Der Untergang
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: vgs Verlagsgesellschaft
- ISBN: 3-8025-2798-4
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Der Untergang». Краткое содержание книги:
Er hatte den Weg unterschätzt.
Obwohl sie schnell ritten, brauchten sie fast eine halbe Stunde, ehe sie den Wald erreichten, in dem Handmanns Mühle lag, und dann verging noch einmal eine schier endlose Zeit, in der sie auf dem schmalen, unebenen Waldweg entlang ritten und Andrej darauf wartete, dass endlich die Flügel der uralten Mühle über den Baumwipfeln auftauchten.
Ihm kam erst jetzt zu Bewusstsein, was für ein sonderbarer Ort ein Wald für eine Windmühle war - obwohl sie auf einer Lichtung und auf der Kuppe eines Hügels lag, hätte er sich auf Anhieb ein Dutzend Flecken in der Umgebung vorstellen können, an denen eine Mühle besser platziert gewesen wäre. Aber dieser ganze Wald war ohnehin ... seltsam. Gestern Abend, nach dem Streit mit Handmann und vor allem nach seiner unheimlichen Begegnung im Hain, hatte er diesen Eindruck auf seine überspannten Nerven geschoben, aber der Wald wirkte auch jetzt, im hellen Tageslicht, düster und abweisend, eine dunkle, scheinbar undurchdringliche Mauer, die sich zu beiden Seiten des Weges erhob und der etwas Abweisendes anhaftete, ohne dass er das Gefühl in Worte fassen konnte. Er lauschte aufmerksam in sich hinein, tastete mit seinen scharfen Raubtiersinnen in die Dunkelheit, die hinter dem Dickicht lag, doch diesmal spürte er keine Bedrohung, nichts, was Abu Dun und ihn belauerte, nichts, was nicht hier sein sollte. Aber auch das, was hier sein sollte, war nicht da.
Gestern Abend hatte Elena gesagt, dass sie manchmal mit den Bäumen sprach, aber wenn dem so war, hatte sie mit toten Bäumen gesprochen. Dieser Wald wirkte grün und saftig, aber jener Teil Andrejs, der stets wach war und nach Beute suchte, spürte genau, wie falsch dieser Eindruck war. Ja, Abu Dun, er selbst und die beiden Pferde waren die einzigen lebenden Kreaturen in weitem Umkreis.
Endlich tauchten die Windmühlenflügel über den Baumwipfeln auf, doch auch ihr Anblick brächte keine wirkliche Erleichterung. Gestern Abend, in der Dunkelheit, hatte er sie nur als Schatten wahrgenommen, nun aber sah er, dass sie, auch bei Tageslicht betrachtet, nicht mehr als ein Skelett waren. Etliche der großen Streben waren gebrochen, und die Stoffbespannung bestand nur noch aus Fetzen, die schon vor Jahren so vermodert gewesen sein mussten, dass sie unter ihrem eigenen Gewicht zerrissen waren.
»Und das ist deine Mühle?«, fragte Abu Dun zweifelnd. »Wie wird sie denn betrieben? Durch fromme Wünsche und Gebete?«
Andrej lächelte gequält und sah von einer Antwort ab. Vielmehr konzentrierte er sich weiter auf die Umgebung. Doch es blieb dabei: Soweit seine unsichtbaren Fühler auch tasteten, er fand keine Spur von Leben. Er sah und hörte den Wald, er konnte ihn riechen und schmecken und fühlen, aber gleichzeitig hätte er sich ebenso gut in einer der großen Wüsten aufhalten können, von denen Abu Dun ihm erzählt hatte. Es war unheimlich, und es machte ihm auf eine Art Angst, die er nicht in Worte fassen konnte.
Abu Dun verfügte zwar nicht annähernd über so scharfe Sinne wie er, doch auch er schien zu spüren, dass diesem Fleckchen Erde etwas Unheimliches anhaftete, denn er sah sich immer öfter nervös um, und seine Hand ruhte die ganze Zeit in Nähe des Schwertgriffes.
Die Beklommenheit wich auch nicht von ihnen, als sie die Mühle erreichten. Andrej hatte nicht angenommen, Handmann oder ein Mitglied seiner Familie hier anzutreffen - nicht nach dem, was Flock erzählt hatte. Aber immerhin hatte der Geistliche von Ratten gesprochen, von vielen Ratten, genug, um die gesamten Vorräte aufzufressen und den Müller und die Seinen in Lebensgefahr zu bringen. Doch in dem großen, düsteren Gebäude, das aus der Nähe betrachtet mehr denn je wie eine Ruine wirkte, regte sich nichts.
Wäre Andrej allein gewesen, wäre er jetzt vermutlich einfach weiter geritten. Aber hätte er es getan, dann hätte er Abu Dun erklären müssen, warum sie diesen Umweg gemacht und dann nicht einmal einen Blick in das Gebäude geworfen hatten - aber aus irgendeinem Grund scheute er davor zurück. Er wusste nicht, was hier vor sich ging. Er spürte nur, dass es etwas Düsteres und Gefährliches war und etwas ihm vollkommen Unbekanntes.
»Das also ist Handmanns Mühle?«, fragte Abu Dun, als sie abstiegen. Er legte den Kopf in den Nacken und musterte die verrotteten Flügel über ihnen. »Wer immer hier lebt, muss ja verrückt werden.«
Andrej schwieg dazu und schritt in Richtung Eingang. Die Tür, die gestern Abend so massiv und abweisend auf ihn gewirkt hatte, entpuppte sich bei Licht betrachtet als ebenso windschief und marode wie das ganze Gebäude, und sie war nicht einmal verschlossen, sondern stand einen Spalt breit offen. Andrej drückte sie auf, trat jedoch nicht ein, sondern blieb unter dem Türsturz stehen und ließ seine Sinne zum Einsatz kommen. Nur eine Sekunde später war er sicher, dass die Mühle völlig verlassen war. Dann und wann hörte er ein Knacken im Gebälk, das Rieseln von Staub; die üblichen Geräusche, die dieses alte schlafende Gebäude von sich gab. Aber Leben gab es hier nicht - keinen Menschen und auch keine Ratten.
Als er schließlich über die Schwelle trat und sich im Innern umsah, kam er nicht umhin, Abu Duns Einschätzung zu teilen. Hatte die Mühle schon von außen heruntergekommen gewirkt, war ihr Inneres nur mehr als bessere Ruine zu bezeichnen.
Die Behausung bestand aus einem einzigen großen Raum, dessen Decke von einer Reihe schon halb vermoderter Balken gestützt wurde und der Handmann und seiner Familie offenbar als Wohn-, Schlaf, und Arbeitsraum gedient hatte. Es gab drei Betten, die an der gegenüberliegenden Wand standen, einen wuchtigen Schrank mit geschnitzten Türen, der vor einem Menschenalter oder mehr einmal prachtvoll gewesen sein musste, einen Tisch und drei Stühle sowie einen aus Bruchstein gemauerten Herd. Der Rest des großen Raumes wurde von Gerümpel sowie Kisten und aufgestapelten Säcken eingenommen, die ausnahmslos leer und zum Großteil zerrissen waren. Obwohl der Raum unerwartet sauber war, roch die trockene Luft so durchdringend nach Mehlstaub, dass Andrej nur mit Mühe ein Husten unterdrücken konnte. An der rechten Wald, die als einzige fensterlos war, führte eine geländerlose Treppe in steilem Winkel nach oben.
»Ratten?«, fragte Abu Dun und strich nervös über seinen Schwertgriff. »Wenn du mich fragst, dann hat dein neuer Freund im Fieberwahn geredet. Hier sind keine Ratten.«
Andrej kratzte sich unschlüssig am Kopf. Dass hier keine Ratten waren, sah er selbst aber was den zweiten Teil von Abu Duns Behauptung anging war er nicht so sicher. Im Moment war kein Tier zu sehen, das stimmte, aber der scharfe, unverwechselbare Gestank dieser Nager hing noch immer deutlich in der Luft, selbst für Abu Duns nicht annähernd so scharfe Sinne deutlich genug, und je länger er sich umsah, desto mehr Spuren des Dramas, dass sich hier abgespielt haben musste, gewahrte er. »Vielleicht oben.«
Sie gingen zur Treppe. Andrej blieb noch einmal stehen, drehte sich im Kreis und sah sich ein letztes Mal aufmerksam um - doch es blieb dabei: Hier unten war nichts. Wenn die Tiere tatsächlich da gewesen waren, dann hatten sie ihr Zerstörungswerk beendet und waren wieder verschwunden. Aber irgendetwas sagte ihm, dass es nicht so einfach war ... Mit klopfendem Herzen sah er zu der schweren hölzernen Klappe hoch, zu der die Stiege empor führte. Dicht gefolgt von Abu Dun und unwillkürlich mit jeder Stufe langsamer werdend stieg er nach oben und drückte die Klappe mit den Schultern auf.
Auf der Galerie war der trockene, zum Husten reizende Mehlgeruch noch stärker, dafür waren die Lichtverhältnisse besser; der obere Teil der Mühle besaß zwar keine Fenster, aber die Wände und das Dach waren so löchrig, dass reichlich Sonnenlicht hereinfiel. Sie sahen sich um. Dicht hinter Abu Dun war ein Teil der Wand eingebrochen, sodass man einen guten Ausblick auf den Hügel und den gegenüberliegenden Waldrand hatte.