Eine Sunde zuviel
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Остросюжетные любовные романы
Электронная книга - «Eine Sunde zuviel». Краткое содержание книги:
Ihr Mann, Ernst Dahlmann, und ihre Schwester Monika, die zu ihr zieht, pflegen sie rührend. Aber diese Pflege ist nur ein übles Spiel ... in Wahrheit haben sich Ernst Dahlmann und seine Schwägerin genähert und nutzen ihre Blindheit aus, um ihr eigenes Leben zu leben und aufzubauen. Durch einen Zufall erfährt Luise während eines Urlaubs in der Schweiz, daß in Italien ein Professor Siri neue Methoden der Hornhautüberpflanzung praktiziert. Sie fährt zu ihm, wird operiert - und es gelingt. Sie kann sehen! Überglücklich fährt sie nach Hause, um ihren Mann zu überraschen. Die Überraschung gelingt ... aber anders, als Luise es sich vorstellte: Sie findet ihren Mann in eindeutiger Situation mit ihrer Schwester vor. Von diesem Moment an beschließt Luise Dahlmann, die Blinde weiterzuspielen, um alles zu sehen, was man einer Blinden als Wahrheit vorlügt. Es ist ein wahnsinnig schweres Spiel, das sie über ein Jahr durchhält, bis Situationen eintreten, die sie zur Enthüllung zwingen: Ich kann sehen! Bis es zu diesem Höhepunkt des Romans kommt, fliegen Bilder unerhörter, ja unheimlicher Spannung an dem Leser vorbei, erlebt er ein Labyrinth menschlicher Leidenschaften und Verirrungen, die vor keinem Verbrechen zurückscheuen ... Taten und Situationen, die nur möglich werden, weil jeder glaubt, der Mittelpunkt allen Geschehens sei blind.
»Wieso?« Dahlmann sprang auf. Er war bleich geworden. Wenn Dr. Kutscher lächelte, war er gefährlich. Er war ein Mensch, der sich so über seine Unbesiegbarkeit freute, daß er es allen zeigte. Es war eine Zurschaustellung von schon ekelhafter Sicherheit.
»Ganz einfach: Ihre werte Gattin ist gar nicht geschäftsfähig.«
»Was?!«
»Bitte, reißen Sie die Augen nicht so auf, Sie sind kein Pantomime, der Entsetzen darstellen muß. Überlegen Sie lieber: Eine solche Schenkung, an der - ich habe es ausgerechnet - mit Grundvermögen, Grundstücken, Häusern, Apotheke, Umlaufvermögen und was es da alles gibt, immerhin zweieinhalb Millionen Mark hängen, kann nur ein Mensch machen, der hundertprozentig im Besitz sei-ner geistigen Kräfte ist.«
»Aber das ist doch Luise!«
»Mein Bester -« Dr. Kutscher schüttelte den Kopf. »Vergessen Sie doch nicht, was sogar der Nervenfacharzt Dr. Vierweg weiß: Ihre Gattin hört immer - tick-tick-tick - einen fallenden Wassertropfen und - tack-tack-tack - einen klopfenden Specht. Dabei fällt kein Tröpfchen, und kein Vögelchen hackt in die Baumrinde. Sie haben es ja selbst bezeugt.«
Ernst Dahlmann verschlug es den Atem. Er spürte, wie seine Knie weich wurden, wie ein Beben durch seinen Körper lief, wie eine Schwäche sich über seine Augen legte und das Zimmer langsam rotieren ließ.
»Das ist doch nicht möglich.«, stammelte er.
»Ich muß es als korrekter Anwalt ablehnen, solcherart Verträge ernst zu nehmen von Klienten, die >Stimmen hören< und offensichtlich nervenkrank sind.«
»Das . das sagen Sie.«
»Ja.«
»Wo Sie die Wahrheit wissen!«
»Eben! Nur Sie und ich wissen sie . und keiner wird sie sagen können. Sie nicht - das sehe ich ein, ich nicht - das bedauere ich zutiefst. Die >Wahrheit< kennt nur der Fachmann, der Nervenarzt Dr. Vierweg. Er wird von Psychosen und Schizophrenien sprechen. Sie haben sich ja so darum bemüht, daß diese Diagnose sonnenklar wird.«
Dahlmann saß wieder auf dem Ledersofa und stützte den Kopf in beide Hände. Es hatte keinen Sinn, zu toben und zu schreien, Dr. Kutscher das zu sagen, was ihm auf der Zunge lag. Es änderte alles nichts daran, daß er sich selbst in seiner Schlinge gefangen hatte. Die bis ins letzte ausgeklügelte Gemeinheit ummauerte ihn jetzt, und es gab keine Möglichkeiten, diese Wände einzureißen, ohne die Teuflischkeiten zu gestehen. Dr. Kutscher brannte sich eine Zigarre an und blies herrliche Kreise gegen die Decke. Schon als Studiosus hatte er mit dieser Lippenkunst manche Runde Freibier er-blasen. Dahlmann starrte den Ringen nach und zog die Lippen zwischen die Zähne.
»Schachmatt -«, sagte Dr. Kutscher freundlich. »Ein guter Verbrecher sollte auch ein guter Schachspieler sein. Man lernt am Brett das, was man im Leben am nötigsten braucht: Logik!«
»Und wenn ich beweise, daß Luise gesund ist?«
»Dann sind Sie ein Zauberer, Dahlmann. Sie kennen die Psychiater. Wenn die einen Fall haben, und dann noch so einen schönen, undurchsichtigen Fall wie Ihre Frau, dann atmen sie wissenschaftliche Wonne und geben ihn nicht so schnell aus den Fingern. Ganz davon abgesehen, daß Sie kaum Möglichkeiten haben werden, das Tick-tick und das Tack-tack zu leugnen.«
»Reden Sie mit mir nicht wie mit einem Säugling!« schrie Dahlmann. Er sprang auf und riß seinen Hut an sich. »Ich werde mit Dr. Vierweg sprechen.«
»Nicht nötig. Das habe ich bereits getan.« Dr. Kutscher lächelte wieder maliziös.
»Sie haben -« Dahlmann hielt den Atem an.
»Als gewissenhafter Anwalt, ich bitte Sie. Das war meine Pflicht. Ich habe hier ein Gutachten von Dr. Vierweg liegen, daß Ihre Gattin unter Psychosen leidet. Er hat sie gestern, als Sie in Köln den Vorträgen einer nicht stattgefundenen Apothekertagung lauschten, gründlich untersucht. Die Diagnose ist eindeutig, zumal Ihre Gattin alle Vermutungen bestätigte und ihre Wahrnehmungen eindringlich und präzise schilderte. Sie wissen: tick-tick und tack-tack.«
Dahlmann zögerte. Er wollte hinauslaufen, aber andererseits hielt ihn das Gefühl fest, daß Dr. Kutscher noch mehr wußte. Der Anwalt schüttelte langsam den Kopf.
»Dahlmann, geben Sie es auf, das Teufelchen zu spielen. Ziehen Sie sich an einen Ort zurück, wo man Sie nicht kennt, nicht sieht, nicht findet. Beginnen Sie von vorn, und wenn Sie Tüten abwiegen. Die Möglichkeit, in einer Zelle Tüten zu kleben, ist Ihnen ja immer in der Tasche. Verschwinden Sie, nachdem Sie Ihrer Gattin gestanden haben, wie groß der Irrtum war, dem sie jahrelang erle-gen ist. Das wäre ein anständiger Abgang.«
»Danke.« Dahlmann setzte seinen Hut auf wie einen Stahlhelm. Es war wie ein Zeichen, daß der gnadenlose Kampf begonnen hatte. »Ich habe andere Mittel als Sie, Doktor.«
»Nicht mehr. Sie haben die Schlinge um den eigenen Hals.«
»In Ihren Augen.« Dahlmann lächelte mokant. Die alte Sicherheit kam zurück, und Dr. Kutscher hatte das unangenehme Gefühl, daß er etwas übersehen haben mußte. Diese Sicherheit Dahlmanns war kein Bluff mehr. Er mußte noch einen Trumpf in der Hand haben.
»Ich gebe zurück: Schach sollte man spielen lernen, ehe man Anwalt wird! Das fördert die Logik! Lieber Doktor, was ist ein Rechtsanwalt ohne Logik?! Sie tun mir leid. Sie sind sonst ein so intelligenter Bursche.«
Mit geraden, federnden Schritten verließ Dahlmann das Büro.
Dr. Kutscher blieb sehr nachdenklich zurück und sah seinen Rauchkreisen nach. Was kann es sein, das ihn so sicher macht, dachte er wütend. Was habe ich übersehen? Wo ist hier ein logischer Fehler?!
Man kann es Dr. Kutscher nicht übelnehmen, daß er den Fehler nicht fand . er war ein Junggeselle und deshalb unbewandert in den Gedanken einer verheirateten Frau.
Gedanken, mit denen Ernst Dahlmann spielen wollte.
Es begann damit, daß er sie beim Eintritt ins Wohnzimmer umarmte, an sich zog und küßte.
Luise war so erstarrt über diese Begrüßung, daß sie weder an Gegenwehr dachte noch an ein Ausweichen. Dahlmann betrachtete ihre Hilflosigkeit als Überraschung und Entgegenkommen. Er küßte sie nochmals und warf seinen Hut auf das Sofa. Tiefe Freude, wieder daheim zu sein, schien ihn zu durchfluten.
»Wie geht es dir, Luiserl?« fragte er und nahm ihre schlaffen Hände. Er streichelte sie, küßte die Handflächen und die Fingerspitzen wie ein verliebter Geck. »Du siehst etwas abgespannt aus. Hast du Beschwerden? Ist etwas nicht richtig gewesen?«
»Nein, nein. Alles war gut.« Luise schüttelte den Kopf. Durch das dunkle Glas ihrer Sonnenbrille musterte sie Dahlmann. Er ging zum
Barschrank, goß zwei Gläser Aperitif ein, tat Eiswürfel dazu und verrührte in Luises Glas eine Pille. Die Schachtel, die er aus der Rocktasche genommen hatte, legte er in das Schubfach, in dem das Barbesteck aufgehoben wurde.
Luise wartete. »Was machst du, Ernsti?« fragte sie sogar.
»Ich mixe uns einen Begrüßungstrunk!« Es klang ganz natürlich. Er ließ, um es zu demonstrieren, das Eis in den Gläsern klappern. »Du ahnst gar nicht, wie froh ich bin, wieder hier zu sein!«
»War es sehr anstrengend in Köln?«
»Hm. Ich muß dir etwas sagen, Luiserl.« Er kam mit den Gläsern zu ihr, setzte sich ihr gegenüber und stellte die Gläser auf den Tisch. »Ich muß dir etwas gestehen.«
»Du -mir?«
»Ja. Ich war gar nicht in Köln.«
Luises Erstaunen war echt. Weniger verblüffte sie, daß er nicht in Köln war, das wußte sie ja, als vielmehr die plötzliche Ehrlichkeit. Mißtrauisch schielte sie zu dem hohen Glas mit dem Aperitif und der darin aufgelösten Pille. Soll es eine Vergiftung sein? dachte sie. Erst ein Geständnis und dann das Gift.? Sie umklammerte die Sessellehne und legte den Kopf weit zurück, damit er trotz der dunklen Brillengläser nicht ihre Augen sehen konnte.
Jetzt werde ich es ihm sagen, dachte sie. Wenn ich dieses Glas trinken muß . wenn er mich vergiften will. Die Brille werde ich mir herunterreißen und ihn anschreien: Ich sehe dich! Ich sehe deine entsetzten Augen, deine zitternden Hände. Und dann? Was würde dann geschehen? Man mußte dann um Hilfe schreien, an das Fenster rennen, die Scheibe einstoßen, sich hinauslehnen auf die Straße und schreien . schreien . dann war es ihm unmöglich, sie zu erwürgen oder zu erschlagen.