Revolte gegen die Unsterblichen [=Die Augen Heisenbergs / The Eyes of Heisenberg - de]
- Автор: Херберт Фрэнк
- Год: 1968
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne Verlag
- Переводчик: Leni Sobez
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Revolte gegen die Unsterblichen [=Die Augen Heisenbergs / The Eyes of Heisenberg - de]». Краткое содержание книги:
»Ich weiß, daß es nötig ist.«
»Sehr interessant«, meinte Calapine.
Nourse sah sie an. »Was findest du so interessant an diesen Obszönitäten?«
»Sie sind aufregend«, antwortete Calapine, »und sehr interessant.«
12
Für Svengaard, der in der wohlgeordneten Welt der Regentenherrschaft zu Hause war, kam der Gedanke ihrer Fehlbarkeit einem Sakrileg gleich. Er versuchte, ihn aus seinem Gehirn zu verbannen. Fehlbarkeit hieß Sterblichkeit. Nur die kleinen Leute starben, nicht die Übermenschen-Regenten. Wie sollten sie auch fehlbar sein?
Er kannte den Arzt, der ihm gegenüber im fahlen Dämmerlicht saß, das durch schmale Spalten in einer gewölbten Decke fiel. Dieser Mann war Toure Igan, einer von der chirurgischen Elite der Zentrale, dem nur die allerschwierigsten geneto-medizinischen Fälle anvertraut wurden.
Der Raum, in dem sie sich befanden, war kaum mehr als eine kleine Nische zwischen den Wänden eines Luftkanaldeckels der unterirdischen Frischluftversorgung. Svengaard saß in einem bequemen Sessel, doch seine Arme und Beine waren gefesselt. Einige andere Leute drängten sich um den Tisch, an dem Igan saß. Sie trugen seltsam geformte Pakete. Die meisten von ihnen nahmen weder von Igan noch von Svengaard Notiz.
»Du mußt dich entscheiden«, hatte Igan gesagt.
Svengaard besah sich die Leute. Ein Mann mit einer golden schimmernden Metallkugel ging an ihm vorbei. Aus einer seiner Taschen hing eine kurze Silberkette, an der ein Fruchtbarkeitsfetisch baumelte.
»Du mußt Antwort geben«, mahnte Igan.
Svengaard sah die Wand an. Plasmeld, das unvermeidliche Plasmeld. Es roch nach Desinfektionsmitteln und dem Ersatzgartenduft des Luftreinigers. Die Menschen trugen fast alle die gleiche Kleidung. Was waren das für Leute? Es war nur zu offensichtlich, daß sie einer Untergrundbewegung angehörten. Aber welcher?
. »Wir haben nun den offenen Kampf«, sagte Igan. »Du mußt mir glauben. Dein eigenes Leben hängt davon ab.«
Mein Leben? wunderte sich Svengaard. Er dachte über sein Leben nach, versuchte Klarheit darüber zu gewinnen. Er hatte eine Tertiärfrau, kaum mehr als eine Gespielin, deren Anträge auf eine Aufzuchterlaubnis immer wieder zurückgewiesen worden waren, wie die seinen auch. Er konnte sich im Augenblick nicht einmal ihr Gesicht vorstellen, ebensowenig wie die Gesichter seiner früheren Frauen und Gefährtinnen. Sie ist nicht mein Leben, dachte er. Wer ist eigentlich mein Leben?
Er war erschöpft vor Müdigkeit und von den narkotischen Drogen, die seine Entführer ihm während der Nacht aufgezwungen hatten. Er erinnerte sich der Hände, die nach ihm gegriffen, ihn festgehalten hatten, an die Lücke in der Wand, die keine Tür sein konnte, aber doch eine war, an die Lichtfülle dahinter. Und er erinnerte sich daran, daß er in Igans Gegenwart aufgewacht war.
»Ich habe dir nichts vorenthalten«, fuhr Igan fort, »ich habe dir alles erzählt. Potter ist knapp mit dem Leben davongekommen. Der Befehl, dich einzufangen, ist schon ausgegeben. Deine Computerassistentin ist tot. Viele Menschen sind gestorben. Noch mehr werden sterben. Verstehst du nicht, daß sie Sicherheit brauchen? Sie können nichts dem Zufall überlassen.«
Was ist mein Leben? fragte sich Svengaard. Er dachte an seine gemütliche Wohnung, an seine Instrumente und Unterhaltungsbänder, seine wissenschaftliche Arbeit, seine Freunde, an die sichere ärztliche Routine seiner Stellung.
»Aber wohin soll ich gehen?« fragte Svengaard.
»Wir haben etwas vorbereitet.«
»Kein Ort ist vor ihnen sicher«, antwortete Svengaard, und nun wurde ihm zum erstenmal bewußt, wie sehr er die Regenten verabscheute.
»Es gibt viele sichere Orte«, widersprach Igan. »Sie behaupten nur, übersinnlicher Wahrnehmungen fähig zu sein. Ihre Macht gründet sich auf Maschinen und Instrumente, die geheime Überwachung. Aber Maschinen und Instrumente kann man stören und für andere Zwecke verwenden. Und die Regenten überlassen es dem Volk, ihre Gewalttaten zu vollbringen.«
Svengaard schüttelte den Kopf. »Das ist alles Unsinn.«
»Nur das eine nicht. Sie sind wie wir — Menschen, die sich ändern. Das wissen wir aus Erfahrung.«
»Weshalb sollen sie aber die Dinge tun, die ihr ihnen vorwerft?« protestierte Svengaard. »Das ist doch unvernünftig. Sie sind gut zu uns.«
»Ihr einziges Interesse besteht darin, sich selbst zu erhalten«, erklärte Igan. »Sie tanzen auf einem dünnen Seil. Solange sich nichts ändert in ihrer Umgebung, solange bleiben sie leben — unendlich lange. Eine entscheidende Änderung — und sie sind wie wir den natürlichen Gefahren ausgesetzt. Verstehst du, für sie kann es keine Natur geben, da sie diese Natur nicht kontrollieren können.«
»Das glaube ich nicht. Sie lieben uns, und sie sorgen für uns. Sieh dir doch nur an, was sie alles für uns getan haben.«
»Das habe ich getan.« Igan schüttelte den Kopf. Svengaard war noch viel sturer, als er geglaubt hatte. Er leugnete jeden Gegenbeweis und klammerte sich an die alten Redensarten.
»Du möchtest, daß sie verschwinden«, beschuldigte ihn Svengaard.
»Weil sie uns um unsere Weiterentwicklung betrogen haben«, erwiderte Igan.
»Um was … betrogen?«
»Sie sind die einzigen freien Persönlichkeiten in unserer Welt«, erklärte Igan. »Aber Personen entwikkeln sich nicht; Völker entwickeln sich, nicht das Individuum. Wir haben kein Volk.«
»Aber das Volk …«
»Ja, Volk! Die Leute! Wer unter uns hat die Erlaubnis, sich einen Ehepartner zu suchen?« Igan schüttelte den Kopf. »Du bist ein Genchirurg, Mann? Hast du noch immer nicht begriffen?«
»Sag doch, was du damit eigentlich meinst!« Svengaard verwünschte seine Fesseln, denn seine Arme und Beine waren schon taub.
»Die Regenten bestehen auf ihren Regeln für die Fortpflanzung. Sie wollen den Durchschnitt, und alles, was sie tun, zielt darauf ab, diesen Durchschnitt systematisch zu züchten und jede Entwicklung besonders hochstehender Individuen zu unterdrücken. Die wenigen besonders hochstehenden Menschen, die es trotzdem gibt, erhalten keine Aufzuchterlaubnis.«
Svengaard schüttelte den Kopf. »Ich glaube dir nicht«, sagte er, wenn auch allmählich Zweifel in ihm erwachten. Er brauchte nur an sich selbst zu denken: Ganz gleich, welche Partner er sich auch wählte — die Zuchterlaubnis wurde immer versagt.
»Du glaubst mir also doch«, stellte Igan fest.
»Aber bedenke doch, welch langes Leben wir durch sie haben«, wandte Svengaard ein, »ich kann ungefähr zweihundert Jahre alt werden.«
»Die Medizin bringt das zustande, nicht die Regenten«, belehrte ihn Igan. »Der Schlüssel dazu ist eine sorgfältige, genau dosierte Enzymzufuhr. Jede Aufregung, die unserer Gesundheit schaden könnte, wird von uns ferngehalten. Man treibt Sport und hält sich an die vorgeschriebene Diät. Das ist das ganze Geheimnis, und das gilt für alle.«
»Aber ein unendlich langes Leben?« flüsterte Svengaard.
»Nein! Ein langes Leben, viel länger als jetzt. Ich selbst bin fast vierhundert Jahre alt, und ich stehe damit nicht allein. Fast vierhundert schöne Jahre …«, sagte er und verwendete Calapines heuchlerische Phrase.
»Du — vierhundert?« staunte Svengaard.
»Natürlich ist das nichts im Vergleich zu den vielen tausend der ihren«, meinte Igan. »Aber fast jeder könnte so lange leben; nur — sie lassen es nicht zu.«
»Und warum nicht?«
»Auf die Art können sie ihren Bevorzugten und Auserwählten ein paar zusätzliche Jahre bieten als Belohnung für treue Dienste. Sonst haben sie doch sowieso nichts für uns übrig, und du weißt es selbst. Und für dieses bißchen an zusätzlichem Leben hast du dich die ganze Zeit hindurch an sie verkauft.«
Svengaard sah auf seine gefesselten Hände nieder. Ist das mein Leben? überlegte er. Gebundene Hände?