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Nachtasyl

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Nachtasyl
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Satin  lacht: Schon möglich … Der Mensch wird um des Tüchtigsten willen geboren! Nickt mit dem Kopf. Stimmt … ausgezeichnet.

Der Baron: Diese … Nastjka … Läuft einfach fort … will doch mal sehen, wo sie steckt! Es ist doch immer … Ab. Pause.

Der Schauspieler: Du, Tatar! Pause. Tatar! Der Tatar wendet den Kopf nach ihm um. Bete für mich …

Der Tatar: Was willst du?

Der Schauspieler  leiser: Beten sollst du … für mich! …

Der Tatar  nach kurzem Schweigen: Bete doch selber …

Der Schauspieler  klettert rasch vom Ofen herunter, tritt an den Tisch heran, gießt sich mit zitternder Hand ein Glas Branntwein ein, trinkt und geht hastig , fast laufend, in den Hausflur. Jetzt geh ich!

Satin: He - du, Sikambrer! Wohin? Er pfeift. Medwedew, in einer wattierten Frauenjacke, und Bubnow kommen herein - beide ein wenig angeheitert. Bubnow trägt in der einen Hand ein Bund Brezeln, in der andern ein paar geräucherte Fische, unter dem Arm eine Flasche Branntwein, in der Rocktasche eine zweite.

Medwedew: Das Kamel ist … 'ne Art Esel, sozusagen. Nur daß es keine Ohren hat …

Bubnow: Hör endlich auf! Bist selber - eine Art Esel.

Medwedew: Ohren hat das Kamel überhaupt nicht! Es hört mit den Nasenlöchern …

Bubnow  zu Satin: Herzensfreund! ich hab dich in allen schenken und Spelunken gesucht! Nimm mir die Flasche ab, ich hab keine Hand frei …

Satin: Leg doch die Brezeln auf den Tisch, dann hast du gleich eine Hand frei …

Bubnow: Stimmt! Du bist doch … Hast du gehört, Mann des Gesetzes? Das ist 'n Schlaukopf!

Medwedew: Alle Gauner - sind schlau … Das weiß ich längst! was sollten sie ohne Schlauheit anfangen? Ein unordentlicher Mensch - der kann auch dumm sein; doch ein Spitzbube muß Grütze im Kopfe haben. Aber wegen des Kamels, Bruder … bist du schiefgewickelt … Ein Kamel ist 'n Reittier, sag ich … Hörner hat es nicht … und Zähne auch nicht …

Bubnow: Wo steckt denn die ganze Gesellschaft? Kein Mensch da! Heda, kommt doch ran … ich spendier heut! Wer sitzt denn dort im Winkel?

Satin: Hast wohl bald alles verjuxt, Vogelscheuche?

Bubnow: Das versteht sich! Diesmal war's Kapitälchen nur ganz klein … das ich zusammengescharrt hatte … Schiefkopf! Wo ist denn der Schiefkopf?

Kleschtsch  tritt an den Tisch heran: Er ist nicht da …

Bubnow: U-u-rrr! Bulldogge! Brlju, brlju! brlju! Puterhahn! Nur nicht bellen, nur nicht knurren! Trink, schmause. laß den Kopf nicht hängen … ich halte alle frei! Das tu ich zu gern, Bruder! Wenn ich ein reicher Mann wäre … ich machte 'ne Schenke auf, in der alles umsonst zu haben wäre! Bei Gott! Mit Musik und einen Sängerchor … Immer ran, trinkt, eßt, hört zu … erquickt eure Seele! Nur herein zu mir, armer Mann … in meine Gratiskneipe! Satin! Bruder! Ich möchte dich … da, nimm die Hälfte meiner sämtlichen Kapitalien! Da, nimm sie!

Satin: Gib mir nur gleich alles …

Bubnow: Alles? Mein ganzes Kapital? Sollst du haben … da! Ein Rubel! Noch einer … ein Zwanziger … ein paar Fünfer … ein paar Zweikopekenstücke … das ist alles!

Bubnow: Schön … Bei mir ist's sicherer aufgehoben … ich gewinne damit mein Geld zurück …

Medwedew: Ich bin Zeuge … Du hast ihm das Geld in Verwahrung gegeben … wieviel war's doch?

Bubnow: Du? Du bist - ein Kamel … Wir brauchen keine Zeugen …

Aljoschka  kommt mit nackten Füßen herein: Kinder! Ich hab mir die Füße naß gemacht!

Bubnow: Komm - mach dir auch die Gurgel naß … dann klappt die Sache wieder! Bist 'n lieber Kerl … singst und musizierst … sehr nett von dir! Aber - saufen … solltest du nicht! Das Saufen ist nämlich schädlich, Bruder … sehr schädlich! …

Aljoschka: Das seh ich an dir! Du bist erst ein Mensch, wenn du einen weg hast … Kleschtsch! Ist meine Harmonika repariert? Singt und tanzt dazu.

Wär ich nicht so 'n schmucker,

Netter, frischer Knabe,

würde mich die Frau Gevatter'n

Nicht so gerne haben!

Ganz erfroren bin ich, Kinder! 's ist kalt!

Medwedew: Hm … und wenn man fragen darf: wer ist denn die Frau Gevatterin?

Bubnow: Du - das gewöhn dir ab! Du hast jetzt gar nichts zu fragen! Bist kein Polizist mehr … abgemacht! Weder Polizist noch Onkel bist du …

Aljoschka: Sondern einfach - Tantchens Mann!

Bubnow: Von deinen Nichten sitzt die eine im Loch und die andre liegt im Sterben …

Medwedew  wirft sich in die Brust: Das ist nicht wahr! Sie liegt nicht im Sterbe: sie ist einfach verschollen! Satin lacht laut auf.

Bubnow: Ganz gleich, Bruder! Ein Mensch ohne Nichten - ist kein Onkel!

Aljoschka:Ew. Exzellenz! Pensionierter Tambour von der Löffelgarde!

Geld hat die Gevatter'n,

Ich hab keinen Groschen -

Dafür bin ich allerwegen

Einer von den Forschen!

Brr! 's ist kalt! Schiefkopf kommt herein; dann, bis zum Ende des Aufzugs, folgen noch ein paar Gestalten. Männer und Weiber. Sie entkleiden sich, strecken sich auf den Pritschen aus und brummen vor sich hin.

Schiefkopf: Warum bist du fortgelaufen, Bubnow?

Bubnow: Komm her, setz dich! Wollen was singen, Bruder! Mein Lieblingslied … was?

Der Tatar: Jetzt ist Nacht, da wird geschlafen! Singt am Tage!

Satin: Laß sie doch, Fürst" Komm mal her!

Der Tatar: »Laß sie doch« - so! 's gibt Spektakel … wenn gesungen wird.

Bubnow  geht zu ihm hin: Was macht die Hand, Tatar? Hat man sie dir schon abgeschnitten?

Der Tatar: Warum abgeschnitten? Wollen noch warten … vielleicht ist's nicht nötig, sie abzuschneiden … eine Hand ist nicht von Eisen … 's ist rasch gemacht, das Abschneiden …

Schiefkopf: 's ist eine faule Sache, Hassanka! Was bist du ohne Hand? Bei unsereinen fragen sie bloß nach den Händen und nach dem Buckel … Ein Mensch ohne Hand - ist überhaupt kein Mensch! Kann sich einfach begraben lassen … Komm, trink ein Gläschen mit uns …

Kwaschnja  tritt ein: Ach, meine lieben Mieter! Ist das 'n Hundewetter draußen! Ein Matsch und eine Kälte … ist mein Polizist da? Heda, Wachtmeister!

Medwedew: Hier bin ich …

Kwaschnja: Hast du wieder meine Jacke an? Was ist denn mit dir? Ich glaube gar, du hast 'n bißchen … na, das fehlte noch!

Medwedew: Bubnow … hat Geburtstag … und 's ist so kalt … so 'n Matsch!

Kwaschnja: Ich will dich lehren … so 'n Matsch! Nur nicht über die Stränge schlagen … Geh schlafen! …

Medwedew  ab in die Küche: Schlafen gehen? Das kann ich … das will ich tun …'s ist Zeit! Ab.

Satin: Warum bist du denn so streng gegen ihn?

Kwaschnja: Es geht nicht anders, lieber Freund. Ein Mann wie der muß streng gehalten werden. Zum Spaß hab ich ihn mir nicht genommen! Er ist 'n Militär, dacht ich … und ihr seid ein wüstes Volk … da wird ich als Weib nicht allein fertig mit euch … nu fängt er mir an zu saufen - nee, mein Junge, das gibt's nicht!

Satin: Hast deinen Assistenten schlecht gewählt …

Kwaschnja: Nee, laß mal - er ist ganz gut … du willst mich ja nicht haben! Und wenn du mich schließlich auch wolltest - länger als acht Tage würde die Herrlichkeit nicht dauern … Mit Haut und Haaren würdest du mich verspielen!

Satin  lacht laut auf: Das stimmt! Verspielen würd ich dich …

Kwaschnja: Na also! Aljoschka!

Aljoschka: Hier ist er …

Kwaschnja: Sag mal - was hast du über mich geschwatzt?

Aljoschka: Ich? Allerhand! Alles schwatz ich, was ich verantworten kann! Das ist 'n Weib! sag ich. Ein ganz erstaunliches Weib! Fleisch, Fett, Knochen - über drei Zentner, und Gehirn - nicht 'n halbes Lot.

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