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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Sie schwatzten angeregt. Sie mußte erklären und erzählen; so vieles, was sie anging, war ihm fremd, und alles wollte er wissen, und er verstand sie, ob sie arabisch sprach, lateinisch oder kastilisch. Auch ihm selber fiel immer Neues ein, was sie sicher interessierte und was er ihr sogleich mitteilen mußte. Jedes Wort, das einer von ihnen sagte, war wichtig, und wenn es noch so bedeutungslos und verspielt klang, und waren sie dann allein, so riefen sie sich einer des andern Worte zurück und bedachten sie und lächelten. Herrlich war es, daß man einander so gut verstand, wiewohl doch der eine vom andern so verschieden war. Im innersten Gefühl war man gleich, da spürte man genau, was der andere spürte: ein uferloses Glück.

O der Seligkeit, wenn man ineinander verschwamm. Man spürte dieses Verschwimmen herannahen, es war ganz nahe. Nun dauerte es nur mehr den kürzesten Teil eines Augenblicks und es war da, und man sehnte sich danach und man suchte es hinauszuzögern, denn die Sehnsucht war so herrlich wie die Erfüllung.

La Galiana hatte einen großen Park. Innerhalb der Mauern, die ihn weiß und streng umschlossen, gab es immer Neues zu entdecken, und an alles, an den kleinen Wald, an den Kiosk, an den Teich, an das Haus selber, knüpften sich merkwürdige Geschichten und Erinnerungen. Da waren etwa die zwei halbzerstörten Zisternen, man hatte sie belassen, wie sie waren – jene uralte Zeitmessungsmaschine des Rabbi Chanan. Raquel erzählte Alfonso vom Leben und Tode des Rabbis, Alfonso hörte zu, konnte nicht viel damit anfangen, sagte nichts.

Beide kannten sie und beredeten gerne die Geschichte jener Prinzessin Galiana, deren Namen die Besitzung trug. Ihr Vater, König Galafré von Toledo, hatte ihr das Schloß gebaut. Angelockt vom Rufe ihrer Schönheit kamen viele Freier, darunter Bradamante, König des benachbarten Guadalajara, ein Mann von riesenhafter Gestalt, und König Galafré versprach ihm die Tochter. Aber auch der fränkische König Karl der Große hatte von der Schönheit der Prinzessin Galiana gehört, er kam nach Toledo unter dem angenommenen Namen Mainét, nahm Dienst bei Galafré und besiegte des Königs mächtigsten Feind, den Kalifen von Córdova. Galiana verliebte sich in den heldischen Karl, und der dankbare König Galafré sagte nun ihm ihre Hand zu. Da aber überzog der getäuschte Freier, der riesenhafte Bradamante, Toledo mit Krieg und forderte Mainét-Karl zum Zweikampf. Der nahm an und besiegte und tötete den Riesen. Allein Karls rascher Aufstieg hatte ihm viele zu Feinden gemacht, sie redeten König Galafré ein, daß Mainét nach seiner Krone strebe, und Galafré beschloß, ihn ermorden zu lassen. Die Prinzessin Galiana indes warnte ihren Liebsten, entfloh mit ihm in seine Stadt Aachen und wurde Christin und seine Königin.

Raquel war bereit zu glauben, daß sich Galiana in den Frankenkönig verliebt hatte und mit ihm geflohen war. Aber daß Karl den Riesen besiegt habe, glaubte sie nicht, und schon gar nicht, daß Galiana Christin geworden sei. Alfonso meinte: »So hat es Don Rodrigue in den alten Büchern gefunden, und er ist ein sehr gelehrter Mann.« – »Ich werde einmal Onkel Musa fragen«, beschloß Raquel.

Alfonso, ein wenig gereizt, sagte: »Der Palacio der Galiana wurde zerstört, als mein Urgroßvater Toledo nahm. Man hatte ihn nicht wiederhergestellt, weil damals Toledo unmittelbar an der Grenze lag. Jetzt aber habe ich Calatrava und Alarcos fest in der Hand, und Toledo liegt gesichert. Ich konnte dir also La Galiana ohne Gefahr wieder aufbauen.« Ganz leise lächelte Raquel. Er hätte ihr nicht erst zu sagen brauchen, was für ein Held, Ritter und großer König er war; jedermann wußte es.

Alfonso ließ sich von Raquel die Spruchbänder an den Wänden erklären; mehrmals waren altertümliche, kufische Buchstaben verwandt, Raquel las sie ohne Mühe. Sie erzählte ihm, wie sie schreiben und lesen gelernt hatte. Einfache Koranverse zuerst und die neunundneunzig Namen Allahs, in der üblichen neuen, der Neschi-Schrift, dann später hatte sie die alte kufische Schrift gelernt, und zuletzt, von Onkel Musa, die hebräische. Alfonso verzieh ihr das viele überflüssige Wissen, weil sie Raquel war.

Unter den Sprüchen an der Wand war jener uralte arabische, den Onkel Musa so liebte: »Ein Federgewicht Frieden ist besser als ein Eisengewicht Sieg.« Sie las ihm den Spruch; voll, dunkel und groß kamen die seltsamen Worte von ihren kindlichen Lippen. Da er nicht verstand, übersetzte sie ins geläufigere Latein: »Eine Unze Frieden ist mehr wert als eine Tonne Sieg.« – »Das ist Unsinn«, erklärte Alfonso herrisch. »Das ist was für Bauern und Bürger, nicht für Ritter.« Da er aber Raquel nicht verletzen wollte, begütigte er: »Im Munde einer Dame mag es angehen.«

»Ich habe auch einmal einen Lehrspruch gedichtet«, erzählte er später. »Das war, als ich Alarcos nahm. Ich hatte den Gebirgskamm südlich des Nahr el Abiad besetzt und durch eine starke Wache gesichert, die ich einem gewissen Diego unterstellte, einem Lehensmann meiner Barone de Haro. Der Mann ließ seinen Posten überrumpeln, fast hätte mich das Alarcos gekostet. Er hatte geschlafen, dieser Diego. Ich ließ ihn binden, verwahrte ihn am Pflock eines Zeltes. Dann dichtete ich meinen Lehrspruch. Laß sehen, ob ich ihn noch zusammenbringe. ›Wachen muß, wer haben will des Feindes Haupt und des Feindes Schild. Der Wolf, der schläft, der tut keinen Fang. Der Mann, der schläft, der siegt keinen Sieg.‹ Das ließ ich in sehr großen Buchstaben aufschreiben, und der Diego mußte es lesen am ersten Morgen, und am zweiten, und am dritten. Erst dann ließ ich die Augen ausstechen, die nichts gesehen hatten. Dann nahm ich Alarcos.«

Raquel blieb einsilbig an diesem Tage.

Die heißen Stunden verbrachte Raquel gewöhnlich in der stillen Dunkelheit ihres Zimmers, dessen wassergetränkter Filzbelag Kühlung schuf. Don Alfonso legte sich dann wohl im Park in den Schatten eines Baumes, gern in der Nähe des Gärtners Belardo, der auch in der heißen Zeit fleißig war oder doch so tat. Das erstemal hatte sich Belardo fortmachen wollen, doch Alfonso rief ihn heran, er liebte es, mit den Unteren zu sprechen. Er sprach ihre Sprache, er sprach sie in ihrem Tonfall, so daß sie ihm vertrauten und ihm bei aller Ehrerbietung die Wahrheit sagten. Das runde, fette, schlaue Gesicht des Belardo und seine biedere, verschmitzte Art machten dem König Spaß. Er winkte ihn oft heran und unterhielt sich mit ihm.

Belardo hatte eine angenehme Stimme, Alfonso ließ sich von ihm vorsingen, am liebsten Romanzen. Da war etwa die Romanze von der Dame Florinda, auch genannt La Cava. Florinda, hieß es da, und ihre Fräulein, sich unbeobachtet glaubend, entblößten ihre zarten Beine und maßen deren Umfang mittels eines gelben Seidenbandes. Und die weißesten und schönsten Beine hatte Florinda. Verborgen aber hinterm Vorhang eines Fensters schaute König Rodrigo dem Spiele zu, und heimliches Feuer verbrannte ihm das Herz. Er rief Florinda zu sich und sagte: »Florinda, Blühende, ich bin blind und krank vor Liebe. Heile mein Übel, und ich dank es dir mit meinem Zepter und mit meiner Krone.« Es heißt, daß sie zuerst nicht antwortete, ja, daß sie gekränkt war. Aber am Ende geschah es, wie er es wollte, und Florinda, die Blühende, verlor ihre Blüte. Bald hatte der König seine böse Lust zu büßen, und mit ihm das ganze Hispanien. Und wenn man fragt: wer von den beiden war der Schuldigere? dann sagen die Männer: Florinda, und die Frauen sagen: Rodrigo.

So sang der Gärtner Belardo, und Alfonso hörte zu, und für einen Augenblick argwöhnte er, der Mann habe ihn mit frecher Absicht an das Schicksal dieses Rodrigo, des letzten Gotenkönigs, gemahnt. Denn der Vater der verführten Florinda, Graf Julian, hatte sich, wie andere Romanzen erzählen, mit den Arabern verbündet, um sich an König Rodrigo zu rächen, er hatte die Araber nach Spanien geführt, und so war an der sündhaften Leidenschaft des Königs Rodrigo das Reich der christlichen Goten zugrunde gegangen. Aber der Gärtner Belardo machte ein dumm-unschuldiges, gerührtes Gesicht; er hatte sich nichts Böses gedacht.

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