Sickster
- Автор: Melle Thomas
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Sickster». Краткое содержание книги:
Einfühlsam und radikal erforscht Thomas Melle ein sich immer schneller um ein leeres Zentrum drehendes Leben — bis an die Grenzen des Ichs und darüber hinaus. «Sickster» ist ein großes diagnostisches Zeitbild — und das Romandebüt eines Autors, dessen Sprache, so Iris Radisch, «bis ins letzte Komma aufgeladen» ist.
«Mach dich auf eine Höllenshow gefasst, Taue.» Wieder kam ihm Eriks Blick seltsam vor. Ruhte länger auf ihm als nötig. Schlechtes Gewissen?
«Der Himmel wird lodern. Bengalisch. Höllisch. Dantisch.»
Tippi Hedren tauchte aus dem Nichts hinter Erik auf und stupste ihn an. «Okay, ich komme.» Er zwinkerte Magnus zu. Das ist ein dreifach gezinktes Zeichen, dachte Magnus, schnipste mit den Fingern und zeigte auf ihn.
«Ich muss. Bis gleich, Freund.»
Der Himmel wird lodern? Dantisch?
Fünf Minuten vor zwölf. Draußen grummelte es schon laut. Schüsse hallten. Magnus hatte fünf oder sechs Gläser Champagner getrunken und tänzelte zwischen den Menschengruppen herum, tauchte durch dieses Meer fester Worte. Matte Augen hockten über gesteiften Kragen und glotzten gehemmt die Mitwelt an. Magnus lachte. Come on! Die Gesichter verschwammen schon zusehends. Schulterschlüsse und Umarmungen überall, wie gewohnt, auch Magnus blieb nicht verschont und verbrüderte sich mit fremden, satten Grimassen. Eine Pickelfresse glotzte ihn an, von ganz nah. Seine Beine trugen ihn sicher durch bankettlange Tischreihen. Er wippte mit dem Takt der Musik, «Last night a DJ saved my life». Gleich würden sie Prince auflegen: «1999».
Eine Rakete schoss am Fenster vorbei.
«Komm, Magnus, komm!» Jemand rief.
Vorsätze: Die alten Selbstverständlichkeiten vergessen. Die alten Freunde verloren geben und vielleicht, irgendwann, neu kennenlernen. Nichts mehr erwarten, von niemandem. Die Erwartungen der anderen nur erfüllen, wenn es sich nicht wie ein Verrat anfühlt. Zurück zur Musik driften, immer wieder. Mehr Bier trinken. Bald tanzen. Sich drehen. Tanzen und nicken.
Was Jonna wohl für Vorsätze hatte? Er konnte sie nicht fragen; sie war gar nicht gekommen.
Vorsätze, erster Zusatz: Nicht an Jonna denken.
Rieke sah ihn an. Ihre offenen, warmen Augen funkelten in der Dunkelheit des Gartens schwärzer und kostbarer als ein Stück vergessener Mitternacht. Lichtreflexe durchzuckten ihre Netzhaut.
Null Uhr. Großer Lärm. Der Rhein wurde gegrüßt und befeuert. Das neue Jahr war da.
Näher, und näher. Ein Kuss, auf die Lippen.
Kurz, und wieder gelöst.
Rieke zog gespielt verwegen an ihrer Zigarette. Magnus steckte sich auch eine an und entzündete an der frischen Glut einen Knaller, wartete zwei, drei Sekunden, bis die Zündschnur genügend weit heruntergebrannt war, und warf ihn in hohem, übermütigem Bogen in die Nacht. Zu den anderen Punkten und Sternen, zu den Nadellöchern und Hungermalen des Glücks.
«Come on!», rief er.
Raketen zerschellten am Langen Eugen, zerschnitten den Himmel in abgezirkelte Stücke. Heuler sirrten vorbei. Jetzt fiel die Flut, aus diesem Schatten heraus, in diese künstlichen Sonnen, und verpuffte. Ich sehe das alles, dachte Magnus, ich fühle das alles.
Er legte einen Arm um Rieke. Ständig wurde nachgefeuert. Der Himmel war beschäftigt, zerplatzte voller Lichtsträhnen. Feine Spinnenfüße tippten von innen gegen seine Haut. Magnus schloss die Augen und zog Rieke noch näher an sich, fast krampfhaft, und fühlte sich am Nacken getroffen, während er sie sachte, doch bestimmt bei der Schulter packte und ihr einen langen, innigen, gekonnten Zungenkuss gab.
Gekonnt, dachte er, gekonnt.
Grell gleißte eine rote Lichtspinne über ihnen auf und verglühte im Fall. Kleine Käfer und Augen stürzten in exzentrischen Bahnen mit nach unten, neonfarben, körperlos. Andere Raketen preschten nach, loderten auf, krachten geometrisch auseinander.
Der Himmel war beschäftigt. Die Jugend vorbei.
Ein Kegel rotierte vor ihren Füßen, gelb, blau, rot, weiß.
FÜNFTER TEIL UND RANDWUND
Boys don’t cry