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Ferne Ufer: Roman (German Edition)

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Ferne Ufer: Roman (German Edition)
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»Oh, ich vergaß! Ihr braucht doch etwas Frisches zum Anziehen, nicht wahr, Mrs. Fraser?«

Ich blickte an mir hinunter. Mein Kleid und mein Hemd waren an so vielen Stellen zerrissen, dass sie kaum noch meine Blöße bedeckten, und so mit Wasser und Sumpfschlamm durchtränkt, dass ich mich eigentlich nicht einmal mehr in die anspruchslose Gesellschaft von Menschen wie Vater Fogden und Lawrence Stern begeben konnte.

Vater Fogden wandte sich an das Standbild. »Haben wir etwas, was diese unglückselige Dame tragen könnte, Mamacita?«, fragte er auf Spanisch. Er schien zu zögern und schwankte sacht. »Vielleicht eins der Kleider in …«

Die Frau sah mich mit entblößten Zähnen an. »Sie sind viel zu klein für so eine Kuh«, sagte sie ebenfalls auf Spanisch. »Gebt ihr Eure alte Robe, wenn Ihr unbedingt meint.« Sie warf einen verächtlichen Blick auf mein wirres Haar und mein verdrecktes Gesicht. »Kommt mit«, sagte sie auf Englisch und kehrte mir den Rücken zu. »Waschen.«

Sie führte mich in einen kleinen Innenhof an der Rückseite des Hauses, wo sie mich mit zwei Eimern kaltem, frischem Wasser, einem abgenutzten Leinenhandtuch und einem kleinen Töpfchen stark riechender weicher Kernseife ausstattete. Nachdem sie eine schäbige graue Robe hinzugefügt hatte, die mit einem Strick gegürtet wurde, entblößte sie erneut die Zähne in meine Richtung und ging, wobei sie in freundlichem Ton auf Spanisch anmerkte: »Wasch dir das Blut von den Händen, Christus mordende Hure.«

Mit großer Erleichterung schloss ich die Pforte des Innenhofs hinter ihr, entledigte mich mit noch größerer Erleichterung meiner klebrigen, schmutzigen Kleider und machte mich frisch, so gut es mit kaltem Wasser und ohne Kamm zu bewerkstelligen war.

Anständig, wenn auch seltsam mit Vater Fogdens Ersatzrobe bekleidet, kämmte ich mir mit den Fingern das nasse Haar aus und dachte dabei über meinen merkwürdigen Gastgeber nach. Ich war mir nicht sicher, ob die verschrobenen Anwandlungen des Priesters eine Form von Demenz waren oder nur die Nebenwirkungen seines chronischen Alkohol- und Cannabis-Konsums, doch er schien trotzdem eine sanfte, freundliche Seele zu sein. Seine Bedienstete – wenn sie das denn war – war etwas ganz anderes.

Mamacita machte mich mehr als nur ein wenig nervös. Mr. Stern hatte die Absicht geäußert, zum Baden an den Strand zu gehen, und ich wollte nur ungern ins Haus zurück, solange er nicht da war. Es war noch einiges an Sangria übrig gewesen, und ich vermutete, dass mir Vater Fogden – falls er noch bei Bewusstsein war – kaum Schutz vor ihrem Basiliskenblick bieten würde.

Dennoch, ich konnte auch nicht den ganzen Nachmittag im Freien bleiben; ich war sehr müde und hätte mich zumindest gern gesetzt, auch wenn ich mir am liebsten ein Bett gesucht und eine Woche lang geschlafen hätte. Eine Tür führte von meinem kleinen Innenhof ins Haus; ich öffnete sie und betrat das dunkle Innere.

Ich befand mich in einem kleinen Schlafzimmer. Erstaunt sah ich mich um; es schien nicht zum selben Haus zu gehören wie das spanische Esszimmer und die schäbigen Innenhöfe. Das Bett war mit Daunenkissen und einer Decke aus weicher roter Wolle gemacht. Vier riesige, gemusterte Fächer breiteten sich wie leuchtende Flügel über die weißgetünchten Wände, und auf dem Tisch stand ein mehrarmiger Messingleuchter mit Wachskerzen.

Die Möbel waren einfach, aber mit Sorgfalt geschreinert, Ölpolitur verlieh ihnen einen sanften, tiefen Glanz. Ein gestreifter Baumwollvorhang hing quer vor dem einen Ende des Zimmers. Er war ein Stück beiseitegeschoben, und ich konnte sehen, dass dahinter eine Reihe von Kleidern an Haken hing, ein Regenbogen seidiger Farben.

Dies mussten Ermenegildas Kleider sein, von denen Vater Fogden gesprochen hatte. Ich trat darauf zu, um sie mir anzusehen, und meine nackten Füße bewegten sich lautlos über den Boden. Das Zimmer war staubfrei und sauber, aber sehr still; es fehlte der Duft und die Aura eines menschlichen Insassen. In diesem Zimmer lebte niemand mehr.

Die Kleider waren herrlich, aus Seide und Samt, Moiré und Satin, Musselin und Panne. Selbst jetzt, da sie leblos an ihren Haken hingen, besaßen sie den Glanz und die Schönheit eines Tierpelzes, dem stets noch ein Hauch von Lebensessenz anhaftet.

Ich berührte ein Mieder aus dunkelrotem Samt, das dicht mit silbernen Stiefmütterchen bestickt war, jedes in der Mitte mit einer Perle besetzt. Sie war klein gewesen, diese Ermenegilda, und sehr schlank – bei mehreren Kleidern war das Mieder mit Rüschen besetzt und hatte eingenähte Polster, um die Illusion einer Brust zu verstärken. Das Zimmer war gemütlich, wenn auch nicht luxuriös; die Kleider waren glamourös und hätten am Hof von Madrid getragen werden können.

Ermenegilda war fort, aber etwas schien dem Zimmer doch noch innezuwohnen. Ich berührte zum Abschied einen pfauenblauen Ärmel und entfernte mich auf Zehenspitzen, um die Kleider ihren Träumen zu überlassen.

Ich fand Lawrence Stern auf der Veranda an der Rückseite des Hauses, die einen Steilhang voller Guaven und Aloe überblickte. In der Ferne ragte eine kleine buckelige Insel aus einem glitzernden Türkismeer. Er erhob sich höflich und begrüßte mich mit einer kleinen Verbeugung und einem überraschten Blick.

»Mrs. Fraser! Ich muss sagen, Ihr seht viel besser aus. Die Robe des Vaters steht Euch um einiges besser als ihm.« Er lächelte mich an, und in seinen haselgrünen Augen lag Bewunderung.

»Ich nehme an, es liegt eher daran, dass der Dreck fort ist«, sagte ich und setzte mich auf den Stuhl, den er mir anbot. »Ist das etwas zu trinken?« Auf dem wackeligen Holztisch zwischen den Stühlen stand ein Krug, an dessen Wänden sich Kondenswasser gebildet hatte, das verlockend daran hinunterrann. Ich hatte so lange Durst gehabt, dass sich meine Wangen automatisch sehnsuchtsvoll nach innen zogen, wenn ich etwas Flüssiges sah.

»Noch mehr Sangria«, sagte Stern. Er schenkte jedem von uns ein kleines Glas ein und seufzte genussvoll, während er an dem seinen nippte. »Ich hoffe, Ihr haltet mich nicht für unmäßig, Mrs. Fraser, doch nachdem ich monatelang über Land gewandert bin und nur Wasser und den scharfen Rum der Sklaven getrunken habe …« Er schloss selig die Augen. »Ambrosia.«

Da konnte ich ihm nicht widersprechen.

»Äh … ist Vater Fogden …?« Ich zögerte, weil ich nach einer taktvollen Formulierung suchte, um mich nach dem Zustand unseres Gastgebers zu erkundigen. Ich hätte mir die Mühe sparen können.

»Betrunken«, sagte Stern geradeheraus. »Liegt schlaff wie ein Wurm auf dem Tisch in der sala. Wenn die Sonne untergeht, ist er das fast immer«, fügte er hinzu.

»Ich verstehe.« Ich lehnte mich zurück und nippte ebenfalls an meinem Sangria. »Kennt Ihr Vater Fogden schon lange?«

Stern rieb sich die Stirn und überlegte. »Oh, ein paar Jahre.« Er sah mich an. »Ich habe mich gefragt – kennt Ihr zufällig einen James Fraser aus Edinburgh? Mir ist zwar klar, dass es ein verbreiteter Name ist, aber … oh, Ihr kennt ihn?«

Ich hatte zwar nichts gesagt, aber mein Gesicht hatte mich verraten, wie immer, wenn ich nicht bewusst darauf vorbereitet war zu lügen.

»Der Name meines Mannes ist James Fraser«, sagte ich.

Die Neugier in Sterns Gesicht war geweckt. »Tatsächlich!«, rief er aus. »Und ist er ein sehr großer Mann mit …«

»Rotem Haar«, pflichtete ich ihm bei. »Ja, das ist Jamie.« Mir kam ein Gedanke. »Er hat mir erzählt, dass er in Edinburgh einem Naturphilosophen begegnet ist und mit ihm ein sehr interessantes Gespräch über … alles Mögliche geführt hat.« Was ich mich fragte, war, woher Stern Jamies tatsächlichen Namen kannte. Die meisten Menschen in Edinburgh kannten ihn entweder als »Jamie Roy«, den Schmuggler, oder als Alexander Malcolm, den respektablen Drucker aus der Carfax Close. Gewiss konnte Dr. Stern mit seinem ausgeprägten deutschen Akzent nicht der »Engländer« sein, von dem Tompkins gesprochen hatte.

»Spinnen«, sagte Stern prompt. »Ja, ich erinnere mich genau daran. Spinnen und Höhlen. Unser Zusammentreffen war in einem … einem …« Einen Moment verlor sein Gesicht jeden Ausdruck. Dann hüstelte er und überspielte den Lapsus meisterhaft. »In einem, äh, gastlichen Etablissement. Eine der … äh … weiblichen Angestellten entdeckte zufällig eine große, an der Decke hängende Arachnida, während sie gerade damit beschäftigt war, sich mit mir … äh, zu unterhalten. Sie war einigermaßen erschrocken und ist schreiend in den Flur gerannt.« Stern trank einen großen Schluck Sangria, um sich zu kräftigen, da ihn diese Erinnerung offenbar sehr mitnahm.

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