Die Pflicht zu schweigen
- Автор: Шелдон Сидни
- Год: 1994
- Язык: немецкий
- Жанр: Триллеры
Электронная книга - «Die Pflicht zu schweigen». Краткое содержание книги:
Über den Autor
Sidney Sheldon, geboren 1917, war ein absolutes Phänomen in der internationalen Buchwelt. Erst mit fünfzig schrieb er seinen ersten Roman Das nackte Gesicht. Seither sind von zahlreiche Bücher erschienen, jedes ein Weltbestseller, jedes in viele Sprachen übersetzt und alle verfilmt. Sidney Sheldon lebte abwechselnd in Los Angeles, Palm Springs und London. 2007 verstarb der Autor.
Ungekürzte Ausgabe Titel der Originalausgabe: Nothing Lasts Forever Originalverlag: William Morrow and Company, Inc., New York
Um Mitternacht - Paige hatte endlich einschlafen können - wurde sie erneut durch das Telefon geweckt.
»Melden Sie sich auf Notfallraum 1« - es war eine Messerstichwunde. Als Paige sie endlich verarztet hatte, war es halb zwei Uhr morgens. Das nächste Mal wurde sie um Viertel nach zwei aufgeweckt.
»Dr. Taylor. Notfallraum 2. Stat.«
»Okay«, sagte Paige wie erschlagen. Sie kam nur mit größter Anstrengung aus dem Bett und machte sich auf den Weg zum Notfallraum. Ein Patient war mit einem gebrochenen Bein eingeliefert worden. Er schrie vor Schmerz.
»Machen Sie eine Röntgenaufnahme«, befahl Paige. »Und geben Sie ihm Demerol, fünfzig Milligramm.« Sie legte ihre Hand auf den Arm des Patienten. »Es wird alles gut. Versuchen Sie, sich ein wenig zu entspannen.«
Über den Lautsprecher meldete sich eine metallische, körperlose Stimme. »Dr. Taylor. Station 3. Stat.«
Paige warf einen bangen Blick auf den stöhnenden Patienten. Durfte sie ihn allein lassen?
»Komme«, murmelte sie. Sie eilte zur Tür hinaus und über den Flur zu Station 3. Dort hatte sich ein Patient erbrochen und drohte zu ersticken.
»Er kann nicht atmen«, erklärte die Krankenschwester.
»Absaugen«, befahl Paige und schaute zu, wie der Patient wieder zu atmen begann, als sie erneut gerufen wurde. »Dr. Taylor. Station 4. Station 4.« Paige begann kopfschüttelnd in Richtung Station 4 zu laufen, zu einem brüllenden Patienten mit Darmkrämpfen. Paige untersuchte ihn rasch. »Könnte sich um eine Darmstörung handeln. Untersuchen Sie mit Ultraschall«, ordnete Paige an.
Als es ihr endlich gelang, zum Patienten mit dem gebrochenen Bein zurückzukehren, hatte das Schmerzmittel bei ihm zu wirken begonnen. Sie ließ ihn in den OP-Saal bringen und richtete das Bein, hatte diese Prozedur aber noch nicht abgeschlossen, als sie wieder ihren Namen hörte. »Dr. Taylor. Melden in Notfallraum 2. Stat.«
»Das Magengeschwür auf Station 4 hat Schmerzen .«
In einem Krankenzimmer, wo es einen Herzanfall gegeben hatte, horchte Paige ganz nervös das Herz des Patienten ab, als sie erneut aufgerufen wurde. »Dr. Taylor. Notfallraum 2. Stat. Dr. Taylor in den Notfallraum 2. Stat.«
Ich darf nicht in Panik geraten, dachte Paige. Ich muß die Ruhe bewahren. Sie geriet trotzdem in Panik. Wer war nun wichtiger - der Patient, den sie soeben untersuchte, oder der nächste Patient? »Warten Sie hier auf mich«, sagte sie. Es klang absolut idiotisch. »Ich bin gleich wieder da.«
Auf dem Weg zu Notfallraum 2 kam ihr Name schon wieder über Lautsprecher. »Dr. Taylor. Notfallraum 1. Dr. Taylor. Notfallraum 1. Stat.«
O mein Gott! dachte Paige nur. Ihr war, als ob sie sich inmitten eines entsetzlichen Alptraums befände.
In den verbleibenden Nachtstunden wurde Paige geweckt, um einen Fall von Lebensmittelvergiftung, einen gebrochenen Arm, einen Leistenbruch und eine gebrochene Rippe zu behandeln. Als sie endlich in ihren Bereitschaftsraum zurücktaumelte, war sie dermaßen erschöpft, daß sie sich kaum mehr bewegen konnte. Sie kroch auf ihr kleines Bett und döste gerade ein, als das Telefon zu läuten begann.
Sie streckte mit geschlossenen Augen den Arm aus. »Haaa... lo.«
»Dr. Taylor, wir warten auf Sie!«
»Waaas?« Sie blieb liegen und versuchte sich zu erinnern, wo sie überhaupt war.
»Ihre Visite fängt sofort an, Doktor.«
»Meine Visite?« Das muß wohl ein übler Scherz sein, dachte Paige. Das ist unmenschlich. Das können sie von niemandem verlangen. Aber man wartete auf sie!
Zehn Minuten später war Paige - noch halb im Schlaf - wieder auf Visite. Sie torkelte gegen Dr. Radnor. »Entschuldigung«, murmelte sie. »Aber ich habe die ganze Nacht überhaupt keinen Schlaf bekommen .«
Er klopfte ihr mitfühlend auf die Schulter. »Sie werden sich daran gewöhnen.«
Als Paige ihren Dienst schließlich beendete, schlief sie vierzehn Stunden durch.
Für einige Assistenzärzte waren der immense Druck und die mörderisch langen Dienstzeiten zu viel. Sie verschwanden einfach aus dem Krankenhaus. Das wird mir nicht passieren, sagte sich Paige.
Der Druck war erbarmungslos. Nach Ende einer Schicht von sechsunddreißig aufreibenden Stunden war Paige dermaßen erledigt, daß sie gar nicht mehr wußte, wo sie sich befand. Sie taumelte vor den Lift und blieb einfach stehen. Ihr Verstand war wie gelähmt.
Tom Chang kam auf sie zu. »Alles in Ordnung?« erkundigte er sich.
»Prima«, murmelte Paige.
Er grinste. »Sie sehen aus wie das nackte Elend.«
»Danke! Warum tut man uns das nur an?« wollte Paige wissen.
Chang zuckte mit den Schultern. »Der Theorie zufolge hält uns das in Kontakt mit den Patienten. Wenn wir nach Hause gingen und sie hier allein ließen, wüßten wir nämlich nicht, was aus ihnen wird, während wir fort sind.«
Paige nickte. »Das ergibt einen Sinn.« Es ergab überhaupt keinen Sinn. »Wie sollen wir sie denn betreuen, wenn wir im Stehen einschlafen?«
Chang zuckte erneut mit den Schultern. »Ich habe die Regeln nicht gemacht. Aber so geht's in Krankenhäusern immer zu.« Er warf Paige einen prüfenden Blick zu. »Schaffen Sie es allein nach Hause?«
Paige fing den Blick auf und erklärte hochnäsig: »Natürlich.«
»Passen Sie auf sich auf.« Chang entschwand im Flur.
Paige wartete auf den Lift. Als er endlich kam, war sie eingeschlafen.
Zwei Tage danach frühstückte Paige gemeinsam mit Kat.
»Willst du ein schreckliches Geständnis hören?« fragte Paige. »Wenn man mich morgens um vier weckt, weil irgendwer ein Aspirin braucht, und ich dann halbwach über den Flur taumele und an all den Zimmern vorbeikomme, wo die Patienten unter der Bettdecke liegen und richtig schön tief schlafen, dann würde ich manchmal am liebsten gegen die Türen hämmern und laut herausschrei-en: >Alle aufwachen!<.«
Kat streckte die Hand aus. »Willkommen im Klub!«
Die Patienten gab's in allen Formen, Größen, Altersgruppen und Farben. Sie waren verängstigt, tapfer, lieb, arrogant, schwierig oder rücksichtsvoll. Sie waren Menschen - Menschen, die Schmerzen litten.
Die meisten Ärzte waren pflichtbewußte Menschen. Es gab gute und schlechte Ärzte - nicht anders als in anderen Berufen auch. Sie waren jung und alt, unbeholfen und geschickt, angenehm und gräß-lich. Und es gab unter ihnen auch einige wenige, die, zum einen oder anderen Zeitpunkt, sexuelle Annäherungsversuche machten, manchmal auf subtile Art, manchmal derb und grob.