Der Alchimist von Krumau
- Автор: Goßling Andreas
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Alchimist von Krumau». Краткое содержание книги:
Buch
Im Frühjahr 1607 kommt Don Julius, Bastardsohn Rudolfs II. als neuer Graf ins böhmische Krumau. Vor seiner Abreise ist es in der Kaiserburg zu einem tödlichen Zwischenfall gekommen, an dem er die Schuld tragen soll - doch er erinnert sich an nichts! Julius ist davon besessen, einst die väterliche Krone zu erben, und überzeugt, Opfer einer Intrige zu sein. Um seine Rückkehr nach Prag zu erzwingen, nimmt Julius den Wettstreit mit seinem Vater auf dem einzigen Feld auf, auf dem er dem Alchimisten auf dem Kaiserthron die Stirn bieten kann. So beginnt ein bizarrer Kampf der Magier und Alchimisten, in dem es um künstliches Gold und Kreaturen aus der Retorte, um Macht und Einsamkeit, Liebe und Reichtum geht - und der schon bald eskaliert. Denn auch die geheimnisvolle Baderin Markéta, in die Julius sich verliebt, kann seinen krankhaften Ehrgeiz nicht besänftigen.
Autor
Andreas Gößling, geboren 1958 in Gelnhausen, wuchs in einem Barockschloss auf, studierte Literatur- und Politikwissenschaft, gilt als Experte für phantastische, mythen- und kulturgeschichtliche Themen. Seine historischen Romane Die Maya-Priesterin (2001) und Im Tempel des Regengottes (2003) begeisterten Leserschaft und Kritik gleichermaßen, auch das ZDF, das einen aufwendigen Film über Andreas Gößlings Maya-Romanwelt drehte.
Alles, nur das nicht, dachte Charles, der sich für einen Moment des Eindrucks erwehren musste, dass der Boden unter seinen Füßen schwankte. Beunruhigend genug, dass Julius so überstürzt zurückreisen wollte; aber warum, Euer Liebden, wählt Ihr gerade jenen Saal für Eure fauligen Künste aus? Jedes andere der vierhundertvierzig Zimmer, flehte er im Stillen, dabei seinen Schützling mit unverbrüchlicher Heiterkeit betrachtend; nur nicht gerade den Kunst- und Wundersaal, von dem Eure Frau Mutter und ich uns so günstige Wirkung auf Euer Gemüt versprachen. »Wie Ihr wünscht, Don Julius.«
Er wirbelte sein Stöckchen in der Hand. »Noch heute Abend reitet ein Bote nach Krumau.«
Ehe Julius weitere Befehle anfügen konnte, verbeugte sich Charles aufs Neue und eilte in den Burghof hinab. »Brodner!« Er winkte den Gardisten zu sich heran. »Du springst auf dein Pferd und reitest geschwind nach Krumau hinüber. Dort meldest du dich beim Oberstkämmerer und erklärst ihm, dass sie noch heute Abend den großen Salon neben dem Spiegelsaal leer räumen müssen.« Für einen Moment fürchtete er wahrhaftig, vor diesem Wirtssohn mit dem behaglichen Knödelbäuchlein in Tränen auszubrechen. »Sag von Hasslach, dass sie mit äußerster Vorsicht vorgehen sollen. Es sind unersetzliche Exponate, sie sollen jeden einzelnen Gegenstand in Samt oder Seidenpapier einschlagen und so behutsam wie irgend möglich nach nebenan tragen, in den Maskensalon. Hast du mich verstanden, Brodner?«
Der Gardist salutierte. »Jawohl, Herr Obersthofmeister, alles, wie Ihr befehlt.«
Aber Charles war noch nicht zufrieden. Er ließ sich Wort für Wort wiederholen und wurde noch trübseliger, als er seine eigenen Anordnungen aus dem Mund des Burschen holpern hörte.
»Und wenn alles leer ist«, sagte er zum Abschluss, »sollen sie einen groben Tisch und eine Bank reinstellen, den ältesten Tisch, den sie auftreiben können; wenn er nur eine Last von ein bis zwei Zentnern aushält, ist er gut genug.«
Der Gardist Brodner staunte über diesen Befehl, aber wortlos, da er zweifellos spürte, dass es im Obersthofmeister bedrohlich brodelte. Einen uralten Tisch für den Prachtsalon neben dem Audienzsaal? Mit weit aufgerissenen Augen harrte er weiterer Befehle.
»Und dann sollen sie einen Bottich in den Salon tragen, oder besser zwei, große Kübel, wie sie im Schweinestall am unteren Burghof zu Dutzenden aufgestapelt stehen. Außerdem drei Säcke Stroh und drei Bündel Haderlumpen, Messer und Scheren in allen Größen und Formen, dazu Salz und Salpeter, dann Nähnadeln und Fäden, grobe und feine - verstanden, Gardist?«
Brodner wiederholte langsam, Wort für Wort, auch diese Befehle, und nur sein ungläubiger Tonfall ließ erahnen, wie eigentümlich ihm die Anordnungen erschienen.
Wenn der junge Herr Graf Hirsche und Rehe auszuweiden und die leeren Gehäuse mit Stroh und Lumpen auszustopfen wünscht, dann wird seinem Begehren entsprochen, das ist doch selbstverständlich, sagte sich Charles im Stillen vor, hielt es jedoch nicht für ratsam, diese Worte vor dem Gardisten laut zu wiederholen. Immerhin gab es heiklere Leidenschaften als das Präparieren von Hirschen und Kitzen, und seit Don Julius diese Schwärmerei vor einigen Jahren entdeckt hatte, versuchte er sich immer öfter an ausgeweideten Waldbewohnern, wenn auch mit mehr Begeisterung als Geduld und Geschick.
»Dann marsch und ab mit dir, Brodner, und reite wie der Wind, der Oberstkämmerer hat eine lange Nacht vor sich.«
Er blieb am Tor stehen, bis der Gardist, auf seinem Schimmel übereifrig weit nach vorn gebeugt, an ihm vorbeigeprescht war und die steile Burgstraße hinunterklapperte. Kurz darauf hörte der Maître schon das Hallen der Hufe unten auf der Moldaubrücke. In einer Stunde würde die Sonne untergehen, aber Franz Brodner war ja aus der Gegend, er kannte den Weg im Schlaf.
D’Alembert dagegen war heilfroh, dass er heute nicht mehr durch die Nacht reiten musste. Dabei galt er als brillanter Chevalier, mehr als einmal hatte er selbst erfahrene Kavalleristen bei kaiserlichen Turnieren mit seinem Schimmelhengst deklassiert. Was ihm an körperlicher Stärke fehlte, pflegte er durch Willenskraft und vorausahnende Geschmeidigkeit wettzumachen, so hatte er auch seinen Zögling höchstselbst in der Reit- und Degenkunst unterrichtet, von den Anfangsgründen bis zu Julius’ sechzehntem Jahr. Ich werde alt, dachte der Maître nun, noch ein paar Jahre, dann muss ich abtreten, wie jeder kluge Bändiger, ehe die Bestie seine Schwäche wittert. Über den Burghof ging er zurück, mit langsamen Schritten, wie um die mühsamen Bewegungen des Alters vorab zu erproben, vorbei an dem Schutthaufen, aus dem Brennnessel und Brombeer sprossen, und im Schatten zwischen Schutt und Haus stand Markéta von Ludanice.
»Verzeiht die Störung, Ihr seid in Gedanken, Maître. Eine Frage nur, wenn Ihr erlaubt.«
Er sah zu ihr empor, in ihre grünen, hellwachen Augen, die Gefühl und Willensstärke verrieten, und eine Woge der Zuneigung stieg in ihm auf. Ihr könnte er vertrauen, dachte Charles, natürlich nur in Maßen, aber in ähnlichem Grad wie Julius’ Mutter, der listenreichen Katharina da Strada. »Bitte fragt, Madame«, sagte er und behielt vorsichtshalber seine verschlossene Miene bei, so als ob er noch immer halb in Gedanken wäre, »womit kann ich Euch helfen?«
Sie trat näher zu ihm heran, einen halben Kopf größer als er, ihr Gesicht nun vom Abendrot beglänzt. »Mich beunruhigt der Zwischenfall von heut Mittag, in gewisser Weise fühl ich mich verantwortlich«, sagte sie. »Glaubt Ihr, dass Nicodemus auf der Burg in Sicherheit ist?«
»Nicodemus«, wiederholte Charles, »das ist der Kleine, den der Pfeil getroffen hat?« Anstatt auf ihre Antwort zu achten, sann er seinen eigenen Worten hinterher - vom Pfeil getroffen, das konnte auch entschieden anderes bedeuten als einen Jagdunfall. Von den höheren Mächten zur Liebe bestimmt, einer oftmals unglücklichen, nicht selten aufzehrenden Liebe. Aber gerade deshalb haderte er ja mit Don Julius’ Beschluss, schon morgen nach Krumau zurückzukehren: weil er fürchtete, dass die Wunde in jenem Schenkel weit mehr als ein blindes Unglück war.
»Ja, eben der - Nicodemus Kudaçek«, erklärte Markéta in drängendem Tonfall, offenbar zum wiederholten Mal. »Ihr scheint auch Befürchtungen zu hegen, Maître? Etwa wegen seines Begleiters, dieses - Täkie?«
»Der Russe?« D’Alembert sah sie in ehrlichem Erstaunen an. »Ich habe so gut wie Ihr gesehen, Madame, dass Hezilow und seine Gehilfen Euren Nabellosen einzufangen versuchten. Aber was sollte ihnen der falsche Homunkel nützen?«
»Was genau sie in den Kellern unter der Burg treiben, weiß ich auch nicht«, sagte Markéta, deren Ton immer heftiger wurde, »und ich bet zu Gott dem Herrn, dass ich niemals gezwungen sein werde, es in Erfahrung zu bringen. Aber eins weiß ich genau, Monsieur d’Alembert: Hezilow hat eine Mörderbande um sich versammelt, der jede Schandtat zuzutrauen ist.«
Noch während sie sprach, begannen d’Alemberts Gedanken zu wirbeln: Wie üblich waren all seine Besorgnisse und Pläne nur um Don Julius gekreist; früher oder später, das fürchtete er seit langem, würde es den Kaiserbastard drängen, seine Wild- und Bildwerkkünste nicht mehr nur an Bock oder Färse zu erproben. Als heute Mittag der Angeschossene unter den Kadavern entdeckt wurde, hatte er gleich geargwöhnt, dass Julius den Bogen gespannt haben könnte. Was wäre aber, fragte er sich nun, wenn Markéta Recht hatte und hinter dem scheinbaren Jagdunglück nicht Don Julius steckte, sondern der lumpige Hezilow? Wenn also jener Nicodemus auf Krumau zwar vor Julius in Sicherheit, aber desto schutzloser dem Puppenmacher ausgeliefert wäre? Hatte er selbst nicht vor kurzem noch Hezilow vorgehalten, dass er wegen ähnlicher Frevel einst aus Basel verjagt worden war?