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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Sie gingen hinaus und wanderten bis zum Mittagessen umher, indem sie miteinander über Neuigkeiten der Politik und über gemeinsame Bekannte sprachen, wie Menschen, die sich recht fernstehen. Mit einigermaßen lebhaftem Interesse redete Fürst Andrei nur von dem Gut, das er neu eingerichtet hatte, und von dem Bau; aber auch hier brach er, als sie auf dem Gerüst standen und er seinem Gast die künftige Einrichtung des Hauses beschrieb, plötzlich mitten im Gespräch ab.

»Aber da ist weiter nichts Interessantes dabei«, sagte er. »Laß uns zu Mittag essen und dann fahren.«

Beim Mittagessen kam das Gespräch auf Pierres Heirat.

»Ich habe mich sehr gewundert, als ich davon hörte«, bemerkte Fürst Andrei.

Pierre errötete, wie immer bei Erwähnung dieses Gegenstandes, und sagte hastig: »Ich werde Ihnen ein andermal erzählen, wie das alles gekommen ist. Aber Sie wissen wohl, daß alles zu Ende ist, und auf immer.«

»Auf immer?« erwiderte Fürst Andrei. »Von nichts in der Welt kann man ›auf immer‹ sagen.«

»Aber Sie wissen, wie das alles ein Ende genommen hat? Haben Sie von dem Duell gehört?«

»Auch das hast du durchgemacht!«

»Ich danke nur Gott, daß ich diesen Menschen nicht getötet habe«, sagte Pierre.

»Wieso?« entgegnete Fürst Andrei. »Einen bösen Hund zu töten, ist sogar eine sehr gute Tat.«

»Nein, einen Menschen zu töten, das ist nicht gut, das ist unrecht …«

»Wieso unrecht?« fragte Fürst Andrei. »Was Recht und Unrecht ist, das zu beurteilen ist dem Menschen nicht gegeben. Die Menschen haben von jeher geirrt und werden immer irren, und in keinem Punkte mehr als in bezug auf das, was sie für Recht und Unrecht halten.«

»Unrecht ist das, was für einen andern Menschen ein Übel ist«, sagte Pierre, der mit Vergnügen wahrnahm, daß Fürst Andrei zum erstenmal seit seiner Ankunft lebhaft wurde und zu reden begann und ihm auseinandersetzen wollte, wodurch er so geworden war, wie er jetzt war.

»Aber wer hat dir gesagt, was für einen andern Menschen ein Übel ist?« fragte er.

»Ein Übel? Ein Übel?« erwiderte Pierre. »Wir alle wissen, was für uns ein Übel ist.«

»Ja, das wissen wir freilich; aber das Übel, welches ich für mich selbst als ein solches erkenne, kann ich einem andern Menschen überhaupt nicht zufügen«, sagte Fürst Andrei, der immer lebhafter wurde und augenscheinlich den Wunsch hatte, dem Freund seine neue Anschauungsweise darzulegen. Er sprach französisch. »Ich kenne im Leben nur zwei wirkliche Übeclass="underline" Gewissensbisse und Krankheit. Und das einzige Gut, das es gibt, ist das Fehlen dieser beiden Übel. Mich von diesen beiden Übeln nach Möglichkeit freizuhalten und für mich selbst zu leben, darin besteht jetzt meine ganze Weisheit.«

»Aber die Nächstenliebe und die Selbstaufopferung?« widersprach ihm Pierre. »Nein, da kann ich Ihnen nicht zustimmen! Nur so zu leben, daß man nichts Böses tut und nichts zu bereuen braucht, das ist doch zu wenig. Ich habe so gelebt; ich habe nur für mich selbst gelebt und mir dadurch beinahe mein Leben verdorben. Und erst jetzt, wo ich für andere lebe, wenigstens mich bemühe«, korrigierte Pierre sich aus Bescheidenheit, »für andere zu leben, erst jetzt habe ich für das wahre Glück des Lebens Verständnis gewonnen. Nein, ich bin mit Ihnen nicht einverstanden, und auch Sie selbst glauben das gar nicht, was Sie sagen.«

Fürst Andrei blickte Pierre schweigend an und lächelte spöttisch.

»Nun, du wirst ja meine Schwester, Prinzessin Marja, kennenlernen«, sagte er. »Ihr beide werdet gut miteinander harmonieren.« Und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Vielleicht hast du, was dich selbst betrifft, recht; aber ein jeder lebt auf seine eigene Weise: du hast nur für dich gelebt und sagst, du hättest dir dadurch beinahe dein Leben verdorben und hättest das wahre Glück erst dann kennengelernt, als du angefangen hättest für andere zu leben. Ich dagegen habe gerade die entgegengesetzte Erfahrung gemacht. Ich lebte für den Ruhm. Nun, was ist denn das Streben nach Ruhm? Es ist doch auch eine Art Liebe zu anderen Menschen, der Wunsch, etwas für sie zu tun, der Wunsch, ihren Beifall zu erlangen. So lebte ich für andere und habe mir mein Leben nicht beinahe, sondern vollständig verdorben. Und ruhiger bin ich erst seit der Zeit geworden, wo ich für mich allein lebe.«

»Aber wie können Sie sagen, daß Sie für sich allein leben?« fragte Pierre, der in Eifer geriet. »Da ist doch Ihr Sohn, und Ihre Schwester, und Ihr Vater!«

»Die sind alle ein Teil von mir selbst; das sind keine ›anderen‹«, erwiderte Fürst Andrei. »Aber die anderen, der Nächste, wie ihr, du und Prinzessin Marja, die anderen Menschen nennt, das ist die Hauptquelle der Irrtümer und des Übels. Der Nächste, das sind auch deine Kiewer Bauern, denen du Gutes tun willst.«

Er blickte Pierre spöttisch an; es war klar, daß er ihn zu einem Disput herausfordern wollte.

»Sie scherzen«, erwiderte Pierre, der immer mehr in Erregung kam. »Was für ein Irrtum oder was für ein Übel kann denn dadurch hervorgerufen werden, daß ich gewünscht habe (wenn auch die Ausführung sehr mangelhaft und schlecht ausfiel), daß ich gewünscht habe, Gutes zu tun, und wenigstens ein bißchen Gutes getan habe? Was kann denn für ein Übel darin liegen, daß unglückliche Menschen, unsere Bauern, Menschen von derselben Art wie wir, die ohne eine andere, bessere Vorstellung von Gott und der Wahrheit aufwachsen und hinsterben, als die ist, die ihnen durch die kirchlichen Zeremonien und die unverständlichen Gebete vermittelt wird, daß die nun in den tröstlichen Glaubenssätzen von einem künftigen Leben, von der Vergeltung, Belohnung, Erquickung unterwiesen werden? Was für ein Übel oder was für ein Irrtum kann denn daraus entstehen, daß ich diesen armen Menschen, die jetzt, wenn einmal eine schwerere Krankheit sie befällt, elend daran zugrunde gehen, ohne daß ihnen jemand hilft, obwohl es doch so leicht ist, ihnen materielle Hilfe zukommen zu lassen, daß ich denen einen Arzt und ein Krankenhaus gebe, und ebenso den Alten eine Stätte, wo sie Pflege finden? Ist es etwa nicht ein greifbarer, zweifelloser Segen, wenn ich dem Bauern und der Bauersfrau mit dem kleinen Kind, die jetzt Tag und Nacht keine Ruhe haben, etwas freie Zeit und Erholung verschaffe?« Pierre sprach schnell und lispelnd. »Und das habe ich getan, wenn auch nur schlecht und in geringem Umfang; aber ich habe doch etwas nach dieser Richtung hin getan, und Sie werden mir nicht den Glauben nehmen können, daß das, was ich getan habe, gut ist; ja, Sie können mir nicht einmal einreden, daß Sie selbst es für schlecht halten. Die Hauptsache aber«, fuhr Pierre fort, »ist dies: ich weiß jetzt, weiß sicher, daß die Freude, die man davon hat, wenn man Gutes tut, das einzige wahre Glück des Lebens bildet.«

»Ja, wenn du die Frage so stellst …«, sagte Fürst Andrei, »das ist freilich etwas anderes. Ich baue ein Haus und lege einen Garten an, und du baust Krankenhäuser. Eins wie das andere kann als Zeitvertreib dienen. Aber was recht ist, und was gut ist, darüber zu urteilen überlasse dem, der alles weiß; unsere Sache ist das nicht. Na, aber du möchtest disputieren«, fügte er hinzu. »Schön! Das können wir ja tun!«

Sie standen vom Tisch auf, gingen vor die Haustür und setzten sich dort auf die Plattform der Freitreppe, welche die Stelle einer Veranda vertrat.

»Nun also, dann wollen wir einmal disputieren!« begann Fürst Andrei. »Du sagst: Schulen«, fuhr er fort und bog zählend einen Finger ein, »Unterricht und so weiter; das heißt, du willst ihn« (er wies dabei auf einen Bauer, der, die Mütze ziehend, an ihnen vorbeiging) »aus seinem tierischen Zustand herausführen und geistige Bedürfnisse in ihm erwecken. Ich dagegen glaube, daß das einzig mögliche Glück das tierische Glück ist, und gerade dessen willst du ihn berauben. Ich beneide ihn, und du willst ihn in meinen Zustand versetzen, ohne ihm doch die Mittel geben zu können, mit denen ich mir zu helfen suche. Zweitens sagst du: Arbeitserleichterung. Aber meiner Ansicht nach ist die körperliche Arbeit für ihn ebenso eine Notwendigkeit, ebenso eine Existenzbedingung wie für mich und dich die geistige Arbeit. Du und ich, wir können nicht leben, ohne zu denken. Wenn ich mich um zwei oder drei Uhr schlafen lege, so kommen mir allerlei Gedanken, und ich kann nicht einschlafen, ich wälze mich umher und liege wach bis zum Morgen, eben weil ich denke und das Denken nicht lassen kann, gerade wie er nicht das Pflügen und Mähen; sonst geht er in die Schenke oder wird krank. Wie ich seine starke körperliche Arbeit nicht aushalten kann (ich wäre in einer Woche tot davon), so er nicht meine körperliche Untätigkeit: er würde davon fett werden und sterben. Drittens … was hattest du doch noch gesagt?« Fürst Andrei bog den dritten Finger ein. »Ach ja, Krankenhäuser, Medizin. Also, der Bauer bekommt einen Schlaganfall und liegt im Sterben; du aber läßt ihn zur Ader und bringst ihn wieder in die Höhe. Nun wird er zehn Jahre lang als Krüppel herumwanken und allen zur Last sein. Für ihn wäre es weit besser und einfacher gewesen, wenn du ihn ruhig hättest sterben lassen. Es werden ja andere geboren, und es sind ihrer auch so schon übergenug. Wenn es dir noch leid täte, an ihm einen Arbeiter zu verlieren (denn als solchen sehe ich ihn an); aber nein, aus Liebe zu ihm willst du ihn wiederherstellen, aus Liebe zu ihm. Damit erweist du ihm gar keinen Dienst. Und dann: was ist das für eine Vorstellung, daß die ärztliche Kunst jemals jemand geheilt hätte! Sie kann nur töten … jawohl!« Er zog finster die Brauen zusammen und wandte sich von Pierre weg.

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