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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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Margaret räusperte sich vielsagend. Anai's löste sich aus Ruths Armen und zog ein Päckchen Papiertaschentücher aus der Jackentasche ihres Hosenanzugs. Sie war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und trug auf dem sorgfältig frisierten, rotblonden Haar ein schmales Hütchen.

Ruth machte die Frauen miteinander bekannt, eine etwas peinliche Angelegenheit: geschiedene Frau, derzeitige Geliebte, Tochter der derzeitigen Geliebten. Auf ein paar höfliche Floskeln der Begrüßung zwischen Anai's und Margaret folgte augenblicklich die gegenseitige Begutachtung.

Sie hätten unterschiedlicher kaum sein können. Abgesehen davon, dass sie beide blond waren — Guy hatte immer ein Faible für Blondinen gehabt — , gab es keine Ähnlichkeiten zwischen den beiden Frauen, außer vielleicht was ihre Herkunft anging, denn, um der Wahrheit die Ehre zu geben, Guy hatte immer auch ein Faible für das Gewöhnliche gehabt.

Und ganz gleich, was für eine Schulbildung die beiden genossen hatten, wie sie sich kleideten, wie sie sich verhielten und wie sie sich ausdrückten, immer noch brach bei Anai's hin und wieder das mittelenglische Landmädel durch, und Margarets Mutter, die Putzfrau, meldete sich stets dann, wenn es ihrer Tochter am wenigsten passte.

Sonst jedoch waren sie so verschieden wie Tag und Nacht. Margaret groß, stattlich, überkorrekt gekleidet und dominant; Anai's ein zerbrechliches Vögelchen, dem grässlichen Zeitgeist entsprechend dünn bis zur Auszehrung — bis auf den unverkennbar künstlichen und viel zu üppigen Busen — und stets wie eine Frau gekleidet, die niemals auch nur ein Kleidungsstück anlegt, ohne sich den Beifall ihres Spiegels geholt zu haben.

Margaret war selbstverständlich nicht nach Guernsey gekommen, um eine der vielen Gespielinnen ihres verflossenen Ehemanns kennen zu lernen, geschweige denn, zu trösten oder zu unterhalten. Nachdem sie also mit Würde und geheuchelter Freundlichkeit:»Freut mich, Sie kennen zu lernen«, gemurmelt hatte, sagte sie zu Ruth:»Wir sprechen uns später, Liebste«, umarmte sie, küsste sie auf beide Wangen und sagte:»Liebste Ruth«, als wollte sie Anai's Abbot mit dieser untypischen und leicht erschreckenden Geste wissen lassen, dass eine von ihnen beiden eine gewisse Stellung in dieser Familie innehatte und die andere ganz entschieden nicht. Danach ging sie, eine Wolke Chanel 5 hinter sich herziehend. Zu früh am Tag für so einen Duft, dachte Ruth. Aber so etwas merkte Margaret natürlich nicht.

«Ich hätte bei ihm sein müssen«, sagte Anai's mit erstickter Stimme, nachdem sich die Tür hinter Margaret geschlossen hatte.»Ich wollte bleiben, Ruthie. Seit es passiert ist, denke ich unaufhörlich, wäre ich nur die Nacht geblieben, ich wäre am Morgen mit ihm zur Bucht hinuntergegangen. Nur um ihm zuzusehen. Es war so eine Freude, ihm zuzusehen. Und. O Gott, o Gott, warum musste das geschehen?«

Warum gerade mir? meinte sie, auch wenn sie es nicht sagte. Ruth war nicht so leicht etwas vorzumachen. Sie hatte zu lange miterlebt, wie ihr Bruder mit seinen Frauen umgegangen war, um nicht mittlerweile genau sagen zu können, an welchem Punkt seines ewigen Spiels von Verführung, Ernüchterung und Rückzug er jeweils angelangt war. Zum Zeitpunkt seines Todes war Guy mit Anai's Abbott praktisch fertig gewesen. Wenn er es Anai's nicht direkt gesagt hatte, so hatte diese es zweifellos mehr oder weniger deutlich gespürt.

Ruth sagte:»Komm, setzen wir uns. Soll ich Valerie bitten, uns Kaffee zu machen? Jemima, Kind, möchtest du etwas haben?«

Jemima antwortete zögernd:»Hast du was da, was ich Biscuit geben kann? Er ist vor dem Haus. Er wollte heute Morgen nicht fressen, und — «

«Aber Entchen«, unterbrach ihre Mutter sie. Der Tadel war durch ihren Gebrauch von Jemimas Kindernamen offenkundig, die zwei Wörter sagten alles, was Anai's nicht aussprach: Kleine Mädchen interessieren sich für ihre Hündchen. Junge Frauen interessieren sich für junge Männer.»Der Hund wird schon nicht verhungern. Es wäre besser gewesen, du hättest ihn zu Hause gelassen, wo er hingehört. Und wie ich dir gesagt habe. Wir können von Ruth nicht verlangen — «

«Entschuldige!«Jemima schien zu glauben, ihre Erwiderung sei heftiger ausgefallen, als sich das in Ruths Beisein gehörte, denn sie senkte augenblicklich den Kopf und zupfte mit der einen Hand an der Naht ihrer langen Hose aus gediegenem Wollstoff. Sie war nicht wie ein gewöhnlicher Teenager gekleidet, das arme Mädchen, und schuld daran waren ein Kurs an einer Londoner Modelschule, den sie im Sommer besucht hatte, sowie der wachsame Blick ihrer Mutter, die es völlig in Ordnung fand, im Kleiderschrank ihrer Tochter herum- zukramen. Sie sah aus wie ein Model aus der Vogue. Aber auch wenn sie gelernt hatte, sich zu schminken, ihre Haare zu stylen und sich auf dem Laufsteg zu bewegen, war sie die linkische Jemima geblieben, das Entchen ihrer Mutter und in der Tat so tollpatschig wie ein Küken, das nicht ins Wasser darf.

Ruth, der das junge Mädchen Leid tat, sagte:»Dieser niedliche kleine Hund? Er ist wahrscheinlich todunglücklich ganz allein da draußen, Jemima. Möchtest du ihn hereinholen?«

«Unsinn«, sagte Anai's.»Dem Hund geht es gut. Er ist zwar taub, aber seinen Augen und seiner Nase fehlt nichts. Er weiß genau, wo er ist. Lass ihn draußen.«

«Ja. Natürlich. Aber vielleicht mag er ein bisschen Hackfleisch. Es ist auch noch ein Rest Auflauf von gestern Mittag da. Geh in die Küche, Jemima, und lass dir von Valerie etwas davon geben. Du kannst es in der Mikrowelle warm machen, wenn du willst.«

Jemima hob den Kopf, und der Ausdruck in ihrem Gesicht freute Ruth mehr, als sie erwartet hatte.»Wenn es okay ist.?«, sagte das junge Mädchen mit einem Blick zu ihrer Mutter.

Anai's war klug genug, zu wissen, wann es sinnvoller war, nachzugeben. Sie sagte:»Ach, Ruthie, das ist lieb von dir. Wir wollen dir wirklich nicht zur Last fallen.«

«Das tut ihr auch nicht«, erwiderte Ruth.»Lauf schon, Jemima. Lass uns zwei alte Mädchen ein bisschen schwatzen.«

Sie hatte den Ausdruck» alte Mädchen «nicht herabwürdigend gemeint, aber als Jemima ging, sah sie, dass er so angekommen war. Bei dem Alter, zu dem sich Anai's bekannte — sechsundvierzig — , hätte sie Ruths Tochter sein können. Sie scheute auch keine Mühe, um tatsächlich so auszusehen. Denn sie wusste besser als die meisten Frauen, dass ältere Männer sich von weiblicher Jugend und Schönheit ebenso angezogen fühlten, wie weibliche Jugend und Schönheit sich häufig und zweckmäßigerweise von Männern mit den Mitteln zur Erhaltung dieser Attribute angezogen fühlten. Das Alter spielte weder im einen noch im anderen Fall eine Rolle. Aussehen und Geld waren alles. Jedoch vom Alter zu sprechen, das war ein Fauxpas gewesen. Aber Ruth unternahm keinen Versuch, sich für den Ausrutscher zu entschuldigen. Sie trauerte um ihren Bruder. Da musste man ihr dergleichen nachsehen.

Anai's trat zu dem Ständer mit der Stickerei und betrachtete das jüngste Bild des Gesamtwerks.

«Das Wievielte ist das?«, fragte sie.

«Nummer fünfzehn, glaube ich.«

«Und wie viele kommen noch?«

«So viele, wie nötig sind, um die ganze Geschichte zu erzählen.«

«Alles? Auch Guys — Ende?«Anai's hatte stark gerötete Augen, aber sie weinte nicht mehr, und Ruth hatte den Eindruck, dass sie ihre eigene Frage nutzte, um zum Anlass ihres Besuchs in Le Reposoir überzuleiten.»Jetzt ist alles anders, Ruth. Ich mache mir Sorgen um dich. Wirst du denn zurechtkommen?«

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