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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Er ist besser als ihr alle!« schrie Natascha, sich wieder aufrichtend. »Wenn ihr uns nicht in den Weg gekommen wäret … Ach, mein Gott, warum, warum! Sonja, womit habe ich das um dich verdient? Geht hinaus …!«

Und sie begann so verzweifelt zu schluchzen, wie die Menschen nur bei solchem Leid weinen, daß sie sich bewußt sind, selbst verschuldet zu haben. Marja Dmitrijewna wollte noch etwas sagen; aber Natascha rief: »Geht hinaus, geht hinaus! Ihr haßt mich alle, ihr verachtet mich!« Und sie ließ sich wieder auf das Sofa zurücksinken.

Marja Dmitrijewna fuhr noch eine Weile fort, auf Natascha einzureden und ihr auseinanderzusetzen, daß die ganze Sache vor dem Grafen geheimgehalten werden müsse, und daß niemand etwas davon erfahren werde, wenn sich nur Natascha anheischig mache, alles aus ihrem Gedächtnis auszulöschen und sich allen zu zeigen, als ob nichts vorgefallen sei. Natascha antwortete nicht. Sie schluchzte auch nicht mehr; aber sie hatte Fieberfrost und Zittern. Marja Dmitrijewna schob ihr ein Kissen unter den Kopf, deckte sie mit zwei Decken zu und brachte ihr selbst Lindenblütentee; oder Natascha blieb alledem gegenüber völlig teilnahmslos.

»Na, mag sie schlafen!« sagte Marja Dmitrijewna und ging aus dem Zimmer in der Meinung, daß sie eingeschlafen sei.

Aber Natascha schlief nicht und blickte mit starren, weitgeöffneten Augen aus dem blassen Gesicht gerade vor sich hin. Diese ganze Nacht über fand sie keinen Schlaf und weinte nicht und redete nicht mit Sonja, die mehrmals aufstand und zu ihr herankam.

Am anderen Tag zur Frühstückszeit kam Graf Ilja Andrejewitsch, wie er versprochen hatte, von seinem Landhaus vor der Stadt zurück. Er war sehr vergnügt: das Geschäft mit dem Käufer war glücklich erledigt, und nichts hielt ihn jetzt mehr in Moskau zurück, wo er die Trennung von seiner Gattin recht schmerzlich empfand. Marja Dmitrijewna begrüßte ihn und teilte ihm mit, Natascha sei am vorhergehenden Tag ernstlich erkrankt; sie hätten den Arzt holen lassen; aber heute gehe es ihr besser. Natascha blieb den ganzen Vormittag in ihrem Zimmer. Mit zusammengepreßten, aufgesprungenen Lippen und trockenen, starren Augen saß sie am Fenster, blickte unruhig nach den Passanten auf der Straße und wendete sich hastig um, wenn jemand zu ihr ins Zimmer trat. Augenscheinlich wartete sie auf Nachrichten von ihm; sie wartete darauf, daß er entweder selbst kommen oder ihr schreiben werde.

Als der Graf zu ihr hereinkam, drehte sie sich beim Klang seiner Männerschritte unruhig um, und ihr Gesicht nahm den früheren kalten, ja bösen Ausdruck wieder an. Sie stand nicht einmal auf, um ihm entgegenzugehen.

»Was ist dir, mein Engel? Bist du krank?« fragte der Graf.

Natascha schwieg eine Weile.

»Ja, ich bin krank«, antwortete sie dann.

Auf die besorgten Fragen des Grafen, warum sie so niedergeschlagen sei, und ob auch nichts mit dem Bräutigam vorgefallen wäre, versicherte sie ihm, es sei nichts geschehen, und bat ihn, sich nicht zu beunruhigen. Marja Dmitrijewna bestätigte dem Grafen Nataschas Angabe, daß nichts vorgefallen sei. Der Graf zog zwar aus der angeblichen Krankheit und dem verstörten Gemütszustand seiner Tochter sowie aus Sonjas und Marja Dmitrijewnas verlegenen Gesichtern seine Schlüsse und sah klar, daß sich doch in seiner Abwesenheit etwas zugetragen haben müsse; aber der Gedanke, es könne sich mit seiner geliebten Tochter etwas Schimpfliches ereignet haben, war ihm so furchtbar und er liebte so sehr seine heitere Ruhe, daß er es vermied, weitere Fragen zu stellen, sich Mühe gab zu glauben, es sei nichts Besonderes geschehen, und nur bedauerte, daß sie wegen Nataschas Unpäßlichkeit die Rückreise nach ihrem Gut aufschieben mußten.

XIX

Schon seit dem Tag, wo seine Frau nach Moskau gekommen war, hatte Pierre vorgehabt, irgendwohin zu verreisen, nur um nicht mit ihr zusammenzusein. Bald nach der Ankunft der Rostows in Moskau veranlaßte ihn der Eindruck, welchen Natascha auf ihn machte, die Ausführung seiner Absicht zu beschleunigen. Er fuhr nach Twer zu Osip Alexejewitschs Witwe, die schon vor längerer Zeit versprochen hatte, ihm die Papiere ihres verstorbenen Gatten zu übergeben.

Als Pierre nach Moskau zurückkehrte, fand er in seiner Wohnung einen Brief von Marja Dmitrijewna vor, die ihn ersuchte, in einer sehr wichtigen, den Fürsten Andrei und dessen Braut betreffenden Angelegenheit zu ihr zu kommen. Pierre hatte bisher ein Zusammentreffen mit Natascha vermieden. Er war der Meinung, daß er für sie eine stärkere Zuneigung empfinde, als sie ein verheirateter Mann für die Braut seines Freundes hegen dürfe. Und nun führte eine Art von Schicksalsfügung ihn doch beständig mit ihr zusammen.

»Was mag nur vorgefallen sein? Und warum wenden sie sich gerade an mich?« fragte er sich, während er sich anzog, um zu Marja Dmitrijewna zu fahren. »Wenn nur Fürst Andrei recht bald ankäme und sie heiratete!« dachte er auf der Fahrt zu Frau Achrosimowa.

Auf dem Twerskoi-Boulevard rief ihn jemand an.

»Pierre! Bist du schon lange wieder hier?« rief ihm eine bekannte Stimme zu. Pierre hob den Kopf in die Höhe. In einem Schlitten mit zwei grauen Trabern, die das Vorderteil des Schlittens mit Schnee bewarfen, flog Anatol mit seinem steten Begleiter Makarin vorüber. Anatol saß gerade aufgerichtet, in der von der Mode vorgeschriebenen Haltung eines militärischen Elegants: den unteren Teil des Gesichtes vom Biberkragen verhüllt und den Kopf ein wenig nach vorn geneigt. Sein Gesicht war frisch und rosig; der Hut mit dem weißen Federbusch war schräg aufgesetzt und ließ das gekräuselte, pomadisierte und mit feinem Schnee bestreute Haar sehen.

»Wahrhaftig, der da, das ist der wahre Weise!« fuhr es Pierre durch den Kopf. »Er richtet seinen Blick lediglich auf das Vergnügen des gegenwärtigen Augenblicks, ohne darüber hinauszusehen; durch nichts läßt er sich aufregen, und daher ist er immer heiter, zufrieden und ruhig. Was würde ich darum geben, ein solcher Mensch zu sein wie er!« dachte Pierre nicht ohne Neid.

In Marja Dmitrijewnas Vorzimmer sagte der Diener, der ihm den Pelz abnahm, die gnädige Frau lasse ihn zu sich in ihr Schlafzimmer bitten.

Als Pierre die Tür nach dem Saal öffnete, erblickte er Natascha, die mit hagerem, blassem, finsterem Gesicht am Fenster saß. Sie sah sich nach ihm um, zog die Augenbrauen zusammen und verließ mit einer Miene kalter Würde das Zimmer.

»Was ist denn geschehen?« fragte Pierre, als er zu Marja Dmitrijewna hereintrat.

»Nette Geschichten!« antwortete Marja Dmitrijewna. »Achtundfünfzig Jahre bin ich schon auf der Welt; aber eine solche Schande habe ich noch nicht erlebt.«

Und nachdem sie Pierre das Ehrenwort abgenommen hatte, über alles, was er erfahren werde, zu schweigen, teilte ihm Marja Dmitrijewna mit, daß Natascha ihrem Bräutigam ohne Wissen ihrer Eltern abgeschrieben habe, und daß die Ursache dieser Absage Anatol Kuragin sei, mit dem Pierres Frau sie zusammengebracht habe und mit dem sie während der Abwesenheit ihres Vaters habe entfliehen wollen, um sich heimlich mit ihm trauen zu lassen.

Mit offenem Mund und mit hinaufgezogenen Schultern hörte Pierre an, was ihm Marja Dmitrijewna erzählte, und wollte seinen Ohren nicht trauen. Die Braut des Fürsten Andrei, die die leidenschaftliche Liebe ihres Bräutigams besaß, diese früher so allerliebste Natascha Rostowa, gibt einen solchen Bräutigam hin für den Narren Anatol, der schon verheiratet ist (Pierre wußte von dieser geheimen Ehe), und verliebt sich in ihn so, daß sie einwilligt, mit ihm davonzugehen – das konnte Pierre sich nicht vorstellen und nicht begreifen.

Das liebliche Bild, das er von der ihm seit ihrer Kindheit bekannten Natascha in seiner Seele getragen hatte, vermochte er mit der neuen Vorstellung von ihrer niedrigen Denkart, ihrer Torheit und Herzlosigkeit nicht zu vereinigen. Er mußte an seine Frau denken. »Sie sind doch alle von derselben Sorte!« urteilte er im stillen und sagte sich, daß er nicht der einzige sei, dem das unglückliche Los zuteil geworden wäre, mit einer unwürdigen Frau verbunden zu sein. Aber dennoch bemitleidete er den Fürsten Andrei so tief, daß er hätte weinen mögen; wie schwer mußte sich dieser in seinem Stolz verletzt fühlen! Und je mehr er seinen Freund bemitleidete, mit um so größerer Geringschätzung, ja Empörung dachte er an diese Natascha, die mit einem solchen Ausdruck kalter Würde soeben an ihm vorbei durch den Saal gegangen war. Er wußte nicht, daß Nataschas Seele übervoll war von den Gefühlen der Verzweiflung, Scham und Zerknirschung, und daß sie nichts dafür konnte, wenn ihr Gesicht wider ihren Willen den Ausdruck starrer, kalter Würde zeigte.

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