Nur der Tod bringt Vergebung
- Автор: Тримейн Питер
- Серия: Schwester Fidelma ermittelt #1
- Год: 1994
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Nur der Tod bringt Vergebung». Краткое содержание книги:
Unter dem Pseudonym Peter Tremayne schreibt ein anerkannter Historiker, der auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert ist. Seine profunde Kenntnis des alten Rechtssystems und der irischen Gesellschaft im siebten Jahrhundert hat ihn dazu angeregt, Kriminalromane zu schreiben, die ihre Spannung und Originalität aus dem einmaligen und authentischen historischen Setting beziehen.
Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel Absolution by Murder.
Seaxwulf war ein schlanker, junger Mann mit einem hübschen, ebenmäßigen Gesicht, der verlegen kicherte, sobald jemand unmittelbar das Wort an ihn richtete. Er hatte hellblaue Augen und die seltsame Angewohnheit zu zwinkern, während er lispelnd und mit auffallend hoher Stimme sprach. Fidelma mußte sich mehrmals ins Gedächtnis rufen, daß ihr ein Mann und kein kokettes Mädchen gegenübersaß. Die Natur schien dem jungen Mann durch eine seltsame Unentschlossenheit in der Frage des Geschlechts einen grausamen Streich gespielt zu haben. Sein Alter war schwer festzustellen, doch sie schätzte ihn auf Anfang Zwanzig, obwohl sein Bartflaum nicht den Eindruck machte, als hätte er sich je rasieren müssen.
Es war Bruder Eadulf, der den jungen Mann auf sächsisch befragte, während Fidelma sich große Mühe gab, mit ihren unzureichenden, aber stetig wachsenden Kenntnissen dieser Sprache der Unterhaltung zu folgen.
«Ihr seid am Tage ihres Todes bei Äbtissin Etain gewesen», eröffnet e Eadulf mit einer einfachen Feststellung das Gespräch.
Seaxwulf kicherte und schlug eine schlanke Hand vor den Mund. Über seine Fingerspitzen hinweg warf er ihnen schelmische Blicke zu.
«Ach ja?»
Seine Stimme klang merkwürdig sinnlich.
Eadulf schnaubte angewidert.
«Aus welchem Grund habt Ihr die Äbtissin in ihrer Zelle aufgesucht?»
Seaxwulf klapperte wieder mit den Wimpern und stieß ein erneutes Kichern aus.
«Das ist mein Geheimnis.»
«Ist es nicht», widersprach Eadulf streng. «Wir haben den Auftrag Eures Königs, Eures Bischofs und der Äbtissin dieses Klosters, die Wahrheit aufzudecken. Ihr seid durch Euer Gelübde dazu verpflichtet, uns alles mitzuteilen, was Ihr wißt.»
Seaxwulf blinzelte und zog in gespielter Verärgerung einen Schmollmund.
«Also gut, meinetwegen!» Seine Stimme klang wie die eines eingeschnappten Kindes. «Ich habe die Äbtissin auf Geheiß Wilfrids von Ripon aufgesucht. Ich bin sein Sekretär und sein Vertrauter.»
«Und zu welchem Zweck seid Ihr zur Äbtissin gegangen?» beharrte Eadulf.
Der junge Mann hielt inne und runzelte verstockt die Stirn. «Das solltet Ihr Abt Wilfrid fragen.»
«Ich frage aber Euch», versetzte Eadulf in fast grobem Ton. «Und ich erwarte eine Antwort. Also los!»
Seaxwulf schob die Unterlippe vor. Schwester Fidelma schlug den Blick zu Boden, um ihre Belustigung über das Betragen des seltsamen jungen Mönchs zu verbergen.
«Ich sollte auf Wilfrids Geheiß mit der Äbtissin verhandeln.»
An dieser Stelle schaltete sich Fidelma ein, die nicht sicher war, ob sie das Wort richtig verstanden hatte.
«Verhandeln?» fragte sie ungläubig.
«Ja. Als Anführer der Delegation Roms und Columbans hatten Wilfrid und Etain die Absicht, sich vor der öffentlichen Debatte auf bestimmte Punkte zu einigen.»
Fidelma riß entgeistert die Augen auf.
«Äbtissin Etain wollte sich mit Wilfrid von Ripon einigen?» Sie bat Eadulf, ihre Frage zu übersetzen.
Seaxwulf zuckte mit den schmalen Schultern.
«Sich vor einer Debatte über bestimmte Punkte zu verständigen, spart viel Zeit und Ärger, Schwester.»
«Ich bin mir nicht sicher, was Ihr damit meint. Wollt Ihr etwa sagen, daß bestimmte Meinungsverschiedenheiten schon vor der öffentlichen Debatte ausgeräumt werden sollten?»
Wieder mußte Eadulf ihre Frage ins Sächsische und anschließend die Antwort des Mönchs zurück ins Irische übersetzen.
Durch seinen verächtlichen Blick gab Seaxwulf zu verstehen, daß er die Frage für völlig überflüssig hielt.
«Aber natürlich», lautete seine Antwort.
«Und Äbtissin Etain war zu solchen Absprachen bereit?»
Fidelma war völlig verblüfft über die Enthüllung, daß die Gegner geheime Verhandlungen führten, von der die Allgemeinheit keine Kenntnis hatte. Es kam ihr unehrlich vor, bestimmte Punkte im vorhinein abzuklären, ohne den Streit vor der Synode offen auszutragen.
Seaxwulf zuckte erneut die Achseln.
«Ich bin selbst in Rom gewesen. Dort ist dieses Vorgehen gang und gäbe. Warum mit einer langwierigen öffentlichen Debatte Zeit vergeuden, wenn man durch private Absprachen sein Ziel viel schneller und bequemer erreichen kann?»
«Und wie weit waren diese Verhandlungen gediehen?»
«Nicht weit», erklärte Seaxwulf in vertraulichem Ton. «Was die Tonsur betrifft, hatten wir allerdings eine gewisse Einigung erzielt. Wie Ihr wißt, hält Rom die Tonsur Eurer Kirche für barbarisch. Wir bekennen uns zu der Tonsur des Heiligen Petrus, der damit an die Dornenkrone Christi gemahnen wollte. Äbtissin Etain erwog, öffentlich einzugestehen, daß sich die Kirche Colum-bans in der Frage der Tonsur auf einem Irrweg befände.»
Fidelma schluckte.
«Aber das ist unmöglich», flüsterte sie.
Seaxwulf lächelte zufrieden, als bereite ihm ihr Entsetzen Genugtuung.
«O doch. Im Tausch für dieses Zugeständnis wollte Wilfrid in der Frage des Segens einlenken. Wie Ihr wißt, deuten wir Anhänger Roms beim Segen die Dreieinigkeit mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger an, während Ihr Zeigefinger, Ringfinger und kleinen Finger erhebt. Wilfrid war bereit, beide Formen als gültig anzuerkennen.»
Fidelma hatte Mühe, ihr Erstaunen zu verbergen.
«Wie lange waren diese Verhandlungen schon im Gange?»
«Seit der Ankunft der Äbtissin in Streones-halh. Zwei oder drei Tage, ich weiß es nicht mehr ganz genau.» Der junge Mann betrachtete gedankenverloren seine ausgestreckten Hände und runzelte dabei mißbilligend die Stirn, als wäre er plötzlich mit dem Schnitt seiner Fingernägel unzufrieden.
Fidelma sah Eadulf an.
«Ich glaube, das rückt die Sache in ein völlig neues Licht», sagte sie auf irisch, wohlwissend, daß Seaxwulf sie nicht verstand.
Eadulf verzog das Gesicht.
«Wieso das?»
«Was meint Ihr, was die meisten Brüder und Schwestern denken würden, wenn sie wüßten, daß hinter den Kulissen, ohne ihr Wissen und ohne ihre Beteiligung solche Verhandlungen stattfinden? Daß die eine Seite als Gegenleistung für ein Zugeständnis in einem bestimmten Punkt wiederum in einem anderen nachgibt? Würde das die Flamme der Feindseligkeit, die schon jetzt unter den Brüdern und Schwestern glimmt, nicht aufs neue entfachen? Und wäre nicht denkbar, daß jemand über diese Vorgänge so empört war, daß er versuchte, den Verhandlungen sofort ein Ende zu setzen, notfalls durch einen Mord?»
«Schon möglich. Aber dieses Wissen allein hilft uns wenig.»
«Warum?»
«Weil es bedeutet, daß wir Hunderte von Verdächtigen haben, und zwar sowohl unter den Gefolgsleuten Roms als auch unter den Anhängern Ionas.»
«Dann müssen wir eine Möglichkeit finden, die Zahl der Verdächtigen einzugrenzen.»
Eadulf nickte und wandte sich wieder an den jungen Mönch.
«Wer wußte von Euren Verhandlungen mit der Äbtissin?»
Seaxwulf zog einen Schmollmund, wie ein Kind, das sein Wissen nur widerwillig preisgibt.
«Sie waren streng geheim.»
«Also wußtet nur Ihr und Wilfrid von Ripon davon?»
«Und Äbtissin Etain.»
«Was war mit Gwid, Etains Sekretärin?» warf Fidelma ein.
Seaxwulf lachte höhnisch.
«Gwid? Die Äbtissin hatte zu ihrer Sekretärin kein Vertrauen. Im Gegenteil, sie wies mich sogar ausdrücklich an, in dieser Angelegenheit nicht mit Gwid zu sprechen und ihr gegenüber mit keinem Wort zu erwähnen, daß sie mit Wilfrid von Ripon in Verbindung stand.»
«Wie kommt Ihr zu der Aussage, daß Etain zu Gwid kein Vertrauen hatte?»
«Weil Gwid sonst ganz bestimmt an den Verhandlungen teilgenommen hätte. Ich habe Gwid und Etain nur ein einziges Mal zusammen gesehen, und da haben sie sich angeschrien. Leider kann ich Euch nicht sagen, worum es ging, weil ich kein Irisch verstehe.»
«Es wußte also niemand sonst von den Verhandlungen?» hakte Eadulf noch einmal nach.