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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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Punkt acht Uhr drückte er am Gartentor des Hauses Oktoberweg 8 auf die rissige, mit Heftpflaster gesicherte Klingel.

8. Ansichtskarten

Die Nächte, fand Christian, waren viel zu kurz. Eben hatte er auf den Stopper seines Weckers geschlagen, was das Scheppern, diese Maschinengewehrgarbe in die Welt eines schönen Traums, abgebrochen hatte; aber da gab es die Kälte des in der Morgendämmerung noch grauen Zimmers, Falk Truschlers unbeeindruckte Schnarchgeräusche vom Bett schräg unter ihm — wann würde der lernen, pünktlich zu sein: Nie, hätte Frau Stesny geantwortet, die Internatsleiterin —; Bett, Tisch, einige Stühle kamen zum Vorschein, Arturo Benedetti Michelangelis entrücktes Gesicht auf dem Schwarzweißkalender, um den ihn die Mädchen und die Internatsschüler der 12. Klasse im Zimmer nebenan beneideten. Von drüben! Jens Ansorge hatte ein schiefes Grinsen aufgesetzt und mit dem erhobenen Zeigefinger gewackelt. Das wird der Schnürchel aber gar nicht gerne sehen! Tatsächlich hatte Herr Schnürchel, der Russischlehrer, beim Stubenkontrollgang die Entfernung des Kalenders gefordert. Christian ließ ihn hängen und nahm ihn nur an den Sonnabenden ab, bevor Schnürchel herbeigeschlichen kam, um sein wundrasiertes Gesicht in Angelegenheiten zu stecken, die ihn leider etwas angehen durften. Vor allem interessierte sich Verena für den Kalender und mehr noch für die darauf abgebildeten Musiker. Verena, die Unnahbare, die Spöttische, die Schöne. Christian hatte von ihr geträumt. Vielleicht war es ihr Haar gewesen mit seinem Musikinstrumentenbraun, das ihm an ihr zuerst aufgefallen war, in der Sommer-Arbeitswoche, die die künftigen Schüler der EOS» Maxim Gorki «hatten ableisten müssen; vielleicht ihre Augen, glänzend dunkel wie die Kirschen von dem knorrigen Baum im Garten des Uhren-Großvaters in Glashütte, wenn sie schon überreif geworden waren und ihre prall gespannte Haut im nächsten Regen aufplatzen würde. Wahrscheinlich aber eine Bewegung, sie hatte sich die Haare gefönt in der Schulbibliothek, in der die Hälfte der Jungen während des Arbeitslagers untergebracht gewesen war; er allein hatte auf der Liege gelegen an jenem Nachmittag; sie war hereingekommen und hatte ihn gefragt, ob sie die Steckdose benutzen dürfe, ihre drüben in der Mädchenunterkunft funktioniere nicht; und dann, ins Fauchen des Föns hinein, hatte sie wissen wollen, warum er hier im dämmrigen Zimmer liege und sich von allem, was die anderen taten, ausschließe. Er ließ das Buch sinken, in dem er zu lesen vorgab, es waren Goethes» Wahlverwandtschaften«, die ihn tödlich langweilten, aber felshoch über dem Kram zu stehen schienen, den die anderen lasen — wenn sie lasen —, und keinen Zweifel über sein Niveau aufkommen ließen. Sie starrte ihn an; er starrte zurück, verwirrt von den feingezeichneten dunkelroten, sich unter seinem Blick zu einer herausfordernden Schnute aufwölbenden Lippen, dem Zeigefinger, mit dem sie sich am Hals kratzte, dem von einem danebengegangenen Hammerschlag schwarz verfärbten Fingernagel. Die Mädchen hatten die Bänke auf dem Schulhof repariert, aus dem Radio, das Herr Stabenow, der jungenhafte Physiklehrer, neben den Fahnenmasten aufgestellt hatte, röhrte die Stimme der» Silly«-Sängerin Tamara Danz; plötzlich der Aufschrei, und alle Jungen waren zur schluchzenden Verena gestürzt, nur er und Siegbert Füger nicht.»Selbst zum Nägeleinkloppen zu doof, diese Weiber«, hatte Siegbert naserümpfend kommentiert.»Und wie sie alle rennen. Mit der wird sowieso keiner froh, das sag’ ich dir. Viel zu hübsch. Und bestimmt eingebildet wie sonstwas. Meine Mutter sagt immer: Junge — mit Edelsteinen bauste keene Häuser. Und meine Mutter hat Ahnung, du.«

Christian linste zu Falk hinunter. Der schnarchte immer noch, allerdings hatte er sich jetzt das Kissen über die Ohren gezogen.

Schon beim ersten Treffen der zukünftigen Oberschüler war sie ihm aufgefallen. Die Schüler waren mit den Eltern gekommen. Der Dacia mit dem Waldbrunner Kennzeichen hatte neben dem Lada aus Dresden geparkt; Richard hatte den Sanitätskoffer auf der Hutablage und die Arzt-Sonderparkkarte auf dem Armaturenbrett des Dacias entdeckt und sofort eine kleine Plauderei mit dem Kollegen angeknüpft. Hoffmann. Winkler. Sehr erfreut. Ganz meinerseits. Blabla. Blablabla. Verena hatte gewartet, kritisch das Dresdner Nummernschild gemustert, das gemauerte Eck mit Fahnenmasten und Maxim-Gorki-Büste, hatte dann Christian einen raschen Blick zugeworfen, so daß Robert ihm grinsend: Guck dir die Kirsche an, Mann, ins Ohr blies. Für das Treffen war der Mehrzweckraum im Schulkeller hergerichtet worden. Es gab ein Klavier, ein Marx-Engels-Lenin-Plakat vor einem mit rotem Fahnentuch bedeckten Rednerpult, einen Tisch dahinter, an dem sich einige Lehrer miteinander unterhielten, unbeeindruckt vom Stimmenschnattern. Die meisten Schüler kannten sich untereinander schon. Christian kam es vor, als ob alle ihn musterten, denn er schien der einzige Schüler zu sein, den niemand kannte. Es war, als er eintrat, nur noch ein Platz am Eingang frei; man saß dort wie auf einem Präsentierteller, was Robert, der frech einen Kaugummi kaute und seine Blicke zu den Mädchen schweifen ließ, nicht im geringsten zu stören schien. Christian dagegen schämte sich; justament an diesem Tag blühte seine Akne wie ein Weidenbaum im Frühling. Verenas Familie hatte sich in die hinterste Reihe unter die hochliegenden Kippfenster gesetzt, so daß Christian Verena beobachten konnte. Sie grüßte einige Mitschüler, freundlich, aber distanziert, wie ihm schien. Das Stimmengewirr schwoll allmählich ab. Verstohlene Blicke. Christian senkte den Kopf und wagte es nicht, etwas anderes anzusehen als seine Fingernägel, die neue Uhr oder den weißhaarigen Mathematiklehrer Baumann, der vorn, weit entfernt, vom Pult aus eine Einweisung in sozialistische Jugenderziehung gab, dabei wirkte sein Apfelbäckchengesicht eigenartig lausbübisch — als glaubte er selbst nicht alles von dem, was er erzählte. Aber Christian spürte, daß man weniger dieser Freundlichkeit als dem Blitzen der blank-scharfen, randlosen Brille trauen sollte … Bei diesem Brilleblitzer mit dem Oberstudienratskopf, das ahnte Christian, würde er nicht gut angeschrieben stehen. Zu grauenhaft waren seine mathematischen Fähigkeiten. Die Dunkle hinten bei den Fenstern, dachte er, war bestimmt gut in Mathe, und bestimmt war sie überhaupt gut in der Schule. Eine Streberin, klarer Fall.

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