Wie der Soldat das Grammofon repariert
- Автор: Stanisic Sasa
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: btb
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Wie der Soldat das Grammofon repariert». Краткое содержание книги:
Musa, sagte Walross zu Musa Hasanagić, der seine Karfiol an den Zügeln führte, Musa, Bruder, halten wir zusammen?
Immer, sagte Musa und Karfiol nickte, wie es Pferde tun.
Auf dem Weg zu seinem Sohn, den er viel zu lange nicht gesehen hatte, und auf dem Weg zum Satz: ich bin zurück, und der Krieg ist mir auf den Fersen, erzählte Walross von seiner Reise, der letzten, so sagte er, die man für lange Zeit so voller Sorgen und doch so sorglos gemacht haben wird in diesem Land:
Wohin schlechter Musikgeschmack führt, was der Dreipunktemann anprangert und wie schnell ein Krieg ist, wenn er einmal Anlauf genommen hat
Meine Karre ist gleich auf dem Romanija stehen geblieben. Nicht zu fassen! Genau da, wo ich mit meinem Zoran einmal Pinkelpause gemacht habe, will der Motor nicht mehr. Nebel wie Zement, nach wie vor. Ich — zu Fuß weiter, dann kam der Bus. Der Fahrer hat Musik aufgedreht. Mein Kopf hat Schmerzen aufgedreht. Sag ich zu ihm: du bist nicht allein hier. Er lacht mich aus: bin ich nicht, aber ich fahre dich und solange ich dich fahre, gehört mir die Lautstärke und dir der Sitz. Da hat er Recht. Das geb ich zu. Da streit ich mich nicht. Aber die Musik wird nicht nur nicht leiser, sie wird auch noch schlechter. Sie wird widerlich. Der hat eine Kassette reingetan und singt von den scharfen Schwertern an der blutigen Drina. Ich noch mal vor: gut, die Lautstärke und das Radio und das Lenkrad und die Geschwindigkeit und deine Nasenhaare gehören dir, aber das hier, das sind meine Ohren. Und das, womit meine Ohren und meine Drina sich abgeben müssen, damit bin ich nicht zufrieden und ganz und gar nicht einverstanden. Und weil du mitsingst — da habe ich ihm gegen die Schulter getippt —, bin ich auch mit dir nicht zufrieden und ganz und gar nicht einverstanden. Als Fahrer nicht und als Mensch, der so einen Schwachsinn auswendig kann, auch nicht. Abschalten oder ich schieß dir die Eier weg! Der dreht aber bis zum Anschlag auf. In die Schlacht, alle Helden! hat er mich angebrüllt, dass ich dachte, gleich fliegen wir von der Straße und das Letzte, was ich im Leben gehört habe, ist großserbisches Eselsgeschrei. Weil singen konnte der nicht, sonst wäre er auch kein Busfahrer geworden. Ich habe Kopfweh und mein Leben ist gerade nicht das einfachste Leben, habe ich dem Esel ins Ohr geflüstert. Und dass ich zwar Serbe bin, mich aber schäme, wenn ich so einen Müll höre. Es gibt nichts Gefährlicheres als einen betrogenen Mann mit Kopfweh, der sich schämt und in seiner Tasche unter den Unterhemden eine geladene Flinte hat. Aleksandar, versprich mir, du drückst nie einem Busfahrer eine Flinte unters Auge, wirfst ihn aus seinem Bus, trittst ihn zusammen und erschießt seine Kassette!
Pionierehrenwort!
Es gibt keine Pioniere mehr, Halunke.
Man ist lebenslänglich Pionier!
Walross nickte zufrieden. Ja, jetzt bin wohl ich der Bus, habe ich zu den Passagieren gesagt, und jeder kanns haben, wie er will. Ich bring euch vor die Haustür oder wohin auch immer, ihr habt dafür bezahlt. Wer nicht mit einem solchen Kopfweh und einer solchen Flinte mitfahren möchte, den lasse ich gleich raus, bin auch nicht sauer. Da waren also diese Gesichter, Männer und Frauen, sie haben mich angeguckt, alle ein bisschen besorgt und alle schwarzhaarig; alle — nur meine Milica rothaarig, sie saß auf dem Fünfer hinten und malte sich den Mund an. Aah! Da war mir sofort klar, dass ich das nicht ganz ernst gemeint haben konnte, dass ich jeden rauslasse. Weil so eine — entkommt mir nicht.
Milica lächelte und senkte die Augen. Walross legte die Taschen ab, schloss ihre Taille in seine große Basketballhand und zog Kreise über den rotschwarzen Stoff ihrer Bluse.
Drei Leute sind sofort ausgestiegen, hob Walross drei Finger, ein vierter — Walross zückte den kleinen Finger — ist aufgestanden. Ein winziger, alter Mann mit einem viel zu großen Hut, Schläfenlocken und schäbigem Frack. So winzig, ich habe ihn hinter dem Sitz gar nicht gesehen. Alles an ihm war entweder klein und kurz oder groß und lang. Er musste auf die Lehne klettern, um seine Tasche von der Ablage holen zu können. Ein ganz, ganz, ganz kleiner Nörgler war das, dem hast du die Ehrlichkeit und die Trauer an den Lippen angesehen! Noch auf der Lehne hat er sich eine kleine Brille vor die Riesenaugen geschoben und eine Rede gehalten in seiner Dreipunktsprache: dass es bei uns immer so mit Fäusten … dass wir immer … es zerreißt mir … es zerreißt mich … Waffen … prügeln … sogar mit Worten … prügeln … schelten … fauchen … fluchen … wie damals … immer schon … und das ist nur … ihr werdet noch sehen … das ist erst … ein Land der Schläger … nie ruht es … nie ruht es sich aus …
Aleksandar, so einen langen Bart hast du nicht gesehen wie den Bart, in den der Dreipunktemann genörgelt hat! Er hat ihn sich an seiner Fliege vorbeigekämmt, zwei lange Wasserfälle Bart. So stand er dann vor mir, ich kann alles wiederholen, was er gesagt hat: sinnlos … sinnlos … müssen wir uns immer so … könnte viel leichter sein … wie damals … Stiefel auf Eis … der See zugefroren … solch eine Kälte … auch den kleinsten Nagel haben sie … genau fünfzig Jahre ist es her … man gab mir zu essen … ich wollte zu Gott … so ein Hunger … die Popen, die guten Popen … Glaube oder Essen … Jungchen, Jungchen … von Kälte kannst du erblinden … nichts habe ich gerettet … nichts … so sind die Kriege … so war der damals … nichts habe ich gerettet … die einsamsten Menschen lieben nur sich selbst …
Genau das hat der Dreipunktemann gesagt, man kann es gar nicht vergessen. Dann hat er sich in der ersten Reihe hingelegt und weiter in seinen Bart gemurmelt. So einen langen Bart hast du nicht gesehen, hast du nicht.
Hast du nicht, sagte Milica.
Hast du nicht, sagte ich und nach einer Pause, leise, auf den Marienkäfer schielend, und warum hast du die mitgebracht?
Ich bin nicht mitgebracht worden! empörte sich Milica, ich bin hergefahren, weil ich es so wollte. Männer mit einer Meinung, großen Händen, Kopfweh, einer Flinte und so einem — sie sah an Walross herunter — Arsch in der Hose imponieren mir. Ups! Darfst du schon solche Wörter benutzen?
Imponieren? Ich bin Jugoslawe!
Walross lachte und Milica lachte. Sie war anders als die Frauen in Višegrad. Immer suchte sie mit den Augen die Umgebung ab, als würde sie jemanden erwarten, auch wenn sie sich unterhielt, sogar wenn sie lachte. Nur auf ihren Walross konzentrierte sie sich ganz. Sie wird es bei uns schwer haben.
«Das Kapital«, sagte Walross, habe ich mir nicht wieder besorgt, meine alte Ausgabe habe ich nachts gelesen, wenn ich nicht schlafen konnte, und ich schwöre, ich habe kein Wort verstanden. Meine Milica habe ich bestens verstanden. Sie und der Dreipunktemann waren die letzten Passagiere, nachdem ich alle anderen nach Hause gebracht hatte. Der Dreipunktemann erzählte uns, dass man sein Zuhause und seine Synagoge und seine Erinnerung daran, wie man Sätze beendet, geplündert hat. Nur den Hut, den Koffer, den Bart und die Fliege habe er noch. Tarirara könnt ihr mich … das ist mein … ich heiße … Tarirara war aber nicht sein echter Name, den echten hat man ihm auch genommen. Tarirara war sein Lied. Gedankenverloren kratzte er mit dem Nagel am Gummi unter dem Fenster, tarirara, tarirara …, hat er gesungen. Zwei Monate ist er mit uns gefahren. Ich ließ ihn ans Lenkrad, um meine Milica auf der letzten Sitzreihe besser kennen zu lernen.
Einmal, nachts, irgendwo im slowenischen Hochgebirge, ich lerne gerade Milicas Hals besser kennen, da knallt es! Der Bus bricht links durch die Leitplanke, kracht bergab durch Dickicht, dass es dir die Knochen neu sortiert, schlägt unten auf, ich kann Milica gerade noch festhalten.
Nicht schlecht …, ruft vorne der Dreipunktemann und winkt einer Radkappe zum Abschied. Um uns eine riesige, leere Fläche und Wind. Der Dreipunktemann macht ein paar Schritte und rutscht fast aus. Sagt er: das … das … nichts konnte ich retten, so viele Jahre sind … aber jetzt …