Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte
- Автор: Энде Михаэль Андреас Гельмут
- Язык: немецкий
- Жанр: Сказки народов мира
Электронная книга - «Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte». Краткое содержание книги:
Als sie sie nach einer Weile mit der Hand berührte, klapperte die Puppe einige Male mit den Augendeckeln, bewegte den Mund und sagte mit einer Stimme, die etwas quäkend klang, als käme sie aus einem Telefon:»Guten Tag. Ich bin Bibigirl, die vollkommene Puppe.«
Momo fuhr erschrocken zurück, aber dann antwortete sie unwillkürlich:»Guten Tag, ich heiße Momo.«
Wieder bewegte die Puppe ihre Lippen und sagte:»Ich gehöre dir. Alle beneiden dich um mich.«
»Ich glaub nicht, dass du mir gehörst«, meinte Momo.»Ich glaub eher, dass dich jemand hier vergessen hat.«
Sie nahm die Puppe und hob sie hoch. Da bewegten sich deren Lippen wieder und sie sagte:»Ich möchte noch mehr Sachen haben.«
»So?«, antwortete Momo und überlegte.»Ich weiß nicht, ob ich was hab, das zu dir passt. Aber warte mal, ich zeig dir meine Sachen, dann kannst du ja sagen, was dir gefällt.«
Sie nahm die Puppe und kletterte mit ihr durch das Loch in der Mauer in ihr Zimmer hinunter. Sie holte eine Schachtel mit allerlei Schätzen unter dem Bett hervor und stellte sie vor Bibigirl hin.»Hier«, sagte sie,»das ist alles, was ich hab. Wenn dir was gefällt, dann sag's nur.«
Und sie zeigte ihr eine hübsche bunte Vogelfeder, einen schön gemaserten Stein, einen goldenen Knopf, ein Stückchen buntes Glas. Die Puppe sagte nichts und Momo stieß sie an.
»Guten Tag«, quäkte die Puppe,»ich bin Bibigirl, die vollkommene Puppe.«
»Ja«, sagte Momo,»ich weiß schon. Aber du wolltest dir doch was aussuchen, Bibigirl. Hier hab ich zum Beispiel eine schöne rosa Muschel. Gefällt sie dir?«
»Ich gehöre dir«, antwortete die Puppe,»alle beneiden dich um mich.«
»Ja, das hast du schon gesagt«, meinte Momo.»Aber wenn du nichts von meinen Sachen magst, dann können wir vielleicht spielen, ja?«
»Ich möchte noch mehr Sachen haben«, wiederholte die Puppe.
»Mehr hab ich nicht«, sagte Momo. Sie nahm die Puppe und kletterte wieder ins Freie hinaus. Dort setzte sie die vollkommene Bibigirl auf den Boden und nahm ihr gegenüber Platz.
»Wir spielen jetzt, dass du zu mir zu Besuch kommst«, schlug Momo vor.
»Guten Tag«, sagte die Puppe,»ich bin Bibigirl, die vollkommene Puppe.«
»Wie nett, dass Sie mich besuchen!«, erwiderte Momo.»Woher kommen Sie denn, verehrte Dame?«
»Ich gehöre dir«, fuhr Bibigirl fort,»alle beneiden dich um mich.«
»Also hör mal«, meinte Momo,»so können wir doch nicht spielen, wenn du immer das Gleiche sagst.«
»Ich möchte noch mehr Sachen haben«, antwortete die Puppe und klimperte mit den Wimpern.
Momo versuchte es mit einem anderen Spiel und als auch das misslang, mit noch einem anderen und noch einem und noch einem. Aber es wurde einfach nichts daraus. Ja, wenn die Puppe gar nichts gesagt hätte, dann hätte Momo an ihrer Stelle antworten können und es hätte sich die schönste Unterhaltung ergeben. Aber so verhinderte Bibigirl gerade dadurch, dass sie redete, jedes Gespräch.
Nach einer Weile überkam Momo ein Gefühl, das sie noch nie zuvor empfunden hatte. Und weil es ihr ganz neu war, dauerte es eine Weile, bis sie begriff, dass es die Langeweile war.
Momo fühlte sich hilflos. Am liebsten hätte sie die vollkommene Puppe einfach liegen lassen und etwas anderes gespielt, aber sie konnte sich aus irgendeinem Grund nicht von ihr losreißen. So saß Momo schließlich nur noch da und starrte die Puppe an, die ihrerseits wieder mit blauen, gläsernen Augen Momo anstarrte, als hätten sie sich gegenseitig hypnotisiert.
Schließlich wandte Momo ihren Blick mit Willen von der Puppe weg - und erschrak ein wenig. Ganz nah stand nämlich ein elegantes aschengraues Auto, dessen Kommen sie nicht bemerkt hatte. In dem Auto saß ein Herr, der einen spinnwebfarbenen Anzug anhatte, einen grauen steifen Hut auf dem Kopf trug und eine kleine graue Zigarre rauchte. Auch sein Gesicht sah aus wie graue Asche.
Der Herr musste sie wohl schon eine ganze Weile beobachtet haben, denn er nickte Momo lächelnd zu. Und obwohl es so heiß an diesem Mittag war, dass die Luft in der Sonnenglut flimmerte, begann Momo plötzlich zu frösteln.
Jetzt öffnete der Mann die Wagentür, stieg aus und kam auf Momo zu. In der Hand trug er eine bleigraue Aktentasche.
»Was für eine schöne Puppe du hast!«, sagte er mit eigentümlich tonloser Stimme.»Darum können dich alle deine Spielkameraden beneiden.«
Momo zuckte nur die Schultern und schwieg.
»Die war bestimmt sehr teuer?«, fuhr der graue Herr fort.»Ich weiß nicht«, murmelte Momo verlegen,»ich hab sie gefunden.«
»Was du nicht sagst!«, erwiderte der graue Herr.»Du bist ja ein richtiger Glückspilz, scheint mir.«
Momo schwieg wieder und zog sich ihre viel zu große Männerjacke enger um den Leib. Die Kälte nahm zu.
»Ich habe allerdings nicht den Eindruck«, meinte der graue Herr mit dünnem Lächeln,»als ob du dich so besonders freust, meine Kleine.«
Momo schüttelte ein wenig den Kopf. Es war ihr plötzlich, als sei alle Freude für immer aus der Welt verschwunden - nein, als habe es überhaupt niemals so etwas gegeben. Und alles was sie dafür gehalten hatte, war nichts als Einbildung gewesen. Aber gleichzeitig fühlte sie etwas, das sie warnte.
»Ich habe dich schon seit einer ganzen Weile beobachtet«, fuhr der graue Herr fort,»und mir scheint, du weißt überhaupt nicht, wie man mit einer so fabelhaften Puppe spielen muss. Soll ich es dir zeigen?«
Momo blickte den Mann überrascht an und nickte.
»Ich will noch mehr Sachen haben«, quäkte die Puppe plötzlich.
»Na, siehst du, Kleine«, meinte der graue Herr,»sie sagt es dir sogar selbst. Mit einer so fabelhaften Puppe kann man nicht spielen wie mit irgendeiner anderen, das ist doch klar. Dazu ist sie auch nicht da. Man muss ihr schon etwas bieten, wenn man sich nicht mit ihr langweilen will. Pass mal auf, Kleine!«
Er ging zu seinem Auto und öffnete den Kofferraum.
»Zuerst einmal«, sagte er,»braucht sie viele Kleider. Hier ist zum Beispiel ein entzückendes Abendkleid.«
Er zog es hervor und warf es Momo zu.
»Und hier ist ein Pelzmantel aus echtem Nerz. Und hier ist ein seidener Schlafrock. Und hier ein Tennisdress. Und ein Skianzug. Und ein Badekostüm. Und ein Reitanzug. Ein Pyjama. Ein Nachthemd. Ein anderes Kleid. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins…«
Er warf alle die Sachen zwischen Momo und die Puppe, wo sie sich langsam zum Haufen türmten.
»So«, sagte er und lächelte wieder dünn,»damit kannst du erst einmal eine Weile spielen, nicht wahr, Kleine? Aber das wird nach ein paar Tagen auch langweilig, meinst du? Nun gut, dann musst du eben mehr Sachen für deine Puppe haben.«
Wieder beugte er sich über den Kofferraum und warf Sachen zu Momo herüber.
»Hier ist zum Beispiel eine richtige kleine Handtasche aus Schlangenleder, mit einem echten kleinen Lippenstift und einem Puderdöschen drin. Hier ist ein kleiner Fotoapparat. Hier ein Tennisschläger. Hier ein Puppenfernseher, der echt funktioniert. Hier ein Armband, eine Halskette, Ohrringe, ein Puppenrevolver, Seidenstrümpfchen, ein Federhut, ein Strohhut, ein Frühjahrshütchen, Golfschlägerchen, ein kleines Scheckbuch, Parfümfläschchen, Badesalz, Körperspray…«Er machte eine Pause und blickte Momo prüfend an, die wie gelähmt zwischen all den Sachen am Boden saß.
»Du siehst«, fuhr der graue Herr fort,»es ist ganz einfach. Man muss nur immer mehr und mehr haben, dann langweilt man sich niemals. Aber vielleicht denkst du, dass die vollkommene Bibigirl eines Tages alles haben wird und dass es dann eben doch wieder langweilig werden könnte. Nein, meine Kleine, keine Sorge! Da haben wir nämlich einen passenden Gefährten für Bibigirl.«