Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: cbt/cbj Verlag
- ISBN: 978-3-641-02418-5
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten». Краткое содержание книги:
Apolonia klappte das Tagebuch zu. Eine Weile blieb sie reglos sitzen. Draußen dämmerte es. Leise prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben, wie zarte Marderkrallen klang es, die gegen das Glas klackerten. Apolonia stand auf und nahm ihre Geige zur Hand. Wenn sie früher eine Pause während ihrer Lehrstunden gemacht hatte, war sie Geige spielen gegangen. Es hatte etwas Beruhigendes an sich.
Auch als Apolonia nun ans Fenster trat und zu spielen begann, breitete sich ein Gefühl des Friedens in ihr aus. Nichts zählte mehr, nur noch die Noten, die Melodie ... Sie musste an nichts denken außer an die klingende Schönheit, die ihr aus den Fingern schlüpfte.
Eine Weile funktionierte es. Dann brach sie in einem schiefen Ton ab und ließ das teure Instrument einfach fallen. Missmutig blickte sie ins schwimmende Grau, das die Stadt überflutete. Apolonia spürte, wie ein tiefer Groll gegen alles, was es auf der Welt gab, in ihrem Inneren Form gewann. Sie hasste alles! Den Regen und dieses Zimmer, sie hasste ihre Haare, die ihr auf der Haut kitzelten und kratzten, hasste diese Pute von einer Tante und ihren Onkel, hasste sogar Trude für ihre Einfältigkeit, hasste die Stadt und hasste ihren Vater.
Mit einem wütenden Wimmern ließ sie sich aufs Bett fallen und drückte ein paar Tränen in ihre Kissen. Danach fühlte sie sich ein bisschen leichter.
Sie blieb so im Bett liegen, während das Grau von draußen in ihr Zimmer hereinkroch, sich immer dichter um die Möbel hüllte und den Boden und die Wände überzog. Erst als Apolonia ein leises Trappeln auf dem Teppich hörte, richtete sie sich auf. Aus einem Loch in der stuckverzierten Wand waren drei Ratten geschlüpft und hoppelten auf sie zu. Vor dem Bett blieben sie stehen, stellten sich auf die Hinterbeine und quiekten zu ihr empor. Sie grüßten sie mit dem Bild der Königin, die auf der Weltkugel tanzt.
Apolonia lächelte matt, als sie die Bitte der Ratten verstand. »Also gut«, murmelte sie, stand auf und hob ihre Geige auf. Die drei Ratten tummelten sich aufgeregt um ihre Füße. Apolonia begann zu spielen. Sie spielte eine schnelle, lustige Melodie, die sie eigentlich nicht besonders mochte - aber die Ratten liebten sie.
Eine Weile lauschten sie ihr mit zitternden Schnuten. Dann, wie auf ein unsichtbares Zeichen hin, begannen sie durcheinanderzuspringen. Sie tanzten.
Apolonia lächelte breiter. Schneller ließ sie den Bogen über die Saiten gleiten, entlockte dem Instrument seine schönsten Klänge. Angezogen von der Musik, kletterten erst zwei, dann vier weitere Ratten durch das Loch in der Wand. Andächtig lauschten sie Apolonias Melodie, sprangen um ihre Füße und quiekten; wie Lachen klang es, wie Kichern. Die Ratten umtanzten Apolonia, und sie drehte sich in ihrer Mitte, getragen von der Musik, getragen von der kleinen, großen Freude rings um sie ...
Apolonia drehte sich und ihr Blick streifte das Fenster. Draußen, auf ihrem Fensterbrett, saß jemand. Ein Mensch.
Vor Schreck ließ Apolonia den Bogen fallen. Die Gestalt war augenblicklich verschwunden. Nur der Regen kroch über die Glasscheibe.
Die Ratten fiepten erschrocken auf, als der Geigenbogen einer von ihnen auf den Schwanz fiel. Apolonia schaute verwirrt zu ihnen hinab, da erklang draußen ein lang gezogenes Jaulen und die Ratten ergriffen alarmiert die Flucht. Wenn es etwas gab, wovor sie sich fürchteten, dann war es der schwarze Bernhardinermischling, der hin und wieder bei Apolonia schlief. Apolonia sah ihnen einen Moment lang nach, wie sie eine nach der anderen durchs Loch in der Wand schlüpften. Dann lief sie ans Fenster und blickte hinaus.
Unten auf der Straße saß ein braunscheckiger Hund im Regen. Die Bäume des Parks glänzten eisengrau und blattlos und von der nächsten Straßenlaterne troff ein Wasserstrahl. Keine Gestalt. Die Straßen waren menschenleer.
Hatte sie sich den Schatten vor dem Fenster eingebildet? Dabei hätte sie schwören können, etwas gesehen zu haben ... Ein neuerliches Jaulen riss sie aus ihren Gedanken. Der Hund auf der Straße schüttelte sich, dass silberne Wassertropfen aus seinem Fell spritzten.
Apolonia warf sich einen breiten Schal um die Schultern, dann lief sie aus ihrem Zimmer Richtung Dienstbotenausgang, um Hunger hineinzuholen. Bestimmt hatte er wieder ein Dutzend Zecken. Und - wie immer - Hunger.
Der braunscheckige Hunger machte es sich in Apolonias Bett gemütlich, nachdem er eine doppelte Portion Gulasch verdrückt hatte. Trude war überaus erfreut gewesen, als Apolonia sie um das Gulasch gebeten hatte, denn normalerweise wollte Apolonia kein Fleisch essen. Sie aß auch gar keins - jedes Mal wenn sie Trude ein Fleischgericht bringen ließ, war es für einen ihrer tierischen Gäste gedacht.
Hunger streckte genüsslich alle vier Pfoten von sich und vergrub die Schnauze in den Kissen. Apolonia hatte ihm bereits alle Zecken entfernt und das Fell gekämmt und er fühlte sich so erfrischt und wohl wie lange nicht mehr.
Rutsch mal, sagte Apolonia. Hunger machte ihr Platz und legte anschließend den Kopf auf ihren Arm. Draußen hatte es aufgehört zu regnen. Es war eine stockfinstere Nacht und so kalt, dass Frost die Straßenlaternen überzog. Hund und Mädchen kuschelten sich tief in die Decken. Es war ganz dunkel, nur die Glut, die im Kamin glühte, tauchte das Zimmer in sanftes Licht. Apolonia döste ein ...
Sie träumte, dass sie wieder klein war. Sie strich durch die langen Flure der Buchhandlung, umgeben von Wandregalen, und fand ihren Vater bei den Klassikern stehen, mit der Lesebrille in der Hand, die ersten und letzten Seiten der Bücher überfliegend. Er legte einen Arm um sie, mehr stolz als liebevoll.
»Geschichten sind die Essenz des Lebens, Apolonia«, sagte er, so ernst wie immer, und sie hatte das Gefühl, dass es auf der ganzen Welt keinen gescheiteren Menschen gab. »Menschen kommen und gehen. Aber Geschichten überdauern die Zeit, denn sie sind hier in den Büchern, sie sind wie Schätze eingeschlossen und leben ewig. Du, Apolonia, wirst all das hier erben und nach mir die Bücher kaufen, verkaufen und lieben, die die ganze Schönheit der Welt in sich tragen.«
»Ja«, sagte Apolonia. »Das will ich tun, Vater.«
Die Königin, die auf der Welt tanzt!
Das Bild kam immer wieder, grell und leuchtend. Apolonia fuhr aus dem Schlaf, als hätte jemand ihren Namen geschrien. Hunger saß aufrecht im Bett und winselte leise.
»Was ist denn?«, flüsterte sie müde.
Das Haus. Es ist dunkel und still. Tauben und Kutschenrattern in den verlassenen Korridoren.
»Was?« Apolonia blinzelte.
Wer ist Tauben und Kutschenrattern? Ein Hund?
Hunger wackelte ungeduldig mit den Ohren.
Das Bild von einem Menschenjungen. Er steht an der Straßenecke im Regen und sieht Hunger an. Er stellt sich vor als Tauben und Kutschenrattern.
»Was?« Apolonia war plötzlich hellwach. Sie richtete sich auf und starrte Hunger an.
Ein Menschenjunge? Wie konnte er sich vorstellen?
Wie du.
»Wie ... ich?« Das war unmöglich! Niemand konnte wie sie mit Tieren ...
Er hat sich vorgestellt mit den Bildern von Tauben und Kutschenrädern?
Nein ... mit den Geräuschen.
»Den Geräuschen ... er hat versucht, seinen Namen zu erklären. Seinen menschlichen Namen.« Apolonia schlug die Decke zurück, stand auf und fasste sich an den Kopf. Tausend Gedanken bestürmten sie auf einmal.
Jemand hatte mit Hunger gesprochen. Ein Junge. Er war fähig gewesen, Hunger seinen Namen mitzuteilen, wenn auch ungeschickt - schließlich gab es bei Tieren keine Klangnamen, nur Bilder. Und dieser Junge war im Haus.