Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
»Ich schwöre es auch noch bei allen Heiligen, wenn du das willst.« Orlandos Jagdinstinkte waren geweckt, und er beobachtete sein Gegenüber scharf, um aus seinem Mienenspiel Wahrheit und Lüge herauszulesen.
Saul tat so, als ringe er noch einen Augenblick mit sich, und nickte dann. »Gut, ich sage alles.«
Er stand auf, ging um den Tisch herum und setzte sich so, dass er jederzeit aufspringen und zur Tür rennen konnte.
Orlando nahm es mit einem feinen Lächeln hin. Dem Burschen schien eine ziemliche Portion Angst in den Knochen zu sitzen, und er nahm sich vor, diese gnadenlos auszunützen. Saul dachte jedoch gar nicht daran, die Wahrheit zu verschweigen. Wenn der Fremde wirklich hinter Geld her war, so sollte er es sich von Lea holen und ihn in Ruhe lassen. Aus diesem Grund berichtete er alles, was er tatsächlich von dem Sarninger Pogrom er-fahren hatte.
Orlando konnte gerade noch einen Ausdruck des Erstaunens unterdrücken, als er vernahm, dass der angebliche Samuel ben Jakob in Wirklichkeit ein sechzehnjähriges Mädchen war, ein naives Geschöpf, wie seine Handlungsweise zeigte. Statt sich in Männerkleidung zu werfen, hätte sie sich sofort an Zofar ben Naftali wenden und ihm von den Schicksalsschlägen berichten sollen. Der Bankier war einer der einflussreichsten Anführer der jüdischen Gemeinden und hätte gewiss eine Möglichkeit gefunden, Lea und ihren Angehörigen zu helfen. Stattdessen forderte sie das Schicksal geradezu heraus und würde spätestens beim Ablegen des Judeneids scheitern. So gesehen war es besser, wenn die fünfhundert Gulden nicht auch noch in ihre Hände gerieten, denn sie würden nur die Truhen des habgierigen Markgrafen füllen, während sie selbst, wenn sie die Entdeckung überlebte, samt ihrer Familie in Schimpf und Schande davongejagt wurde.
Saul sah die Situation noch viel schwärzer. »Jetzt verstehst du sicher, warum ich nicht zurückkehren kann. Den Frauen wird nicht viel passieren, selbst wenn die eine oder andere von ihnen in die Büsche gezerrt wird. Aber mich würde man mit Sicherheit umbringen, vielleicht sogar verbrennen, wie man es letztens in Konstanz getan hat.«
»Woher soll ich wissen, was man mit Juden alles treibt?« Orlando blickte bei diesen Worten auf seinen Becher, der mittlerweile leer geworden war. Er konnte sich nicht einmal an den Geschmack des Weins erinnern, so sehr hatte Sauls Bericht ihn beschäftigt. Er rief dem Wirt zu, zwei weitere Becher zu bringen, und schob einen davon Saul zu.
»Ich glaube, du hast dir eine kleine Stärkung verdient.«
Saul riss Orlando den Becher aus den Händen und stürzte seinen Inhalt hinab. »Auf deine Gesundheit!«
Orlando nickte lächelnd, überlegte aber gleichzeitig, was er tun sollte. Saul als Dieb den Behörden auszuliefern, hielt er für sinnlos, denn der Richter würde das gestohlene Geld nur in die eigene Tasche stecken. So oder so würde diese Lea keinen Gulden davon bekommen, und so entschied Orlando, dass Sauls Geschichte diesen Preis wert war.
»Wenn ich dir einen Rat geben darf, so halte dich in Zukunft von deinen Landsleuten fern. Die verstehen, was Diebstahl betrifft, noch weniger Spaß als die Christen. Am besten ist es, wenn du deine Herkunft und die des Goldes in deinen Taschen ganz vergisst. Christen denken sich nichts dabei, einen Juden um sein Geld zu bringen, und ein Dieb, der armen Waisen das Brot vom Mund gestohlen hat, hat wenig Gnade von ihnen zu erwarten.« In Orlandos Worten schwang die Drohung mit, auch ihm nicht noch einmal zu begegnen. Saul zuckte wie unter einem Hieb zusammen und sprang auf.
»Jetzt kann ich doch wohl gehen.«
»Ich wollte, du wärst schon verschwunden.« Orlando machte eine Handbewegung, so als wollte er eine Fliege verscheuchen, und Saul rannte wie vom Teufel gehetzt aus der Schenke. Er war kaum zur Tür hinaus, da kam der Wirt mit wutverzerrtem Gesicht auf Orlando zu. »Jetzt hat der Kerl doch glatt die Zeche geprellt.«
Der Handelsagent hob die Hand, um die beginnende Schimpfkanonade zu stoppen. »Bevor er ging, bat er mich, es für ihn auszulegen.«
Er überlegte, ob er sich noch einen Becher Wein bringen lassen sollte, entschied sich aber dagegen und kramte ein paar Münzen hervor. »Hier, das dürfte wohl reichen.«
Er drückte dem ob so viel Großzügigkeit verblüfften Wirt das Geld in die Hand und verließ nachdenklich die
Schenke. Auf dem Weg zu Zofar ben Naftalis Haus überlegte er, was er mit Sauls Bericht anfangen sollte. Eigentlich wäre es seine Pflicht, seinen Gastgeber darüber aufzuklären, wer dieser Samuel ben Jakob in Wirklichkeit war, denn es war ja möglich, dass der Bankier noch etwas zur Rettung der Familie Goldstaub tun konnte. Aber Orlando kam mehr und mehr zu dem Schluss, dass das verrückte Mädchen den Karren schon zu tief in den Dreck gefahren hatte. Wenn er die Sache nicht auf sich beruhen ließ, brachte er nur die Leute in Gefahr, die Zofar ben Naftali nach Hartenburg schicken würde.
Ich kann nicht jedes Juden Hüter sein, sagte er leise zu sich selbst, am wenigsten der eines solch verdrehten Geschöpfes wie dieser Lea. Zufrieden mit seiner Entscheidung ging er weiter, merkte aber schon nach wenigen Schritten, dass sich seine Gedanken immer noch mit Jakob Goldstaubs Tochter beschäftigten. Das Mädchen schien recht einfallsreich zu sein und mochte vielleicht sogar einen Weg finden, unerkannt die Schikanen und Demütigungen zu überstehen, die mit der Ablegung des Judeneids verbunden waren. Er war auf alle Fälle gespannt, ob er in Zukunft noch etwas von »Samuel ben Jakob« hören würde.
Dritter Teil.
Schlechte Geschäfte
1.
Lea saß scheinbar unbeteiligt an einem Tisch in der hintersten Ecke und drehte den anderen Gästen den Rücken zu, damit keiner sehen konnte, dass sie den von vielen Zähnen gezeichneten Holzbecher starr vor Angst umklammerte. Ihre Kehle war wie ausgedörrt, doch sie bekam keinen Tropfen des mit Wein gefärbten Wassers über die Lippen, aber nicht, weil es mehr nach Pferd als nach Trauben schmeckte, sondern weil das Grauen vor dem, was sie erwartete, sie wie eine schwarze Wolke durchdrang.
In den letzten drei Jahren hatten die Geschäfte sie gezwungen, monatelang als Samuel ben Jakob umherzurei-sen, und dabei war sie in mehr als eine brenzlige Situation geraten. Oft hatte sie den Gefahren mit dem Instinkt eines gejagten Tieres im letzten Moment ausweichen können, und wenn ihr das nicht gelungen war, hatte sie den schlimmsten Übergriffen die Spitze nehmen können, so dass sie mit viel Spott, ein paar Knuffen und der Bekanntschaft mit Mist und Jauche davongekommen war. Diesmal aber sah sie sich einem unversöhnlichen Feind gegenüber, vor dem es kein Entrinnen gab.
»Wer einen Juden totschlägt, vollbringt ein gottgefälliges Werk!«
Die Stimme des Mönches klang wie das misstönende Krächzen eines Raben. Die anderen Gäste stimmten ihm jedoch so inbrünstig zu, als spräche er von den Freuden des christlichen Paradieses.