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Lexikon der Psycho-Irrtuemer

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Rolf Degen
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Es gibt einen ewigen Menschheitstraum, der in dem Wunsch besteht, sich über die Grenzen der

eigenen Intelligenz und des eigenen Lernvermögens hinwegzusetzen. Die Idee vom» Hirnkraftverstärker«

findet in volkstümlichen Mythen wie dem» Nürnberger Trichter «und in der Sciencefiction ihren

Niederschlag. In seinem Erstlingsroman» Brain Wave «beschreibt beispielsweise der amerikanische

Sciencefiction-Autor Poul Anderson 1954, wie alle Menschen unter dem Einfluss einer kosmischen

Strahlung unglaubliche Intelligenz erlangen. Tatsächlich zaubern Psychologen und andere Gurus immer

wieder mit missionarischem Eifer neue und» wissenschaftlich erprobte «Instant-Techniken hervor, die

dem» Grips «und dem Gedächtnis schon heute rasch und sicher auf die Sprünge helfen sollen.

Solche Versprechungen stoßen auf offene Ohren in einer Welt, die mit ihrer steigenden Komplexität,

ihrer Wettbewerbsorientierung und ihren rasanten Umwälzungen massive Anforderungen an unsere

Denkfähigkeit stellt. Sie kommen allerdings auch ausgesprochen unschmeichelhaften Zügen unserer

Natur entgegen, meint der kanadische Psychologie-Professor Barry L. Beyerstein,»unserem Hang zum

Wunschdenken und zur Selbsttäuschung und unserer Vorliebe für schnelle Brachiallösungen«.1 Bei einem

kritischen Blick auf die publizierte Forschungsliteratur kommt man nicht um das Eingeständnis herum,

dass alle Versuche, den Intellekt und das Erinnerungsvermögen nachhaltig hoch zu schrauben, zum

Scheitern verurteilt sind.»Die Behauptung, dass es Methoden gebe, die Intelligenz substanziell und

dauerhaft anzuheben, besitzt eine lange Geschichte, doch sie hat nur eine wiederholte Enttäuschung

hervorgebracht«, resümiert der Psychologie-Professor Herman H. Spitz aus Princeton in den USA.2

«Intelligenz ist nicht trainierbar«, pflichtet Sven Rudloff von der Österreichischen Sektion der

«Intelligenzbestienvereinigung «MENSA lakonisch bei.3

Aufstieg und Fall der neuen und zunächst euphorisch umjubelten Techniken haben sich in der

Vergangenheit immer nach dem gleichen Muster abgespielt, zieht Spitz Bilanz.4»Erst fand immer jemand

einen Hinweis, dann folgte eine ganze Reihe von bestätigenden Untersuchungen. «Nach und nach häuften

sich jedoch immer mehr widersprechende Daten und kritische Stimmen an, bis das Ganze in

Desillusionierung mündete.»Die Desillusionierung hielt jedoch nie so lange an, dass keine neuen Gurus

aus der Asche hätten aufsteigen und begeisterte Anhänger finden können. «Die widersprechenden

Befunde wurden von der Presse aber entweder gar nicht oder nicht mit der gleichen Begeisterung

breitgetreten, welche die Berichterstattung über aufregende neue Lerntechniken und mentale

Stimulationsmethoden prägt.

Es lässt sich kaum noch genau nachvollziehen, welche» Turbolader «für den Intellekt in den

vergangenen Jahren alle Furore machten. Am Anfang standen rein psychologische Methoden wie

frühkindliches Training, Superlearning und Subliminalkassetten. Neuerdings werden diese Klassiker

immer häufiger von Hightech-Methoden abgelöst, die eine enge Verbindung mit den Fortschritten in der

Elektronik, Biochemie und Neurobiologie suggerieren: Smart Pills, Computersoftware und Mind-

Machines. Das vernichtende Verdikt der wissenschaftlichen Rationalität ist jedoch in allen Fällen gleich.

«Messbare Intelligenz- beziehungsweise IQ-Steigerungen konnten aber noch nie belegt werden, obwohl

die Hersteller und Befürworter um die Betonung der wissenschaftlichen Möglichkeit eines solchen

Effekts selten verlegen sind«, konstatiert Rudloff.»Gehirnwissenschaftler stellten bei einem Kongress in

München zusammenfassend fest, dass es bislang noch keine Präparate gibt, die den berechtigten

Anspruch darauf erheben könnten, unsere Denk-, Lern- und Gedächtnisleistung deutlich und nachhaltig

zu verbessern!«

«Die Intelligenz von Kindern aus benachteiligten Schichten kann durch geeignete Programme

gesteigert werden«

Es war schon immer ein schwerer Affront für die humanistisch-egalitäre Weltanschauung, dass viele

Kinder aus benachteiligten Schichten ihre schulische Karriere mit einem» hausgemachten «geistigen

Handikap antreten. Der Schluss lag nahe, dass den Betreffenden schon ganz früh im Leben die Chance

zur optimalen Entfaltung ihrer intellektuellen Anlagen vorenthalten wird. In dieser Situation erschien die

Idee von kompensatorischen Frühförderprogrammen wie ein Patentrezept: Der Staat stellt den

Betroffenen ein Potpourri von geistig stimulierenden Reizen bereit, das der mentalen Deprivation im

Elternhaus entgegenwirkt. Selbst wenn der Intelligenzquotient in erheblichem Umfang durch Erbanlagen

determiniert wird, so der Gedanke, bleibt immer noch genügend Spielraum, ihn durch

Erziehungsmaßnahmen zu pushen. Bei einem so edlen Motiv wird die wissenschaftliche Basis kaum in

Zweifel gezogen.

Die Amerikaner haben diese Möglichkeit bereits Anfang der sechziger Jahre mit dem monumentalen

Projekt» Head Start «im großen Stil erprobt. Das Programm wurde unter dem Einfluss des

Sputnikschocks initiiert und hatte das Ziel, Kinder aus unterprivilegierten Elternhäusern zu fördern, damit

das Land im Wettbewerb der Systeme besser gewappnet sei. Insgesamt 530.000 Kinder kamen in den

Genuss dieser Anregung, die aus mehrmonatigen oder ganzjährigen Kursen, Belehrungen, Erziehungs-,

Ernährungs- und medizinischen Beratungen und Interventionen bestand. Bei der wichtigsten

Bewertungsstudie wurden insgesamt 4.000 Kinder, die Hälfte davon Projektteilnehmer, unter die Lupe

genommen.

Das Ergebnis der Qualitätskontrolle fiel verheerend aus: Zwar konnten die geförderten Teilnehmer

während der Intervention ein leichte Verbesserung der intellektuellen Leistungen verbuchen.»Aber

nachdem sie das Programm verließen, schmolz der Leistungszuwachs dahin und wurde schließlich von

einer Verschlechterung abgelöst, während die nicht geförderten Kinder jetzt eine Verbesserung erkennen

ließen«, rekapituliert der Psychologe Spitz.»Nach einer Weile waren die geförderten und die

nichtgeförderten Kinder nicht mehr zu unterscheiden — ein typisches Ergebnis für

Interventionsprogramme. «Auch der Psychologe Nathan Brody von der Wesleyan University in

Middletown bestätigt diese pessimistische Sicht in einer umfangreichen Übersicht über die

(Un)Veränderbarkeit des IQ:»Gemessen an der Testintelligenz und der schulischen Leistung hat das

Projekt Head Start keinen langfristigen Nutzeffekt.«5

Die Initiatoren, die diese Ergebnisse nicht wahrhaben wollten, führten sie auf die unzureichende

Dauer der Intervention zurück. Es folgten neue Programme (und Qualitätskontrollen), bei denen die

Förderung auf die ersten Schuljahre ausgeweitet wurde.»Bei 5 Tests waren die durchgeförderten Kinder

im Vorteil, bei 11 hatten die nichtgeforderten Kinder Oberwasser, und bei 91 Tests trat überhaupt kein

greifbarer Unterschied auf«, begräbt Spitz die Illusionen der Head-Start-Verfechter.»Kann es denn

möglich sein«, zitiert Spitz die autorisierte Expertise,»dass so viel Mühe kein messbares Ergebnis hat?«

Anstatt der Realität ins Auge zu sehen, schoben die Anhänger der Frühförderung bösen Kräften den

schwarzen Peter zu: Sie führten das desolate Ergebnis auf die Kurzsichtigkeit der Bürokraten, eine

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