Tutanchamun - das Buch der Schatten
- Автор: Drake Nick
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Bastei Entertainment
- ISBN: 978-3-7325-1384-0
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Tutanchamun - das Buch der Schatten». Краткое содержание книги:
»Der Palastwache kann ich nicht trauen.«
Mir war, als führe mich jeder Satz dieser Unterredung tiefer und tiefer in eine Falle.
»Ich bin nur ein einzelner Mann.«
»Du bist der einzige Mann. Und das ist der Grund, warum ich nach dir geschickt habe.«
Damit hatte sich die letzte der Türen, die mich vielleicht noch hier heraus und in das Leben, das ich für mich erwählt hatte, hätten zurückkehren lassen können, lautlos geschlossen.
»Und wie entscheidest du dich?«
Mir schossen verschiedenste Antworten durch den Kopf.
»Es wird mir eine Ehre sein, das Versprechen zu halten, das ich Eurer Mutter gegeben habe«, sagte ich irgendwann. Mein Herz krampfte sich zusammen angesichts der Konsequenzen, die diese wenigen Worte hatten.
Erleichtert lächelte sie mich an.
»Trotzdem kann ich aber meine Familie nicht im Stich lassen …«
»Vielleicht ist das ein Vorteil. Das hier muss unser Geheimnis bleiben. Du solltest also dein ganz normales Leben weiterführen und dann – …«
»Eje kennt mich aber. Andere werden von mir wissen. Ich kann nicht heimlich hier sein. Das würde mir meine Aufgabe unmöglich machen. Ihr solltet einfach behaupten, dass Ihr mich aufgrund der Drohungen, die Ihr erhalten habt, zusätzlich zur Palastwache einstellt. Sagt, dass ich als unabhängiger Sachverständiger die internen Sicherheitsmaßnahmen überprüfe.«
Sie sah Khay an, der sich daraufhin die Optionen durch den Kopf gehen ließ und schließlich einmal kurz nickte.
»Damit sind wir einverstanden«, erklärte sie.
Der Gedanke an das Doppelleben, das vor mir lag, machte mir Angst. Zugleich erregte er mich aber auch, das musste ich gestehen. Ich hatte Tanefert zwar das Versprechen gegeben, die Familie nicht im Stich zu lassen, gelangte aber zu dem Schluss, dass ich diesen Schwur nicht brechen würde, denn ich musste die Stadt nicht verlassen, um in diesem Fall hier zu ermitteln. Und da ich unter Nebamuns Fuchtel stand, gab es im Hauptquartier der Medjai zweifelsohne zu wenig Arbeit für mich. Ich fragte mich, warum ich mir hier selbst gut zuredete.
Khay stieß Laute aus, die signalisierten, dass es Zeit für uns wurde zu gehen. Formell verabschiedeten wir uns. Anchesenamun hielt meine Hände zwischen den ihren, als wolle sie damit die geheimen Dinge besiegeln, die wir besprochen hatten.
»Ich danke dir«, sagte sie, und dabei lag vollkommene Aufrichtigkeit in ihrem Blick. Und dann lächelte sie, dieses Mal offener und herzlicher, und schlagartig sah ich in ihrem Gesicht die Züge ihrer Mutter; nicht das Antlitz der wunderschönen Kunstfigur, die die Öffentlichkeit kannte, sondern das der lebendigen, warmherzigen Frau.
Und dann wurden hinter uns lautlos die großartigen Flügeltüren geöffnet, und wir entfernten uns, liefen rückwärts und mit geneigten Köpfen, bis die Türen sich wieder schlossen und wir uns in diesem endlos langen Korridor wiederfanden, in dem alles so gedämpft klang und von dem die vielen Türen abgingen, die alle gleich aussahen – wie eine Szene aus einem Albtraum.
Ich musste pinkeln, und außerdem wollte ich wissen, ob das Gerücht über die Wasserversorgung der Wahrheit entsprach. Khay führte mich durch einen Seitenkorridor. »Dritte Tür links.« Er rümpfte die Nase. »Ich erwarte Euch vor den Gemächern der Königin.« Dann drehte er sich um und ging.
Ich betrat den Raum. Er war lang und schmal und hatte einen Steinboden, auf den man kleine Teiche gemalt hatte, in denen Goldfische schwammen. Durch Gitter wehten die kühlen Düfte der Nacht herein. Die Flammen von ein paar Wachskerzen wiegten sich in dem Luftzug, den mein Eintreten verursachte. Ich verrichtete, was verrichtet werden musste. Es klang viel zu laut in dieser grässlichen, nahezu religiösen Stille. Ich kam mir vor, als würde ich in einem Tempel pinkeln. Dann wusch ich mir in einem Becken die Hände, indem ich Wasser aus einem Krug über sie goss – Wunderwerke der Sanitärinstallation gab es hier nicht. Als ich meine Hände trocknete, spürte ich plötzlich etwas – die Nackenhaare stellten sich mir auf, und ein Schatten huschte über die glänzende Oberfläche des Kupferspiegels –, und ich drehte mich ruckartig um.
Die Frau beobachtete mich mit vielsagender Miene, ihre gescheiten Augen leuchteten in dem schwachen Licht. Ihr schwarzes Haar hatte sie sich streng auf dem Hinterkopf zusammengebunden, ihr kantiges Gesicht wirkte seltsam ausgemergelt, und ihre Gewänder sahen aus, als bestünden sie aus Schatten.
»Wisst Ihr, wer ich bin?«, fragte sie leise und ruhig.
»Sollte ich das wissen?«
Enttäuscht schüttelte sie den Kopf.
»Ich bin hergekommen, um Euch zu sagen, wie ich heiße.«
»Auf dem Klo?«
»Ich bin Maia.«
»Euer Name sagt mir nichts.«
Verärgert schnalzte sie mit der Zunge.
Ich hörte auf, mir die Hände zu trocknen.
»Ich war die Amme des Königs. Er hat sich seit dem Tag seiner Geburt von mir genährt. Jetzt umsorge ich ihn, wie niemand sonst es kann.«
Sie musste in Achet-Aton gelebt haben. Sie musste das Leben von Echnaton und der königlichen Familie aus nächster Nähe miterlebt haben. Es war bekannt, dass die Mutter des Königs Kija war, Nofretetes Rivalin um die Rolle der Königlichen Gemahlin. Aber Kija war verschwunden. Und später hatte man dann Tutanchamun, Kijas Sohn, mit Anchesenamun vermählt, Nofretetes Tochter. Die Kinder erklärter Feindinnen, beide von Echnaton gezeugt, waren die letzten Überlebenden ihrer Dynastie und miteinander verheiratet. Aus politischer Sicht war das ein großartiges Bündnis. Für sie persönlich musste es indes die Hölle gewesen sein, denn Halbgeschwister lieben einander nur in den seltensten Fällen und erst recht nicht, wenn große Macht und großer Reichtum auf dem Spiel stehen.
***
Sie nickte, als beobachte sie mich dabei, wie ich mir das Ganze durch den Kopf gehen ließ. »Was möchtest du mir sagen?« Sie schaute sich um, war sogar hier auf der Hut.
»Traut diesem Mädchen nicht. In ihren Adern fließt das Blut ihrer Mutter.«
»Sie ist die Königin. Und das war auch ihre Mutter. Warum sollte ich ihr nicht trauen?«
»Da habt Ihr so viel Macht, und trotzdem habt Ihr nicht die leiseste Ahnung. Ihr seht die Wahrheit nicht. Ihr lasst Euch vom schönen Schein trügen.«
Ich spürte, wie sich mir vor Wut die Kehle zusammenzog.
»Hochmütiger Mann. Eitler Mann. Denkt nach! Ihre Mutter hat sich ihrer Rivalin entledigt, Kija, der Mutter meines Königs. Das darf nicht in Vergessenheit geraten. Das darf nie verziehen werden. Es sollte gerächt werden. Und trotzdem legt Ihr Euch wie ein Hund vor ihre Tür, um sie zu bewachen.«
»Du redest wie einer der Geschichtenerzähler auf dem Markt. Du kannst nichts von dem, was du hier sagst, beweisen. Und selbst wenn du recht hättest, ist das alles lange her.«
»Die Beweise liefern mir meine Augen. Ich sehe sie, wie sie wirklich ist. Sie ist das Kind ihrer Dynastie. Nichts wird sich ändern. Also bin ich hier, um Euch zu warnen. Sie interessiert sich nicht für das Wohlergehen ihres Gemahls. Sie interessiert sich ausschließlich für ihr eigenes Wohlergehen.«
Ich trat dichter an sie heran. Sie hüllte sich fester in ihre Gewänder.
»Ich könnte dich für das hier verhaften lassen.«
»Maia verhaften? Das würde der König niemals zulassen. Er ist mein Kind, und aus Liebe zu ihm mache ich hier den Mund auf. Denn außer mir liebt ihn niemand. Ohne mich ist er ganz allein in diesem Palast. Und außerdem kenne ich ihre Namen. Ich kenne die Namen der Schatten.«
»Was meinst du damit?«
»Schatten haben Macht«, erwiderte sie, und mit diesen geheimnisvollen Worten glitt sie an der dunklen Wand entlang und verschwand.
8
Am Anlegesteg gab Khay mir eine schriftliche Befugnis, die es mir fortan erlauben würde, auch ohne ihn in den Malqata-Palast zu gelangen und dort jederzeit um eine Audienz bei ihm zu ersuchen. Er erzählte mir, dass er in den Königlichen Quartieren wohne. Ich solle seine Hilfe in Anspruch nehmen, wann immer ich ihrer bedürfe. Alles, was er von sich gab, machte deutlich, dass er der Schlüssel zu allen Türen war, der Mann, dessen Wort Gesetz war und der nur etwas zu flüstern brauchte, um sofort bei den Mächtigen ein offenes Ohr zu finden. Ich wollte gerade gehen, als er mir ein Lederbeutelchen reichte.