Nie mehr Nacht
- Автор: Бонне Мирко
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: Schöffling & Co.
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Nie mehr Nacht». Краткое содержание книги:
NIE MEHR NACHT erzählt schonungslos und ergreifend von der Befreiung Frankreichs, bei der zahllose junge Männer umkamen, die kaum älter als Jesse waren. Dem Zeichner aber ist es zunehmend unmöglich, die Verheerungen des Krieges künstlerisch darzustellen. Doch beinahe noch schwerer fällt es ihm, den Tod der geliebten Schwester zu vergessen. Denn während ein dramatisches Kapitel europäischer Geschichte auf unheimliche Weise in ihm auflebt, stellt sich Markus Lee einem Trauma der eigenen Jugend und Abgründen seiner Familie.
Und deine? Was ist deine? Am liebsten hätte ich gleich noch mal angehalten und auch meinen Koffer nach Klamotten durchforstet, die ich dann irgendwo auf einem dunklen Parkplatz hätte in die Bäume hängen können. Dieses Ballastabwerfen ist erst der Anfang. Nimm dir vor, jeden Tag was auszusortieren und dich davon zu trennen, sagte ich mir, und wenn es nur eine Socke ist oder eine Batterie zu einem Gerät, von dem dir dann nicht mehr die Anoraktasche brummt.
Auf meine Frage, worüber er sich mit dem Kassierer an der Raststätte unterhalten hatte, wusste Jesse keine Antwort. Inzwischen war es draußen völlig dunkel, doch davon ließ ich mich nicht irritieren. Die Gewissheit, dass wir auf dem letzten Wegstück waren, stimmte mich heiter und ausgelassen, und eine Zeit lang kam ich mir beinahe schwerelos vor, wie wir da so durch die Nacht fuhren und dabei aßen, Jesse Pommes frites und ich ein Käsecroissant mit zerschrumpeltem Salatblatt.
«Ich hab bloß irgendwas mit ihm geredet«, meinte er irgendwann.»Wollte ihn ablenken, weil ich eigentlich was klauen wollte, für Niels als Geschenk. Hab ich dann aber seinlassen.«
Das erste grüne Schild, das nur noch Bayeux ankündigte, 27 km, stand verlassen am Fahrbahnrand.
So finster wie möglich sah ich ihn an.
«Dir ist klar, dass du sofort nach Hause fährst, sollte so was nur einmal vorkommen.«
«He, Mann, das war ein Scherz! Hab ich dir das Restgeld zurückgegeben oder nicht?«
«Ja, hast du. Hab ich da Glück gehabt?«
«Nein, hast du nicht. Weil ich nämlich nicht klaue«, sagte er.»Aber ich hab ja wohl Pech, dass du das Geld, das Oma dir für mich gibt, zum Tanken ausgibst! Und du hast Pech, dass sie mir sagt, wenn sie dir Geld für mich gibt!«
Tonlos sagte ich, dass er das Geld gern haben könne, sobald er Rücksicht auf andere Leute nehme, zum Beispiel mich.
Wann er denn keine Rücksicht auf mich genommen hätte, wollte er empört wissen. Er nehme immer Rücksicht!
«Du kannst andere Leute ohne deren Erlaubnis nicht filmen, und hast du sie doch gefilmt, dann musst du den Film löschen, falls sie das wünschen. So ist es nun mal, und dafür gibt es Gründe. Füll ein vierseitiges Antragsformular aus, und ich entscheide, ob du den Film behalten kannst.«
«Ich werde deinen blöden Film löschen«, maulte er.»Aber erst, wenn ich es will. Ich meine, bitte: Wem gehört mein Handy? Mir oder mir? Abgesehen davon, dass du nicht wünschst, ich soll den Film löschen, sondern es befiehlst.«
So ging es weiter. Schluss mit der Ausgelassenheit. Wir kamen zu keiner Übereinkunft, und ich hatte keine Lust, mich durchsetzen zu müssen. Ich wollte, dass er das respektierte, fürchtete aber, dass ich zu viel von ihm verlangte.
«Ist gut«, sagte ich nach einer Weile und meinte das Gegenteiclass="underline" »Du wirst schon sehen, was du davon hast — gar nichts.«
Jesse blickte hinauf zum Spiel des Lichts an der Windschutzscheibe. Entgegenkommende Scheinwerfer und vorausfahrende Rücklichter spiegelten sich dort, aber auch das Blau seines Handydisplays war auf dem Glas zu sehen. Das Lichterspiel vollzog seltsame, dabei regelmäßige Bewegungen, es wechselte, und doch blieb es dort, so wie sich die Strömung eines Bachs zugleich veränderte und gleichblieb mit dem Vorrücken der Sonne.
Schließlich trat ein, was der Zweck der ganzen Streiterei war, Ruhe. Ich sagte nichts mehr, und nach ein paar letzten ins Dunkel genölten Flapsigkeiten hielt auch Jesse den Schnabel.»Ruhe zieht das Leben an, Unruhe verscheucht es; Gott hält sich mäuschenstill, darum bewegt sich die Welt um ihn«, hieß es im Grünen Heinrich. Allerdings meinte Gottfried Keller damit bestimmt eine andere Ruhe.
«Halt an«, hätte meine Mutter zu meinem Vater gesagt. Und sie hätte sich zu Ira und mir umgedreht und uns angefaucht:»Wir fahren nicht weiter, bis ihr Ruhe gebt. Verstanden? Habt ihr das verstanden? Und wenn es bis morgen früh dauert — wir werden hier stehen, hier auf diesem Fleck, bis ihr schwarz seid.«
Und mein Vater hätte abgebremst. Womöglich wäre er auf die Kriechspur gefahren und hätte am helllichten Tag oder mitten in der Nacht den Warnblinker eingeschaltet. Aber nie und nimmer hätte er wirklich anhalten müssen. Wir hätten Ruhe gegeben, Ira und ich wären ruhig gewesen, so lange, bis mein Vater die allgemeine Versöhnung angemahnt und meine Mutter gesagt hätte, sie vertrage sich mit jedem, mit jedem, und jetzt Ruhe.
Ausgerechnet meinem Vater, einem Verfechter zweckorientierter Lektüre, der zuletzt als Architekturstudent zwei Romane von John Steinbeck und seither in seiner Freizeit nur Bücher über Aeroplane, Zeppeline und die Geschichte des Luftkriegs gelesen hatte, schenkte meine Mutter zu seinem fünfzigsten Geburtstag den dicken Wälzer eines seit beinahe hundert Jahren toten Schweizers. Zwar staunte er, dass jener erfundene Mensch, von dessen Kindheit und Jugend, ersten stürmischen Liebschaften und ersten bitteren Enttäuschungen der Roman handelte, genauso hieß wie er selber. Und dennoch las Heinrich Lee, mein Vater, das Buch über diesen anderen Heinrich Lee nie. Ein ausgedachter junger Zeichner, der herausfand, dass er nicht Zeichner, sondern Dichter war, interessierte ihn nicht.»Für ruhigere Stunden, Tage und Jahre — immer Deine Rebecca«, hatte meine Mutter als Widmung hineingeschrieben. Ich wusste nicht mehr, wann ich das Buch entweder von meinem Vater ausgeliehen oder es einfach mitgenommen hatte. Ich hatte den Grünen Heinrich schon sehr lang.
In dem Rohbau, dessen Fertigstellung der junge Architekt Heinrich Lee beaufsichtigte, hatten sich Mäuse eingenistet. Eine ganze Mäusesiedlung war in den Dachstuhl gezogen und musste dort sorglos gelebt haben, bis zufällig ein Marder davon Wind bekam. Er fraß die Mäuse nachts, tagsüber füllte er unter dem First seine Latrine, bis es dort schließlich so stank, dass ein Maurerpolier meinen Vater alarmierte. Als er eines Abends allein in das Dachgeschoss hinaufstieg, sah er nicht nur das Gemetzel mit an, sondern sah sich dem ertappten und in die Enge getriebenen Jäger auch selber gegenüber. Der Marder fauchte, sagte mein Vater. Dunkelbraune, böse Augen hatte er. Und richtete er sich auf, dann war er so groß wie ein Dackel. Als mein Vater ihn mit einer Eisenstange zu verscheuchen versuchte, ging der Marder auf ihn los, sprang ihn an und biss nach ihm — sodass nicht das Tier hinausflüchtete in eine Nacht des Sommers ’64, sondern er selber, Ende zwanzig, frisch verheiratet, kinderlos. Ira und ich, wir waren noch Sterne.
Und das Tier dachte nicht daran, über Nacht Reißaus zu nehmen, was in den Augen meines Vaters wohl ein Kompromiss gewesen wäre. Der Marder blieb da, fraß die Mäuse und verteidigte sein Dach, sobald mein Vater abends hinaufging, um ihn an die frische Luft zu befördern. Wochenlang fuhr er beinahe jede Nacht hinaus zu dem leerstehenden Haus am Waldrand. So wenig wie die Eisenstange richtete Gift etwas aus. Auch tagelange Lärmbeschallung half nicht weiter. Der Marder schien taub zu sein, doch nur so lange, bis er Heinrich Lee kommen hörte. Dann fauchte er und quiekte. Unterdessen fraßen die Mäuse das Gift, der Marder aber nicht etwa die qualvoll verendeten Nager. Nur über deren wimmelnde Brut fiel er her.
Und das Ende der Geschichte: Während mein Vater schon mit einem Kammerjäger sprach und ein Buch über Steinmarder studierte, entließ ihn der Hauseigentümer aus seinem Vertrag. Im Parterre und ersten Stock zogen Mieter ein, und angeblich vertrieben sie den unliebsamen Bewohner aus dessen Mansarde. Ob der Marder tatsächlich geflohen oder nicht doch erlegt worden war, spielte allerdings nicht wirklich eine Rolle. Fortan lebte er nämlich im Kopf meines Vaters und hatte ein Dachzimmer für sich allein. Umgeben von Beutemäusen, die nie aufhörten nachzuwachsen, fauchte er dort und war der Stimme ganz nah, die mal sanft und mal aufbrausend nach Verständigung suchte, sie aber nicht fand.