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Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte

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Niemand wusste eine Antwort.

Auf der anderen Seite des steinernen Rundes erhob sich nun das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé auf dem Arm und sagte:»Vielleicht ist es so was wie Atome? Sie können ja auch Gedanken, die einer bloß im Kopf denkt, mit einer Maschine aufschreiben. Das hab ich selber im Fernsehen gesehen. Es gibt doch heute für alles Spezialfachleute.«

»Ich hab eine Idee!«, rief der dicke Massimo mit seiner Mädchenstimme.»Wenn man Filmaufnahmen macht, ist doch alles auf dem Film drauf. Und bei Tonbandaufnahmen ist alles auf dem Band. Vielleicht haben sie einen Apparat, mit dem man die Zeit aufnehmen kann. Wenn wir wüssten, wo sie drauf ist, dann könnten wir sie einfach wieder ablaufen lassen, dann wäre sie wieder da!«

»Jedenfalls«, sagte Paolo und schob seine Brille auf der Nase hoch,»müssen wir erst mal einen Wissenschaftler finden, der uns hilft. Sonst können wir gar nichts machen.«

»Du immer mit deinen Wissenschaftlern!«, rief Franco.»Denen kann man schon gleich nicht trauen! Nimm mal an, wir finden einen, der Bescheid weiß - woher willst du wissen, dass er nicht mit den Zeit-Dieben zusammenarbeitet? Dann sitzen wir schön in der Tinte!«Das war ein berechtigter Einwand.

Jetzt erhob sich ein sichtlich wohlerzogenes Mädchen und sagte:»Ich finde, das Beste wäre, wir melden das Ganze der Polizei.«

»So weit kommt's noch!«, protestierte Franco.»Die Polizei, was die schon machen kann! Das sind doch keine gewöhnlichen Räuber! Entweder weiß die Polizei schon längst Bescheid, dann ist sie offenbar machtlos. Oder sie hat noch nichts von dem ganzen Saustall gemerkt - dann ist es sowieso hoffnungslos. Das ist meine Meinung.«Eine Stille der Ratlosigkeit folgte.

»Aber irgendwas müssen wir doch tun«, meinte Paolo schließlich.»Und zwar möglichst schnell, ehe die Zeit-Diebe etwas von unserer Verschwörung merken.«

Nun erhob sich Gigi Fremdenführer.

»Liebe Freunde«, begann er,»ich habe mir die ganze Angelegenheit gründlich überlegt. Ich habe Hunderte von Plänen entwickelt und wieder verworfen, bis ich schließlich einen gefunden habe, der mit Sicherheit zum Ziel führen wird. Wenn ihr alle mitmacht! Ich wollte nur zuerst hören, ob einer von euch vielleicht einen besseren Plan hat. Also, ich will euch nun sagen, was wir tun werden.«

Er machte eine Pause und blickte langsam im ganzen Rund umher. Mehr als fünfzig Kindergesichter waren ihm zugewandt. So viele Zuhörer hatte er schon lange nicht mehr gehabt.

»Die Macht dieser grauen Herren«, fuhr er fort,»liegt darin, wie ihr nun wisst, dass sie unerkannt und im Geheimen arbeiten können. Also ist das einfachste und wirkungsvollste Mittel, um sie unschädlich zu machen, dass alle Leute die Wahrheit über sie erfahren. Und wie werden wir das machen? Wir werden eine große Kinder-Demonstration veranstalten! Wir werden Plakate und Transparente malen und damit durch alle Straßen ziehen. Wir werden die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf uns lenken. Und wir werden die ganze Stadt hierher zu uns ins alte Amphitheater einladen, um sie aufzuklären. Es wird eine ungeheure Aufregung unter den Leuten geben! Tausende und Abertausende werden herbeiströmen! Und wenn sich hier eine unübersehbare Menschenmenge versammelt hat, dann werden wir das schreckliche Geheimnis aufdecken! Und dann - dann wird sich die Welt mit einem Schlag ändern! Man wird niemand mehr die Zeit stehlen können. Jeder wird so viel davon haben, wie er nur haben will, denn von nun an ist ja wieder genug da. Und das, meine Freunde, können wir, wir alle gemeinsam schaffen, wenn wir nur wollen. Wollen wir?«

Ein vielstimmiger Jubelschrei war die Antwort.

»Ich stelle also fest«, schloss Gigi seine Rede,»wir haben einstimmig den Beschluss gefasst, die ganze Stadt für den nächsten Sonntagnachmittag ins alte Amphitheater einzuladen. Aber bis dahin muss strengstes Stillschweigen über unseren Plan bewahrt werden, verstanden? Und nun, Freunde - an die Arbeit!«

Diesen und die folgenden Tage herrschte heimlicher, aber fieberhafter Hochbetrieb in der Ruine. Papier und Töpfe voll Farbe und Pinsel und Leim und Bretter und Pappe und Latten und was sonst noch alles nötig war, wurde herbeigeschafft. (Wie und woher, wollen wir lieber nicht fragen.) Und während die einen Transparente und Plakate und Umhängetafeln fabrizierten, dachten sich die anderen, die gut schreiben konnten, eindrucksvolle Texte aus und malten sie darauf. Es waren Aufrufe, die zum Beispiel Folgendes mitteilten:

Und auf allen stand außerdem Ort und Datum der Einladung. Als schließlich alles fertig war, stellten sich die Kinder im Amphitheater auf, Gigi, Beppo und Momo an der Spitze und dann zogen sie mit ihren Tafeln und Transparenten im langen Gänsemarsch in die Stadt. Dazu machten sie Lärm mit Blechdeckeln und Pfeifchen, riefen Sprechchöre und sangen folgendes Lied, das Gigi eigens für diesen Anlass gedichtet hatte:

»Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: Fünf vor zwölf hat es geschlagen. Drum wacht auf und seid gescheit, denn man stiehlt euch eure Zeit. Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: Lasst euch nicht mehr länger plagen! Kommt am Sonntag so um drei, hört uns zu, dann seid ihr frei!«

Das Lied hatte natürlich noch mehr Strophen, achtundzwanzig insgesamt, aber die brauchen wir hier nicht alle aufzuführen. Ein paarmal griff die Polizei ein und trieb die Kinder auseinander, wenn sie den Straßenverkehr behinderten. Aber die Kinder ließen sich dadurch keineswegs entmutigen. Sie sammelten sich an anderen Stellen wieder neu und fingen von vorn an. Sonst passierte ihnen nichts und graue Herren konnten sie, trotz angestrengtester Aufmerksamkeit, nirgends entdecken.

Aber viele andere Kinder, die den Umzug sahen und bisher noch nichts von der ganzen Sache gewusst hatten, schlossen sich an und gingen mit, bis es viele hundert und schließlich sogar tausend waren. Überall in der großen Stadt zogen nun Kinder in langen Prozessionen durch die Straßen und luden die Erwachsenen zu der wichtigen Versammlung ein, die die Welt verändern sollte.

NEUNTES KAPITEL

Eine gute Versammlung, die nicht stattfindet, und eine schlimme Versammlung, die stattfindet

Die große Stunde war vorüber.

Sie war vorüber und keiner der Eingeladenen war gekommen. Gerade diejenigen Erwachsenen, die es am meisten anging, hatten von den Umzügen der Kinder kaum etwas bemerkt. Nun war also alles umsonst gewesen.

Die Sonne neigte sich schon tief dem Horizont zu und stand groß und rot in einem purpurnen Wolkenmeer. Ihre Strahlen streiften nur noch die obersten Stufen des alten Amphitheaters, in dem seit Stunden Hunderte von Kindern saßen und warteten. Kein Stimmengewirr und kein fröhlicher Lärm war mehr zu hören. Alle saßen still und traurig da.

Die Schatten verlängerten sich rasch, bald würde es dunkel werden. Die Kinder begannen zu frösteln, denn es wurde kühl. Eine Kirchturmuhr in der Ferne schlug achtmal. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr, dass die Sache ganz und gar misslungen war.

Die ersten Kinder standen auf und gingen schweigend fort, andere schlossen sich ihnen an. Niemand sagte ein Wort. Die Enttäuschung war zu groß.

Schließlich kam Paolo zu Momo und sagte:»Es hat keinen Zweck mehr zu warten, Momo. Jetzt kommt keiner mehr. Gute Nacht, Momo.«

Und er ging.

Dann kam Franco zu ihr und sagte:»Da kann man nichts machen. Mit den Erwachsenen brauchen wir nicht mehr zu rechnen, das haben wir ja jetzt gesehen. Ich war ja immer schon misstrauisch gegen sie, aber jetzt will ich überhaupt nichts mehr mit ihnen zu tun haben.«Dann ging auch er und ihm folgten andere. Und schließlich, als es schon dunkel wurde, gaben auch die letzten Kinder die Hoffnung

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