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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Fürst Andrei trug seine Ansichten mit solcher Bestimmtheit und Klarheit vor, daß zu merken war, er hatte über diesen Gegenstand schon wiederholt nachgedacht. Er redete gern und schnell, wie jemand, der seit langer Zeit nicht geredet hat. Sein Blick belebte sich um so mehr, je trostloser der Inhalt der Sätze war, die er aussprach.

»Ach, das ist schrecklich, schrecklich!« erwiderte Pierre. »Ich begreife nur nicht, wie man mit solchen Ansichten überhaupt noch weiterleben kann. Auch ich habe solche Augenblicke gehabt, es ist noch gar nicht so lange her, in Moskau und auf der Reise; aber dann fühle ich mich so niedergeschlagen, daß ich eigentlich gar nicht mehr lebe und mir alles widerwärtig ist, ganz besonders ich mir selbst. Dann esse ich nicht und wasche mich nicht … Nun, wie steht es mit Ihnen?«

»Warum sollte ich mich nicht waschen? Das wäre ja unreinlich«, antwortete Fürst Andrei. »Im Gegenteil, man muß darauf bedacht sein, sich das Leben möglichst angenehm zu gestalten. Ich lebe nun einmal, dafür kann ich nichts; also muß ich suchen, mein Leben so gut wie’s geht, ohne andere Leute zu inkommodieren, bis zum Tod weiterzuführen.«

»Aber was regt Sie denn dazu an, weiterzuleben, wenn Sie doch solche Anschauungen haben? So dazusitzen, ohne sich zu bewegen, ohne etwas zu unternehmen …«

»Ganz in Ruhe läßt einen das Leben trotzdem nicht. Ich würde froh sein, wenn ich nichts zu tun brauchte; aber es kommt doch immer dies und jenes vor. Neulich erwies mir der hiesige Adel die Ehre, mich zum Adelsmarschall zu wählen: ich habe es mir kaum vom Hals halten können. Die guten Leute konnten gar nicht begreifen, daß es mir an den dazu erforderlichen Qualitäten fehlt, namentlich an einem gewissen gutmütigen, sorglichen Interesse für triviales Treiben. Ferner dieses Haus hier, das ich mir bauen mußte, um ein eigenes Winkelchen zu besitzen, wo ich meine Ruhe haben kann. Und nun jetzt die Landwehr.«

»Warum dienen Sie nicht in der Armee?«

»Nach Austerlitz?« erwiderte Fürst Andrei finster. »Nein, danke ergebenst; ich habe mir das Wort gegeben, nicht mehr in der aktiven russischen Armee zu dienen. Und ich werde es auch nie wieder tun; und wenn Bonaparte hier bei Smolensk stände und Lysyje-Gory bedrohte, selbst dann würde ich nicht wieder in die russische Armee eintreten.« Und nachdem Fürst Andrei sich beruhigt hatte, fuhr er fort: »Darauf kannst du dich verlassen. Jetzt haben wir nun die Landwehr; mein Vater ist Oberkommandierender des dritten Distrikts, und das einzige Mittel, vom aktiven Dienst freizukommen, war für mich, eine Stellung unter meinem Vater zu übernehmen.«

»Also sind Sie doch im Dienst?«

»Ja.«

Er schwieg eine Weile.

»Welches ist denn nun Ihr Zweck dabei?«

»Das will ich dir sagen. Mein Vater ist einer der trefflichsten Männer seiner Zeit. Aber er wird alt und ist, ich will nicht sagen grausam, aber von zu energischem Charakter. Er ist furchtbar durch seine Gewöhnung an unbegrenzte Macht und jetzt durch diese Amtsgewalt, die der Kaiser den Oberkommandierenden der Landwehr verliehen hat. Wäre ich vor vierzehn Tagen zwei Stunden später gekommen, so hätte er den Schreiber in Juchnow aufhängen lassen«, sagte Fürst Andrei lächelnd. »Ich bekleide also diese amtliche Stellung, weil außer mir niemand einen Einfluß auf meinen Vater hat und ich ihn hier und da vor einer Handlung bewahre, über die er sich nachher quälen würde.«

»Ah, und Ihre Prinzipien? Da sehen Sie ja nun selbst!«

»Ja, aber die Sache liegt denn doch anders, als du sie auffaßt«, entgegnete Fürst Andrei. »Ich wünschte und wünsche diesem Schurken von Schreiber, der den Landwehrleuten die ihnen zukommenden Stiefel unterschlagen hat, nicht im entferntesten etwas Gutes; ich wäre sogar sehr zufrieden gewesen, ihn gehängt zu sehen; aber mir tat mein Vater leid, das heißt also wieder ich mir selbst.«

Fürst Andrei wurde immer lebhafter. Seine Augen bekamen einen fieberhaften Glanz, während er seinem Gast zu beweisen suchte, daß der Grund für sein Handeln nie in einem Wunsch, dem Nächsten Gutes zu tun, gelegen habe.

»Nun, du willst also deinen Bauern die Freiheit schenken«, fuhr er fort. »Das ist ja sehr gut; aber nicht für dich, der du meines Wissens nie jemand hast mit Ruten peitschen und nach Sibirien transportieren lassen, und noch weniger für die Bauern. Wenn man die Bauern schlägt, mit Ruten peitscht und nach Sibirien schickt, so glaube ich, daß sie das absolut nicht als etwas Schlimmes empfinden. In Sibirien führt der Bauer dasselbe tierische Leben weiter, und die wunden Stellen an seinem Körper verheilen, und er ist ebenso glücklich, wie er vorher war. Aber nützlich ist die Bauernbefreiung für diejenigen Grundherren, die bei den jetzigen Verhältnissen moralisch zugrunde gehen, die da tun, was sie nachher bereuen, und dieses Gefühl der Reue zu ersticken suchen, und infolge ihrer Befugnis, gerechte und ungerechte Strafen zu verhängen, hart werden. Das sind die Leute, die mir leid tun und um derentwillen ich die Bauernbefreiung wünschen würde. Du hast vielleicht nicht mit angesehen, was ich mit angesehen habe: wie gute Menschen, die in diesen Überlieferungen einer unbeschränkten Machtbefugnis groß geworden sind, mit den Jahren bei zunehmender Reizbarkeit hart und grausam werden, sich dessen selbst bewußt sind, sich aber doch nicht beherrschen können und sich immer unglücklicher und unglücklicher fühlen.«

Fürst Andrei sagte das mit so tiefer Empfindung, daß Pierre unwillkürlich auf den Gedanken kam, Andrei müsse wohl durch den Hinblick auf seinen Vater zu dieser Ansicht gelangt sein.

Er gab ihm keine Antwort.

»Also diese Leute sind es, die mir leid tun, die Leute, die ihre Menschenwürde, die Ruhe ihres Gewissens, die Reinheit ihrer Seele verlieren; aber kein Bedauern habe ich für den Bauer; wenn du dem auch den Rücken mit Ruten peitschen und das Haar über der Stirn abrasieren läßt, es bleibt doch immer derselbe Rücken und derselbe Kopf.«

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