Unter Dunklen Sternen. Das Siegel des Verräters
- Автор: Уильямс Майкл
- Серия: Das Heldenlied der Drachenlanze #3
- Год: 1994
- Язык: немецкий
- Переводчик: Imke Brodersen
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Unter Dunklen Sternen. Das Siegel des Verräters». Краткое содержание книги:
»Diese Schufte!« rief ich aus, weil ich dachte, daß ein Ausruf von mir erwartet wurde.
Damit hatte ich offensichtlich unrecht. Bayard drehte sich zu mir, runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.
»Keine Schufte. Obwohl auch ich das mit vierzehn geglaubt habe und mir schwor, mich an ihnen und allen Ihrigen zu rächen. Ich war zu jung, um ihren Zorn oder meinen Eid zu verstehen. Keine Schufte, denn das gemeinste Ergebnis der Umwälzung – als die Welt zusammenbrach und das Land sich veränderte – war, daß die Armen als erste und am schlimmsten litten, Galen. Zu der Zeit, als ich meinen Eid ablegte, wußte ich davon nichts, wußte nichts von der Wut, die aufkommt, wenn man sieht, daß jemand einfach deshalb nicht hungert, weil er nicht zum Hungern geboren ist. Diese Wut lernte ich in Palanthas aus erster Hand kennen.«
»Palanthas?« unterbrach ich. »Moment mal. Ihr habt unten in Burg Vingaard Eure Eltern verloren, wart mit vierzehn ganz allein und habt dennoch den Mut und das nötige Kleingeld aufgebracht, um die einwöchige Reise durch das Vingaard-Gebirge nach Palanthas zu unternehmen?«
Auch Agion merkte jetzt auf; der Name »Palanthas« riß seine Gedanken aus dem Nirgendwo zurück in die Gegenwart. Er drehte sich um und fragte meinen Beschützer:
»Palanthas, Sir Bayard? Er war in Palanthas?«
»Ja, Agion. Und ich habe dort gelebt.«
»Dann kann Er mir vielleicht eine Frage beantworten. Ißt man in Palanthas wirklich Pferde?«
Ich hielt das für einen zentaurischen Aberglauben und wollte schon loslachen, doch dann sah ich Bayard zustimmend nicken.
»Die Armen schon, Agion, wenn sie welche erwischen. Aber das kommt selten vor, und so müssen sie von anderem leben. Ich weiß das, wie gesagt, wirklich aus erster Hand.«
Die Augen auf die Straße vor uns gerichtet, erzählte er weiter, während ich Valorus und das Packpferd ansah und mir vorzustellen versuchte, wie sie eine Tafel zierten.
»… als ich nun sicher aus der Burg geflohen war, ritt ich eine halbe Meile fort, von wo aus ich nur noch Rauch, aber nicht mehr die Flammen aus dem Wachturm sehen konnte. Dann nahm ich die Straße nach Westen, verließ das Land meines Vaters und ritt in feindliches Gelände, wie wir es früher nannten. Damals kam es mir so vor, als wäre das feindliche Gelände das Land, das ich zurückließ. Das Land, das ich geerbt hätte, wenn sich die Zeiten nicht geändert hätten.«
Er unterbrach sich und zügelte Valorus.
»Hier machen wir Rast und essen etwas. Eine Ziegenkeule kann sogar im kühlen Herbstwetter verderben, wenn man nicht vorsichtig ist.«
Was auch immer in Palanthas geschehen war und was es auch mit den di Caelas zu tun hatte, jedenfalls hatte Sir Bayard Blitzklinge gelernt zu überleben.
Während wir am Feuer saßen und die Ziegenkeule auf einem improvisierten Spieß drehten, ruhte die Geschichte. Agion stand Wache, um sofort zu melden, wenn sich jemand durch den Bratengeruch angezogen fühlte.
»Genug erzählt für heute«, beharrte Bayard. »Ihr solltet euch ausruhen.«
Ich nickte und warf dann einen Seitenblick auf Agion, der jetzt genüßlich an einem Apfel herumschnupperte und hinter uns nach Westen zum Sumpf schaute, an den er sich wahrscheinlich kaum mehr erinnern konnte.
Ich döste ein Weilchen, genau wie Agion. Bayard nahm seine Geschichte erst wieder auf, als wir wieder auf der Straße nach Südosten durch flaches, eintöniges Gelände zogen – die Landschaft, für die Küstenlund zu Recht berühmt ist. Als ich einen Falken am tiefsten Punkt des Osthimmels kreisen sah, setzte er wieder an.
»Die Reise nach Palanthas war riskant, denn das Vingaard-Gebirge ist zu jeder Jahreszeit verdammt kalt. Wäre es nicht Sommer gewesen, so wäre meine Geschichte vielleicht ganz anders ausgegangen.
Palanthas ist natürlich zu Recht für seine Reichtümer berühmt, seine Bibliothek und die Hochschulen und den phantastischen Turm, zu dem Zauberer aus ganz Ansalon reisen, um ihre Prüfung abzulegen und Unterricht zu nehmen. Wenn das alles gewesen wäre, was zu dieser Stadt gehörte – die Liebe zu Gelehrsamkeit und Weisheit – «, bemerkte er mit ironischem Lächeln, »dann wäre ich dort bestimmt willkommener gewesen.«
Ich stellte mir die goldene Stadt vor, ein Paradies auf einem Hügel, von dem aus man die triste Umgebung in alle Richtungen überblicken konnte. Damals wußte ich noch nicht, daß Palanthas trotz seines Reichtums und seines Glanzes eine rauhe Hafenstadt ist, die zu einem tiefen Meereshafen hin abfällt. Aus diesem Hafen kamen Seeleute, die in Sprachen redeten, die keiner von uns je gehört hatte oder je wieder hören würde. Diese Männer trugen Dolche mit herrlichen Griffen und Gift an den gezackten Klingenspitzen.
In Bayards Geschichte hörte ich zum erstenmal etwas über die Armut, die Würfel und die Messer. Ich lauschte zunächst ungläubig, doch die Teile von Bayards Geschichte paßten genau zusammen, wie Alfrik gesagt hatte, ehe er in seinem sumpfigen Matschsee versank. Agion hingegen brauchte nicht überzeugt zu werden. Er nickte die ganze Zeit zustimmend. Natürlich war er noch nie in Palanthas gewesen, aber er war sicher, daß Menschenstädte, wo kleine, gewalttätige Zweibeiner sich in Häusern aus Stein, gebrannter Erde und totem Holz zusammendrängten, nur düstere Seiten hatten.
»Als ich in Palanthas ankam«, erklärte Bayard, während er sich nach vorne lehnte, um dem langsamer werdenden Valorus eine Klette aus der Mähne zu zupfen, »gab es im südlichen Teil der Stadt nichts für mich zu tun. Dort waren überall Geschäfte und Händler, und die meisten interessierten sich nicht für Käufer, weil sie nur darauf versessen waren, die Waren anderer Kaufleute aufzukaufen, um, sagen wir mal, der einzige Teehändler oder der einzige Kürschner der Stadt zu sein. Wer wirklich nach Leuten Ausschau hielt, die seine Waren kaufen sollten, schaute nach den Reichen: den Zauberern in ihren Kutschen oder den prächtigen Gewürzhändlern, die auf ihren Vollblutpferden durch die Straßen ritten. Könnt ihr euch vorstellen, wie man so hochgezüchtete Pferde in einer Stadt einsperren kann?
Nein, dort gab es keine Arbeit für mich. Mit dem wenigen Geld, das ich aus meinem Zimmer in der Burg gerettet hatte, konnte ich nicht einmal etwas zu essen kaufen. Die Händler dort waren an so mickrigen Summen nicht interessiert.
Also ging ich in den Westen der Stadt. Unterwegs kam ich durch die Ruinen der alten Tempel, die für Götter gebaut waren, die diese Menschen nicht mehr verehrten, weil sie ›unpraktisch‹ waren. Dort sah ich aus einiger Entfernung ganz kurz den legendären Turm der Erzmagier. Allerdings hatte ich keine Muße, um die Architektur zu bestaunen…«So, das reicht für den Anfang. Während Bayard seine Geschichte fortsetzte, begann sich ein Hauch von Bitterkeit über jedes Ereignis zu legen, von dem er berichtete. Und als ich hörte, wie er im Hafen geschlafen hatte und sich mit Ratten, Halsabschneidern und Banden herumgeschlagen hatte, verstand ich allmählich, warum er vor Kälte und Hunger zum Einbrecher geworden war. Sir Bayard erzählte uns, daß er in einem reichen Oststadthaus ein paar Truhen durchwühlte. Weil er nur Decken fand, hatte er sich in eine eingewickelt und war eingeschlafen. Beim Erwachen war er der Gefangene eines Ritters von Solamnia, der für einen Besuch in Palanthas in diesem Haus abgestiegen war und deshalb wenig mitgebracht hatte, was für einen Einbrecher von Wert war.
Er erzählte, wie dieser Ritter einen anderen Ritter kannte, der einen anderen kannte, der Bayards Vater gekannt hatte, und wie er nur darum – weil einer einen kannte, der einen kannte – der Kälte und dem Hunger und der Armut entkommen war. Wie er nur darum viele Jahre später mit einer solamnischen Armee im Rücken an die Rückeroberung seines Landes und von Burg Vingaard gehen konnte.
»Unter diesen Umständen, Sir, hätte auch ich alle mir möglichen familiären Beziehungen genutzt«, tröstete ich ihn und Agion nickte bestätigend. »Es war seit Generationen Euer Schloß, und Ihr habt diesen Freundschaftsdienst einfach angenommen, um den Pöbel davonzujagen, der es Euch geraubt hat.«