Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: cbt/cbj Verlag
- ISBN: 978-3-641-02418-5
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten». Краткое содержание книги:
Das Dienstmädchen stieß ein erschrockenes Quieken aus. »Fräulein Spiegelgold! Was -«
Apolonia zog sich würdevoll ihren Morgenmantel zurecht und drängte sich am Dienstmädchen vorbei. »Nur ein Morgenspaziergang. Und kein Wort darüber an meine Tante.«
Sie lief die lange Wendeltreppe hinauf in ihr Zimmer. Die Tür stand noch offen. Sie dachte daran, wie wohl Trude reagieren würde, wenn sie am Morgen in ihr Zimmer kam und es leer vorfand. Fast tat die alte Amme ihr leid.
Als Apolonia eintrat, war der Junge bereits im Zimmer. Gerade rollte er sein Seil ein und machte das Fenster zu.
»Trägst du das eigentlich immer mit dir rum?«, fragte Apolonia unfreundlich und schloss die Tür.
»Man kann nie wissen, wer einem nachts aus Fenstern folgen will.« Er verstaute das Seil in der Innentasche seines Jacketts. Dann standen sie sich schweigend gegenüber, jeder am anderen Ende des Zimmers, und blickten sich an. Apolonia wurde bewusst, wie sie aussah. Aus irgendeinem Grund musste sie daran denken, was Trude einmal gesagt hatte, als sie aus der Nonnenschule heimgekommen war: »Um Gottes willen, wo sind Ihre Handschuhe? Man kann ja Ihre bloßen Hände sehen!«
Sie räusperte sich. »Also schön. Das Bett. Ich meine, unter das Bett. Mit dir.«
»Was?« Der Junge lächelte nervös.
»Du sollst unter das Bett. Jetzt.«
Tigwids Gesicht schien rosafarbener als sonst. »Ach so, da bewahrst du normalerweise deine Gäste auf.«
»Ich werde mich umziehen, deshalb.«
Tigwid warf einen Blick zum Ankleideraum. »Kann ich nicht einfach da reingehen?«
Apolonia musterte ihn eisig. »Ich lasse dich nicht allein in mein Ankleidezimmer. Du sagtest mir bereits, dass du ein Dieb bist, schon vergessen?«
»Ah, ja. Was für ein Jammer!« Er ließ sich, so würdevoll es ging, auf alle viere sinken und kroch unter ihr Bett. »Weißt du, ich wollte schon immer mal ein Kleid klauen. So ein schönes ... äh... mit Rüschen und Spitze und ... mit dazu passenden Strümpfen. Hab gehört, die sind höchst angenehm zu tragen. Und dazu noch eins von diesen Korsetts, damit auch ich endlich mal so’ne richtig schlanke Taille hab.«
Apolonia musste gegen ihren Willen grinsen. Dieser Schwachkopf!
»Ah, richtig bequem hier unten! Wo hast du bloß diesen Teppich her? Der ist flauschiger als alle Bettdecken, die ich je hatte!«
»Soviel ich weiß, wurde er in Dänemark hergestellt«, bemerkte Apolonia, während sie in das nächstbeste Kleid schlüpfte, das vorne zugeknöpft werden konnte. Trotzdem fiel es ihr schwer, sich anzuziehen.
»Verdammte Dinger!«, murmelte sie, während der Junge unter dem Bett fröhlich weiterplapperte. Die Knöpfe waren ja kaum in die Löcher zu bekommen! Und wieso gab es plötzlich mehr Knöpfe als Knopflöcher ...? An ihre Haare wagte Apolonia sich gar nicht erst ran - sie konnte sie kaum richtig kämmen, ohne sie sich büschelweise auszureißen, geschweige denn einen Zopf flechten. Nach kurzer Überwindung spuckte sie in ihre Hand und strich sich die widerspenstigsten Strähnen platt an den Kopf.
Tigwid faselte noch immer irgendetwas über die exzellente Nachgiebigkeit der Bettspiralen. Apolonia schlich an ihren Schreibtisch, zog ein Papier hervor, öffnete ihr Tintenfass und verfasste eine Nachricht. Dann schob sie das Blatt in einen Umschlag und schrieb den Empfänger darauf. Trude würde schon verstehen.
Als sie das Tintenfässchen zurückstellte, stieß sie versehentlich einen Bücherstapel um. Sie verfluchte sich innerlich, als die Bücher polternd zu Boden fielen.
»Probleme mit dem Korsett?«, erkundigte sich Tigwid.
Apolonia verdrehte die Augen. »Ich habe doch keine vier Hände, um mir ein Korsett allein anzuziehen.«
»Ist das etwa - eine versteckte Bitte um Hilfe?«
»Nein!«
»Gott sei Dank. Für einen Augenblick habe ich schon um die feinen Manieren des Fräuleins gefürchtet.«
»Sehr witzig. Und jetzt komm raus, ich bin fertig.«
Er brauchte so lange, dass Apolonia noch Zeit hatte, in ihre Stiefel zu schlüpfen.
»Verdammt«, knurrte sie. Welcher komplizierte Mensch hatte eigentlich Schnürsenkel erfunden? Sie gab das Gewurstel der Schnüre auf, als der Junge aufstand. Als er sie sah, brach er in Gelächter aus.
»Wie du ausschaust, könnte man meinen, dass du nicht mal zwei Hände hast!«
Unmutig blickte Apolonia an sich hinab. Ihr Kleid schlug merkwürdige Wellen, wo die Knöpfe in falschen Löchern steckten.
»Das ist nicht so leicht, wie es aussieht«, fauchte sie. Langsam reichte es ihr. »Ich habe das noch nie gemacht!«
»Offensichtlich. Schau mal - es ist ganz leicht. Das Loch liegt dem Knopf genau gegenüber.« Er beruhigte sich und zeigte ihr das Zuknöpfen an seinem Jackett. »Da, du hast den obersten Knopf am Kragen mit dem darunter vertauscht. Und da ...« Er kicherte. »Hast du dein Nachthemd noch drunter? Ich kann es nämlich sehen, da, am Bauch. Warte, ich helfe dir. Darf ich?« Er kam näher und berührte ihren Kragen. Vorsichtig machte er die Knöpfe wieder auf und richtig zu.
Nie hatte Apolonia sich so erniedrigt gefühlt. Sie blickte ihm in die Augen, fand aber nicht den erwarteten Spott. Nur ein amüsiertes Blitzen. Er hatte eine kleine Sommersprosse direkt unter den Wimpern.
»So.«
»Ja. Danke.« Sie drehte sich um und nahm ihren dunkelroten Mantel von der Stuhllehne. Den Schal schlang sie sich um den Hals. Plötzlich merkte sie, wie sich ihr Rock bewegte. Sie blickte hinab und sah, dass der Stoff wie verzaubert um ihre Knie schwebte. Entsetzt fuhr sie herum.
Tigwid duckte sich gerade noch vor ihrer Ohrfeige. Strahlend sprang er wieder auf. »Du kannst deine Schnürsenkel nicht binden!«
In diesem Augenblick traf ihn eine zweite Ohrfeige von links.
»Das nächste Mal benutze ich die Faust, klar?« Apolonia ballte wütend die Hände.
Tigwid rang sich trotz seiner geröteten Wange zu einem Lächeln durch. »Dann benutze ich nächstes Mal auch meine Hände, einverstanden?«
Er legte die Fingerspitzen auf ihren Rock. Als Apolonia zu einem Tritt ausholte, wich er flink zur Seite aus. Ihr ungeschnürter Stiefel rutschte ihr vom Fuß und machte ein paar elegante Überschläge, ehe er auf dem Boden landete. Tigwid lachte.
»Weißt du eigentlich, dass du wie ein asthmatisches Rebhuhn klingst?«
»Soll ich dir vielleicht auch bei deinen Schnürsenkeln helfen?«
»Wenn ich dich als Fußabtreter benutze, vielleicht!« Apolonia stieg zornig wieder in ihren Stiefel und schlug sich den Mantel vor der Brust zu. »Wir gehen.«
Als er ihr folgte, fuhr sie herum. »Ich gehe durch die Haustür. Du gehst aus dem Fenster.«
Ob es nun an Apolonias überschwänglicher Freundlichkeit lag oder seiner unerträglich guten Laune, jedenfalls sah der Junge sie fröhlich an.
»Ich bin doch ein Dieb. Vielleicht klaue ich dir ein paar Rüschenhauben, wenn du weg bist.«
»Stimmt. Du gehst zuerst.«
Als Tigwid auf der Straße aufkam, verschloss Apolonia sorgfältig das Fenster und verließ ihr Zimmer. Im Vorübergehen warf sie einen letzten Blick auf ihren Brief. »Trude ... enttäusche mich nicht.«
An diesem Morgen fiel der erste Schnee. Wie Puderzucker rieselte er auf die Stadt herab und innerhalb kurzer Zeit trugen die Hausdächer und Straßenlaternen weiße Hüte. Die Flocken ließen sich auch auf Tigwid und Apolonia nieder, als sie durch die schlummernden Straßen schritten. Hier, in den vornehmen Vierteln, war zu dieser Stunde noch niemand wach. Nur einmal kam ein Dienstmädchen vor die Tür, um drei Pudel spazieren zu führen. Sonst war alles in dämmrige Stille versunken. Apolonia kam es vor, als befänden sie sich in einer groß gewordenen Zuckerlandschaft: Die mit ockergelbem, lindgrünem und rosafarbenem Stuck verzierten Fassaden sahen aus wie riesiges Marzipankonfekt. Beinahe hatte sie Freude daran, ihre Fußspuren in den Schnee zu setzen, wissend, dass sie die Erste war ... aber sie zwang das kindliche Empfinden zurück. Sie musste sich voll und ganz konzentrieren.