Lexikon der Psycho-Irrtuemer
- Автор: Degen Rolf
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Eichborn. Lexikon
- Жанр: Психология
Электронная книга - «Lexikon der Psycho-Irrtuemer». Краткое содержание книги:
unangemessene Auswahl der Kinder, schlechte Lehrer, fehlende Geldmittel oder andere prinzipiell
behebbare Störfaktoren zurück. Doch es gab längst andere Daten, die auf die Wirkungslosigkeit der
organisierten Intelligenzsteigerung hinwiesen. Wegen des Zuordnungsverfahrens beginnen viele Kinder,
die nur einen Tag älter sind als andere, ein ganzes Jahr früher mit dem Schulbesuch. Die empirischen
Daten beweisen jedoch ganz eindeutig, dass von diesem Startvorteil nichts hängen bleibt, betont Brody.
«Die Intelligenzunterschiede, die mit dem kürzeren oder längeren Schulbesuch zusammenhingen, lösten
sich mit der Zeit vollständig auf.«
Nach Darstellung von Brody sehen viele Anhänger der Frühförderung geflissentlich darüber hinweg,
dass bei den Kindern aus benachteiligter Herkunft von vornherein massive Intelligenzunterschiede zu
verzeichnen sind. Dieses Gefälle zwischen den Kindern wurde durch die Frühförderung nicht abgebaut.
Wie sich die Intelligenz benachteiligter Kinder spontan entwickelt, haben neuseeländische Forscher in
einer richtungsweisenden Langzeitstudie untersucht. Bei der überwiegenden Mehrheit der Kinder traten
im Verlauf von sieben Jahren viele natürliche Fluktuationen auf, die gleichermaßen nach oben und unten
wiesen. Lediglich eine Minderheit von 10 Prozent legte eine systematische und kontinuierliche
Intelligenzsteigerung an den Tag. Die Wissenschaftler versuchten nach allen Regel der Kunst, die
fördernden Faktoren hinter diesem Zuwachs aufzudecken. Aber sie fanden keine. Nahe liegende
Einflüsse, wie etwa Anregungen im Elternhaus, erwiesen sich als völlig wirkungslos.
Der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer hat Verständnis für das dahinter stehende Grundprinzip.
«Der Nürnberger Trichter ist wenig sinnvoll.«6 Vielmehr wisse das sich entwickelnde junge Gehirn» sehr
genau, welche Informationen es braucht, um seine Fähigkeiten richtig auszubilden. Es fragt seine Umwelt
ganz gezielt danach. «Das entlastet Eltern und Erzieher von der Bürde, dem Nachwuchs aus eigener
Initiative» Hirnfutter «in passender Menge und zur rechten Zeit anbieten zu müssen. Die Evolution hat
wahrscheinlich mit vorausschauender Weisheit ein Denkorgan konstruiert, das sich in einer
«durchschnittlich zu erwartenden Umwelt «aus eigener Kraft alle Reize herauspickt, die für die optimale
Entfaltung seiner Leistungsfähigkeit nötig sind.
Befürworter einer verstärkten Frühförderung von benachteiligten Kindern berufen sich oft
ausdrücklich auf die» verhaltensgenetischen «Untersuchungen, die über die Erblichkeit der Intelligenz
Auskunft geben. Es kann auf dem heutigen Stand des Wissens keinen Zweifel mehr geben, dass Gene
einen starken Einfluss auf den IQ haben, auch wenn das Zusammenspiel zwischen Erbe und Umwelt
überraschend komplex ausfällt. Allein in den letzten Jahren sind zwei Studien an getrennt
aufgewachsenen, eineiigen Zwillingen zu dem Ergebnis gelangt, dass Unterschiede im IQ zu 70 Prozent
durch Erbfaktoren hervorgerufen werden. Zudem nimmt der erbliche Einfluss auf die geistige
Leistungsfähigkeit im Verlauf des Lebens erheblich zu — bei einer deutschen Studie an Senioren auf 82
Prozent.
Selbst wenn die mit Tests gemessene Intelligenz zu 80 Prozent erblich wäre, argumentieren die
Förderfreunde, dann wären die verbleibenden 20 Prozent Umwelteinflüsse noch immer für einen
Entwicklungsspielraum von beträchtlichen 35 IQ-Punkten gut. Doch dies sei eine
Milchmädchenrechnung, hält der Psychologe Spitz entgegen. Extreme Veränderungen der Intelligenz
ließen sich nur unter extremen Bedingungen erzielen, etwa indem man einen Menschen von früh an von
allen Umweltreizen abschottet.»Und diese extremen Effekte sind offenbar immer nur auf eine
Verminderung der Intelligenz beschränkt.«
Es ist eine entscheidende Erkenntnis, dass der erbliche Einfluss auf die Intelligenz mit zunehmendem
Alter größer wird. Dies lässt sich nicht nur an den Beobachtungen bei alten Menschen ablesen. Mehrere
neue Langzeitstudien belegen, dass auch die intellektuelle Leistung von Kindern mit zunehmendem Alter
immer unabhängiger von der familiären Umgebung wird. Adoptivgeschwister, die keine Gene, aber die
gesamte Erziehung gemeinsam haben, erzielen in der Kindheit noch Intelligenztestwerte, die sich ähneln;
im Teenageralter verflüchtigen sich diese Gemeinsamkeiten völlig, und der IQ nähert sich dem der
biologischen Eltern an. Je mehr Freiheiten Menschen haben, die Umstände ihres Lebens selbst zu
bestimmen, umso weniger wird ihr Intellekt durch Umwelteinflüsse — wie etwa Förderprogramme oder
eine benachteiligte Herkunft — festgelegt.
«Der Glaube des Lehrers, dass Schüler eine hohe Intelligenz besitzen, wird durch eine sich selbst
erfüllende Prophezeiung wahr«
Jeder kennt die Erfahrung, dass bestimmte Dinge allein deshalb wirklich werden, weil man sie sehr
stark erwartet hat. Mitte der sechziger Jahre demonstrierte der amerikanische Psychologe Robert
Rosenthal mit einer eindrucksvollen Versuchsanordnung, dass eine solche sich selbst erfüllende
Prophezeiung die Intelligenz von Schülern nach oben treiben kann. Bei dem Experiment, das in der
Öffentlichkeit viel Staub aufwirbelte, erhielten Lehrer die getürkte Information, dass einige Schüler in
ihrer neuen Klasse besonders große intellektuelle Potenziale hätten. Tatsächlich hatte diese
Desinformation die Folge, dass die betreffenden Zöglinge in der Zeit danach einen
überdurchschnittlichen Zuwachs der Intelligenz erzielten. Die Implikation war durchschlagend: Wenn ein
Lehrer auf den» Grips «eines Schülers große Stücke setzt, benimmt er sich so, dass diese Erwartung auch
in Erfüllung geht.
Mit der Namensgebung» Pygmalion-Effekt «stellte Rosenthal die Verbindung zu einem Mythos her,
der im 10. Buch der Metamorphosen Ovids nachzulesen ist. Dort wird im Kontext des unmoralischen
Treibens antiker Prostituierter die Geschichte des sensiblen und frommen Künstlers Pygmalion
beschrieben, der sich in sein selbst gefertigtes Idealbild einer Frau mit einer derartigen Inbrunst verliebte,
dass die Göttin Venus sein Flehen erhörte und die elfenbeinerne Galatea zum Weib aus Fleisch und Blut
werden ließ.
Obwohl George Bernard Shaws zynische Pygmalion-Komödie mit Professor Higgins alias Pygmalion
und der deutlich emanzipierten Galatea Eliza Doolittle die Möglichkeiten erzieherischer Einflussnahmen
ad absurdum führt, rief die Publikation des Pygmalion-Effekts eine ungeheure Resonanz hervor. Die
Medien überschlugen sich mit Berichten und Leitartikeln, und das Experiment und seine Folgerungen
wurden binnen kurzem in den Lehrbüchern der Psychologie verewigt. Der Pygmalion-Effekt ist derart
einleuchtend und verführerisch, dass er dem gesunden Menschenverstand schlagartig als abgesichertes
Wissen erscheint.
Dabei gab es von Anfang an Stimmen, die Rosenthals Experiment und die daraus abgeleiteten
Schlüsse in Bausch und Bogen verurteilten. Edward Thorndike, ein Pionier der Verhaltensforschung,
kanzelte Rosenthals Studie sogleich wegen ihrer angeblich verheerenden methodischen Mängel ab:
«Unabhängig davon, was ich auch immer sage — Pygmalion wird ein Klassiker werden, auf den sich alle