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Электронная книга - «Die Vermessung der Welt». Краткое содержание книги:

Mit hintergründigem Humor schildert Daniel Kehlmann das Leben zweier Genies: Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Er beschreibt ihre Sehnsüchte und Schwächen, ihre Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit und Größe, Scheitern und Erfolg. Ein philosophischer Abenteuerroman von seltener Phantasie, Kraft und Brillanz.
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Er schloß die Augen, riß sie wieder auf und blickte sich überrascht um, als hätte er für einen Moment vergessen, wo er war. Er hustete und nahm einen tiefen Schluck. Vor Cartagena sei ihr Schiff beinahe gekentert, auf dem Magdalenenfluß hätten die Moskitos sie hartnäckiger gequält als auf dem Orinoko, schließlich seien sie über Tausende vom verschwundenen Inkavolk angelegte Stufen in die kalten Höhen der Kordilleren aufgestiegen. Normalerweise werde man da von Trägern geschleppt, aber Baron Humboldt habe es verweigert. Der Menschenwürde wegen. Die Träger seien so beleidigt gewesen, fast hätten sie sie verprügelt. Bonpland holte tief Luft; dann, wider Willen, seufzte er leise. Vor Santa Fé de Bogota hätten sie die Honoratioren der Stadt erwartet, ihr Ruf sei ihnen offenbar vorausgeeilt, wiewohl seltsamerweise jeder vom Baron, niemand aber von Aimé Bonpland gehört habe. Vielleicht liege das am Fieber. Er stockte, der letzte Satz schien ihm unlogisch. Er erwog ihn zu streichen, aber dann entschied er sich dagegen. Noble Leute seien es gewesen, es habe Gelächter gegeben, als der Baron sich gesträubt habe, sein Barometer aus der Hand zu legen, auch habe man sich gewundert, daß ein so berühmter Mann so klein gewachsen sei. Sie hätten bei dem Biologen Mutis gewohnt. Ständig habe der Baron von Pflanzen sprechen wollen, immer wieder habe Mutis erwidert, daß sich derlei Themen in Gesellschaft nicht ziemten. Immerhin habe er, Bonpland, mit Mutis’ Kräutern sein Fieber gesenkt. Mutis habe eine junge Kammerzofe beschäftigt, eine Indianerin aus dem Hochland, mit der man, er hielt inne, nahm einen großen Schluck und spähte mit gerunzelter Stirn nach Humboldts in der Dämmerung kaum mehr sichtbarer Gestalt, ausgezeichnete Gespräche habe fuhren können über dies und das und noch anderes. Unterdessen habe der Baron Bergwerke besichtigt und Karten erstellt. Vortreffliche Karten. Daran zweifle er nicht.

Ohne es zu wollen, nickte er ein paarmal, dann fuhr er fort. Mit elf Maultieren seien sie weitergezogen, über den Fluß, die Paßstraße entlang. Viel Regen. Der Boden voller Morast und Stacheln, und da Baron Humboldt weiterhin nicht gewillt gewesen sei, sich tragen zu lassen, hätten sie barfuß gehen müssen, um die Stiefel zu schonen. Sie hätten sich die Füße blutig gelaufen. Und die Maultiere seien störrisch gewesen! Die Besteigung des Pichincha hätten sie abgebrochen, als Übelkeit und Schwindel ihn überwältigt hätten. Zunächst habe Baron Humboldt alleine weitergewollt, aber dann sei auch er ohnmächtig geworden. Irgendwie hätten sie es bis zurück ins Tal geschafft. Der Baron habe es dann erneut versucht, mit einem Führer, der natürlich noch nie oben gewesen sei, in diesen Ländern kletterten die Menschen nicht auf Berge, wenn keiner sie zwinge. Erst der dritte Versuch sei gelungen, und nun wüßten sie genau, wie hoch der Berg sei, welche Temperatur sein Qualm habe, was für Flechten sein Gestein. Baron Humboldt interessiere sich ausnehmend für Vulkane, mehr als für irgend etwas anderes, das habe mit seinen Lehrern in Deutschland zu tun und mit einem Mann in Weimar, den er verehre wie Gott. Nun stehe die krönende Unternehmung, der Chimborazo, an. Bonpland nahm einen letzten Schluck, wickelte sich fester in seine Decke und sah zu Humboldt hinüber, der, er konnte es gerade noch erkennen, mit einem Messingtrichter am Erdboden horchte.

Er habe ein Grollen gehört, rief Humboldt. Verschiebungen in der Erdkruste! Mit etwas Glück könne man auf einen Ausbruch hoffen.

Das wäre schön, sagte Bonpland, faltete den Brief, steckte ihn ein und streckte sich auf dem Boden aus. Er fühlte die Kälte der gefrorenen Erde auf seiner Wange. Ihm war, als linderte sie sein Fieber.

Wie immer schlief er gleich ein, und wie meist träum-te er, daß er in Paris war, an einem Morgen im Herbst, bei sanft gegen die Scheibe trommelndem Regen. Eine Frau, die er nicht deutlich sah, fragte ihn, ob er tatsächlich geglaubt habe, durch die Tropen zu reisen, und er antwortete, nicht wirklich, und wenn, so höchstens einen Augenblick. Dann wachte er auf, weil Humboldt ihn an der Schulter rüttelte und fragte, worauf er denn warte, es sei schon vier Uhr vorbei. Bonpland stand auf, und als Humboldt sich abwandte, packte er ihn, schob ihn auf den Abgrund zu und stieß ihn mit ganzer Kraft über die Felskante. Jemand rüttelte an seiner Schulter und fragte, worauf er denn warte, es sei vier, man müsse los. Bonpland rieb sich die Augen, klopfte den Schnee von seinen Haaren und stand auf.

Die indianischen Führer betrachteten ihn schläfrig. Humboldt reichte ihnen ein versiegeltes Kuvert. Der Abschiedsbrief an seinen Bruder. Er habe lange daran gefeilt. Falls er nicht zurückkomme, bitte er um zuverlässige Zustellung an die nächste Jesuitenmission.

Die Führer versprachen es gähnend.

Und das sei seiner, sagte Bonpland. Er sei nicht zugeklebt, sie könnten ihn ruhig lesen, und wenn sie ihn

nicht zustellten, sei es ihm auch egal.

Humboldt wies die Führer an, mindestens drei Tage auf sie zu warten. Sie nickten gelangweilt und zupften ihre Wollponchos zurecht. Gewissenhaft überprüfte er Chronometer und Teleskop. Er verschränkte die Arme und bückte eine Weile starr ins Nichts. Dann, plötzlich, ging er los. Hastig griff Bonpland nach Botanisiertrommel und Stock und lief ihm nach.

Aufgeräumt wie lange nicht, erzählte Humboldt von seiner Kindheit, der Arbeit am Blitzableiter, den einsamen Streifzügen durch die Wälder, nach denen er seine ersten Käfer zu Sammlungen geordnet habe, vom Salon der Henriette Herz. Er bedauere jeden Menschen, der solche Gefühlsbildung nicht genossen habe.

Seine Gefühlsbildung, sagte Bonpland, habe mit einem Bauernmädchen aus der Nachbarschaft stattgefunden. Die habe fast alles zugelassen. Nur vor ihren Brüdern habe man sich hüten müssen.

Der Hund gehe ihm nicht aus dem Sinn, sagte Humboldt auf einmal. Noch immer habe er sich von der Schuld nicht befreien können. Er habe für das Tier doch Verantwortung gehabt!

Dieses Bauernmädchen sei erstaunlich gewesen. Noch keine vierzehn, habe sie Dinge beherrscht, man glaube es nicht.

Bei den Hunden in Havanna hätte das anders gelegen. Natürlich hätten sie ihm leid getan. Aber die Wissenschaft habe es verlangt, nun wisse man mehr über das Jagdverhalten der Krokodile. Außerdem seien es Mischlinge gewesen, unedel und ziemlich räudig.

Wo sie jetzt gingen, gab es keine Pflanzen mehr, nur braungelbe Flechten auf den aus dem Schnee ragenden Steinen. Bonpland hörte sehr laut seinen eigenen Herzschlag und das Zischen des über die Schneedecke streichenden Windes. Als ein kleiner Schmetterling vor ihm aufflog, erschrak er.

Keuchend kam Humboldt auf die Nachricht vom Sturz Urquijos zu sprechen. Eine schlimme Sache. Noch sei es ein Gerücht, aber allmählich mehrten sich die Anzeichen, daß der Minister die Gunst der Königin verloren habe. Also weitere Jahrzehnte der Sklaverei. Nach ihrer Rückkehr werde er ein paar Dinge schreiben, die diesen Leuten nicht gefallen würden.

Der Schnee wurde höher. Bonpland rutschte aus und schlitterte bergab, nach kurzem geschah Humboldt dasselbe. Um ihre aufgeschürften Hände vor der Kälte zu schützen, wickelten sie sie in Schals. Humboldt betrachtete die Ledersohlen seiner Schuhe. Nägel, sagte er nachdenklich. Durch die Sohlen nach außen getrieben. Das brauchten sie jetzt.

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