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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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«Wir werden Sie schon noch erziehen.«

Der Alltag begann mit dem Wecken früh um vier Uhr. Die Strafgefangenen sprangen aus den Betten, in denen sie in langen Baumwollunterhemden, das Genitale nackt, geschlafen hatten. Frühsport und Waschen. In Christians Kompanie gab es 47 Militärstrafgefangene, für sie gab es einen Waschraum mit zehn Wasseranschlüssen. Die Wasseranschlüsse besaßen keine Wasserhähne; die Wasserhähne waren bei Stabsfeldwebel Gottschlich in Verwahrung und mußten auf die Wasseranschlüsse geschraubt werden. Meist wurden sie herausgegeben.

Nach dem Frühstück begann entweder die Ausbildung im Objekt (Exerziertraining, An- und Ablegen der Schutzkleidung, Einweisung in den Brandschutz, Marsch mit erschwertem Marschgepäck, Sturmbahnlauf) oder die Arbeit. Die Arbeit fand für die Disziplinareinheiten, in denen Delinquenten ohne Militärgerichtsprozeß dienten, meist in den Barackenkellern statt. Christian und Pfannkuchen gehörten zu den Strafarrestanten, sie wurden jeden Tag zur Arbeit ins Kombinat gefahren. Dort schliffen sie Türen, reparierten oder bauten Stapelpaletten, entgrateten Plastmöbel oder schraubten Schrauben in Schraubenlöcher. Die Arbeit dauerte acht Stunden, danach ging es zur Ausbildung zurück ins Objekt. Nach dem Stuben- und Revierreinigen, 20 Uhr, Nachtruhe. Die Toiletten hatten keine Türen; seine Geschäfte machte man vor aller Augen.

«Damit Sie nicht so was Blödes wie Selbstmord begehen«, sagte Stabsfeldwebel Gottschlich. An der Decke des Kompanieflurs hing ein skurriles Element: eine Spielzeug-Eisenbahn aus Plast, gefertigt von früheren Strafgefangenen aus Materialresten des Petrolchemischen Kombinats, für den Kompaniechef zum 40. Geburtstag. Die Eisenbahn hatte Waggons, verschiedenfarbig, sechsunddreißig Stück. Weil die Waggons so bunt waren, hieß die Eisenbahn der Orient-Expreß. In den Waggons steckten farbige Kärtchen, auf den farbigen Kärtchen standen Namen. Die Position der Namen bezeichnete den Grad der Normerfüllung bei der Arbeit. Günstig war es, seinen Namen in einem der ersten zehn Waggons zu finden. Fand man sich in der Mitte, gab es Schulungen. Eine davon war, um Mitternacht geweckt zu werden und zwei Stunden lang in voller Montur frei stehend zu verbringen. Fand man seinen Namen länger als eine Woche im letzten oder vorletzten Waggon (Stabsfeldwebel Gottschlich hielt das nicht ganz konsequent), rückte man für eine bestimmte Zeit ins U-Boot ein, wohin man auch bei Aufmüpfigkeit, Widersetzlichkeit, mangelnder Einsicht, Unkooperativität oder Dummheit kam. Eine Dummheit konnte es sein, im Politunterricht oder dienstags, wenn die Wiederholungen von Karl-Eduard von Schnitzlers» Schwarzem Kanal «im 2. Fernsehprogramm gemeinschaftlich empfangen wurden, nicht völlig reglos, doch erziehungsbereit dazusitzen.

Das U-Boot hieß offiziell Arrest. Arrest wurde bei einem Appell ausgesprochen. Bevor Christian ins U-Boot kam, hatte er sich beim Arzt» zwecks Feststellung der Arrestfähigkeit «vorzustellen. Der Arzt war ein junger, doch schon müder Mann in makellos weißem Kittel, ohne Stethoskop. Er fragte Christian, ob er Medikamente nehme oder Krankheiten habe.

«Akne vulgaris«, sagte Christian.

«Die blüht auch im Dunkeln. «Der Arzt machte einen müden Krakel auf einem Arrestfähigkeitsfeststellungsformular.

Das U-Boot war dunkel, weil fensterlos, und Christian blieb lange, er schätzte, eine Woche. In dieser Zeit hatte er die Zelle vollständig ausgetastet. Der Eimer für die Notdurft, neben dem Tisch, hatte einen emaillierten Deckel an zwei Drahtführungsbügeln; Christian lernte, wie ein Blinder den Tastsinn zu gebrauchen, die Aufschrift auf dem Deckel war leicht erhaben und lautete Servus. Die Decke auf der Pritsche roch nach Spee und, dafür brauchte er einige Zeit, nach den Lamas im Dresdner Zoo, genauer: nach Lamas bei Regen. Die Idee, daß er nun im Innersten des Systems angekommen sein mußte, ließ Christian eine lange Zeit in der noch längeren Dunkelheit der Zelle nicht los. Er war in der DDR, die hatte befestigte Grenzen und eine Mauer. Er war bei der Nationalen Volksarmee, die hatte Kasernenmauern und Kontrolldurchlässe. Er war Insasse der Militärstrafvollzugsanstalt Schwedt, hinter einer Mauer und Stacheldraht. Und in der Militärstrafvollzugsanstalt Schwedt hockte er im U-Boot, hinter Mauern ohne Fenster. Jetzt also war er ganz da, jetzt mußte er angekommen sein. Er mußte noch mehr sein als nur angekommen: Er mußte, dachte Christian, er selbst sein. Er mußte nackt sein, das bare, blanke Ich, und er dachte, daß nun die großen Erkenntnisse und Einsichten kommen müßten, von denen er in der Schule und zu Hause geträumt hatte. Er hockte nackt auf dem Fußboden, aber die einzige Erkenntnis, die kam, war, daß man fror, wenn man einige Zeit nackt auf Steinen hockte. Daß man Hunger und Durst hatte, daß man den Puls zählen kann, daß man auch in der Dunkelheit müde wird, daß man eine Weile nichts hören kann außer dumpfer Stille, und daß dann das Ohr beginnt, sich selbst Geräusche herzustellen, daß das Auge versucht, ständig Feuerzeugflämmchen zu entzünden, hier und dort und dort, und daß man in der Dunkelheit verrückt wird, auch wenn man noch so viele Gedichte kennt, Romane gelesen, Filme gesehen und Erinnerungen hat.

Jetzt, dachte Christian, bin ich wirklich Nemo. Niemand.

Im Juli, an einem heißen Tag, wurden Christian, Pfannkuchen und 28 weitere Strafgefangene auf Effekten bestellt. Sie wurden verlegt, es hieß, in den Orient. So wurde hier, der vielfarbigen Dämpfe wegen, die aus den Fabriken traten, der Chemiebezirk um Leuna, Schkopau und Bitterfeld genannt. Chemie brachte Brot, Wohlstand und Schönheit, und dafür brauchte sie Arbeitskräfte. Sie folgten, in Handschellen, der Erdölleitung» Freundschaft«, die vom Oderstädtchen, dessen Plattenbauten an diesem Morgen hell aus der Ferne grüßten, zum Orient der Chemie, im Südwesten der Republik, und seiner Hauptzone Samarkand führte.

61. Die Karbidinsel

Außer Krähen gab es hier keine Vögel. Wenn im Sommer die Dämmerung begann, hatten im Garten der Karavelle die Amseln ihre sehnsüchtig und melodisch klagenden Rufe hören lassen; hier, auf der Karbidinsel, hörte man keine Vogelrufe außer dem häßlich-ruppigen Gequarr riesiger Krähenscharen, die sich an den schaumig bespülten Stränden der Saale, deren Bogen man vom Fenster aus sehen konnte, wohlzufühlen schienen und allabendlich, auf bleichen Baumgerippen, zum Schlaf und zu den Erzählungen des Tages sammelten. Vom Tage, vom heute gewesenen Tage … Sie tratschten und schnarrten, fischten im Spülicht nach Freßbarem, das wohl in genügenden Mengen heranschwappte, und manchmal, wenn auf der Karbidinsel die Lichter in den Zellen gelöscht wurden, schienen sie zu lachen, ein zerkratztes, widerliches Gespött anzustimmen. Die Farbe ihres Gefieders, dies glänzende Kohlenschwarz, verschmolz wie ein Tarnmantel mit der des Flusses, der sich träge und, jetzt im August, fast allabendlich von einer eisenroten Sonne beschienen durch die Chemielandschaft wälzte, über der, angebracht an den Kontrollstegen an der Spitze der Hochofenköpfe, die Fahne von Samarkand wehte: eine gelbe Fahne, das Gelb der Quarantäneflaggen an Schiffen, mit einem schwarzen Destillierkolben. Christian und die anderen waren von Schwedt ins Lager II gekommen, das einen gesonderten Flur in der fünften Etage der Strafvollzugsanstalt belegte. An der Flurwand, neben dem Tisch des Wachhabenden, war ein» Tagesdienstablaufplan «angebracht, abgekürzt TDAP. Er glich dem im Lager I: Um vier Uhr wurde die Frühschicht geweckt (allerdings heulte hier eine auf- und abschwellende Sirene, als ob vor anrollenden Bomberflotten gewarnt würde), dann folgten Frühsport und Morgentoilette. Hier waren die Wasserhähne über den Waschbecken installiert; aber es gab nicht immer Wasser — wenn Samarkand» Hub hatte«, wie es hieß, all die Maschinen, Filteranlagen, Kühlsysteme, Werksleitungen Wasser forderten, dünnte es an den Tüllen der Waschraumhähne zu Rinnsalen aus. Auch war es kein Trinkwasser, was da aus den Leitungen kam, sondern eine manchmal rostige, öfter suppengelbe Brühe, die nach Scheuerlappen und faulen Eiern roch. Es hieß, daß dieser Geruch vom Karbid stamme, von» drüben«, von jenseits der Saale, an deren Ufer, durch eine korallenhaft verkrustete Brücke mit der Strafanstalt verbunden, eine Karbidfabrik stand. Von der Brücke aus, auf der sich die Kompanie» ohne Tritt «näherte, wirkte sie wie eine alte Dampflok, die sich zur Saale niedergebeugt hatte, um zu trinken. Aus einem zyklopischen Schlot quollen Schwaden hellgrauen Dampfs, der sich, unter den Wolken, in die Dämpfe der Kokerei, des Chlorwerks, der Kraftwerke saaleabwärts mischte, wobei eine unbewegte dunkle Spindel entstand, die sich oben blütenkorbartig verbreiterte.

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