Lexikon der Psycho-Irrtuemer
- Автор: Degen Rolf
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Eichborn. Lexikon
- Жанр: Психология
Электронная книга - «Lexikon der Psycho-Irrtuemer». Краткое содержание книги:
Es gibt einen ewigen Menschheitstraum, der in dem Wunsch besteht, sich über die Grenzen der
eigenen Intelligenz und des eigenen Lernvermögens hinwegzusetzen. Die Idee vom» Hirnkraftverstärker«
findet in volkstümlichen Mythen wie dem» Nürnberger Trichter «und in der Sciencefiction ihren
Niederschlag. In seinem Erstlingsroman» Brain Wave «beschreibt beispielsweise der amerikanische
Sciencefiction-Autor Poul Anderson 1954, wie alle Menschen unter dem Einfluss einer kosmischen
Strahlung unglaubliche Intelligenz erlangen. Tatsächlich zaubern Psychologen und andere Gurus immer
wieder mit missionarischem Eifer neue und» wissenschaftlich erprobte «Instant-Techniken hervor, die
dem» Grips «und dem Gedächtnis schon heute rasch und sicher auf die Sprünge helfen sollen.
Solche Versprechungen stoßen auf offene Ohren in einer Welt, die mit ihrer steigenden Komplexität,
ihrer Wettbewerbsorientierung und ihren rasanten Umwälzungen massive Anforderungen an unsere
Denkfähigkeit stellt. Sie kommen allerdings auch ausgesprochen unschmeichelhaften Zügen unserer
Natur entgegen, meint der kanadische Psychologie-Professor Barry L. Beyerstein,»unserem Hang zum
Wunschdenken und zur Selbsttäuschung und unserer Vorliebe für schnelle Brachiallösungen«.1 Bei einem
kritischen Blick auf die publizierte Forschungsliteratur kommt man nicht um das Eingeständnis herum,
dass alle Versuche, den Intellekt und das Erinnerungsvermögen nachhaltig hoch zu schrauben, zum
Scheitern verurteilt sind.»Die Behauptung, dass es Methoden gebe, die Intelligenz substanziell und
dauerhaft anzuheben, besitzt eine lange Geschichte, doch sie hat nur eine wiederholte Enttäuschung
hervorgebracht«, resümiert der Psychologie-Professor Herman H. Spitz aus Princeton in den USA.2
«Intelligenz ist nicht trainierbar«, pflichtet Sven Rudloff von der Österreichischen Sektion der
«Intelligenzbestienvereinigung «MENSA lakonisch bei.3
Aufstieg und Fall der neuen und zunächst euphorisch umjubelten Techniken haben sich in der
Vergangenheit immer nach dem gleichen Muster abgespielt, zieht Spitz Bilanz.4»Erst fand immer jemand
einen Hinweis, dann folgte eine ganze Reihe von bestätigenden Untersuchungen. «Nach und nach häuften
sich jedoch immer mehr widersprechende Daten und kritische Stimmen an, bis das Ganze in
Desillusionierung mündete.»Die Desillusionierung hielt jedoch nie so lange an, dass keine neuen Gurus
aus der Asche hätten aufsteigen und begeisterte Anhänger finden können. «Die widersprechenden
Befunde wurden von der Presse aber entweder gar nicht oder nicht mit der gleichen Begeisterung
breitgetreten, welche die Berichterstattung über aufregende neue Lerntechniken und mentale
Stimulationsmethoden prägt.
Es lässt sich kaum noch genau nachvollziehen, welche» Turbolader «für den Intellekt in den
vergangenen Jahren alle Furore machten. Am Anfang standen rein psychologische Methoden wie
frühkindliches Training, Superlearning und Subliminalkassetten. Neuerdings werden diese Klassiker
immer häufiger von Hightech-Methoden abgelöst, die eine enge Verbindung mit den Fortschritten in der
Elektronik, Biochemie und Neurobiologie suggerieren: Smart Pills, Computersoftware und Mind-
Machines. Das vernichtende Verdikt der wissenschaftlichen Rationalität ist jedoch in allen Fällen gleich.
«Messbare Intelligenz- beziehungsweise IQ-Steigerungen konnten aber noch nie belegt werden, obwohl
die Hersteller und Befürworter um die Betonung der wissenschaftlichen Möglichkeit eines solchen
Effekts selten verlegen sind«, konstatiert Rudloff.»Gehirnwissenschaftler stellten bei einem Kongress in
München zusammenfassend fest, dass es bislang noch keine Präparate gibt, die den berechtigten
Anspruch darauf erheben könnten, unsere Denk-, Lern- und Gedächtnisleistung deutlich und nachhaltig
zu verbessern!«
«Die Intelligenz von Kindern aus benachteiligten Schichten kann durch geeignete Programme
gesteigert werden«
Es war schon immer ein schwerer Affront für die humanistisch-egalitäre Weltanschauung, dass viele
Kinder aus benachteiligten Schichten ihre schulische Karriere mit einem» hausgemachten «geistigen
Handikap antreten. Der Schluss lag nahe, dass den Betreffenden schon ganz früh im Leben die Chance
zur optimalen Entfaltung ihrer intellektuellen Anlagen vorenthalten wird. In dieser Situation erschien die
Idee von kompensatorischen Frühförderprogrammen wie ein Patentrezept: Der Staat stellt den
Betroffenen ein Potpourri von geistig stimulierenden Reizen bereit, das der mentalen Deprivation im
Elternhaus entgegenwirkt. Selbst wenn der Intelligenzquotient in erheblichem Umfang durch Erbanlagen
determiniert wird, so der Gedanke, bleibt immer noch genügend Spielraum, ihn durch
Erziehungsmaßnahmen zu pushen. Bei einem so edlen Motiv wird die wissenschaftliche Basis kaum in
Zweifel gezogen.
Die Amerikaner haben diese Möglichkeit bereits Anfang der sechziger Jahre mit dem monumentalen
Projekt» Head Start «im großen Stil erprobt. Das Programm wurde unter dem Einfluss des
Sputnikschocks initiiert und hatte das Ziel, Kinder aus unterprivilegierten Elternhäusern zu fördern, damit
das Land im Wettbewerb der Systeme besser gewappnet sei. Insgesamt 530.000 Kinder kamen in den
Genuss dieser Anregung, die aus mehrmonatigen oder ganzjährigen Kursen, Belehrungen, Erziehungs-,
Ernährungs- und medizinischen Beratungen und Interventionen bestand. Bei der wichtigsten
Bewertungsstudie wurden insgesamt 4.000 Kinder, die Hälfte davon Projektteilnehmer, unter die Lupe
genommen.
Das Ergebnis der Qualitätskontrolle fiel verheerend aus: Zwar konnten die geförderten Teilnehmer
während der Intervention ein leichte Verbesserung der intellektuellen Leistungen verbuchen.»Aber
nachdem sie das Programm verließen, schmolz der Leistungszuwachs dahin und wurde schließlich von
einer Verschlechterung abgelöst, während die nicht geförderten Kinder jetzt eine Verbesserung erkennen
ließen«, rekapituliert der Psychologe Spitz.»Nach einer Weile waren die geförderten und die
nichtgeförderten Kinder nicht mehr zu unterscheiden — ein typisches Ergebnis für
Interventionsprogramme. «Auch der Psychologe Nathan Brody von der Wesleyan University in
Middletown bestätigt diese pessimistische Sicht in einer umfangreichen Übersicht über die
(Un)Veränderbarkeit des IQ:»Gemessen an der Testintelligenz und der schulischen Leistung hat das
Projekt Head Start keinen langfristigen Nutzeffekt.«5
Die Initiatoren, die diese Ergebnisse nicht wahrhaben wollten, führten sie auf die unzureichende
Dauer der Intervention zurück. Es folgten neue Programme (und Qualitätskontrollen), bei denen die
Förderung auf die ersten Schuljahre ausgeweitet wurde.»Bei 5 Tests waren die durchgeförderten Kinder
im Vorteil, bei 11 hatten die nichtgeforderten Kinder Oberwasser, und bei 91 Tests trat überhaupt kein
greifbarer Unterschied auf«, begräbt Spitz die Illusionen der Head-Start-Verfechter.»Kann es denn
möglich sein«, zitiert Spitz die autorisierte Expertise,»dass so viel Mühe kein messbares Ergebnis hat?«
Anstatt der Realität ins Auge zu sehen, schoben die Anhänger der Frühförderung bösen Kräften den
schwarzen Peter zu: Sie führten das desolate Ergebnis auf die Kurzsichtigkeit der Bürokraten, eine