Tutanchamun - das Buch der Schatten
- Автор: Drake Nick
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Bastei Entertainment
- ISBN: 978-3-7325-1384-0
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Tutanchamun - das Buch der Schatten». Краткое содержание книги:
Sie hörte mir zu und streichelte dabei meinen Arm, als könne sie damit ihre eigene Unruhe bekämpfen. Ich konnte spüren, wie heftig ihr Herz schlug – dieser Vogel ihrer Seele im grünen Baum ihres Lebens. Ich kam zum Ende meiner Geschichte, und eine Weile regte sie sich nicht, ließ sich alles ruhig durch den Kopf gehen. Dabei sah sie mich zwar an, aber irgendwie auch durch mich hindurch, so ähnlich, wie man in ein Feuer blickt.
»Du könntest ihr eine Absage erteilen.«
»Sollte ich das deines Erachtens tun?«
Ihr Schweigen war beredt wie immer.
»Dann werde ich das hier morgen zurückbringen.«
Ich hob das Beutelchen vom Boden und ließ den goldenen Ring in ihre Handfläche gleiten.
Sie schaute darauf und gab ihn mir dann zurück.
»Verlang nicht von mir, dass ich dir sage, was du tun sollst. Du weißt, dass ich das hasse. Es ist nicht fair.«
»Aber was dann?«
Sie zuckte mit den Achseln.
»Was stört dich an der Sache?«
»Ich weiß es nicht. Ich hab ein ungutes Gefühl …«
»Wo?« Ich griff nach ihrem Körper.
»Sei nicht albern. Ich weiß, dass jeder Tag Gefahren mit sich bringt, aber was kann aus dem hier Gutes herauskommen? Palastintrigen und Mordanschläge auf den König? Das sind finstere Dinge. Die machen mir Angst. Aber schau dich an: Deine Augen funkeln wieder so …«
»Das liegt daran, dass ich völlig erschöpft bin …« Als Beweis dafür gähnte ich übertrieben.
Eine Weile sprach keiner von uns. Ich wusste, was sie dachte. Und sie wusste, was ich dachte.
Dann ergriff meine Frau das Wort.
»Wir brauchen dieses Gold«, sagte sie. »Und du kannst nicht aus deiner Haut. Du liebst mysteriöse Fälle.«
Und dann lächelte sie traurig in die Finsternis über das, was diese Worte bedeuteten.
»Ich liebe meine Frau und meine Kinder.«
»Aber sind wir als Fall mysteriös genug für den Wahrheitssucher?«
»Unsere Mädchen werden uns bald verlassen. Sekhmet ist fast sechzehn. Wie ist das passiert? Für mich ist es ein Mysterium, dass die Zeit so schnell vergangen ist, seit sie Bäuerchen gemacht haben, umhergekrabbelt sind und uns stolz und zahnlos angelacht haben. Und sieh sie dir jetzt an …«
Taneferts Finger umschlangen meine.
»Und jetzt schau uns an. Ein Ehepaar mittleren Alters, das seinen Schlaf braucht.«
Und so legte sie ihren Kopf auf das Kissen und schloss elegant ihre schönen Augen.
Ich fragte mich, ob der Schlaf mir in dieser Nacht die Ehre geben würde, und bezweifelte es. Ich musste mir Gedanken darüber machen, wie ich diesen neuen geheimnisvollen Fall angehen konnte, sobald die Sonne aufging, was sie sehr bald tun würde. Also streckte ich mich aus und starrte an die Zimmerdecke.
9
Kurz nach Tagesanbruch traf ich in den Räumen des Schatzamtes ein. Ein Putzmann arbeitete sich mit einer Bürste und einem Eimer rückwärts über den großartigen Fußboden, verspritzte mit flinken Bewegungen frisches Wasser und wischte anschließend so lange darüber, bis der Stein hell erstrahlte. Er ging methodisch und teilnahmslos dabei vor und hielt den Kopf auch weiterhin gesenkt, als die ersten Angestellten und Beamten zur Arbeit erschienen. Männer in weißen Gewändern, die mich und Thot mit einem kurzen neugierigen Blick bedachten, an dem Putzmann indes vorüberliefen, als würde er gar nicht existieren, und dabei mit ihren staubigen Sandalen gleich wieder schmutzige Abdrücke auf seinem makellosen Fußboden hinterließen. Er wischte sie weg, immer und immer wieder, mit unendlicher Geduld. Er war ein Mann, der niemals auf strahlend sauberen Steinen laufen würde. Zu keinem Zeitpunkt schaute er auf, um den Fremden anzusehen, der mit seinem geduldig neben ihm hockenden Pavian auf der Bank saß und auf irgendjemanden wartete.
Endlich bat mich ein hoher Beamter, der stellvertretende Leiter des Schatzamtes, in sein Amtszimmer. Trotz all seiner freundlichen Kompetenz wirkte er etwas unruhig. Ich kannte diese Art von Mensch: Loyal und insgeheim stolz auf das, was er erreicht hatte, genoss er die Früchte seines Standes – das komfortable Leben in einer hübschen Villa, ertragreiches Land und treu ergebene Diener. Ich ließ Thot angebunden draußen zurück. Wir nahmen einander gegenüber auf Stühlen Platz. Er rückte die paar Gegenstände, die auf seinem niedrigen Tisch standen – die kleinen Statuen, Tabletts, die Halterung für seine Rohrfeder, seine Mischpalette sowie zwei kleine Beutel für die rote und die schwarze Tinte – etwas anders zurecht und listete mir währenddessen all seine vielen Titel auf, von den Anfängen seiner Karriere bis zum derzeitigen Moment. Erst danach fragte er, wie er mir behilflich sein könne. Ich erklärte ihm, ich bäte um eine Audienz bei Eje.
Er tat so, als erstaune ihn das.
Ich schob ihm die Vollmacht zu, die Khay mir gegeben hatte. Er rollte das Schriftstück auseinander und überflog rasch die Schriftzeichen. Dann schaute er auf und sah mich mit einem anderen Gesichtsausdruck an.
»Ich verstehe. Könntet Ihr ein paar Minuten hier warten?«
Ich nickte. Er entschwand.
Eine Weile lauschte ich den belanglosen Geräuschen auf dem Korridor und dem aus der Ferne schallenden Gesang der Vögel am Fluss. Ich stellte mir vor, wie er an Türen klopfte, an eine nach der anderen, wie an Kisten, die in weitere Kisten geschachtelt waren, bis er die Schwelle zum Allerheiligsten erreicht hatte.
Als er zurückkehrte, sah er aus, als habe er einen langen Marsch hinter sich. Er war außer Atem. »Wenn Ihr mir folgen wollt …«
Wir schritten durch die tiefen Schatten und die langen Winkel aus Sonnenlicht, das in die Korridore fiel. Die Wachen an den Türen hoben ehrerbietig ihre Waffen. An der letzten Türschwelle ließ der Beamte mich allein. Weiter würde er nicht gehen. Ein arroganter kühler Gehilfe – einer von dreien, die angespannt vor dem Raum in Bereitschaft saßen – klopfte gegen die Tür wie ein nervöser Schuljunge und horchte in die Stille, die dem folgte. Er hörte offenbar etwas, denn er öffnete die Tür, und ich trat hindurch.
Es war niemand im Raum, und er enthielt nur das absolute Minimum an Mobiliar: Zwei Liegen, beide von exquisiter Machart, standen einander exakt gegenüber. Ein niedriger, auf rein funktionale Weise wunderschöner Tisch war genau in die Mitte zwischen den Liegen gestellt. Die Wände waren ungeschmückt, aber mit edlem Stein getäfelt, der auf der ganzen Länge gleich gemasert war. Selbst das Licht, das in den Raum fiel, war irgendwie minimalistisch, makellos und zurückhaltend. Ich kann perfekte Ordnung nicht ausstehen. Aus reinem Spaß an der Freude verrückte ich deshalb den Tisch ein wenig.