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Ferne Ufer: Roman (German Edition)

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Ferne Ufer: Roman (German Edition)
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Das Deck unter diesem, durch die vordere Luke. Dort würden sich die Offiziersquartiere befinden und mit etwas Glück auch die Kajüte des Schiffsarztes. Nicht, dass es wahrscheinlich war, dass sie sich in der Kajüte befand; sie doch nicht. Ihr Mitgefühl war so stark gewesen, dass sie mitgegangen war, um sich um die Kranken zu kümmern – sie würde bei ihnen sein.

Er hatte gewartet, bis es dunkel wurde, dann hatte er sich von Robbie MacRae hinausrudern lassen. Raines hatte ihm gesagt, dass die Porpoise vermutlich in zwei Stunden mit der abendlichen Ebbe den Anker lichten würde. Wenn er Claire bis dahin finden und mit ihr über Bord klettern konnte – er konnte problemlos mit ihr an Land schwimmen –, würde die Artemis in einer kleinen Bucht auf der anderen Seite der Insel Caicos auf sie warten. Wenn nicht – nun, damit würde er sich befassen, wenn es so weit war.

Im Gegensatz zu der beengten, kleinen Welt der Artemis kam er sich unter Deck der Porpoise vor wie in einem riesigen, finsteren Kaninchenbau. Er stand still und sog sich bedächtig die faulige Luft in die weit geöffneten Nasenlöcher. Hier herrschten sämtliche üblen Gestänke vor, die man mit einem Schiff verbindet, das schon lange auf See ist, zusätzlich durchdrungen von einem schwachen Hauch von Kot und Erbrochenem.

Er wandte sich nach links und setzte sich mit leisen Schritten in Bewegung, während seine lange Nase zuckte. Da, wo es am stärksten nach Krankheit roch, dort würde er sie finden.

Vier Stunden später war er mit wachsender Verzweiflung zum dritten Mal Richtung Heck unterwegs. Er hatte das gesamte Schiff durchkämmt – und nur mit Schwierigkeiten verhindert, dass man ihn sah –, und Claire war nirgendwo zu finden.

»Verflixtes Weibsbild!«, murmelte er. »Wo hast du dich nur versteckt?«

Ein kleiner Wurm der Angst nagte an seinem Herzen. Sie hatte gesagt, ihre Impfung würde sie vor der Krankheit schützen, aber was, wenn sie sich geirrt hatte? Er konnte selbst sehen, dass die Besatzung des Kriegsschiffs durch die todbringende Seuche stark dezimiert worden war – es war doch möglich, dass die Bakterien sie trotz der Impfung ebenfalls angegriffen hatten, wenn sie bis zu den Knien darin watete.

In seiner Vorstellung waren Bakterien ungefähr so groß wie Maden, besaßen aber böse, messerscharfe Zähne wie winzige Haie. Er konnte sich nur zu gut ausmalen, wie sich ein Schwarm dieser Biester an sie heftete und sie tötete, indem er ihr das Leben aussaugte. Es war ein solches Bild, das ihn dazu getrieben hatte, der Porpoise zu folgen – das und seine mörderische Wut auf den englischen Mistkerl, der die himmelschreiende Dreistigkeit besessen hatte, ihm seine Frau vor der Nase wegzustehlen, mit einem vagen Versprechen, sie zurückzugeben, wenn sie sie nicht mehr brauchten.

Sie schutzlos den Sassenachs überlassen?

»Nicht mit mir«, murmelte er und ließ sich in einen dunklen Frachtraum plumpsen. Natürlich würde sie sich nicht an einem solchen Ort aufhalten, aber er musste einen Moment überlegen, was er tun sollte. War das hier das Kabelgatt, der Heckraum, das gottverdammte Was-auch-immer? Himmel, er hasste Schiffe!

Er holte tief Luft und hielt überrascht inne. Es waren Tiere hier unten; Ziegen. Er konnte sie deutlich riechen. Außerdem sah er ein dumpfes Licht hinter der Kante des Schotts, und er hörte Stimmengemurmel. War eine davon eine Frauenstimme?

Vorsichtig bewegte er sich darauf zu und lauschte. Über ihm an Deck erklangen Schritte, ein Trappeln und Rumpeln, das er erkannte; Männer, die sich aus der Takelage fallen ließen. Hatte ihn jemand von oben gesehen? Nun, und wenn schon? Soweit er wusste, war es kein Verbrechen, wenn ein Mann seine Frau suchte.

Die Porpoise hatte Fahrt aufgenommen; er hatte das Vibrieren der Segel gespürt, das bis zum Kiel durch das Holz lief, als sie sich in den Wind legte. Sie hatten das Stelldichein mit der Artemis längst versäumt.

Da dem so war, konnte es vermutlich auch kaum schaden, wenn er sich offen vor den Kapitän stellte und Claire zu sehen verlangte. Doch vielleicht war sie ja hier – es war eine Frauenstimme.

Es war auch eine Frauengestalt, die er als Umriss im Licht der Laterne sah, doch die Frau war nicht Claire. Sein Herz tat einen Satz, als er das Licht auf ihrem Haar schimmern sah, doch dann sank es abrupt beim Anblick der kräftigen, kantigen Figur der Frau neben dem Ziegenpferch. Ein Mann war bei ihr; er bückte sich gerade und hob einen Korb auf. Dann machte er kehrt und kam auf Jamie zu.

Er trat in den schmalen Gang zwischen den Schotten und verstellte dem Seemann den Weg.

»Heda, Mann, was soll das bed–«, begann der Mann, dann hob er den Blick in Jamies Gesicht, hielt inne und schnappte nach Luft. Ein Auge war auf ihn geheftet und erkannte ihn entsetzt, das andere war nur eine bläulich weiße Sichel unter dem verwitterten Lid.

»Gott steh uns bei!«, sagte der Seemann. »Was macht Ihr denn hier?« Das Gesicht des Seemanns glänzte bleich und kränklich im gedämpften Licht.

»Ihr kennt mich also, wie?« Jamies Herz hämmerte unter seinen Rippen, aber er zwang sich, gleichmütig und leise weiterzusprechen. »Ich glaube, ich habe nicht die Ehre, Euren Namen zu kennen?«

»An diesem Umstand würde ich auch lieber nichts ändern, Euer Ehren, wenn Ihr keinen Einspruch einlegt.« Der einäugige Seemann begann zurückzuweichen, wurde aber daran gehindert, weil ihn Jamie am Unterarm packte, so fest, dass dem Mann ein kleiner Aufschrei entfuhr.

»Nicht so schnell, bitte. Wo ist Mrs. Malcolm, die Schiffsärztin?«

Eigentlich hätte der Seemann kaum erschrockener aussehen können, doch bei dieser Frage gelang es ihm dennoch.

»Ich weiß es nicht!«, sagte er.

»Doch«, sagte Jamie scharf. »Und Ihr werdet es mir sofort sagen, sonst breche ich Euch den Hals.«

»Nun, ich kann Euch aber nichts sagen, wenn Ihr mir den Hals brecht, oder?«, wies ihn der Seemann zurecht, der jetzt die Nerven wiederfand. Er hob das Kinn streitlustig über seinen Korb mit Ziegenmist. »Und jetzt lasst Ihr mich los, sonst rufe ich …« Der Rest ging in einem Quäken unter, als sich eine große Hand um seinen Hals legte und unerbittlich zuzudrücken begann. Der Korb fiel auf das Deck, und Mistkügelchen kamen herausgeschossen wie Granatsplitter.

»Ak!« Der Mann schlug wild mit den Beinen um sich und verstreute seinen Ziegendung in alle Richtungen. Sein Gesicht nahm die Farbe einer roten Rübe an, und er hieb wirkungslos nach Jamies Arm. Jamie, der sein Werk ganz sachlich betrachtete, ließ los, als dem Mann das Auge aus dem Kopf zu quellen begann. Er wischte sich die Hand an der Kniehose ab, da der Schweiß des Mannes ein widerliches, fettiges Gefühl auf seiner Handfläche hinterlassen hatte.

Der Einäugige lag auf dem Deck, alle viere von sich gestreckt, und keuchte schwach.

»Ihr habt völlig recht«, sagte Jamie. »Andererseits, wenn ich Euch den Arm breche, könnt Ihr doch vermutlich noch mit mir sprechen, aye?« Er bückte sich, packte den Mann an seinem dünnen Ärmchen und riss ihn auf die Beine hoch. Dann verdrehte er ihm den Arm grob auf den Rücken.

»Ich sag’s Euch ja, ich sag’s Euch ja!« In seiner Panik wand sich der Seemann wie verrückt. »Fahrt zur Hölle, Ihr seid ja genauso grausam, wie sie es war!«

»War? Was soll das heißen, ›war‹?« Jamies Herz ballte sich in seiner Brust zusammen, und er ruckte fester als beabsichtigt am Arm des Mannes. Dieser stieß einen Schmerzensschrei aus, und Jamie lockerte den Druck ein wenig.

»Lasst mich los! Ich erzähle es Euch, aber lasst mich um Himmels willen los!« Jamie lockerte seinen Griff, ließ aber nicht los.

»Sagt mir, wo meine Frau ist!«, sagte er in einem Ton, der schon ganz andere Kaliber als sein schmächtiges Gegenüber dazu gebracht hatte, hastigst Haltung anzunehmen.

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