Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Es war eine lange Reihe von Gräbern, und viele waren vergangen, ob edel oder niedrig, wie Ruy Gomez in Victor Hugos Hernani sagt; von diesen war nichts mehr zu sehen, denn die Sichel der Zeit hatte sie dem Erdboden gleichgemacht.
Der Ältere der Reisenden, anders gesagt: der Unwissendere, schwieg einen Augenblick; allem Anschein nach dachte er angestrengt nach.
»Sind Sie am Ende ein Geschichtslehrer?«, fragte er seinen Begleiter.
»Oh, meiner Treu, nein!«, erwiderte dieser.
»Aber wie haben Sie dann all dieses Wissen erworben?«
»Das weiß ich auch nicht; indem ich alle möglichen Bücher las; solche Dinge erwirbt man nicht, man behält sie im Gedächtnis; wenn man Geschmack an der Geschichte findet, sich für das Pittoreske interessiert, dann bahnen sich die Menschen und die Ereignisse einen Weg in den Kopf, erhalten dort ihre Form, und man sieht sie auf einmal in ganz neuem Licht.«
»Sapperlot!«, rief der junge Offizier. »Mit einem Gehirn wie dem Ihren würde ich mein Lebtag lang nichts anderes tun als lesen.«
»Das wünsche ich Ihnen nicht«, sagte der junge Gelehrte lachend. »Unter den Bedingungen zu studieren, unter denen ich studiert habe... Ich war zum Tode verurteilt, habe drei Jahre im Gefängnis verbracht und jeden Tag darauf gewartet, füsiliert oder guillotiniert zu werden; mit irgendetwas musste ich mich ablenken.«
»Wahrhaftig«, sagte der Offizier, der seinen Gefährten aufmerksam betrachtete und in dessen Zügen seine Vergangenheit zu ergründen suchte, »Ihr Leben muss recht hart gewesen sein.«
Der Angesprochene lächelte melancholisch. »Ich war nicht immer auf Rosen gebettet«, sagte er.
»Sie entstammen offenbar einer vornehmen Familie?«
»Mehr als vornehm, Monsieur, ich bin Edelmann.«
»Und Sie wurden aus politischen Gründen zum Tode verurteilt?«
»So ist es, aus politischen Gründen.«
»Stört es Sie, wenn ich Sie so ausfrage?«
»Keineswegs. Dinge, die ich nicht beantworten kann... oder will, werde ich einfach nicht beantworten.«
»Wie alt sind Sie?«
»Siebenundzwanzig Jahre.«
»Wie sonderbar, Sie wirken sowohl jünger als auch älter. Wann haben Sie das Gefängnis verlassen?«
»Vor drei Jahren.«
»Und was haben Sie getan, als Sie freikamen?«
»Ich bin in den Krieg gezogen.«
»Zur See oder zu Lande?«
»Zur See im Kampf gegen Männer, zu Lande habe ich gegen wilde Tiere gekämpft.«
»Das heißt?«
»Dass ich zur See Korsar war und zu Lande Jäger.«
»Und gegen wen haben Sie zur See gekämpft?«
»Gegen die Engländer.«
»Und welche Tiere haben Sie zu Lande gejagt?«
»Tiger, Panther und Boas.«
»Dann waren Sie in Indien oder in Afrika?«
»Ich war in Indien.«
»Und in welchem Teil Indiens?«
»In einem Teil des Landes, der in der übrigen Welt weitgehend unbekannt ist, in Birma.«
»Haben Sie an einer bedeutenden Seeschlacht teilgenommen?«
»Ich war bei Trafalgar.«
»Auf welchem Kriegsschiff?«
»Auf der Redoutable.«
»Dann haben Sie Nelson zu sehen bekommen?«
»Ja, sogar aus der Nähe.«
»Und wie sind Sie den Engländern entkommen?«
»Ich bin ihnen nicht entkommen; ich war ihr Gefangener und wurde nach England gebracht.«
»Wurden Sie ausgetauscht?«
»Ich bin entflohen.«
»Von den Hulken?«
»Nein, aus Irland.«
»Und wohin sind Sie jetzt unterwegs?«
»Das weiß ich nicht.«
»Und wie heißen Sie?«
»Ich habe keinen Namen; wenn wir voneinander Abschied nehmen, werden Sie mir einen Namen geben, und ich werde Ihnen gegenüber die Pflichten eines Patenkinds gegenüber seinem Paten haben.«
Der junge Offizier sah seinen Reisegefährten ein wenig ratlos an; er ahnte, dass sich hinter diesem sorglosen und unsteten Leben ein echtes Geheimnis verbarg; er war ihm dankbar für die Antworten, die dieser gegeben hatte, und war ihm nicht gram, dass er ihm andere Dinge vorenthalten hatte. »Nun zu mir«, sagte er. »Oder wollen Sie nicht wissen, wer ich bin?«
»Ich bin nicht neugierig, aber wenn Sie bereit wären, es mir zu sagen, wäre ich Ihnen dankbar.«
»Wohlan! Mein Leben ist so prosaisch, wie das Ihre ungewöhnlich und wahrscheinlich poetisch ist. Ich heiße Charles-Antoine Manhès; ich bin am 4. November 1777 in der Kleinstadt Aurillac im Departement Cantal geboren. Mein Vater war Staatsanwalt am Gericht. Sie sehen, dass ich nicht wie Sie zum französischen Hochadel zähle. Apropos, welchen Titel hatten Sie inne?«
»Den eines Grafen.«
»Ich habe das Gymnasium meiner kleinen Geburtsstadt besucht, was Ihnen erklären wird, dass meine Bildung etwas lückenhaft ist. Da die Verwaltungsbeamten meines Departements militärische Neigungen in mir erkannten, schickten sie mich auf die École de Mars. Ich wurde vor allem auf dem Gebiet der Artillerie ausgebildet und machte darin so große Fortschritte, dass ich mit sechzehn Jahren zum Ausbilder ernannt wurde. Nach der Auflösung der École de Mars wurde ich einer Prüfung unterzogen, die ich ehrenvoll bestand, woraufhin man mich dem dritten Bataillon des Cantal zuteilte und danach dem sechsundzwanzigsten Regiment der Linientruppen. Im Jahr 1795 meldete ich mich zum Kriegsdienst und diente vier Jahre in der Rhein- und Moselarmee; die Jahre VII, VIII und IX diente ich in der Italienarmee; bei Novi wurde ich schwer verwundet, musste sechs Wochen lang von meiner Verwundung genesen und konnte mich dann meinem Regiment bei Genua wieder anschließen … Haben Sie bisweilen am Hungertuch nagen müssen?«
»Bisweilen ja.«
»Nun, für mich war es oft genug das täglich Brot, und das ist ein hartes Brot. Auf Vorschlag meiner Freunde wurde ich zum Leutnant befördert; am 6. Juni vergangenen Jahres wurde ich zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, nach der Kampagne von Austerlitz wurde ich zum Hauptmann befördert, und heute bin ich Hauptmann und Adjutant des Großherzogs von Berg, der mich beauftragt hat, die Nachricht von der Einnahme Berlins durch den Kaiser dessen Bruder Joseph zu überbringen, ihm die Kampagne von Jena, an der ich teilgenommen habe, in allen Einzelheiten zu berichten, und man hat mir zugesagt, dass ich nach meiner Rückkehr Schwadronschef sein werde, was für einen Neunundzwanzigjährigen nicht allzu übel wäre. Das ist meine ganze Geschichte; Sie sehen, dass sie kurz ist, ohne kurzweilig zu sein; aber interessanter als meine Geschichte ist der Umstand, dass wir Velletri erreicht haben, und da ich großen Hunger habe, lassen Sie uns aussteigen und uns zu Tisch begeben.«
Der namenlose Reisende erhob gegen diesen Vorschlag keine Einwendungen, sondern sprang aus dem Wagen und betrat zusammen mit dem künftigen Schwadronschef Charles-Antoine Manhès den Gasthof mit Namen Zur Geburt des Augustus – ein Name, der ohne archäologische Verifizierung zu verstehen gab, dass die Herberge auf den Ruinen des Hauses erbaut war, in dem der erste Kaiser Roms geboren worden war.