Das Nachtvolk
- Автор: Хеннен Бернхард
- Год: 1997
- Язык: немецкий
- Год: ECON Verlag
- ISBN: 3-612-27413-9
- Жанр: Мифы. Легенды. Эпос
Электронная книга - «Das Nachtvolk». Краткое содержание книги:
Volker hatte den Rest der Hochzeitsnacht damit verbracht, einen möglichst großen Teil der Vorräte an Met zu vernichten, und schließlich war er es, der in seine Kammer getragen werden mußte. Wo hatte man so etwas schon gehört! Daß die Braut das Recht hatte, sich in der Nacht ihrer Vermählung zu verweigern!
Etwas Gutes hatte dieses Fest jedoch, überlegte Volker. Seitdem war er von den Kriegern der Stadt akzeptiert. Er durfte sich frei bewegen und überall hingehen, außer in das Heiligtum oberhalb der Burg. Die Stadt des Nachtvolks lag in einem von hohen Deichen geschützten Gebiet inmitten der Sümpfe. Die heißen Quellen rings herum verbargen die Siedlung hinter Nebelwänden. Nördlich der Stadt erhob sich ein dichter, uralter Wald, der nach ein paar Meilen auch wieder in Sumpf überging. Dort sollte es angeblich noch eine zweite, kleinere Insel geben.
Seit zwei Tagen schon beobachtete Volker verstohlen die Priesterinnen. Bisher hatte er noch keine Gelegenheit gefunden, allein mit Gunbrid zu sprechen. Er fragte sich, womit man der Baronin gedroht haben mochte, damit sie sich dem Kult der Götzendienerinnen anschloß. Aber was immer es auch gewesen sein mochte, er würde sie hier herausholen. Vor einer Stunde war sie durch das nördliche Tor gegangen, um im Wald Kräuter zu sammeln. Man hatte ihr keine Bewachung mitgegeben, so als vertrauten die anderen Priesterinnen ihr, daß sie zurückkommen würde. Volker hatte sich auch nach Sklaven umgesehen, doch schien es, als seien die Bewohner, die man aus Marans entführt hatte, nicht als Sklaven, sondern als Diener und Knechte unter dem Nachtvolk aufgenommen worden. Sie wurden gut behandelt und erhielten reichlich zu essen.
Der Spielmann hatte mit einem der entführten Männer reden können. Das Gespräch hatte ergeben, daß die Entführten es als Ehre betrachteten, den Feen zu dienen. Auch hatte der junge Mann deutlich durchblicken lassen, daß es ihm hier besser ging als in der Leibeigenschaft eines normannischen Adligen. Sie dazu zu bewegen, sich gegen ihre neuen Herren aufzulehnen, war vollkommen aussichtslos.
Volker verließ seinen Platz auf der Mauer und ging zum Tor der Festung hinab. Es war jetzt genug Zeit verstrichen, seit Gunbrid in den Wald gegangen war. Niemand würde argwöhnen, daß er unterwegs war, um sie zu suchen, wenn er jetzt die Stadt verließ. Sollten die dummen Sumpfbauern hier glücklich werden! Bei Gunbrid standen die Dinge anders. Sie war eine Adlige, die Nichte des Königs Gunther. Sie würde bei Hofe allen nur erdenklichen Luxus genießen können. Gunbrid hier herauszuholen wäre eine edle und ritterliche Tat. Sicherlich hatte sie schon jede Hoffnung auf Rettung fahren lassen.
Der Spielmann war schon eine ganze Weile durch den Wald gestreift, als er schließlich das helle Kleid der Priesterin durch die Bäume schimmern sah. Gunbrid saß inmitten einer Lichtung auf einem Felsblock. Vor ihr lagen Kräuter ausgebreitet, die sie mit bunten Wollfäden zu kleinen Büscheln zusammenschnürte.
Der Spielmann hatte die Lichtung kaum betreten, als Gunbrid von ihrer Arbeit aufsah und ihn anlächelte. »Ich habe mich schon gefragt, wie lange es noch dauern würde, bis Ihr kommt, Volker von Alzey.«
»Ihr wußtet, daß ich komme?« Der Recke blieb verdutzt stehen. Dann lachte er. »Ihr habt mich vortrefflich getäuscht, Frau Gunbrid.«
»Es gehört schon mehr dazu, als sich mit blauen Linien zu bemalen und sich das Haar zu zerzausen, um die Schönheit jenes Mannes zu verbergen, in den wohl die Hälfte aller jungen Mädchen am Hof meines Onkels verliebt war. Ich habe Euch schon bei der Zeremonie der heiligen Hochzeit erkannt, Herr Volker, obwohl ich gestehen muß, daß ich zunächst meinen Augen nicht trauen mochte. Erst als Ihr ein Lied zum Klang der Laute gesungen habt, war ich mir ganz sicher, daß wirklich Ihr es wart.«
»Eure Worte schmeicheln mir, edle Dame, bin ich doch nur ein einfacher Rittersmann, wohingegen Ihr von königlichem Geblüt seid.«
Das Lächeln auf Gunbrids Antlitz erstarb. »Es ist nicht das Blut, das einen Menschen ausmacht. Allein seine Taten sind das Maß, nach dem man urteilen soll. Freilich sollte man dort auch noch nach dem Hörensagen und dem selbst Erlebten unterscheiden. Würde ich mich nach dem Ruf richten, den Ihr genießt, Herr Volker, dann wäre es meiner Reputation wohl kaum zuträglich, mich mit Euch allein auf einer einsamen Waldlichtung zu treffen.«
Der Spielmann räusperte sich verlegen. »Nun, wie Ihr schon sagt, die Leute reden viel... Doch werde ich allen Gerüchten energisch entgegentreten, die besagen mögen, daß ich mich Euch auf unserer Reise zurück nach Worms in unziemlicher Weise genähert haben könnte. Es ist mir nichts mehr als Euer Wohlergehen am Herze gelegen und...«
»Wenn Ihr die Wahrheit sprecht, Herr Volker, dann vergeßt Eure Reisepläne.«
»Was?« Der Ritter war inzwischen an Gunbrids Seite getreten und starrte die Edeldame verständnislos an. »Wie meint Ihr das?«
»Ich möchte diesen Ort nicht verlassen. Sicher hat man mich gegen meinen Willen hierher gebracht. In jener Nacht, als mein Gatte, Baron Rollo, getötet wurde, verfluchte ich die Feen und hätte sie alle getötet, hätte Gott mir die Macht dazu verliehen. Mit der Zeit jedoch lernte ich verstehen. Ihr müßt wissen, Herr Volker, daß Rollo ein grausamer Mann war und nicht Liebe uns zusammenführte, sondern der Wille meines Onkels Gunther, der nach einem festeren Bund mit den Normannen Aquitaniens suchte. So wurde ich zum Pfand seiner Politik. Auch Rollo hat mich nicht wirklich begehrt. Er nahm meinen Körper, und als er begann, meiner überdrüssig zu werden, gab er sich nicht einmal mehr die Mühe, seine Gespielinnen, die er als Mägde in unseren Haushalt aufnahm, vor mir zu verbergen. Er war rachsüchtig und grausam. Rollo machte große Pläne. Er wollte den Sumpf entwässern und die heiligen Haine des Nachtvolks zerstören. Die Morrigan ließ ihm eine Warnung zukommen, daß er sich auf einen gefährlichen Weg begeben habe. Doch Rollo lachte darüber. Drei Nächte später kamen sie. Ich weiß nicht, wie sie in die Burg gelangten. Geschrei weckte mich in der Nacht des Überfalls. Sie hatten es geschafft, das Tor zu öffnen. Aus dem Hof ertönte Schwerterklirren. Dann brach das Feuer aus. Sie schienen überall zu sein. Ein Mann kam und zerrte mich aus meinem Schlafgemach. Vor der Burg hatten sie das Gesinde zusammengetrieben. Es regnete, und trotzdem griffen die Flammen immer gieriger nach dem Gebälk des kleinen Palas und des Bergfrieds. Jemand gab mir einen Umhang. Wir wurden zum Ufer gebracht, wo etliche Boote lagen. Als wir schon eine Weile unterwegs waren, nötigte man mich, etwas aus einem alten Holzbecher zu trinken. Auch die Männer und Frauen des Gesindes mußten von diesem Trank kosten. Bald danach übermannte mich die Müdigkeit. Als ich wieder zu mir kam, war ich in dieser verwunschenen Stadt. Eine Frau fragte mich freundlich nach meinen Begabungen, und als ich erklärte, daß ich ein wenig in der Kräuterkunde bewandert sei, brachte man mich zu den Priesterinnen.«
Gunbrid griff nach einem der Kräuterbündel vor ihr und hielt es Volker hin. »Seht Ihr dies? Man nennt es Eisenkraut. Als Sud wirkt es gegen Fieber, und wenn man es im Rachen gurgelt, so reißt es den eitrigen Schorf von Wunden. Im Heiligtum wurde ich nach der heilenden Wirkung verschiedener Kräuter befragt, und man war offenbar sehr zufrieden mit meinen Antworten. Man bot mir an, mich unter die Priesterinnen aufzunehmen, wenn dies mein Wunsch sei. Damals war ich noch verbittert und voller Trauer. Man begegnete mir sehr freundlich und zurückhaltend. Die Priesterinnen der Morrigan ließen mir Zeit mit meinem Kummer. Auch zu den Männern und Frauen meines Gesindes war man sehr freundlich. Ein jeder wurde nach seinen Fähigkeiten gefragt und dann entsprechend seinen Begabungen eingesetzt. Nicht einen Tag lang gab man uns das Gefühl, Sklaven oder Gefangene zu sein. Ich glaube, die Krieger des Nachtvolkes haben uns nur deshalb mitgenommen, weil wir sie gesehen hatten. Wir sollten den Dorfbewohnern nicht erzählen können, daß die Feenritter der Sümpfe nur ganz normale Menschen sind. Einige von ihnen sind beim Kampf in der Burg sogar getötet worden. Wer immer ihnen mit einer Waffe in der Hand entgegentrat, den haben die Feenritter niedergemacht. Doch sie haben kein unschuldiges Blut vergossen.