Der Tempelmord. Ein Kriminalroman aus der Zeit Kleopatras
- Автор: Хеннен Бернхард
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Der Tempelmord. Ein Kriminalroman aus der Zeit Kleopatras». Краткое содержание книги:
Die eigene Tochter Berenike hat den Pharao Ptolemaios XII. vom Thron vertrieben. Doch auch im fernen Ionien ist der Herrscher seines Lebens nicht sicher. Einer seiner Diener und seine Geliebte fallen einem Giftanschlag zum Opfer. Ptolemaios beauftragt die Isispriesterin Samu und den Arzt Philippos, die Morde aufzuklären. Beide geraten an Verschwörer, die nichts Geringeres vorhaben, als das ganze römische Imperium zu stürzen.
Bernhard Hennen, Jahrgang 1966, studierte Germanistik, Geschichte und Altertumskunde. Er lebt in Köln und arbeitet als freier Autor und Journalist, u.a. für Radiostationen.
Irgend etwas an ihm kam ihr vertraut vor, ohne daß sie mit Sicherheit zu sagen wußte, was es war. Er trug einen thrakischen Helm, dessen ausladende, wie ein Vollbart geformte Wangenklappen, mit Ausnahme von Mund und Augen, das ganze Gesicht verbargen. So konnte sie allein die stechenden braunen Augen und die schmalen Lippen des Söldners erkennen. Die Haut seiner Arme war ungewöhnlich dunkel, so wie bei Kriegern aus dem fernen Baktrien oder bei jenen Ägyptern, die tief im Süden nahe der Grenze zu Numidien lebten. Sie hatte einmal jemanden gekannt, der ... Samu lächelte. Es war Unsinn, ihre Gedanken an eine längst begrabene Vergangenheit zu vergeuden.
»Wie schön, Euch lächeln zu sehen. Darf ich dies so auslegen, daß Ihr meinem Vorschlag, Euch zu begleiten, wohl geneigt seid?«
»Ihr dürft. Doch glaubt nicht, ich sei mir nicht darüber im klaren, daß Euch auch daran gelegen ist, auf diese Weise zu erfahren, wo ich wohne. Täusche ich mich, oder könnte es sein, daß Ihr darüber nachdenkt, mir vielleicht in nächster Zeit Eure Aufwartung zu machen?«
Wieder wedelte der Jüngling mit seiner Rechten. »Welch intrigante Hintergedanken Ihr mir unterstellt! Ganz so, als sei ich ein persischer Satrap. Mir ging es einzig und allein um Eure Sicherheit.«
Samu lächelte breit. »Was soll ich zu so viel Offenheit noch sagen? Ich bin froh, einem Mann wie Euch begegnet zu sein. Wie Ihr schon ganz richtig erkannt habt, bin ich fremd in der Stadt. Viele Dinge erscheinen mir rätselhaft und undurchschaubar. Vielleicht könntet Ihr mir eine Hilfe sein, Eure geheimnisvolle Heimatstadt besser kennenzulernen. Es gibt wohl hundert und mehr Fragen, die Euch wahrscheinlich allesamt sehr töricht erscheinen werden, die mir als Fremde aber unerklärlich bleiben.«
»Seid gewiß, daß es mir eine Ehre und ein Vergnügen sein wird, Euch in jeder nur erdenklichen Weise zur Verfügung zu stehen.«
Samu lächelte kokett. »So erweist mir die Ehre, mir Euren Namen zu nennen.«
Der Phönizier deutete eine Verbeugung an. »Elagabal werde ich geheißen. Ich bin Kaufmann und Mitglied in der Boyie, dem Rat der Hundert.«
»Ihr schmeichelt mir, indem Ihr mir Eure Gunst erweist. Ich bin es nicht gewohnt, die Aufmerksamkeit so bedeutender Männer zu genießen. Man nennt mich Samu. Ich bin Priesterin der Isis, doch bekleide ich keinen besonderen Rang. Wollt Ihr, da Ihr dies nun wißt, mich immer noch bis zu meiner Unterkunft geleiten?«
Elagabal hob in pathetischer Geste seine Hände. »Welche Bedeutung haben Titel? Schon als ich Euch zum ersten Mal sah, begriff ich, was Schönheit bedeutet. Liebreiz und Anmut haben durch Euch einen neuen Namen bekommen. Samu!«
12. KAPITEL
Philippos saß erschöpft im Hof des Tempels. Neben ihm kauerte der Eshmun-Priester, der geholfen hatte, die Wunde von Abimilku zu versorgen. Er reichte dem Griechen einen kleinen, tönernen Wasserkrug, aus dem er getrunken hatte. Dankbar lächelnd nahm der Arzt ihn an.
Seine Kehle war wie ausgedörrt. Es war Stunden her, seit er zum letzten Mal etwas getrunken hatte.
»Man sagte mir, du seist Söldner ...« Der Priester blinzelte Philippos freundlich an. Sein Gesicht wirkte offen, und er schien ein aufrechter Mann zu sein. Wie alle Priester im Tempel hatte auch er seinen Kopf kahlrasiert. Seine Augen waren mit dunkler Schminke umrandet. Er trug ein mit dicken Fransen geschmücktes Wickelgewand, das ganz ähnlich wie eine Toga geschnitten war.
Der Grieche nickte. »Das stimmt. Doch ich habe genug Tod und Unheil gesehen. Ich bin auf der Flucht vor dem Krieg und suche nach einer Heimat, in der ich ein Leben in Frieden führen kann.«
Der Priester wiegte den Kopf hin und her. »Ich habe schon viele Soldaten gesehen, doch bei dir scheint es mir, als könntest du besser Wunden verbinden, als sie schlagen. Das ist eine ungewöhnliche Begabung für einen Söldner. Nicht nur, daß du vorhin wußtest, daß man eine Blutung mit einem Brandeisen stillt, du wußtest auch genau, wo es anzusetzen war, um die Brandwunde möglichst klein zu halten. Du bist ein würdiger Gast im Haus des Eshmun. Manch ein Priester hier versteht sein Handwerk schlechter als du.«
Philippos musterte sein Gegenüber verstohlen. Was wollte der Priester? Wozu diese Fragen?
Der Eshmun-Priester lächelte, ganz so, als habe er Philippos’ Gedanken gelesen. »Mich interessiert es nicht, warum du dich als Söldner ausgibst. Vielleicht verstehst du ja auch etwas vom Kriegshandwerk, doch vor mir brauchst du dich nicht zu verstellen. Du bist ein Heilkundiger, Grieche, und als solcher bist du immer willkommen in diesem Tempel. Wußtest du, daß manche Gelehrte Eshmun mit dem griechischen Gott Asklepios gleichsetzen? Du bist hier unter Gleichgesinnten, und ich würde mich glücklich schätzen, einen Mann wie dich im Tempel zu Gast zu haben. Wenn du also jemals eine Zuflucht brauchst oder einfach nur jemanden suchst, mit dem du reden kannst, dann komm’ hierher und frage nach Chel-bes. Deine Kunst macht dich zu meinem Bruder, und ich schwöre vor dem Angesicht Eshmuns, daß ich niemals einen Verrat an dir begehen würde.«
»Dein Angebot ehrt mich, Chelbes, doch fürchte ich, daß du mein Können überschätzt. Auch wenn du Zweifel haben magst, so kann ich bei Zeus schwören, daß ich zwanzig Jahre lang Soldat gewesen bin.« Das war ja auch nicht gelogen, dachte Philippos bei sich. Er war in der Legion gewesen und hatte als Soldat lediglich eine besondere Aufgabe erfüllt, wenn er als Arzt gedient hatte. Trotzdem war er oft genug in Kämpfe verwickelt gewesen und hatte das Handwerk des Kriegers gelernt, noch bevor seine Begabung als Heilkundiger aufgefallen war.
Chelbes musterte ihn mit gerunzelter Stirn und schüttelte den Kopf. »Sollte ich mich in dir so getäuscht haben? Wie dem auch sei, vor den Toren des Tempels wartet ein bärtiger Taucher auf dich. Er soll dich zum Haus von Abimilku bringen. Den Kapitän haben seine Freunde schon nach Hause gebracht. Sorge dafür, daß man sich dort gut um seine Wunde kümmert. Du sollst wissen, daß der Biß des Schlangenfisches sehr gefährlich ist. Meistens zieht eine solche Verletzung üble Säfte an. Die Wunde kann brandig werden und zum Tode führen. Deshalb ziehen meine Brüder es vor, bei einer Verletzung durch diesen Fisch das betroffene Körperglied zu amputieren. Ich habe mich von dir überreden lassen. Nun sorge dafür, daß die Angelegenheit auch gut ausgeht.«
»Ich werde meine ganze Kunstfertigkeit in den Dienst des Schiffers stellen.«
»Ich habe nichts anderes von dir erwartet, Philippos. Möge Eshmun seine Kraft in deine geschickten Hände legen.« Der Priester verneigte sich und verließ dann den Tempelhof.
Besorgt blickte Philippos ihm nach. Ein falsches Wort des Priesters, und keiner würde die Geschichte über seine Vergangenheit als Söldner mehr glauben. Aber hätte er zulassen sollen, daß die Priester Abimilku den Arm amputierten? Er war Heilkundiger und hatte einmal geschworen, sein Wissen immer zum Besten der Menschen einzusetzen und Leid zu mildern, wo es in seiner Macht stand. Abimilku war noch ein junger Mann. Philippos hatte einfach nicht zulassen können, daß ein paar übereifrige Priester ihn zum Krüppel machten.
Falls sich üble Säfte in der Wunde bildeten, konnte man den Arm immer noch amputieren. Doch seiner Meinung nach waren die Aussichten gut, daß dem Kapitän dieses Schicksal erspart bleiben würde.
Mit einem Seufzer erhob sich der Grieche. Wenn er sich durch seine Hilfe verraten hatte, dann war es der Wille der Götter! Die Unsterblichen hatten ihn in diese schwierige Lage gebracht! Warum nur konnte sein Leben niemals einfach sein? Er dachte an Neaira. Wie es ihr wohl ergangen war? Ob sie jetzt Hunger und Not litt? Philippos hatte ein Gefühl, als wolle eine unsichtbare Faust ihm den Hals zudrücken. Er wünschte, er wäre jetzt an ihrer Seite. Alles Gold des Pharaos würde er dafür geben! Voll hilfloser Wut ballte er die Fäuste. Er sollte besser in das Haus des Kapitäns gehen. Jetzt würden ihm die Fischer freundlich gesonnen sein! Es würde kein Problem sein, sie über die Purpurhändler auszuhorchen. Wenn er Abimilkus Arm rettete, dann würden sie ihn als einen der ihren aufnehmen. Und er, er würde sie hintergehen und benutzen, grübelte Philippos. Doch das war ihm gleichgültig! Alles, was zählte, war so schnell wie möglich den Giftmörder zu finden und dann nach Ephesos zurückzukehren. Wenn nicht zu viel Zeit bis zu seiner Rückkehr verging, dann mochte es ihm vielleicht gelingen, herauszufinden, wohin Neaira gegangen war, nachdem man sie aus der Stadt vertrieben hatte. Sie war ihm wichtiger als ein Posten als Hofarzt! Warum hatte er das nicht schon vor zwei Wochen begreifen können? Dann wäre alles ganz anders gekommen!