Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
»Nun, Jude, hast du das Geld beschafft?« Frischlers Stimme klang unverhohlen gierig.
Lea nickte. »Ja, Herr, es steht in meinem Haus für die Boten Seiner Durchlaucht bereit.«
»Sehr gut!« Frischer nickte zufrieden, nahm das Büchlein vom Schreibtisch auf und hielt es so, dass Lea den deutsch geschriebenen Titel lesen konnte. Es hieß: »Von der Art, mit der Juden im Reich Deutscher Nation zu behandeln seien«.
»Dann kommen wir jetzt zu dem Judeneid, den du dem Markgrafen zu leisten hast.« Frischer schlug das Buch auf, blätterte ein paar Seiten vor und begann dann vorzulesen.
Lea hatte schon gehört, dass es einen Judeneid gab, aber als sie Samuel danach gefragt hatte, war ihr Bruder, der ihr sonst alles erzählt hatte, zunächst stumm geblieben wie ein Fisch und auf ihr Nachbohren ungewohnt böse geworden. Ihr Herz begann mit einem Mal unruhig zu klopfen, und ihr graute vor dem, was der Sekretär ihr mitteilen würde.
»Diesen Eid wirst du in Gegenwart Seiner Durchlaucht, des Markgrafen Ernst Ludwig, meiner Person sowie eines Priesters ablegen, der die Gültigkeit vor Gott bestätigen wird. Zu diesem Zwecke wirst du mit bloßen Füßen auf der blutigen Haut einer frisch geschlachteten Sau stehen und mit einem kurzen Hemd bekleidet sein, welches deinen Unterkörper entblößt. Während der Zeremonie wirst du dreimal auf dein Glied spucken, wie es der ehrenwerte Abt Hieronymus von Pfahlberg in seiner Anleitung vorgeschrieben hat.«
»Auf mein Glied spucken?«, japste Lea entsetzt und hörte die Bettgespielin des Sekretärs erwartungsvoll kichern. Sollte all ihre Mühe umsonst gewesen sein?, fragte sie sich verzweifelt. War sie vergebens in die gefährliche Tiefe des Höllenschlunds getaucht, den selbst ihr Vater gefürchtet hatte, um am Ende an der Bosheit der Christen zu scheitern?
Dietrich Frischler verzog keine Miene. »So ist es nun einmal der Brauch. Man kann euch Juden nicht genug ducken, um euch unten zu halten. In einem Augenblick winselt ihr und jammert uns etwas vor, aber wenn ihr zur Tür hinausgeht, hebt ihr frech eure Köpfe, als wärt ihr hohe Herren und wir ehrlichen Christenmenschen eure Knechte.«
Einen Augenblick weidete er sich an Leas wachsendem Entsetzen, dann fuhr er in versöhnlicherem Ton fort. »Du kannst dich natürlich von einigen dieser Bedingungen freikaufen. Die Sauhaut muss sein, aber man könnte dir erlauben, deine Schuhe anzubehalten. Und was das andere betrifft« - er strich sich wohlig über sein vorspringendes Gemächt - »so habe ich keine Lust, mir einen stinkenden Judenschwanz anzusehen und Seine Durchlaucht ebenso wenig.«
Er ignorierte das enttäuschte Stöhnen seiner Geliebten im Hintergrund und beugte sich zu Lea vor. »Nun, wie steht es? Willst du den Brauch befolgen oder lieber zahlen?«
»Wie viel verlangt Ihr?« Lea wusste nicht, ob der Mann es ernst meinte oder sie nur noch mehr quälen wollte. Die Antwort auf ihre Frage kam so schnell, dass Frischler es von Anfang an auf das Geld abgesehen haben musste. »Fünfhundert neue, fehlerlose Gulden!«
So viel Flussgold, um weitere fünfhundert Gulden schlagen zu können, besaß sie nicht mehr, und ihr war klar, dass sie nicht mehr die Kraft und den Mut aufbringen würde, ein weiteres Mal in den Höllenschlund zu tauchen. Die brauchbaren Münzen und das Stangengold, das ihr Vater in seiner Truhe aufbewahrt hatte, hatte die Grundlage zu den dreitausend Gulden gebildet, und den Rest hatte sie dazu verwendet, einige dringende Forderungen der Geschäftspartner ihres Vaters zu erfüllen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als auf die Rückkehr ihrer Knechte zu warten und zu hoffen, dass wenigstens einer von ihnen das bei den Treuhändern hinterlegte Gold mitbrachte.
»Ich nehme Eure Bedingung an, hoher Herr«, antwortete sie mit schwankender Stimme und sah sich mit einer zufriedenen Geste verabschiedet. Als sie die Burg verließ und in die Stadt hinunterschlurfte, machten ihr nicht nur die schmerzenden Muskeln das Gehen schwer.
Kaum hatte sie ihr Haus erreicht, eilte Ketura ihr mit freudestrahlendem Gesicht entgegen. »Jochanan ist zurückgekehrt!«
Leas Gestalt straffte sich. »Da bin ich aber froh! Hat er das Geld mitgebracht?«
»Das weiß ich nicht. Er wollte erst mit dir reden. Aber was ist mit dir? Ist der Markgraf nun zufrieden?«
Lea ballte die Fäuste. »Er will weitere fünfhundert Gulden aus uns herauspressen, und ich habe keine andere Wahl, als auf seine Forderung einzugehen. Jetzt kann ich nur hoffen, dass dein Bruder Erfolg hatte.«
Sie fand Jochanan in der Küche vor, wo seine Mutter ihn mit all jenen Leckerbissen voll stopfte, auf die er unterwegs hatte verzichten müssen. Bei Leas Anblick wischte er sich schuldbewusst die Hände an seinem Kittel sauber.
»Dem Gott Israels sei gedankt, dass er deinen Schritt unbeschadet wieder in die Heimat gelenkt hat«, begrüßte
Lea ihn und starrte ihn erwartungsvoll an. »Hat Ruben ben Makkabi dir das Geld gegeben?«
Jochanan senkte den Kopf und zuckte etwas hilflos mit den Schultern. »Er hat mir nur einen Teil der Summe ausgezahlt. So wäre es Sitte, hat er gesagt. Den Rest müsstest du selbst bei ihm holen.«
In Leas Augen trat ein entschlossenes Funkeln, das nicht nur ihn das Schlimmste befürchten ließ. Sarah schlug sich vor Schreck mit den Handflächen gegen die Wangen und bat Gott, das Mädchen von weiteren Unbesonnenheiten abzuhalten. Lea achtete jedoch nicht auf sie, sondern fragte Jochanan ungeduldig, wie viel Geld er denn mitgebracht habe.
»Fünfhundert Gulden.«
Lea stieß einen Jubelruf aus. »Das ist genau die Summe, die ich noch brauche. Gott hat uns also nicht verlassen.«
Sie drehte sich mit einem erleichterten Aufseufzen zu Sarah um und befahl ihr, gut für ihren Sohn zu sorgen. »Morgen werde ich zur Burg hochgehen, den Markgrafen bezahlen und ihm den Judeneid leisten. Jochanan wird mich begleiten und mir helfen, das Gold zu tragen.«
Bei dem Wort Judeneid stöhnte der junge Knecht auf und schlug die Hände vors Gesicht. Er wusste, zu welch abscheulichen Dingen Juden bei dieser Zeremonie gezwungen wurden, und betete stumm, aber inbrünstig, dass Gott seiner mutigen Herrin auch jetzt wieder einen Ausweg zeigen würde. Dabei fiel ihm ein, dass er Lea ja auch noch von Ruben ben Makkabis Heiratsplänen berichten musste, beschloss dann aber, diese Angelegenheit zu verschieben, bis Lea ihre augenblicklichen Probleme gelöst hatte.
10.
Orlando Terasa de Quereda y Cunjol, der sich seit einigen Jahren schlicht Roland Fischkopf nannte, schlenderte zufrieden durch eine enge, schmutzige Gasse, um auf dem kürzesten Weg zu seinem Gastgeber zurückzukehren. Er hatte seinen letzten Auftrag erfüllt und konnte am nächsten Morgen unbesorgt Weiterreisen. Unterwegs wich er dem Inhalt eines Nachttopfs aus, der aus dem oberen Stockwerk eines Hauses auf die Straße geleert wurde, und stand plötzlich vor einer Schenke, die etwas reinlicher aussah als die meisten in diesem Viertel. Der Anblick des gemalten Krugs auf dem sanft im Wind schwingenden Wirtshausschild machte ihm Appetit auf einen Krug des erfrischenden Trunks von den hiesigen Hängen. Zofar ben Naftali war wirklich ein aufmerksamer Gastgeber, aber seine Weine waren ihm zu schwer und zu süß.