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Der Untergang

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Der Untergang
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Darüber hinaus bot der Dachraum genau den Anblick, den er erwartet hatte: Ein Großteil der Fläche wurde von einem riesigen Mühlrad und dem nicht minder gewaltigen Gestänge, das es antrieb, samt der dazugehörigen Zahnräder eingenommen. Auf dem Boden lag eine gut fingerdicke Schicht aus festgetretenem Mehl und Korn. Andrej konnte Spuren darin erkennen, aber es waren nur die Abdrücke menschlicher Füße.

»So viel zu deiner Ansicht, Bruder Flock sei ein ehrlicher Mann«, konstatierte Abu Dun. »Wenn du mich fragst, so trägt die einzige Ratte, die seit Jahren hier war, ein braunes Büßergewand und ein Kreuz um den Hals.«

»Aber warum sollte er lügen?«, murmelte Andrej.

»Warum lügen Menschen?«, fragte Abu Dun mit einem Achselzucken zurück. »Um einen Vorteil zu erlangen? Um andere in ein schlechtes Licht zu rücken? Es gibt tausend Gründe.«

»Aber das wäre dumm«, sagte Andrej. Er weigerte sich immer noch zu glauben, dass Abu Dun womöglich Recht hatte. »Jeder, der hierher kommt, würde doch sehen, dass die Geschichte nicht stimmt.«

»Vielleicht hat er ja gar nicht bewusst die Unwahrheit gesagt«, überlegte Abu Dun. »Vielleicht wurde er ja seinerseits belogen.«

Andrej dachte einen Moment darüber nach, schüttelte dann bestimmt den Kopf. Er traute Handmann eine so ungeheuerliche Lüge durchaus zu, aber selbst der Müller besaß genug Verstand, um zu wissen, dass dieser Vorfall, sofern er ihn denn erfunden hatte, nicht einmal einer flüchtigen Überprüfung standhalten würde. Wenn es ihm allein darum ging, Elena und die Sinti der Hexerei zu beschuldigen, dann hätte er sich ein Dutzend überzeugendere Geschichten ausdenken können.

»Lass uns gehen«, sagte er. »Ich -«. Ihm stockte der Atem. Vor ihnen, kaum eine Armlänge entfernt, saß eine Ratte. Eine Ratte, die sich nicht vom Fleck rührte und die sie aufmerksam ansah.

»Was?«, fragte Abu Dun verständnislos. Dann folgte er Andrejs Blick und zog die Augenbrauen zusammen, als er den grauen Nager gewahrte, der noch immer reglos da hockte und die beiden Eindringlinge ohne die geringste Spur von Furcht zu mustern schien.

»Was ist los?«, fragte der Nubier. »Das ist nur eine Ratte. Eine einzige Ratte.«

»Ja«, murmelte Andrej, aber sie sollte nicht hier sein. Er hätte sein Augenlicht darauf verwettet, dass dieses Tier vor einer Sekunde noch nicht da gewesen war. »Irgendwas stimmt hier nicht«, sagte er. »Verschwinden wir!«

Abu Dun rührte sich nicht und sah eher überrascht als alarmiert aus. »Sag nicht, du hast Angst vor einer Ratte.«

Die ehrliche Antwort auf diese Frage wäre ein unverhohlenes »Ja« gewesen. Aber es war nicht wirklich die Ratte, die Andrej mit wachsender Furcht erfüllte. Es war das, was dieses Tier war. Eine Herausforderung. Sie hockte da wie ein höhnisches, Fell und Fleisch gewordenes Grinsen.

Als der Nubier keine Antwort erhielt, wandte er sich zur Treppe, um den Rückweg anzutreten. Mitten in der Bewegung jedoch erstarrte er und sog scharf die Luft ein. Andrej war sicher, dass nun auch hinter ihnen Ratten aufgetaucht waren, die ihnen den Rückzug versperrten. Langsam drehte er sich um.

Hoch aufgerichtet und der sprichwörtlichen Salzsäule gleich stand Abu Dun da und starrte durch das Loch im Dach nach draußen. Andrej war mit zwei schnellen Schritten bei ihm, und was er sah, ließ ihn gleichermaßen überrascht und erschrocken zurückweichen.

Der Platz vor der Mühle war nicht mehr leer. Auf der anderen Seite, jenseits des schmalen Waldweges, und auf den ersten Blick kaum sichtbar - wie Nebelgespenster, die in der Morgendämmerung aus dem Boden stiegen -, standen vier schlanke Gestalten. Sie waren zu weit entfernt, als dass Andrej ihre Gesichter hätte erkennen können, aber das war auch nicht nötig. Vollkommen reglos standen sie da, mit in den Nacken gelegten Köpfen, und Andrej konnte ihre Blicke spüren wie die Berührung unsichtbarer, heißer Hände; eine körperlose Berührung zwar, die aber trotzdem mit unbarmherziger Kraft nach ihm griff.

»So ist das also«, murmelte Abu Dun. »Aber diesmal entkommen sie mir nicht - und wenn es das Letzte ist, was ich tue.« Er zog den Säbel, fuhr herum - und konnte einen überraschten Aufschrei nicht unterdrücken.

Als Andrej ebenfalls herumwirbelte, erging es ihm nicht anders.

Zwischen ihnen und der Treppe waren weitere Ratten aufgetaucht. Es war gut ein Dutzend großer, struppiger Tiere, die sie auf ebenso unheimliche Weise und mit ebenso unnatürlicher Ruhe anstarrten wie die erste Ratte.

Und noch während Andrej begriff, dass nichts von alledem, was sie hier erlebten, Zufall sein konnte, hörte er ein Rascheln hinter sich, das Scharren krallenbewehrter Pfoten auf dem Boden, ein rasendes, hartes Trippeln, das die Wände herunterkam, und er war nicht überrascht, dass plötzlich hinter ihnen weitere Ratten aufgetaucht waren. Keines der Tiere machte Anstalten, sich ihnen auf weniger als Armeslänge zu nähern, aber sie zeigten auch keine Scheu, wie es die Nager für gewöhnlich in der Nähe der Menschen tun.

Und es wurden immer mehr. Der Raum füllte sich stetig - lautlos und rasend schnell.

»Vielleicht ist es wirklich eine gute Idee, von hier zu verschwinden«, sagte Abu Dun. Seine Stimme zitterte, und seine rechte Hand hatte sich fester um den Schwertgriff geschlossen. Dann warf er mit einem Ruck den Kopf in den Nacken und stieß ein entsetztes Keuchen aus. »Bei Allah!«

Die zerbrochene Decke, aber auch die Wände, die Trägerbalken, Zahnräder und das uralte Gestänge der Windmühle schienen plötzlich zum Leben erwacht zu sein, wogendes, pelziges, huschendes Leben, das nur Gier und sinnlose Raserei kannte.

Auf einmal waren sie überalclass="underline" kleine, graue, struppige Körper - scharrende Krallen, schnuppernde Schnauzen, schwarz glänzende Äuglein und dünne, nackte Schwänze -, die jede Handbreit des Raumes zu bedecken schienen und immer noch mehr wurden.

Es war Andrej unmöglich, auch nur zu schätzen, wie viele Tiere es waren, die buchstäblich aus dem Nichts auftauchten. Auch der Boden war nun von Hunderten, wenn nicht Tausenden von Ratten bedeckt, die durcheinander huschten und über- und untereinander herkrochen.

Schon bildeten die Tiere einen undurchdringlichen, weniger als drei Schritte messenden Kreis, in dessen Zentrum Abu Dun und er standen, und der immer kleiner zu werden schien; nicht etwa, weil sich die Nager entschlossen hatten, sie anzugreifen, sondern weil ihre Zahl stetig zunahm und der Raum einfach nicht genug Platz bot. Wie Abu Dun griff auch er nach seiner Waffe, obwohl er wusste, wie wenig sie gegen diesen Feind auszurichten vermochte.

»Nicht bewegen«, flüsterte Abu Dun. »Ganz vorsichtig! Eine hastige Bewegung, und sie fallen über uns her.«

Nervös fuhr sich Andrej mit der Zungenspitze über die Lippen. Die Luft schien noch trockener geworden zu sein, und der Rattengestank war unerträglich und brannte bei jedem Atemzug wie Sand in seiner Kehle. Sein Herz klopfte unter dem Ansturm einer Furcht, gegen die er hilflos war. Diese Tiere waren ein ernst zu nehmender Gegner - er war weder vollkommen unverwundbar noch unsterblich, wie er erst vor wenigen Tagen schmerzhaft am eigenen Leib erlebt hatte. Wenn sie Abu Dun und ihn tatsächlich angriffen, dann standen ihre Chancen, lebend hier herauszukommen, mehr als schlecht.

Aber Ratten tun so etwas nicht. Geschichten von Ratten, die über Menschen herfielen und diese töteten oder gar auffraßen, gehörten ins Reich der Legenden. Wenn sie die Nerven behielten und keine unvorsichtige Bewegung machten, die die Tiere vielleicht dazu brachte, sie aus nackter Angst anzugreifen, dann kamen sie vielleicht unversehrt hier heraus. Andrej widerstand der Versuchung, sich noch einmal umzudrehen und zu den vier Kindern hinabzusehen. Wozu auch? Er wusste, dass sie noch dastanden und mit vor Hass brennenden Augen zu ihnen heraufstarrten.

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