Wie der Soldat das Grammofon repariert
- Автор: Stanisic Sasa
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: btb
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Wie der Soldat das Grammofon repariert». Краткое содержание книги:
Hinter dem grinsenden Walross erschien eine junge Frau in der Bustür. Der vergaß jeden Handel und stopfte sich das Hemd in die Hose. Rotes Haar mit schwarzen Spangen, roter Schal mit schwarzen Streifen, rote Stöckelschuhe mit schwarzen Schnallen, Schuhgröße fünfzehn, wenn es hochkommt; auch die weit ausgeschnittene Bluse und der Mini-Rock waren rot-schwarz. Der Marienkäfer lachte, und ich war sehr erleichtert, dass seine Zähne einfach weiß waren.
Walross reichte der Rothaarigen seinen Unterarm, den sie lächelnd ergriff. Ihre roten Schuhe berührten den aufgeplatzten Asphalt kaum. So schwebend und mit den Wimpern klimpernd sah die junge Frau die kleine Gruppe an, die zusammengekommen war, um das Wunder Walross zu begrüßen, und die Gruppe senkte den Blick, sofern sie Mann war, und nahm die Mütze ab, sofern sie eine hatte.
Willst du nicht sie verkaufen? schoss es Armin durch den Kopf, so begierig jedenfalls stierte er auf Walross’ Neue. Als wäre sie ein Sonntagabendwestern, der noch nie gelaufen ist. Armin pfiff kaum hörbar, aber hörbar durch die Zähne, so pfeift man, wenn man etwas Teures sieht. Die Augen der Rothaarigen hatten mit Armins Pfiff etwas zu tun, hellblau neben dem ganzen Rot-Schwarz. Auch wie schlank und lang ihr Hals war! Armin klopfte zum vielleicht zwanzigsten Mal gegen den heißen rechten Vorderreifen, dieses Bein hatte er nicht mehr im Griff.
Das, das ist meine Milica! sagte Walross seine Milica mit einer so feierlichen Stimme an, als wollte er eigentlich verkünden: alle herhören, jeder soll wissen, dass das meine Milica ist! Milenkos schöne Milica!
Jeder wusste von Walross’ Unglück, jeder hatte mitbekommen, wie er vor den Augen seines einzigen Sohnes betrogen wurde und wie ein Trafikant seinen Bücherschrank mitsamt dem» Kapital «gedemütigt und beschmutzt hatte. Es klatschte trotzdem niemand, als der Marienkäfer an Walross’ Seite stöckelte. Rot-Schwarz heißt bei uns noch lange nichts, die Busstation ist kein Kino und so eine Dosis Lippenstift, das kann für einen Mund, rein medizinisch, nicht gut sein!
Vorsichtig setzte Walross Milicas Gepäck ab, die eigene Sporttasche pfefferte er auf den Bürgersteig, dass Staub aufstob. Den Schlüssel reichte er Armin, als hätte der Geburtstag, und Armin blieb nichts übrig, als sich zu bedanken und endlich von dem Reifen abzulassen. Walross’ Neue warf den Schal um ihren schlanken Hals, und ein so winziges Täschchen wie ihres hatte ich noch nie gesehen, der Lippenstift passt hinein, aber dann wird es eng für die Kopfschmerztablette.
Wo ist eigentlich der Fahrer? fragte ich Walross, nachdem er die Umstehenden mit Handschlag begrüßt hatte, wie es Präsidenten auf den Flughäfen tun, die Hand der Gastgeber mit beiden Händen fassend.
Der Fahrer sammelt Pilze auf dem Romanija, antwortete Walross und boxte mir auf den Oberarm, was mir gefiel. Und wo ist mein Sohn, Halunke?
Der sammelt Haare bei Meister Stankovski, antwortete ich und tänzelte vor Walross wie Mohammed Ali, ich komme gerade von dort. Er trägt deine Jacke, immer.
Soso, die Jacke, nickte Walross und seine Handfläche kassierte eine rechte Gerade und einen Uppercut. Dann wird er das alte Ding heute das letzte Mal getragen haben, in Triest trägt man keine Jeansjacken, und ich habe alles neu für ihn.
Milica schob sich die Sonnenbrille aus dem Haar ins Gesicht und ließ, stirnrunzelnd, den Blick über die kleine Busstation schweifen. Das Gebüsch am Rand, so blassgrün, konnte jemandem so Gepunkteten nicht gefallen. Wahrscheinlich auch die Ölflecken auf dem Asphalt nicht oder das dösende Hunderudel oder die Löcher im rostigen Zaun oder der Reifenliebhaber Armin, der sich unter dem Hemd am Bauch kratzte. Ihre Inspektion beendete Milica über die Sonnenbrille hinweg — bei mir. Was war nicht in Ordnung? Ich hatte große Ohren, das fanden aber Frauen im heiratsfähigen Alter normalerweise sympathisch. Ich hatte einen schiefen Haarschnitt, aber dafür konnte ich nichts und Meister Stankovski so einiges. Milica schob langsam die Lippen auseinander, zeigte Zähne, sie besaß circa vierzig mehr als normale Menschen, und auf einem ihrer zwölf Schneidezähne funkelte ein Diamant. Die Zähne könnten eine Art Lachen sein, dachte ich, und wirklich: etwas gefiel ihr an mir! Begeistert schlug sie die Hände vor die Brust, ihre Enttäuschung über die schäbige Busstation war verflogen. Sie kniff mir mit beiden Händen in die Wangen und in die Nase mit einem unglaublich süßen Duft. Aber wenn es etwas gibt, rief ich und wischte mir mit den Ärmeln über die Wangen, das ichpersönlich erschütternd finde, dann sind das Finger in meinem Gesicht!
«Ichpersönlich «sagte meine Mutter, wenn sie anderer Meinung sein wollte und» erschütternd«, wenn sie mal wieder sehr besorgt war.
Wie er redet! jauchzte Milica und klatschte in die Hände. Ihre Stimme klang wie die letzte Klaviertaste rechts. Wie drollig er den Mund auf- und zumacht! Sie trat einen Schritt von mir zurück, als würde sie ein Bild in einer Galerie bewundern. Walross freute sich, weil seine Milica sich freute, er wollte sie umarmen, aber er war inzwischen mit Koffern und Taschen und Tüten so sehr behangen, dass er sich nicht wirklich gut bewegen konnte.
Wie alt bist du, Liebling? Milica kam wieder einen Schritt näher, ich zog mich drei Schritte zurück.
Man munkelt Verschiedenes, zwischen acht und vierzehn, je nach Bedarf, aber auf jeden Fall zu alt, um gekniffen zu werden, murmelte ich und folgte Walross, um weiteren Fragen aus dem Weg zu gehen. Der hatte sich schweren Schrittes in Richtung Zentrum aufgemacht. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Armin den Bus rückwärts herausfuhr, das konnte er nicht haben, dass einer seiner Busse mit dem vorderen Rechten aufsaß. Den Marienkäfer behielt ich im Auge. Wer weiß, wozu jemand noch fähig war, der Strümpfe trug, die wie ein Spinnennetz aussahen.
Čika Milenko, wo warst du eigentlich die ganze Zeit?
Auf der Reise — kreuz und quer durchs Land. Durch das flache Pannonien, über die Dinariden, an die Küste, bis nach Italien. Keine schlechte Reise. Weil ich kaum Geld hatte, gab ich mich mit fünf Sätzen Französisch aus der Marseillaise und dem Rezept für Lammkeule Bretagner Art als Jacques aus und stellte meine Milica jedem als Mademoiselle Bretagne vor. Franzosen machen unsereinen glücklich, weil sie wie wir zu lieben wissen, weil sie das Akkordeon genauso gut beherrschen und weil sie aus ihrem Unvermögen, ehrliches Brot zu backen eine Kunst gemacht haben! Als Jacques und Bretagne bekamen wir immer zu essen und ein Bett zum Schlafen und um uns besser kennen zu lernen. Überall erklärte man uns, warum Jugoslawien so ein feines Land gewesen sei, das hörte sich an, als würde man über einen Toten sprechen. Unsere Maskerade ging so lange gut, bis wir auf einen echten Franzosen stießen. Mit dem betranken wir uns dann mit französischem Rosé, bis er zugab, doch nur Mazedonisch mit französischem Akzent gesprochen zu haben, und dass der Wein ein Landwein aus der Gegend sei, mit Schnaps gestreckt. Da hatte der auch schon zu viel von seinem Landwein und weinte in Milicas Schoß, so viele Jahre für ein Motorrad habe er gespart, um die schönste Frau im Dorf zu beeindrucken, die schönste Frau habe aber irgendwann einen geheiratet, der nicht mal ein Fahrrad besaß.
Auf dem Weg durch Višegrad am 2. April 1992 sagte Walross: es wäre gut, wenn alle das Unterwegssein trainiert hätten wie ich. Alle werden bald lange Reisen machen müssen. Ich bleibe, komme, was wolle.
Auf dem Weg an der Feuerwache vorbei, wurde Walross ernst und sagte: hier werden Milica und ich glücklich.
Auf dem Weg blieb Walross an der Moschee stehen und trank Wasser aus dem Hahn in der Mauer.
Auf dem Weg, der gar nicht lang genug war, dass er mir das alles hätte erzählen können, was er mir erzählte, war Milenko um jeden Spaziergänger froh, der ihn erkannte und grüßend stehen blieb, weil er dann die schweren Taschen absetzen konnte. Viele grüßten herzlich, herzlich auch deswegen, weil sie froh waren, dass da wieder einer mehr in der Stadt war, die täglich kleiner wurde.