Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Christian und seine Gefährten rückten mit der Frühschicht ein, durch einen von Neonröhren notdürftig erhellten Gang, an einem mit Blümchentapete ausgekleideten Pförtnerhäuschen vorbei, durch eine Schranke, über der ein» Rauchen verboten«-Schild hing. Die Gespräche verstummten, schweigend und geduckt, angetrieben vom» Zügig!«Stabsfeldwebel Gottschlichs, eilten die Strafgefangenen in die Fabrik. Es war schon hell, die Luft schon drückend, es würde ein heißer Tag werden. Die Kompanie wartete auf einem Hof, den hohe, völlig graugestaubte Gebäude links und rechts zu einem Schacht machten. Walzentrommeln teilten den Hof quer, drehten sich langsam, Arbeiter in graublauer Kleidung, mit Schutzhelmen, liefen auf Gitterrosten über den Walzen hin und her. Über die Trommeln spülte Wasser, es schien direkt aus der Saale zu kommen. Die Trommeln rumpelten und dröhnten, als würden Wackersteine darin gedreht. Aus den Gebäuden waren seltsame Geräusche zu hören — ein scharfes, gefährlich klingendes Summen, als hielte man eine besondere Art von stechenden Insekten gefangen; als befände sich hinter den Hallentoren eine Neuzucht längst ausgestorbener Meganeura-Libellen oder karbonischer Hornissen. Die Gebäude waren grau: schlammgrau und bleistaubfarben, Karbidstaub, der sich in dicken Schichten auf Rohren, Wänden, Treppen abgesetzt hatte, selbst auf den Fenstern — einfache, ins Mauerwerk gebrochene Öffnungen mit Flatterlappen. Was Christian sah, war ein Korallenriff aus Dreck, und in jeder Sekunde, in der die rostbraunen Walzentrommeln mahlten, aus den Schornsteinen Rauch unter die Wolken am Himmel kroch und ihn verdüsterte, rieselte, sank, knisterte Staub in frischen Schichten auf die von Feuchtigkeit und Wind hartgebackenen alten. Christian blickte zu einer Arbeiterin, die ein rotes» Simson«-Moped vor einem Ofenhaus abstellte und nach hinten, auf einen viereckigen Backsteinturm zu, verschwand — er sah das Spurprofil ihrer Schuhe im Staub, für einen Augenblick scharf in die nachgiebige Schicht geschnitten, bald aber überpudert von Sinkstaub, die scharfen Kanten wurden unscharf, allmählich füllte sich die Spur, begann unsichtbar zu werden. Auf Pfannkuchens Schultern lagen nach etwa zehnminütigem Warten Epauletten aus grauem Pulver, die Käppis schneiten ein, die Stiefel; Stabsfeldwebel Gottschlich wischte seine Armbanduhr sauber. Die ersten Wartenden begannen zu husten. Der Staub drang zwischen die Zähne, in die Augen, was sie entzündete, er scheuerte die Leisten wund. Und dann kam der Wind. Wind, der Stöberer, Unruhebringer, Blindmarschall des Wetters. Wie ein wachsender, dunkelgrauer Dschinn aus einer entsiegelten Flasche schwoll eine Staubspirale über der Karbidfabrik; am Erdboden, wo einzelne Grasbüschel wie Haarschöpfe von Begrabenen im Karbidpulver steckten, war die Spirale schlank wie eine Boa, gegen die Waggons auf der Materialtransportstrecke, hinter der Fabrik, aufschwellend wie eine Posaune, die sich bog und wand und über dem Lokomotiven-Rist der Ofenhäuser ihre Schalloch-Mündung entwickelte.
Pfannkuchen nahm es achselzuckend. Er hatte gehört, daß die Arbeit in der Karbidfabrik gut bezahlt wurde, und als ein Brigadier kam, um sie zur Arbeit einzuweisen, begann er» Kopf zu heben «und zu feilschen. Gottschlich hatte anderswo zu tun und schien die Strafgefangenen jetzt sich selbst und den Karbidleuten zu überlassen. Christian sah die Gitter vor den Fenstern der Ofenhalle, in die sie der Brigadier führte. Hier, wenig übererdig, waren die Fenster aus Glas, hatten helle ausgewischte Schlieren, wie Butzenscheiben, in den Ecken waren Staubzipfel emporgewachsen.
«Sie können mir doch was extra zahlen. «Pfannkuchen lächelte. Aha, der hatte seine Selbstsicherheit also nur versteckt. War ja schlau, der Bursche, wußte, wann es besser war, zu ducken und zu schweigen. Den Reumütigen zu mimen: denn den» gebrochenen Charakter «hatte ihm Christian nicht geglaubt. Abends erzählte er manchmal von Haftanstalten, die er durchlaufen hatte. Es gab Menschen, und so junge wie Pfannkuchen, die sahen das Land aus der» Siebluft«-Perspektive,»mit vergitterten Augen«. Waren durch die Knasts der Republik gewandert, kannten die Aufseher, ihre Vorlieben und Schwächen, wußten, ob und womit man sie schmieren konnte. Schwedt und die Karbidinsel hatte Pfannkuchen noch nicht gekannt — sie kannten ihn, wie Christian erfuhr. Mit Gottschlich hatte Pfannkuchen sich gleich verstanden, da witterte ein» Bruder «den anderen. Zufall, manchmal nur die Seite der Geburt, wohin es einen kleidete: dunkelblau oder gestreift. Die Ausdrucksweise unterschied sich nur darin, ob man per Gesetz prügelte oder nicht. Das hatte Christian zu lernen gehabt: Daß nicht lange geredet wurde. Schneller als ein Wort war ein Fausthieb, und wer recht hatte, wurde nicht in Diskussionen geklärt, jedenfalls nicht in mündlichen. Willst du’s schriftlich. Etwas schriftlich kriegen. Das bedeutete hier etwas anderes als draußen, auch das war zu lernen.
«Mal sehen«, sagte der Brigadier. Pfannkuchen hob den Kopf, blickte sich rasch um.
«Könnt mir’s doch aufheben. Ich hol’s mir, wenn ich wieder draußen bin. Soll auch Ihr Schade nicht sein.«
«Erst mal kriegst du deine siebzehn Prozent.«17 % des normalen Lohnes standen den Strafgefangenen zu, wenn sie die Norm erfüllten. Wenn der Brigadier so mit sich reden ließ, mußte es schlimm stehen um die Arbeitskräftesituation und damit um die Planbilanz. Christian kam ins Ofenhaus Gustav.
Karbid. Er hatte von diesem Stoff schon gehört, den Film» Karbid und Sauerampfer «gesehen, er wußte, daß an Großvater Arthurs» Wanderer«-Fahrrad eine Karbidlampe steckte; wie sie aber genau funktionierte, wußte er nicht. Darüber klärte ihn Asza Burmeister auf, Abstichmann am Ofen 8 im Ofenhaus Gustav, ein schon älterer Arbeiter, der seit zweiundzwanzig Jahren» im Karbid «arbeitete, gelernter Zimmermann und» vor dem Mast «zur See gefahren war. Er nahm ein Bröckchen Karbid und ließ Wasser darüberlaufen.»Siehste, Krischan«(er nannte ihn wie Libussa, was Christian gefiel),»und jetzt wird draus Azetylen. Schweißgas ist das, Schweißgas. Und wenn ich jetzt meinen Stumpen dranhalte«(er rauchte» Jägerstolz«-Zigarren),»gibt’s ’nen Knall und ’s wird hell. So funktioniert die Karbidlampe. Wasser tropft auf ’n Stückchen Karbid. Bloß knallen, knallen sollte ’s nich. «Asza sprach sehr schnell, man hatte Mühe, ihn zu verstehen, wiederholte oft einzelne Worte, rollte das» r «in einem Dialekt, den Christian noch nie gehört hatte.»Ich bin ’n Sudeten-Läusekraut«, sagte Asza ausweichend. Asza: seltsamer Name, aber Christian fragte nicht. Er durfte nicht viel fragen. Fragen war verboten. Unterhaltungen waren verboten, Fraternisierung. Die Arbeiter und die Strafgefangenen sollten so wenig wie möglich miteinander zu tun haben, die Strafgefangenen aber mußten angelernt werden, da begannen die Schwierigkeiten. Gottschlich sollte kontrollieren, tauchte aber, wie Christian bald bemerkte, nur selten auf. Das hatte seine kühlen Gründe. Die kühlen Gründe, in denen kein Mühlrad, sondern die Walzentrommel ging und das flüssige Karbid aus den Abstichschnauzen aufnahm, hießen: Hitze und Staub. Was ist Hitze? Asza, wenn er nicht so schweigsam bei der Arbeit gewesen wäre (in den Pausen saß er, das linke Bein über einem Stuhl, mit seiner» Jägerstolz «und einer Flasche Rhabarbersaft, die es für die Karbidarbeiter verbilligt gab, und murmelte» Piräus, Färöer, Bordoh«: die Häfen, die er gesehen hatte), Asza hätte sagen können: Die Hitze, Bruder, kannst du nicht erklären. Der Ofen hat ein weißes Herz, und jeder Pulsschlag kommt geflogen wie ein glühendes Bügeleisen. Die Schicht dauerte zwölf Stunden. Einerseits war das gut, denn danach mußten die Strafgefangenen nicht mehr auf den Acker: Exerzieren, Sturmbahn, Taktik, Schutzausbildung. Andererseits waren es zwölf Stunden in einer Atmosphäre, wie sie Christian nicht für vorstellbar gehalten hätte. Wenn Ron Siewert, FDJ-Sekretär der» Thälmann«-Brigade, vom Nachbarofen herüberkam, sah Christian ihn erst, wenn Siewert noch zwei, drei Meter entfernt war. King Siewert, wie er genannt wurde, war neben Asza der beste Abstichmann: keine Fehlschichten, keine Bummelei, keine Sauferei am Arbeitsplatz, kein Leichtsinn. Leichtsinn war, Karbid und Wasser zusammenzubringen; Leichtsinn war, keinen Schutzhelm zu tragen, Leichtsinn war, ohne Schweißerbrille zu arbeiten. Siewert kam aus den grünlichen (Tellerlampen an meterlangen, vollständig verkrusteten Leitungen, die im Inneren des Titanic-Wracks zu hängen schienen) Staubschleiern, öffnete seinen Vollbart, so daß man das weiße Gebiß sah, und schrie Asza zu, wie der Ofen gefahren werden solle.