Die Leiden eines Chinesen in China
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Leiden eines Chinesen in China». Краткое содержание книги:
Des rechtwinkelige Parallelogramm, welches die Chinesenstadt bildet, wird von Norden nach Süden von einer bedeutenden Verkehrsader, der »Großen Allee«, durchschnitten, die von dem Thore Hung-Tings im Süden bis zum Thore Tiens im Norden führt. Quer durch dieselbe läuft eine noch längere Straße, welche jene in rechtem Winkel schneidet und von dem Thore Cha-Chuas im Osten bis zu dem Cuan-Tsus im Westen reicht. Diese heißt die Cha-Chua-Allee und hundert Schritte von ihrem Durchschneidungspunkte mit der Großen Allee wohnte die zukünftige Frau Kin-Fo.
Der Leser erinnert sich, daß die junge Witwe, wenige Tage nach dem Eintreffen des Briefes mit der Meldung seines Ruins, einen zweiten erhielt, der ganz anders lautete und ihr mittheilte, daß der siebente Mond nicht vorübergehen sollte, bevor »ihr kleiner jüngerer Bruder« zu ihr zurückgekehrt sein werde.
Häufig sahen sie die Bonzen. (S. 130.)
Es ist wohl unnütz, hervorzuheben, daß Le-U seit jenem Datum, dem 17. Mai, Tage und Stunden sehnsuchtsvoll zählte. Im Laufe seiner tollen Reise, deren Richtung und Wege er auf keinen Fall bekannt geben wollte, hatte Kin-Fo nicht eine Silbe von sich hören lassen. Le-U schrieb zwar nach Shang-Haï, doch blieben ihre Briefe ohne Antwort. Gewiß erscheint ihre Unruhe begreiflich, als ihr auch bis zum 19. Juni keine weitere Nachricht zugegangen war.
Sie ging auf eine sogenannte »Gebet-Mühle« zu. (S. 131.)
Niemals hatte die junge Frau während dieser langen Tage ihr Haus in der Cha-Chua-Allee verlassen. Sie harrte voller Sorge. Die grämliche Nan erschien auch nicht geeignet, sie in ihrer Einsamkeit zu trösten. Die »alte Mutter« benahm sich eigensinniger denn je und hätte jeden Monat hundertmal fortgejagt zu werden verdient.
Wie viele angstvolle Stunden sollten noch bis zu Kin-Fo’s Ankunft in Peking vergehen! Le-U zählte sie und die Reihe kam ihr sehr lang vor!
Wenn die Religion Lao-Tsu’s die älteste in China ist, und der etwa zu derselben Zeit (gegen 500 v. Chr.) verbreiteten Lehre des Confucius der Kaiser, die Gelehrten und die hohen Mandarinen zugethan sind, so zählt doch der Buddhismus oder die Lehre Fo’s weitaus die meisten Anhänger, auf der Erde überhaupt mehr als dreihundert Millionen. Der Buddhismus umschließt selbst wieder zwei verschiedene Secten, deren eine Bonzen mit grauem Ornat und rother Kopfbedeckung, die andere Lamas in gelbem Ornat als Priester hat.
Le-U war Buddhistin der ersten Secte. Häufig sahen sie die Bonzen in dem der Göttin Koanine gewidmeten Tempel Koan-Ti-Miaos. Daselbst betete sie für den Freund ihres Herzens und verbrannte, mit der Stirn auf dem Steingetäfel des Tempels liegend, wohlriechende Stäbchen.
Eben heute wollte sie sich wieder an die Göttin wenden und ihre Wünsche in innigstem Gebete darlegen. Eine unbestimmte Ahnung sagte ihr, daß der, dessen Ankunft sie so sehnsüchtig erwartete, von ernstlicher Gefahr bedroht sei.
Le-U rief also »die alte Mutter« und trug ihr auf, vor der Kreuzung der Großen Allee eine Sänfte herzurufen.
Nan zuckte die Achseln, wie sie es immer zu thun pflegte, und verschwand, dem erhaltenen Befehle nachzukommen.
Inzwischen betrachtete die in ihrem Boudoir allein zurückgebliebene junge Witwe traurig den verstummten Apparat, der sie jetzt nicht mehr die Stimme des Entfernten hören ließ.
»Ach, seufzte sie, er soll wenigstens erfahren, daß ich nicht aufgehört habe, seiner zu gedenken, und meine Stimme soll es ihm bei seiner endlichen Wiederkehr sagen!«
Le-U löste also die Feder aus, welche die Phonographen-Walze in Bewegung setzte, und sprach laut in den Apparat hinein, was ihr das liebevolle Herz eingab.
Nan’s plötzliches Eintreten unterbrach ihre zärtlichen Worte.
»Die Sänfte erwartet Sie, Madame, übrigens hätten Sie klüger gethan, zu Hause zu bleiben!«
Le-U hörte diese Worte nicht mehr. Sie machte sich sofort auf, ließ die »alte Mutter« nach Belieben schelten und murren und bestieg die Sänfte, welche sie nach dem Koan-Ti-Miao bringen sollte.
Der Weg dorthin verlief ziemlich gerade. Er führte die Cha-Chua-Allee hinauf bis zur Straßenkreuzung und dann längs der Großen Allee hin bis zum Thore Tiens.
Die Sänfte bewegte sich jedoch nur mühsam vorwärts. Es war jetzt eben Geschäftszeit, und in diesem stark bevölkerten Stadttheile herrschte dann ein besonders lebhafter Verkehr. Auf der Straße gaben die vielen Buden der Verkäufer der Allee das Aussehen eines Meßplatzes mit seinem Geschrei und Getümmel. Hier traten Redner auf, dort öffentliche Lehrer oder Wahrsager, Photographen, Caricaturenzeichner, welche selbst die Mitglieder der Mandarinenkaste mit ihrem Griffel nicht verschonten. Alles schrie und polterte wild durcheinander. Dann kam wieder ein pomphafter Leichenzug, der jede Bewegung hemmte, oder eine Hochzeitsgesellschaft, bei der es vielleicht weniger lustig zuging als bei dem vorigen, die aber einen ebenso großen Raum für sich in Anspruch nahm. Vor dem Yamen einer Magistratsperson sammelte sich eine Menschenmenge. Ein Kläger hatte auf die »Beschwerde-Trommel« geschlagen und begehrte die Entscheidung des Gerichtes. Auf dem Steine »Leu-Ping« kniete noch ein Verbrecher, der eben eine Tracht Hiebe erhalten und den Polizeisoldaten in rothknöpfiger Mantschumütze, ausgerüstet mit einem kurzen Spieße und zwei Säbeln in einer einzigen Scheide, bewachten. Weiterhin wurden einige widerspenstige Chinesen, die man mit ihren Zöpfen aneinandergebunden hatte, nach der Polizeiwache geschleppt. Ein armer Teufel, dessen linke Hand und rechter Faß in den Löchern eines Brettes befestigt waren, hinkte wie ein sonderbares Thier dahin. An einer anderen Stelle kauerte ein überwiesener Dieb in einem umgestürzten Kübel, durch dessen Boden nur der Kopf herausragte, der Mildthätigkeit der Vorübergehenden überlassen, ohne welche er Hungers sterben müßte, oder es keuchten Andere des Weges, mit dem Schandpfahl im Nacken, wie Ochsen unter dem Joche. Diese Unglücklichen suchten absichtlich belebtere Orte auf, indem sie, auf die Weichherzigkeit der Passanten speculirend, hier eine reichere Ernte von Almosen einzuheimsen hoffen durften, freilich nur zum Schaden der Bettler jeder Art, wie z.B. der Einarmigen, Hinkenden, Gelähmten, ganzer Reihen von Blinden, die ein Einäugiger führte, und der tausend Varietäten wahrer und falscher Gebrechlicher, die in den Städten des Reiches der Blumen umherwandern.
Die Sänfte konnte also nur langsam vorwärts kommen. Das Straßengewühl nahm immer mehr zu, je mehr man sich dem Ende der Allee näherte. Endlich gelangte sie jedoch an’s Ziel und hielt innerhalb des Walles, der den Eingang zum Tempel der Göttin Koanine vertheidigt.
Le-U verließ die Sänfte, trat in den Tempel und fiel zuerst auf die Kniee, worauf sie sich vor der Göttin zur Erde warf. Dann ging sie auf einen eigenthümlichen Apparat, eine sogenannte, Gebet-Mühle« zu.
Diese besteht aus einer Art Haspel, deren acht Speichen am Ende kleine Papierrollen mit frommen Sprüchen tragen.
Neben dem lächerlichen Apparate wartete ein Bonze in feierlichem Ernste, das Anliegen der Frommen und vorzüglich den dafür zu zahlenden Preis zu erfahren.
Le-U händigte dem Diener Buddha’s einige Taëls ein, als Beitrag zu den Unkosten des Gottesdienstes; dann ergriff sie mit der rechten Hand die Kurbel der Haspel und setzte sie, die linke Hand auf dem Herzen, durch einen leisen Druck in Umdrehung. Offenbar bewegte sich die Mühle zu langsam, um der Wirksamkeit des Gebetes sicher zu sein.
»Schneller!« mahnte sie der Bonze.
Die junge Frau haspelte noch eiliger.