Der stolze Orinoco
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Путешествия и география
Электронная книга - «Der stolze Orinoco». Краткое содержание книги:
- Das beweist also, meinte Jacques Helloch, daß der Meta eine natürliche Verbindung zwischen dem Atlantischen Ocean und Columbien darstellt.
- Ganz recht, erwiderte Herr Miguel, ja einzelne Geographen haben sogar behauptet, daß der Meta den kürzesten Weg von Bogota nach Paris bilde.
- Ja, meine Herren, warum sollte der Meta dann nur ein Nebenfluß des Orinoco und nicht der Orinoco selbst sein? Und warum könnten die Herren Felipe und Varinas zu seinen Gunsten nicht ihre unzulänglich begründeten Ansichten bezüglich des Guaviare und das Atabapo aufgeben?«
Darauf zielte der Franzose also hinaus!
Man wird sich leicht denken können, daß er kaum dazu kam, seine Rede zu vollenden, ohne daß die beiden Vertreter des Atabapo und des Guaviare dagegen mit Handbewegungen an Stelle von Worten Einspruch erhoben.
Jetzt platzten die Geister auf einander und es regnete Beweisgründe für die eine und die andre Ansicht über den tollkühnen jungen Mann, der die Frage über den Lauf des Orinoco angezweifelt hatte. Nicht etwa, daß er sich dafür besonders interessierte, denn ihm schien die Wahrheit auf Seiten des Herrn Miguel und der meisten Geographen zu liegen, es machte ihm aber Vergnügen, die streitsüchtigen Brüder aneinander zu hetzen. Was er für seine hingeworfene Ansicht ins Treffen geführt hatte, war mindestens ebensoviel, wenn nicht mehr werth, als die Gründe der Herren Varinas und Felipe, denn bezüglich der geographischen Wichtigkeit übertrifft der Meta zweifellos ebenso den Guaviare wie den Atabapo. Die beiden gelehrten Herren wollten aber einer dem andern nicht nachgeben, und die Verhandlung hätte sich gewiß bis weit in die Nacht hinein fortgesetzt, wenn Jean von Kermor ihr nicht dadurch eine andre Richtung gab, daß er an Herrn Miguel eine andre, nicht minder ernste Frage stellte.
Nach den Angaben seines Reiseführers machten sehr zu fürchtende Indianer die Ufer des Meta unsicher. Er fragte deshalb, was Herr Miguel ihnen wohl darüber sagen könne.
»Das hat sicher für uns mehr Interesse,« antwortete dieser, dem es ganz lieb war, das Thema des Gespräches gewechselt zu sehen.
Die beiden Collegen waren sich bereits, bildlich zu verstehen, »arg in die Haare gefahren«, was ja nichts Seltnes war, und wie mußte das erst werden, wenn sie sich an der Vereinigungsstelle der drei Flüsse befanden.
»Diese Quivas, fuhr Herr Miguel fort, sind allen Reisenden, die sich nach San-Fernando begeben, als ein sehr wilder Stamm bekannt. Man spricht sogar davon, daß eine Bande derselben über den Strom gesetzt und nach den östlichen Gebieten eingedrungen sei, wo sie Räubereien und Mordthaten ausüben.
- Ist der Anführer der Bande jetzt nicht schon todt? fragte Jacques Helloch, der auch von den Unthaten des Raubgesindels gehört hatte.
- Ganz recht, antwortete Herr Miguel, schon seit etwa zwei Jahren.
- Und wer war das?
- Ein Neger namens Sarapia, den sich die Bande zum Anführer gewählt hatte und an dessen Stelle später ein entwichner Sträfling getreten ist.
- Und die Quivas aber, fragte Jacques weiter, die auf dem rechten Ufer zurückblieben?.
- Die sind nicht weniger zu fürchten, antwortete Herr Miguel. Die meisten der Boote, denen wir von Cariben aus begegnet sind, gehören ihnen, und wir werden gut thun, so lange wir durch diese Gegend fahren, wo das jeder Schandthat fähige, noch sehr zahlreiche Raubgesindel haust, stets auf unsrer Hut zu sein.«
Daß diese Warnung berechtigt war, bewiesen die Ueberfälle, deren Opfer erst unlängst verschiedene Händler aus San-Fernando geworden waren. Der Präsident von Venezuela und der Congreß planten auch, wie man sagte, eine Expedition zur Vernichtung dieser Banden am Alto-Orinoco. Erst aus Columbia vertrieben, sollten die Quivas nun aus Venezuela verjagt werden, und wenn sie dabei nicht bis auf den letzten Mann ausgerottet wurden, würde dann Brasilien zum Schauplatz ihrer verbrecherischen Thätigkeit werden. Grade weil ihnen jene Expedition drohte, überfielen die Quivas viele Reisende mit desto grimmigerer Wuth, vorzüglich seitdem sie als Anführer einen aus Cayenne entflohenen Sträfling hatten. Die Insassen der drei Piroguen mußten also im Laufe der Fahrt hier jeden Augenblick ein wachsames Auge auf ihre Umgebung haben.
»Wir sind ja ziemlich zahlreich, wenigstens unter Einrechnung der Besatzmannschaft, auf die wir doch wohl zählen können, erklärte Jacques Helloch, und an Waffen und Munition fehlt es uns auch nicht. Diese Nacht, lieber Jean, werden Sie ruhig in Ihrem Deckhause schlafen, wir werden schon über Sie wachen.
- Das ist doch wohl meine Sache, warf der Sergeant Martial trocken ein.
- Nein, das geht uns Alle an, mein wackrer Sergeant, erwiderte Jacques Helloch, und es ist wichtig, daß Ihr Neffe nicht des in seinem Alter so nöthigen Schlafes beraubt werde.
- Ich danke Ihnen, Herr Helloch, erwiderte der junge Mann lächelnd, es ist aber doch wohl richtiger, daß wir Alle abwechselnd Wache halten.
- Jeder eine bestimmte Zeit lang,« setzte der Sergeant Martial hinzu.
Was ihn selbst freilich anging, unterließ er es, wenn die Stunde für den jungen Mann herangekommen war, natürlich, diesen aus dem Schlafe zu wecken, um allein draußen Wache zu stehen.
Dieser Verabredung entsprechend, wurde die Wache von acht bis elf Uhr den beiden Franzosen anvertraut; von elf bis zwei Uhr morgens sollte Herr Miguel mit seinen Collegen sie ablösen, dann fiel es Jean von Kermor und dem Sergant Martial zu, bis Tagesanbruch an deren Stelle zu treten.
Die Passagiere der »Gallinetta« und der »Maripare« streckten sich also auf ihren Estrillas aus, und andrerseits überließen sich die Mannschaften einer nach den vorausgegangenen Anstrengungen wohlverdienten Ruhe.
Jacques Helloch und Germain Paterne bezogen ihren Posten auf dem Hintertheile der Pirogue. Von da aus konnten sie den Strom nach auf- und nach abwärts überblicken und auch die Mündung des Meta beobachten. Vom Ufer selbst her war nichts zu fürchten, denn längs desselben dehnte sich ein ganz unpassierbares Sumpfland aus.
Nebeneinander sitzend, plauderten die beiden Freunde von dem und jenem. Der eine rauchte von den Cigarren, mit denen er sich reichlich versehen hatte, denn Tabak bildet bei allen Uferbewohnern ein stets verwerthbares Tauschmittel. Der Wind hatte sich fast ganz gelegt, nur dann und wann strich ein Lufthauch über die beiden Männer hin. Wenige Grade über dem Horizont funkelte das Südliche Kreuz am Himmel. Bei der allgemein herrschenden Stille mußte das geringste Geräusch, das Durchschneiden des Wassers durch ein Boot, der vorsichtigste Ruderschlag schon von weitem her vernehmbar sein, und es genügte, das Uferland zu beobachten, um jeder irgendwie verdächtigen Annäherung entgegentreten zu können.
Dieser Aufgabe widmeten sich also die beiden jungen Leute, während sie die Zeit vertraulich verplauderten.
Offenbar flößte Jean von Kermor dem hübschen Jacques Helloch ein lebhaftes Interesse ein. Nicht ohne ängstliche
Befürchtung sah er den jungen Mann seine gefährliche Reise unternehmen. So hoch er dessen edelmüthigen Beweggrund auch schätzte, erschrak er doch vor den Gefahren, denen jener sich bei diesem Wagniß aussetzte, wenn er weit, weit - er wußte nicht, wie weit - hinauszog.
Schon wiederholt hatte er sich mit Germain Paterne über die Familie des Oberst von Kermor unterhalten, und dieser bemühte sich, seine Erinnerungen an diese, von der er vor fünfzehn Jahren manchmal reden gehört hatte, aufzufrischen.
»Weißt Du, Germain, sagte am heutigen Abend Jacques Helloch, ich kann es mir gar nicht recht vorstellen, daß dieses Kind - denn es ist ja noch ein Kind - in die Gebiete des obern Orinoco vordringen will! Und unter wessen Führung? Unter der des wackren Alten, der gewiß das beste Herz in sich trägt, der mir aber doch nicht der passende Führer seines Neffen zu sein scheint, wenn Beiden größere Schwierigkeiten begegnen sollten.