Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Das ist nicht fair, Libby. Außerdem habe ich sehr wohl zugehört.«
»Ach ja? Ich hab gesagt, ich war nicht mit Rock zusammen. Ich hab ihn natürlich gesehen. Ich bin jeden Tag zur Arbeit gegangen, da musste ich ihn sehen. Und ich hätte jederzeit zu ihm zurück gekonnt, aber ich wollte nicht, kapiert? Und wenn er das FBI anrufen will - oder wen man hier anruft -, dann muss er's eben tun, und dann war's das hier für mich: Einmal einfach nach San Francisco. Und ich kann absolut nichts dagegen machen. Null. So schaut's aus.«
»Aber es muss doch eine Einigung möglich sein. Wenn ihm wirklich so viel an dir liegt, wie es den Anschein hat, könntet ihr vielleicht zu einer Beratungsstelle gehen, um -«
»Sag mal, spinnst du eigentlich total? Oder hast du nur eine Scheißangst, ich könnte anfangen, was von dir zu wollen?«
»Ich versuche doch nur, eine Lösung für das Problem mit deiner Aufenthaltsgenehmigung zu finden. Du möchtest nicht abgeschoben werden. Offensichtlich möchte auch Rock nicht, dass du abgeschoben wirst, sonst hätte er dich längst anzeigen können - beim Innenministerium übrigens -, und man hätte dich bereits abgeholt.«
Sie hatte sich wieder ihrem Essen zugewandt und eine Gabel voll Fleisch und Gemüse zum Mund geführt. Aber die Gabel verharrte in der Luft, während ich sprach, und als ich zum Ende gekommen war, legte sie sie auf ihrem Teller ab und sah mich gut fünfzehn Sekunden lang ruhig an, ehe sie sprach. Und was sie dann sagte, klang für mich völlig unsinnig.
»Stepptanz!«
»Was?« sagte ich.
»Stepptanz, Gideon. Dorthin bin ich gegangen, als ich hier weg bin. Ich nehme Unterricht. Im Steppen. Ich bin nicht besonders gut, aber das macht nichts, weil ich's deswegen nicht mache, ich meine, um gut zu sein. Ich mach's, weil ich dabei so richtig ins Schwitzen komme und einen Riesenspaß hab und mich hinterher immer total gut fühle.«
»Ah ja, ich verstehe«, sagte ich, obwohl ich in Wirklichkeit nichts verstand. Wir hatten über ihre Ehe gesprochen, wir hatten über ihre unsichere Situation hier in England gesprochen, wir hatten über unsere Schwierigkeiten miteinander gesprochen - oder hatten jedenfalls versucht, darüber zu sprechen -, und was Stepptanz mit all dem zu tun hatte, war mir völlig unklar.
»Bei mir im Kurs ist ein echt nettes Mädchen, eine Inderin, die heimlich Unterricht nimmt. Sie hat mich zu sich nach Hause eingeladen, zu ihrer Familie. Und da war ich. Bei ihr. Bei dieser indischen Familie. Ich war nicht bei Rock. Ich hab nicht mal daran gedacht, zu ihm zu gehen. Ich hab mir nur überlegt, was für mich das Beste wäre. Und das hab ich dann getan, Gid. Einfach so.«
»Ja. Hm, Ich verstehe.« Ich hörte mich an wie eine Schallplatte mit Sprung. Ich spürte ihren Ärger, aber ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte.
»Nein. Du verstehst eben nicht. Jeder in deiner engen kleinen Welt lebt und atmet nur für dich, und das ist immer so gewesen. Alles dreht sich um dich. Und du bildest dir ein, bei mir war's genauso. Du kriegst keinen hoch, wenn wir zusammen sind, folglich bin ich so total gefrustet, dass mir nichts Besseres einfällt, als zum größten Arsch von London zu rennen und mit ihm in die Kiste zu springen. Nur wegen dir, Gid. Du bildest dir ein, ich denk, Gid will mich nicht haben, aber der gute alte Rock ist ganz scharf auf mich, und wenn irgendein blödes Arschloch scharf auf mich ist, dann heißt das, dass ich okay bin, dass ich real bin, dass ich wirklich existiere.«
»Libby, ich sage nichts dergleichen.«
»Das brauchst du auch gar nicht. So lebst du, und darum glaubst du, dass alle anderen auch so leben. Aber du lebst in deiner Welt nur für diese dämliche Geige statt für einen anderen Menschen, und wenn die Geige nichts von dir wissen will oder so was, dann weißt du nicht mehr, wer du bist. Genau so läuft's, Gideon. Aber du bist nicht mein Leben. Und die Geige ist nicht deines.«
Ich fragte mich, wie wir soweit gekommen waren. Mir fiel keine klare Antwort ein. Und in meinem Kopf hörte ich nur meinen Vater, der mir vorhielt, dass das dabei herauskommt, wenn man sich mit Amerikanern zusammentut, und von allen Amerikanern sind die schlimmsten die aus Kalifornien. Die führen keine Dialoge, die psychologisieren.
Ich sagte: »Ich bin Musiker, Libby.«
»Nein. Du bist ein Mensch. So wie ich ein Mensch bin.«
»Außerhalb dessen, was er tut, existiert der Mensch nicht.«
»Aber natürlich! Die meisten Menschen existieren ganz prima. Nur die Menschen, die kein Innenleben haben - die, die sich nie die Zeit genommen haben, herauszufinden, wer sie wirklich sind -, die brechen total zusammen, wenn nicht alles so läuft, wie sie sich's vorstellen.«
»Du kannst doch gar nicht wissen, wie dieses - diese Situation - zwischen uns - was für einen Ausgang sie nehmen wird. Ich habe gesagt, dass ich mich in einer schlechten Phase befinde, aber ich bin dabei, sie zu überwinden. Ich arbeite jeden Tag daran.«
»Mensch, du hörst mir echt überhaupt nicht zu.« Sie warf die Gabel hin. Sie hatte nicht einmal die Hälfte ihrer Mahlzeit gegessen, aber sie trug ihren Teller in die Küche, kippte Hühnchen und Broccoli in einen Plastikbeutel und warf ihn in den Kühlschrank. »Du hast nichts, wenn deine Musik dich im Stich lässt. Und du glaubst, dass ich auch nichts habe, wenn's zwischen dir und mir oder Rock und mir oder mir und weiß der Himmel wem nicht klappt. Aber ich bin nicht du. Ich hab mein eigenes Leben. Du bist derjenige, der keines hat.«
»Und genau darum versuche ich, mir mein Leben zurückzuholen. Denn solange mir das nicht gelingt, bin ich weder für mich selbst noch für irgendeinen anderen Menschen gut.«
»Falsch. Du hast nie ein eigenes Leben gehabt. Du hattest immer nur die Geige. Das Geigenspiel, das warst doch nie du! Aber du hast es zu deinem einzigen Lebensinhalt gemacht, und darum bist du jetzt nichts!«
Gewäsch, konnte ich meinen Vater verächtlich sagen hören. Noch einen Monat in der Gesellschaft dieser Person, und das bisschen Verstand, das dir geblieben ist, wird Matsch sein. Das ist das Resultat des regelmäßigen Genusses von Talkshows und Selbsthilfebüchern.
So zwischen meinem Vater und Libby hin und her gerissen, hatte ich keine Chance. Der einzige Ausweg schien mir ein würdevoller Abgang. Ich versuchte, ihn zu bewerkstelligen, indem ich erklärte: »Ich denke, wir haben alles gesagt, was es zu dem Thema zu sagen gibt. Mit Sicherheit lässt sich jedenfalls feststellen, das dies nun mal ein Gebiet ist, auf dem wir unterschiedlicher Meinung sind.«
»Ach ja, achten wir doch darauf, immer nur das zu sagen, was sich mit Sicherheit sagen lässt«, entgegnete Libby. »Denn wir könnten ja tatsächlich imstande sein, uns zu verändern, wenn uns die Lage zu brenzlig wird und wir Angst bekommen.«
Ich war schon an der Tür, aber diese letzte spitze Bemerkung von ihr lag so weit daneben, dass ich sie korrigieren musste. Ich sagte: »Manche Menschen brauchen sich nicht zu verändern, Libby. Sie müssen vielleicht verstehen, was mit ihnen geschieht, aber sie brauchen sich nicht zu verändern.«
Ich ging, bevor sie antworten konnte. Es schien mir von größter Wichtigkeit, das letzte Wort zu haben. Aber als ich die Tür hinter mir schloss - ich tat es sehr behutsam, um ja durch nichts den Eindruck einer feindseligen Reaktion zu erwecken -, hörte ich sie dennoch sagen: »Ja, klar, Gideon.« Und dann schrammte etwas krachend über den Fußboden, so als hätte sie dem Couchtisch einen wütenden Tritt versetzt.
4. November
Ich bin die Musik. Ich bin das Instrument. Sie sieht das als falsch an. Ich nicht. Was ich sehe, ist der Unterschied zwischen uns, der Unterschied, auf den mein Vater mich von dem Moment an aufmerksam zu machen versuchte, als er Libby das erste Mal begegnete. Libby hat nie eine berufliche Ausbildung genossen, auf der sie dann eine Karriere aufzubauen versuchte, und sie ist keine Künstlerin. Sie kann leicht sagen, dass ich nicht meine Geige bin, sie hat ja nie erfahren, was es heißt, ein Leben zu führen, das mit dem Künstlertum untrennbar verbunden und verstrickt ist. Sie hat bisher immer nur »gejobbt«, das heißt, sie ist morgens zur Arbeit gegangen und hat sie am Ende des Tages hinter sich gelassen. So leben Künstler nicht. Wenn jemand annimmt, sie täten oder könnten es, zeigt das eine Ignoranz, vor der man innehalten und überlegen muss.