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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Friede war, Pracht und Stille in dem schönen Haus. Es plätscherten die freundlichen Wasser; golden, blau und rot leuchteten von den Wänden die Buchstaben der erhabenen Verse. Die dünnen, blassen Lippen in dem wunderlich erstorbenen Gesicht des Rabbis entließen gleichmäßig die Worte. Don Jehuda aber sah vor sich die vielen, vielen Juden, wie sie wanderten mit müden Füßen, und wie sie am Wegrand rasteten, ängstlich äugend, welch neue Gefahr sie bedrohen mochte, und wie sie zu den langen Stäben langten, die sie von irgendeinem Baum gebrochen hatten, und weiterwanderten.

Die Sorge um die Juden Franciens hatte Don Jehuda schon in Burgos beschäftigt, und sein schneller Geist hatte manches Hilfsprojekt erwogen. Nun aber, während er auf Rabbi Tobias Bericht hörte, formte sich ihm ein neuer Plan; die Aktion wird kühn sein, schwierig. Aber es gab keine andere, die in Wahrheit half. Der Anblick des unscheinbaren Rabbis, der nicht bat und nicht einmal mahnte oder verlangte, spornte Jehuda.

Als andern Tages Ephraim Bar Abba ins Castillo Ibn Esra kam, war Don Jehuda entschlossen. Don Ephraim, bewegt von der Erzählung Rabbi Tobias, wollte einen Fonds von zehntausend Goldmaravedí aufbringen für die Verfolgten in Francien, er selber gedachte tausend Maravedí zu spenden, und er bat Don Jehuda um einen Beitrag.

Der aber antwortete: »Es wird den Vertriebenen nicht viel helfen, wenn wir sie mit Geld speisen für die Notdurft einiger Monate oder auch eines Jahres. Die Grafen und Barone, in deren Städten sie jetzt sitzen, werden dem König nachgeben und sie von neuem vertreiben, und sie werden ziellos weitergejagt werden über die Erde, immer neuen Feinden in die Hände fallend, zur schließlichen Vernichtung bestimmt. Es gibt nur eine Hilfe: sie anzusiedeln an einer sichern Stätte, wo sie bleiben können.«

Der Párnas der Aljama war peinlich überrascht. Wenn man jetzt im Heiligen Krieg Scharen armer Juden ins Land zog, mußte das üble Folgen haben. Der Erzbischof wird neue Hetze predigen, und das ganze Land wird ihm recht geben. Die Juden Toledos waren gebildet, wohlhabend, zivilisiert, sie hatten sich die Achtung der andern erworben; ließ man jetzt Hunderte, vielleicht Tausende französischer Juden herein, die bettelhaft waren und nicht vertraut mit der Sprache und den Sitten des Landes, die auffallen mußten durch ihre Kleidung und ihre fremdartigen, schlechten Manieren, so half man ihnen nicht, man gefährdete nur sich selber.

Solche Einwände indes, fürchtete Ephraim, würden den tollkühnen Ibn Esra in seinem Vorhaben eher bestärken. Er ersetzte sie durch andere. »Werden sich denn«, meinte er, »diese Juden aus Francien hier jemals zu Hause fühlen? Es sind kleine Leute. Sie haben Weinhandel getrieben und ängstliche Geldgeschäfte, sie kennen nur den armseligen Kleinkram ihres Franciens, ihre Denkart ist eng, von großen Unternehmungen wissen sie nichts. Ich tadle sie nicht darum; es war ihnen ein enges, hartes Leben auferlegt, viele sind die Söhne solcher, die aus deutschen Ländern fliehen mußten, oder haben die Verfolgungen in Deutschland noch selber miterlebt. Ich sehe nicht, wie sich diese trüben, verschreckten Menschen in unserer Welt zurechtfinden sollten.« Don Jehuda schwieg; dem Párnas schien, als lächelte er ganz leise. Dringlicher fuhr Don Ephraim fort: »Unser großer Gast selber, er ist ein frommer Mann, ein mit Recht berühmter Gelehrter. Aber so Tiefes und Großartiges in seinen Büchern steht, vieles hat mich befremdet. Ich denke über Moral und Einhaltung der Gebote strenger als du, Don Jehuda, aber dieser Unser Herr und Lehrer Tobia macht aus dem Leben eine einzige Bußübung. Seine Maßstäbe und die seiner Anhänger sind nicht die unsern. Ich glaube, unsere Brüder aus Francien würden nicht gut auskommen mit uns und wir nicht mit ihnen.«

Was Don Ephraim nicht sagte, was er aber diesem Don Jehuda, dem Meschummad, dem Abtrünnigen, ins Gedächtnis rufen wollte, war, daß Rabbi Tobia die härtesten Worte der Verdammnis hatte gerade für seinesgleichen, für diejenigen, die vom Glauben abgefallen waren. Er kannte Milde nicht einmal für die Anussim, für die, welche sich durch Todesdrohungen zur Taufe hatten zwingen lassen, selbst wenn sie später ins Judentum zurückkehrten. Don Jehuda, der freien Willens und ohne Gefahr so lange dem fremden Gott gedient hatte, mußte wissen, daß er in den Augen dieses Rabbi Tobia und seiner Anhänger schuldig war der Strafe der Ausrottung, so daß seine Seele vernichtet wurde mit seinem Leibe. Wollte er Menschen, die so über ihn dachten, der Aljama und sich selber auf den Nacken setzen?

»Gewiß«, sagte der erstaunliche Don Jehuda, »dieser große Mann ist anders als wir. Leute unserer Art mögen ihm in der Seele fremd sein, Leute meiner Art vielleicht sogar ein Abscheu. Und nicht wenige seiner Anhänger mögen so finster denken wie er. Aber auch jene verfolgten Brüder, welche damals mein Oheim, Don Jehuda Ibn Esra Ha-Nassi, der Fürst, ins Land ließ, waren sehr anders, und es war höchst ungewiß, ob sie sich hier einleben würden. Sie haben sich eingelebt. Sie blühen und gedeihen. Ich glaube, wir werden das Wesen unserer fränkischen Brüder hinnehmen, wenn wir uns ernstlich darum bemühen.«

Schmächtig in seinen umfangreichen Kleidern saß Don Ephraim, rechnend, tief besorgt. »Ich war stolz darauf«, sagte er, »zehntausend Goldmaravedí auszuwerfen für die fränkischen Flüchtlinge. Wenn wir sie hierherbringen in eine Umgebung, in der sie ihren Unterhalt nicht erwerben können, dann werden wir für sie sorgen müssen, auf Jahre, vielleicht für immer. Zehntausend Goldmaravedí reichen da nicht lange. Wir haben weiter den Saladins-Zehnten zu zahlen. Dann ist da der Fonds für die Auslösung der Gefangenen. Er ist sehr dünn geworden und wird mehr beansprucht als je. Überall in der Welt gibt der Heilige Krieg den Söhnen Edoms und den Söhnen Hagars bequemen Vorwand, Juden gefangenzusetzen, um hohes Lösegeld zu erpressen. Die Schrift befiehlt, die Gefangenen zu befreien. Es scheint mir vordringlich, dieses heilige Gebot zu befolgen. Deine Tausende von fränkischen Armen hierherzubringen, scheint mir weniger wichtig. Es wäre barmherzig, aber es wäre, verzeih mir das offene Wort, fahrlässig, verantwortungslos.«

Don Jehuda schien nicht gekränkt. »Ich bin kein Schriftgelehrter«, erwiderte er, »aber mir ist im Ohr und im Herzen das Gebot Unseres Lehrers Mose: ›Wenn dein Bruder verarmt und abnimmt neben dir, so sollst du ihn aufnehmen, daß er lebe neben dir.‹ Im übrigen glaube ich, daß wir’s uns leisten können, die eine Verpflichtung zu erfüllen und die andere nicht zu versäumen. Solang es mir gelingt« – und er sprach ebenso liebenswürdig wie hochfahrend –, »diesem Lande Kastilien den Krieg fernzuhalten, so lange wird die Aljama von Toledo so üppig verdienen, daß sie ihren Auslösungsfonds nicht wird antasten müssen, um den paar tausend fränkischen Juden Brot und Unterkunft zu geben.«

Immer drückendere Angst packte Don Ephraim. Dieser übermütige Mensch wollte nicht sehen, wie verfänglich sein Unternehmen war, vielleicht sah er’s wirklich nicht. Ephraim konnte sich nicht länger zähmen, er mußte seine tiefe Herzensangst aussprechen. »Hast du auch bedacht, mein Bruder und Herr Don Jehuda«, sagte er, »welch starke Waffe dein Vorhaben dem Erzbischof in die Hand gibt? Er wird die Mächte der Hölle bewegen, ehe er’s zuläßt, daß deine fränkischen Juden ins Land kommen. Er wird sich an den Sündenkönig in Francien wenden. Er wird sich an den Papst wenden. Er wird predigen und das Volk aufhetzen, daß wir Scharen von Bettlern und Ungläubigen nach Kastilien ziehen inmitten des Heiligen Krieges. Du stehst hoch in der Gunst des Königs Unseres Herrn. Aber auch der Erzbischof hat das Ohr Don Alfonsos, und die Zeit, der Heilige Krieg, ist für ihn und gegen uns. Du hast dir ewiges Verdienst erworben, Don Jehuda, da du unsere Fueros und Freiheiten gegen den Feind verteidigt hast. Aber wird es dir ein zweites Mal gelingen?«

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