Nie mehr Nacht
- Автор: Бонне Мирко
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: Schöffling & Co.
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Nie mehr Nacht». Краткое содержание книги:
NIE MEHR NACHT erzählt schonungslos und ergreifend von der Befreiung Frankreichs, bei der zahllose junge Männer umkamen, die kaum älter als Jesse waren. Dem Zeichner aber ist es zunehmend unmöglich, die Verheerungen des Krieges künstlerisch darzustellen. Doch beinahe noch schwerer fällt es ihm, den Tod der geliebten Schwester zu vergessen. Denn während ein dramatisches Kapitel europäischer Geschichte auf unheimliche Weise in ihm auflebt, stellt sich Markus Lee einem Trauma der eigenen Jugend und Abgründen seiner Familie.
II. BRÜCKEN TAGE
ALS ICH AM NÄCHSTEN MORGEN zum ersten Mal aus dem Fenster sah, regnete es. Entlang der Ärmelkanalküste fiel feiner Nieselregen, und scharfer Wind kam über die See, so stark, dass die großen Möwen, die in Scharen über dem Hotel und der Steilküste unterwegs waren, lange in der Luft stehen blieben, ehe sie abdrehten und in weiten Bögen hinunterstürzten zur Wasserlinie.
Eine Weile stand ich nur da und sah ihnen zu. Dutzende segelten vor den Fenstern hin und her, unten am Strand und entlang der begrasten Böschungen aber mussten hunderte sein. Ich hörte sie schreien, hörte wieder das Geschrei, das mich geweckt und aus dem Bett getrieben hatte. Im Zimmer war es ziemlich kalt, aber es war ein sauberes, sehr einfaches Zimmer, nur Bett, verspiegelter Einbauschrank, Garderobe, Schreibtisch, Stuhl, das gefiel mir. Gleich beim Hereinkommen am späten Abend hatte ich die Heizung ausgestellt. Der verblasste Druck eines Ölgemäldes von Sisley hing darüber, Die Überschwemmung der Seine bei Port-Marly. Meine Augen wanderten über das Bild. Ich suchte nach Möwen darauf, aber da waren keine, und so versank ich in der Tiefe des Raums, die durch die Weite des Wassers entstand und nicht preisgab, was unter der Oberfläche lag.
Ich fand es sogar schön, aufs Meer zu sehen und dabei zu frieren. Die klamme Kälte weckte mich auf. Es war gut, hier zu sein, und ich dachte an Jesse, während ich die Möwen dabei beobachtete, wie sie in der Luft standen, sich treiben ließen und wie sie miteinander im Flug rangelten und spielten. Wie fantastisch groß sie sind. Das müssen Seemöwen sein. Du bist an der See, dachte ich, noch ehe ich ganz bei mir war. Fast kann man England sehen. Irgendwo da drüben in dem Dunst fängt Sussex an.
Alle bewohnten Zimmer lagen im zweiten Stock des Hotels, das drei Etagen und ein ausgebautes Dachgeschoss hatte. Es waren fünf der fünfundzwanzig Zimmer auf einem Korridor, und alle fünf blickten auf Steilküste und Meer. Ove Juhl schlief in dem an der Treppe, weil er meist schon sehr früh auf Beobachtungswanderung ging. Es gab eine Verbindungstür zum Nebenzimmer, in dem seine Frau zusammen mit der Jüngsten wohnte. Die ältere Tochter Margo war sechzehn und ein hübsches, etwas unsicheres Mädchen. Sie hatte in der Flurmitte ein Zimmer für sich. Ein paar Türen weiter lag das Zimmer von Niels und Jesse, und in Nummer 25 endlich war ich untergebracht.
Vor dem Zubettgehen hatten uns Juhls mit Schinkenbroten, Käse, Oliven und Salat verköstigt. Maybritt, Ove und ich tranken einen nach Nuss schmeckenden Wein dazu. Margo hatte ihre Gitarre in die Küche mitgebracht, spielte aber nicht darauf, sondern versteckte sich lieber dahinter, Jesse erzählte von der Fahrt durch Belgien und die Picardie, Niels von Bunkerruinen, und Cat stemmte sich tapfer gegen die Müdigkeit, die sie auf Jesses Schoß überkam. Als sie eingeschlafen war, trug Ove Juhl sie nach oben und kam auch selber nicht zurück. Maybritt schenkte zwei Calvados ein und erklärte mir, dass ihr Mann einen anderen Rhythmus habe, wenn sie an der See seien, den der großen Zugvögel, sagte sie mit einem Lächeln und blickte zur Decke, wo aber nichts zu sehen war.
Mit Margo hatten Jesse und ich kaum ein Wort gewechselt. Sie hatte etwas Abwartendes an sich, das mir auf Anhieb gefiel, und schien andere gern zu beobachten, ohne von ihrer Zurückhaltung viel Aufhebens zu machen. Das war also Margo, die angeblich nicht der Rede wert war und die der Junge nach Kräften verschwieg. Ein Zimmer für sich hatte das Mädchen nicht, so konnte man es nicht nennen, denn es gab noch einen weiteren Gast im L’Angleterre. Margo hatte einen Hund und bestand darauf, dass der nicht etwa in der Küche im Souterrain, wo gegessen wurde, oder oben im Fernseh- und Billardraum seine Decke liegen hatte. Carlo schlief bei ihr im Zimmer. Er war ein ziemlich großer Hund, ein noch junger, etwas täppischer und sehr neugieriger Riesenschnauzer. Jesse und Niels sagten Carlos zu ihm, Cat nannte ihn je nach Stimmungslage Knutschi oder König Mundgeruch.
Mein Zimmer hatte nur ein kleines Handwaschbecken, aber kein eigenes Bad, und es lag ganz am Flurende, kurz vor der Tür zur Nottreppe. Vielleicht war es früher als Dienstmädchenzimmer oder Abstellkammer genutzt worden. Ich räumte meine Sachen in den Schrank und packte Zeichenblöcke, Stifte, McCoy Lees Buch und die Straßenkarte in den Rucksack, dann ging ich duschen.
Im Korridor war das Möwengeschrei kaum mehr zu hören, und aus dem Zimmer der Jungs kam kein Mucks. Obwohl ihm Maybritt Juhl ein eigenes zurechtgemacht hatte, das neben meinem lag, war Jesse erwartungsgemäß zu Niels gezogen. Ich war mir sicher, dass die beiden kein Auge zugemacht und die ganze Nacht geredet hatten. Wahrscheinlich waren sie erst eingeschlafen, als mir schon längst die Möwen durch den Kopf schwirrten.
Überall in dem alten Hotel hingen gerahmte Bilder an den Wänden. Gleich in der Lobby waren sie mir aufgefallen, lauter Bilder, die nicht zusammenpassten, weder in dem, was sie darstellten, noch in ihrer Größe oder Machart. Das Einzige, was sie verband, war der Flur, war das Haus, in dem sie kreuz und quer überall hingen, und ihre Verschiedenartigkeit. Auf dem Weg zum Bad gab es keinen Rahmen doppelt. Eine größere Radierung hing neben einer Postkarte hinter Glas, eine naive Tuschzeichnung folgte auf einen abstrakten Druck, ein Zeitungsausriss von einem Speedwayfahrer vergilbte nicht weit von einem großformatigen Ölbild, das einen Reiter in Uniform auf einem Glanzrappen zeigte. Immer wieder blieb ich vor dem Sammelsurium stehen und kam mir wie in einem Museum der Beliebigkeit vor. Es war zum Lachen und zugleich bewegend. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an den verschiedenen Farben, Formen, winzigen und übergroßen Formaten. So spartanisch mein Zimmer war, so lebendig, bunt und wirr wimmelte es an den Korridortapeten.
Mit Handtuch und Kulturtasche unterm Arm schritt ich vorbei an Landschaften, die ich nie gesehen hatte, an Gesichtern, die mir erträumt vorkamen, Ahnenporträts, Hundeköpfen, Vogelschwingen, Schmetterlingen, Blumen und Bäumen. Kein Bild war schön und keins hässlich. Jedes war zugleich besonders und austauschbar, aber gerade das gefiel mir an dem Flur und dem Treppenaufgang, wo sich die Galerie fortsetzte, damit sie nahtlos in den anderen Stockwerken weitergehen konnte.
Eine alte Schwarzweißfotografie zeigte ein Zwillingspaar. Zwei Schwestern mit kräftigen Oberarmen saßen auf Stühlen an einem Fenster, vor dem es dunkel war. Sie waren noch keine zwanzig. Beide trugen sie das gleiche ärmellose Sommerkleid, hielten die Hände im Schoß verschränkt und blickten lächelnd, die eine heiter, die andere höflich, in die Kamera.
Das Foto hing fast an der Treppe. Durch das große Seitenfenster fiel milchig weißes Morgenlicht auf die beiden Gesichter, und während ich dicht an das Bild heranging und mich fragte, wen es darstellte und wer es aufgehängt hatte, hörte ich Maybritt Juhl und ihre kleine Tochter, die sich unten in der Küche unterhielten und Frühstück machten. Ich bin gerettet, dachte ich unter der Dusche. Als ich das Wasser immer kälter drehte, konnte ich mir sogar vorstellen, im Hotel zu bleiben und im Meer schwimmen zu gehen, anstatt loszufahren, um mir die erste Brücke anzusehen.
Maybritt Juhl war ein paar Jahre älter als ich, auch etwas größer. Sie war schlank und sportlich, lachte viel und verhielt sich in meiner Gegenwart von Anfang an völlig ungezwungen, ganz so, als würden wir uns lange kennen. Wie ihr Mann kam sie von einer kleinen dänischen Insel im Kattegat, von der ich nie gehört hatte. Eine Vogelinsel.