Ein Totenhemd für einen Erzbischof
- Автор: Тримейн Питер
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Ein Totenhemd für einen Erzbischof». Краткое содержание книги:
Bei ihren Nachforschungen stößt Schwester Fidelma auf das zwielichtige Vorleben des ermordeten Würdenträgers ...
Die Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel Shroud for the Archbishop.
«Ich werde Euch begleiten, Schwester. Meine Unterkunft liegt ohnehin in Eurer Richtung.» Sein Tonfall verriet, daß er keinen Widerspruch erwartete, und Fidelma war viel zu erschöpft, um seiner Entschlossenheit noch irgend etwas entgegenzusetzen. Schläfrig wünschte sie Eadulf eine gute Nachtruhe und folgte dem jungen custodes durch die Marmorsäle des Lateranpalasts, die große Halle und den Portikus bis zur Via Merulana.
Als sie die kleine Herberge neben dem Oratorium der heiligen Prassede erreichten, hätte sie fast im Stehen einschlafen können.
Diakonin Epiphania stand am Tor und lief auf sie zu, um sie zu begrüßen. Seit sie wußte, daß Fidelma im Lateranpalast eine wichtige Aufgabe erfüllte, die Vertraute von Bischof Gelasius war und sogar einem tesserarius von den custodes Befehle erteilen konnte, tat sie alles, um ihren Ehrengast zufriedenzustellen. Als Epiphania Fidelmas erschöpften Zustand sah, überschüttete sie sie mit mütterlicher Fürsorge, nahm sie am Arm und führte sie in ihr cubiculum. Noch ehe ihr Kopf das Kissen berührte, war Fidelma schon fest eingeschlafen. Es war ein tiefer, wenn auch nicht traumloser Schlaf, aber die Träume halfen ihr, all die während des Tages aufgenommenen Worte und Bilder zu ordnen und ihren Geist für neue Eindrücke freizumachen.
XI
ALS DER KLARE RÖMISCHE SOMMER-
morgen seine Sonnenstrahlen in Fidelmas cubicu-lum schickte, fühlte sie sich vollkommen ausgeruht und erfrischt. Sie rekelte sich ausgiebig und genoß die Wärme und die Helligkeit. Dann warf sie die Decken zurück und schwang sich aus ihrem Bett. Sie wußte, daß es schon spät war, machte sich darüber aber keine Gedanken, denn sie hatte den Schlaf gebraucht. Sie wusch sich, kleidete sich in aller Ruhe an und verließ dann ihr Zimmer. Zweifellos hatten Diakonin Epiphania und ihr Mann Ar-senius das jentaculum, die erste Mahlzeit des Tages, längst aufgetragen, und sie würde woanders frühstücken müssen. Vielleicht konnte sie ja an einem der vielen Stände an der Via Merulana auf ihrem Weg zum Lateranpalast ein wenig Obst erstehen. Das würde ihr völlig genügen. Es war doch immer wieder erstaunlich, wie verändert die Welt nach ein wenig Schlaf und Erholung aussah.
Als sie hinunter in den Innenhof der Herberge trat, kam Diakonin Epiphania mit einem breiten Lächeln auf sie zu. Kaum zu glauben, daß dies die gleiche Herbergsmutter war, die sie noch vor zwei Tagen mit ausdrucksloser, gleichgültiger Miene zum Frühstück begrüßt hatte.
«Habt Ihr gut geschlafen, Schwester?» fragte sie freundlich.
«Sehr gut», antwortete Fidelma. «Ich war gestern abend völlig erschöpft.»
Epiphania nickte. «Allerdings. Ihr habt kaum bemerkt, wie ich Euch ins Bett geholfen habe. Wir dachten, es sei am besten, Euch einfach ausschlafen zu lassen. Aber in unserem kleinen Refektorium steht das Frühstück für Euch bereit, Schwester.»
Tatsächlich konnte sich Fidelma nur noch undeutlich an den vorigen Abend erinnern. Und es erstaunte sie noch immer, daß man sie auf einmal so verwöhnte.
«Aber es ist schon spät. Ich möchte Euren Tagesablauf nicht durcheinanderbringen.»
«Es macht nicht die geringsten Umstände, Schwester», sagte Epiphania fast schmeichlerisch und schob ihren Gast in das kleine, um diese Zeit von allen anderen Gästen längst verlassene Refektorium. Ein einzelner Platz war noch gedeckt, und Epiphania ließ es sich nicht nehmen, Fidelma höchstpersönlich zu bedienen. Das Mahl war ausgezeichnet: Weizenbrot und eine Schüssel mit Honig und frischen Früchten, hauptsächlich Feigen und Trauben. Während ihres kurzen Aufenthalts in der Stadt hatte Fidelma inzwischen genug über die römischen Sitten gelernt, um zu wissen, daß man hier zum jentaculum leicht aß und das prandium in der Mitte des Tages die Hauptmahlzeit des Tages war. Zum Sonnenuntergang wurde dann noch einmal eine leichte Mahlzeit, das cena, serviert. Es dauerte eine Weile, sich daran zu gewöhnen, da in den Klöstern Irlands und Northumbriens das Abendessen die wichtigste Mahlzeit des Tages darstellte.
Erst als Fidelma mit dem Essen fertig war, dachte sie daran zu fragen, ob jemand eine Nachricht für sie hinterlassen habe. Furius Licinius hatte versprochen, sie zum Lateranpalast zu begleiten.
«Der tesserarius von den custodes war heute morgen da, um sich nach Euch zu erkundigen», antwortete Epiphania. «Ich soll Euch sagen, daß Ihr Euch ruhig Zeit nehmen sollt, denn er und ein Bruder ...» Epiphania konnte sich offenbar nicht mehr an den Namen erinnern.
«Bruder Eadulf?» erkundigte sich Fidelma.
«Ja, genau. Er und Bruder Eadulf hätten vor, eine weitere Durchsuchung nach irgendwelchen fehlenden Gegenständen zu veranlassen . » Epiphania verzog das Gesicht. Ganz offensichtlich hatte sie etwas gegen geheimnisvolle Botschaften, die ihre Neugier nicht befriedigen konnten. «Ergibt das irgendeinen Sinn?»
Fidelma nickte. Es hätte sie überrascht, wenn die fehlenden Wertgegenstände noch irgendwo im Lateranpalast aufgetaucht wären. Sicher waren sie längst fortgeschafft worden.
Epiphania schlug sich an die Stirn. «Fast hätte ich es vergessen, Schwester. Für Euch ist auch ein Brief gekommen.»
«Für mich?» Fidelma war erstaunt. «Vom Lateranpalast?»
«Nein, ein kleiner Junge hat ihn schon bei Tagesanbruch vorbeigebracht.»
Epiphania holte ein zusammengefaltetes Stück Papyrus und reichte es ihr.
Erstaunt las Fidelma ihren in großen, lateinischen Buchstaben geschriebenen Namen auf der Außenseite. Sie entfaltete den Brief und stellte zu ihrer Überraschung fest, daß er in Ogham, der alten, aus kurzen Strichen über einer festen Grundlinie bestehenden irischen Schrift geschrieben war. Mit der Verbreitung des lateinischen Alphabets im Zuge der christlichen Missionierung war die alte Schrift zunehmend in Vergessenheit geraten. Der Sage nach war sie den Iren in grauer Vorzeit von Ogma, dem alten heidnischen Gott der Literatur und der Beredsamkeit, gegeben worden. Weil manche ältere Geistliche, die Fidelma unterrichtet hatten, es noch für ihre Schriften benutzten, hatte Fidelma das irische Alphabet auf ganz natürliche Weise erlernt. Deshalb konnte sie auch ohne Mühe sehr, sehr frühe Texte lesen, wie zum Beispiel die uralten Dichterruten - ganze Sagas, die man auf Stäbe aus Eiben- und Haselholz geritzt hatte.
Neugierig überflog Fidelma den Brief. Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen.
Schwester Fidelma,
ich habe Wighard nicht getötet. Ich glaube, Ihr wißt, daß dies die Wahrheit ist. Kommt zur Mittagsstunde in die Katakombe der Aurelia Restutus unter dem christlichen Friedhof vor dem Metronia-Tor. Und kommt allein. Ich werde Euch meine Geschichte erzählen, aber nur, wenn niemand bei Euch ist.
Ronan Ragallach, Euer Bruder im Herrn
Fidelma pfiff leise durch die Zähne.
«Schlechte Nachrichten?» fragte die übereifrige Epiphania und schaute ihr über die Schulter.
«Nein», antwortete Fidelma hastig und schob den Zettel in die Falten ihres Gewands. «Wie spät ist es?»
«Eine Stunde bis zum Mittag. Ihr habt lange und gut geschlafen.»
Fidelma stand auf. «Aber jetzt muß ich aufbrechen.»
Epiphania brachte sie bis zum Tor der Herberge. Mit raschen Schritten ging Schwester Fidelma die Via Merulana hinunter und nahm eine Abkürzung über den Campus Martialis zum Metronia-Tor. Zufrieden stellte sie fest, daß sie sich in der Stadt von Tag zu Tag besser zurechtfand. Sie vermutete, daß sich die Grabstätte der Aurelia Restutus in den Katakomben befand, die Eadulf ihr am Vortag gezeigt hatte, denn diese lagen unter dem einzigen christlichen Friedhof jenseits des Metronia-Tors.