernte das Gedicht auswendig. »Sagte die Dame: ›Jedes Gelübde will ich tun für dich, mein Freund und wahrer Herzenswunsch – mon ami et mon vrai désir.‹ Sagte der Ritter: ›Wie hab ich es verdient, Dame, daß du mich so liebst?‹ Sagte die Dame: ›Weil du ganz so bist, wie ich es mir träumte, mon ami et mon vrai désir.‹«

Sie ging in den Park. Der Gärtner Belardo pflückte Pfirsiche, und sie bat ihn, er möge – wie man das in Sevilla tat – ein paar Früchte stehenlassen, damit der Baum nicht traurig sei. Belardo hörte sogleich mit dem Pflücken auf, aber sie spürte Feindschaft hinter seiner Bereitwilligkeit.

Sie saß am Ufer des Tajo und schaute nach Toledo und träumte. Sie dachte an Alfonso in seiner silbernen Rüstung. Sie wird ihm eine Rüstung schenken, wie der Waffenschmied Abdullah in Córdova sie fertigte, schwärzlichblau, mit vielen beweglichen Teilen, sehr elegant und dennoch ein besserer Schutz als die Panzerhemden der Christen. Der Vater mußte ihr die Rüstung besorgen.

Mit einemmal fiel ihr aufs Herz, daß sie dem Vater versprochen hatte, jeweils am Vorabend des Sabbats zu ihm zu kommen, um den ganzen heiligen Tag mit ihm zu verbringen. Er hatte es nicht von ihr verlangt, sie hatte es ihm angeboten, und nun hatte sie es all die Zeit her vergessen! Bestürzt erkannte sie, wie weit der Vater aus ihrem Leben zurückgewichen war.

Diesen Freitag wird sie zu ihm gehen. Nein, da kam Alfonso zurück. Aber den Freitag darauf wird sie zu ihm gehen, und nichts soll sie halten. In Toledo hatte keiner der Räte ein Wort des Vorwurfs oder auch nur der Verwunderung für Alfonso, doch spürte er ihre Mißbilligung. Er kümmerte sich nicht darum. Eines einzigen Mannes Anblick wäre ihm peinlich gewesen, Jehudas. Aber der kam nicht.

Geschäfte füllten Alfonsos Tag, Empfänge, Beratungen, das Studium von Urkunden. Er sprach, debattierte, wog Gründe und Gegengründe, entschied, unterschrieb. Er mühte sich, Menschen und Dinge in der notwendigen harten Helle zu sehen, aber immer von neuem nebelte Verzauberung ein, die Verzauberung der Galiana, und während er redete und arbeitete und unterzeichnete, dachte er: Was tut sie jetzt? Und ist sie auf dem Mirador oder im Patio? Und trägt sie wohl das grüne Kleid?

Des Nachts brannte er vor Begier. Er wollte an den Aufriß der Festung Calatrava denken und an seinen Hader mit dem Bischof von Cuenca. Statt dessen kamen ihm arabische Verse in den Sinn, die Raquel ihm vorgesprochen hatte, und er versuchte, das ganze Gedicht zu konstruieren, aber trotz seines guten Gedächtnisses konnte er nicht alle Reime zusammenfinden, und das ärgerte ihn. Er sah deutlich Raquels Lippen, aus denen die Verse kamen, und er verstand sie nicht, und sie suchte ihm zu helfen, und sie tat die Arme auf und erwartete ihn. Und neue Hitze überrieselte ihn, und seine Pulse klopften, und er konnte nicht länger liegen.

Endlich war die Ewigkeit dieser drei Tage vorbei, und er war wieder in der Galiana, und der gleiche, grenzenlose, brustsprengende, zum Himmel reißende Jubel füllte sie beide.

Sie gab ihm, was immer er begehrte, doch genügte es nicht. Keine Berührung genügte, kein Kuß, keine Umarmung, keine Vermischung. Er begehrte sie tiefer und war rasend, daß es keine Sättigung gab für seine Begierde.

Er war eins mit ihr, mehr eins als mit sich selber. Ihr konnte er Dinge sagen, die er noch keinem gesagt hatte, auch sich selber nicht, stolze, kindische, königliche, alberne Dinge; und wenn er glaubte, er habe ihr sein Geheimstes enthüllt, dann ließ ihn ihre Nähe ein noch Geheimeres entdecken, das dahinter war. Es war ihm lieb, wenn Raquel antwortete; denn fast immer antwortete sie ein Unerwartetes, das er trotzdem sogleich verstand. Aber auch wenn sie schwieg, war es ihm lieb; denn wer sonst konnte so beredt schweigen, zustimmen, ablehnen, jubeln, klagen, tadeln?

Und wieder gab es um sie beide keine Zeit, kein Gestern und kein Morgen, nur ein erfülltes Heute.

Da aber, jäh, zerschnitt Raquel die zeitlose Seligkeit. »Heute nachmittag«, erklärte sie, »gehe ich nach Toledo zu meinem Vater.«

Er schaute sie an, verstört. War sie wahnsinnig? War er’s? Das konnte sie nicht gesagt haben. Er hatte sie mißverstanden. Er fragte, stammelte. Sie bestand: »Heute nachmittag geh ich zu meinem Vater. Sonntag morgen komme ich zurück.«

Raserei stieg in ihm hoch. »Du liebst mich nicht!« empörte er sich. »Noch kennen wir uns kaum, und schon treibt es dich fort. Das ist tödliche Kränkung. Du liebst mich nicht!«

Sie, während er ihr herbe Worte sagte, und immer herbere, dachte: Er ist furchtbar allein, der stolze König. Er hat niemand außer mir. Und ich habe ihn und den Vater.

Doch all ihr Triumph half ihr nicht weg über den geradezu leibhaften Schmerz, den sie jetzt schon spürte bei dem Gedanken, daß sie fort von ihm sein wird heute abend und heute nacht und nochmals einen ganzen, langen Tag und eine ganze, lange Nacht.

Zweites Kapitel

Don Jehuda entbehrte Raquel noch bitterer, als er erwartet hatte. Zuweilen spürte er würgende Eifersucht auf Alfonso. Dann wieder stellte er sich vor, wie ihm der Verhaßte in unberechenbarer Laune Raquel zurückschicken werde, vernichtet und vertan.

Auch Alazar schuf ihm Kummer. Die zweideutige Lage Raquels, die ruhmvolle Schmach der Schwester und des Vaters machte dem Knaben das Leben in der Burg immer schwerer. Aber er suchte nicht Rates bei dem Vater, wie der fürchtete und hoffte; vielmehr versperrte er sich, er zeigte sich immer seltener, und bei seinen seltenen Besuchen saß er einsilbig und bedrückt herum.

Der erste Sabbat nach Raquels Fortgang kam heran.

Der Sabbat war von jeher, schon in Sevilla, ein großer Tag für Jehuda gewesen. Diesen siebenten, den Ruhe-Tag, hatte Gott seinem Volke geschenkt, auf daß sich Israel an ihm auch in Zeiten der Bedrängnis frei und erhaben über die Völker fühle. Den Sabbat pflegte der tätige Jehuda in Wahrheit zu feiern, er schloß die Welt der Geschäfte aus und freute sich der Auserwähltheit seines Volkes und seiner eigenen.

Gegen alle Vernunft hatte er gehofft, Raquel werde schon am ersten Sabbat kommen. Als sie nicht kam, siegte seine Vernunft über seine Enttäuschung. Am zweiten Sabbat konnten keine Vernunft und kein angestrengter Wille mehr seinem fressenden Kummer Einhalt tun. Er suchte sich die hundert Gründe zusammen, die Raquel verhindert haben mochten; aber das fruchtlose Grübeln: Was ist es mit meinem Kind? Warum verläßt mich mein Kind? bohrte weiter.

Dann kam Alfonso nach Toledo. Es lockte Jehuda, ihn aufzusuchen, er hatte den guten Vorwand dringlicher Geschäfte. Aber ihm bangte vor sich selber und vor seinem Herzen, er ging nicht zu Alfonso. Er wartete darauf, daß Alfonso ihn rufe, er wartete den ersten Tag und den zweiten und den dritten und war froh, daß der König ihn nicht rief, und raste, als der König Toledo verließ und hatte ihn nicht gerufen.

Und es kam der dritte Sabbat ohne Raquel. Sie hatten sich vereinigt, der Christ, der Soldat, der Mann ohne Geist und Gewissen, und seine ehemals so liebenswerte, so liebevolle Tochter, sie hatten sich zusammengetan, ihn durch Schweigen zu peinigen, ihm das Herz aus der Brust zu reißen. Er hatte Raquel verloren.

Aber dann kam ihre Botschaft. Und dann, vor dem Sabbateingang, kam sie.

Jehuda hatte Scheu vor leiblicher Berührung, aber er faßte Raquel beinahe gewalttätig, umarmte sie, beugte ihren Kopf zurück, saugte ihren Anblick ein. Sie ruhte aus in seiner Umarmung, sie hatte die Augen geschlossen, er konnte nicht erkennen, was sie erlebt hatte. Soviel war gewiß: verstört war sie nicht, sie war seine Raquel, und sie war noch schöner geworden.

Er bat sie, die Lichter anzuzünden, wie es nach altem Brauch das Vorrecht der Frauen war, sie leuchteten hinein in die sich senkende Sabbatnacht, es war ein guter Abend. Er sang das Sabbatlied des Jehuda Halevi: »Komm, Geliebter, komm, Sabbat, entgegen der Braut«, und er sprach, seinen Jubel mitjubelnd, den Psalm Davids: »Freuet euch, ihr Himmel! Frohlocke, Erde! Rausche auf, Meer! Bäume und Wälder, jauchzet dem Herrn!«

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