Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
»Witzworte aus den vierziger Jahren!« bemerkte zunächst jemand, indes in sehr bescheidenem Tone.
Aber gleich nach ihm brach ein Sturm los; es wurde gelärmt und geschrien.
»Meine Herrschaften, Hurra! Ich bringe ein Hoch aus auf die Dummheit!« rief Stepan Trofimowitsch, der in vollständiger Raserei den ganzen Saal herausforderte.
Ich lief zu ihm hin, indem ich tat, als ob ich ihm Wasser eingießen wollte.
»Stepan Trofimowitsch, hören Sie damit auf; Julija Michailowna bittet Sie dringend ...«
»Nein, lassen Sie mich, Sie junger Müßiggänger!« schrie er mich aus voller Kehle an.
Ich lief von ihm weg.
»Messieurs!« fuhr er fort; »wozu die Aufregung, wozu das Geschrei der Entrüstung, das ich höre? Ich bin mit dem Ölzweige hergekommen. Ich werde noch ein letztes Wort hierüber sagen (denn in dieser Sache steht mir das letzte Wort zu), und auf Grund dessen werden wir uns versöhnen.«
»Hinaus!« riefen die einen.
»Still, lassen Sie ihn reden, lassen Sie ihn sich aussprechen!« brüllte ein anderer Teil.
Besonders aufgeregt war der junge Lehrer, der, nachdem er einmal Mut zum Reden gefaßt hatte, nun, wie es schien, nicht aufhören konnte.
»Messieurs, das letzte Wort in dieser Sache ist: Generalpardon. Ich, ein abgelebter alter Mann, erkläre feierlich, daß in der jungen Generation der Geist des Lebens wie früher weht und die lebendige Kraft nicht versiegt ist. Der Enthusiasmus der modernen Jugend ist ebenso rein und leuchtend wie der unserer Zeiten. Nur eines ist vorgegangen: die Ziele haben sich geändert; eine Schönheit ist durch eine andere ersetzt worden! Der ganze Zweifel besteht nur darin: was ist schöner, Shakespeare oder ein Paar Stiefel, ein Raffaelsches Gemälde oder Petroleum?«
»Das ist eine Denunziation!« brummten manche.
»Kompromittierende Erörterungen!«
»Agent-provocateur!«
»Aber ich erkläre,« kreischte Stepan Trofimowitsch in hitzigster Erregung weiter, »aber ich erkläre, daß Shakespeare und Raffael höher stehen als die Bauernbefreiung, höher als die Nationalität, höher als der Sozialismus, höher als die junge Generation, höher als die Chemie, höher fast als die ganze Menschheit; denn sie sind die Frucht, die wahre Frucht der ganzen Menschheit und vielleicht die höchste Frucht, die es überhaupt nur geben kann! Die ideale Form der Schönheit ist bereits erreicht; wäre sie nicht erreicht, so würde ich vielleicht nicht einmal leben mögen ... O Gott!« rief er und schlug die Hände zusammen, »vor zehn Jahren habe ich ganz ebenso in Petersburg von einer Estrade gesprochen, ganz ebenso und mit denselben Worten, und in ganz derselben Weise wie jetzt haben sie nichts begriffen, sondern gelacht und gezischt; ihr törichten Menschen, was für ein Mangel hindert euch denn am Verständnis? Wissen Sie wohl, wissen Sie wohl, daß ein Fortbestehen der Menschheit möglich ist ohne die Engländer, möglich ist ohne Deutschland, sehr möglich ist ohne die Russen, möglich ist ohne Wissenschaft, möglich ist ohne Brot, und daß es nur ohne die Schönheit unmöglich ist; denn dann wäre auf der Welt überhaupt nichts mehr anzufangen! Das ist das ganze Geheimnis, die ganze Sache! Selbst die Wissenschaft kann nicht einen Augenblick ohne die Schönheit bestehen; hören Sie wohl, Sie, die Sie da lachen; sie verwandelt sich in ein Lakaientum; auf diese Art kann man nicht einmal einen Nagel erfinden! ... Ich gebe nicht nach!« schrie er sinnlos zum Schlusse und schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.
Aber während er so ohne Vernunft und Ordnung kreischend redete, hatte die Ordnung im Saale aufgehört. Viele waren von ihren Plätzen aufgesprungen; manche hatten sich nach vorn gedrängt, näher an die Estrade heran. All das ging weit schneller vor sich, als ich es erzähle, und es war keine Zeit, Maßregeln dagegen zu ergreifen. Vielleicht wollte man es auch nicht.
»Ja, Sie haben es gut, Sie Glückspilze; Sie sitzen im Fettöpfchen!« brüllte dicht bei der Estrade jener selbe Seminarist und fletschte vergnügt die Zähne gegen Stepan Trofimowitsch.
Dieser bemerkte es und sprang an den Rand der Estrade.
»Habe ich nicht selbst soeben erklärt, daß der Enthusiasmus bei der jungen Generation ebenso rein und leuchtend ist, wie er es früher war, und daß sie nur deswegen zugrunde geht, weil sie sich über die Formen des Schönen im Irrtum befindet? Genügt Ihnen das noch nicht? Und wenn Sie dann noch bedenken, daß das ein gebeugter, schwer gekränkter Vater gesagt hat, kann man da wirklich, was Unparteilichkeit und Ruhe der Anschauung anlangt, einen höheren Standpunkt einnehmen, o ihr törichten Menschen? ... Ihr Undankbaren; ihr Ungerechten, warum, warum wollt ihr euch nicht versöhnen? ...«
Und plötzlich brach er in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Er wischte sich mit den Fingern die herabrinnenden Tränen weg. Seine Schultern und seine Brust schütterten vor Schluchzen ... Er hatte alles in der Welt vergessen.
Ein gewaltiger Schrecken ergriff das Publikum; fast alle erhoben sich von ihren Plätzen. Auch Julija Michailowna sprang schnell auf, faßte ihren Gemahl unter den Arm und zog ihn von seinem Sessel in die Höhe ... Es entstand ein grenzenloser Lärm.
»Stepan Trofimowitsch!« schrie der Seminarist fröhlich. »Hier in der Stadt und in der Umgegend treibt sich jetzt der Sträfling Fedka umher, der von der Zwangsarbeit entwichen ist. Er raubt und hat erst kürzlich einen neuen Mord begangen. Gestatten Sie die Frage: wenn Sie ihn nicht vor fünfzehn Jahren zum Militär verkauft hätten, um eine Karten-Spielschuld zu bezahlen, das heißt einfach, wenn Sie ihn nicht im Kartenspiel verloren hätten, sagen Sie mal, wäre er dann ins Zuchthaus geraten? Würde er dann Menschen ermorden, wie er es jetzt im Kampfe ums Dasein tut? Was sagen Sie, Herr Ästhetiker?«
Ich verzichte darauf, die nun folgende Szene zu schildern. Zunächst erscholl ein wütendes Beifallklatschen. Nicht alle klatschten, sondern nur etwa der fünfte Teil der im Saale Anwesenden; aber diese klatschten eben wütend. Das ganze übrige Publikum strömte dem Ausgange zu; aber da der applaudierende Teil des Publikums sich nach vorn zur Estrade hindrängte, so war das Resultat eine allgemeine Verwirrung. Die Frauen schrien auf; einige junge Mädchen fingen an zu weinen und baten, man möchte sie nach Hause bringen. Lembke stand neben seinem Stuhle und ließ befremdet seine Augen zu wiederholten Malen durch den Saal schweifen. Julija Michailowna hatte völlig die Fassung verloren, zum erstenmal seit sie in unserer Stadt lebte. Was Stepan Trofimowitsch anlangt, so schien er im ersten Augenblick durch die Worte des Seminaristen buchstäblich niedergeschmettert zu sein; aber auf einmal hob er beide Arme in die Höhe, wie wenn er sie über das Publikum hinstrecken wollte, und schrie:
»Ich schüttle den Staub von meinen Füßen und spreche einen Fluch aus ... Es ist alles zu Ende ... alles zu Ende ...«
Er wandte sich um und lief, indem er drohend die Arme schwenkte, hinter die Kulissen.