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Sorry, das haben wir nicht

Электронная книга - «Sorry, das haben wir nicht». Краткое содержание книги:

Kurzbeschreibung
Im Emmental gibt es jede Menge Emmentaler, in Dijon reichlich Senf und in jeder guten New Yorker Bar einen Manhattan. Aber versuchen sie einmal, in Bologna Spaghetti Bolognese zu essen, im omanischen Muskat eine Muskatnuss zu kaufen oder in Shiraz im Iran ein Glas des gleichnamigen Weins zu bekommen. Es wird kaum gelingen, weil es diese Dinge an den Orten, deren Namen sie tragen, gar nicht gibt. Spürt man ihnen jedoch nach, so gibt es viel über unsere Welt und die Menschen zu lernen: Überraschendes, Amüsantes, Spannendes. Es geht um das Reisen an sich, um Erwartungen und Enttäuschungen, Vorurteile und Identität, Neugier und Fremdsein, immer gewürzt mit einer guten Prise Humor und Selbstironie.
Über den Autor
Dr. Felicia Englmann liebt ihre Heimat München, verreist aber dennoch, so oft sie kann. 40 Länder hat sie bereits besucht und sieben Fremdsprachen gelernt. Sie fuhr mit einem Scheich im Rennwagen durch Dubai, aß in Japan einen Seeigel und trainierte in den USA, wie man ein Space Shuttle landet. Die promovierte Politologin und diplomierte Journalistin findet den Alltag und seine Geschichten genau so spannend wie Politik, Kultur und Historie. Seit 1992 arbeitet sie für Tageszeitungen und Magazine.
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Diese Orangen fand auch die Tempelgesellschaft, eine christliche Sekte, lecker, die sich 1871 auf dem kleinen Landgut Sarona nördlich des arabischen Hafens festsetzte und allerlei Pflanzen anbaute und weiter verkaufte. Das Markenprodukt „Jaffa Orange“ war ihre Spezialität und als solche verkauften sie die Frucht nach Europa. Als die Engländer wenig später vorbeikamen, war es aus mit der kleinen Siedlung, sie wurde geräumt, geplündert und zerstört. Aber die Araber und Juden verzichteten nicht auf die Zitrusfrucht und bauten sie weiter an - denn auch den englischen Besatzern schmeckte die Frucht.

Wie überhaupt alle Geschichten aus dem Land, das heute Israel heißt, kann man auch die mit der Orange ganz anders erzählen. Dann geht sie so: Wie die hebräischen Schriftgelehrten überliefern, waren es die alten Makkabäer, die als erste Zitrusfrüchte in Jaffa anbauten. Damals in Jaffa, zur Römerzeit in Caesarea. Die arabischen Eroberer brachten die Baladi-Frucht mit, eine Bitterorange, als erste einer ganzen Invasion von Orangensorten in den kommenden Jahrhunderten. Die Früchte wurden in den Gärten von Jaffa so gut gehegt und gepflegt, dass schon Napoleon die Qualität der Jaffa-Orangen pries und sie eine Zierde der europäischen Aristokraten-Tafeln wurden. Die moderne Jaffa-Orange, eine Mutation der Baladi-Frucht, wurde zum Exportschlager des 19. Jahrhunderts. Es waren die zionistischen Pioniere, die in Petah Tikva bei Jaffa und unweit des späteren Tel Aviv die erste moderne Orangenplantage anlegten und damit die Lebensgrundlage für die ersten Siedler legten. Die Briten waren die besten Kunden. Fünfundsiebzig Prozent des Exportes aus dem Land im Osten des Mittelmeeres waren Zitrusfrüchte.

Weil die Engländer, wie meine Erfahrung lehrt, gerne Süßgebäck essen, erfanden sie dann auch schnell den Jaffa Cake, einen zarten Bisquit-Kreis, mit kräftigem Orangen-Gelee belegt und mit knackiger Schokolade überzogen. Er hat nur die Größe eines Kekses, ist aber dennoch ein Kuchen, entschied ein britisches Gericht 1991. Wegen seines für einen Keks viel zu hohen Feuchtigkeitsgrades, was eigentlich egal wäre, wenn im britischen Handel Kekse und Kuchen nicht mit einem unterschiedlichen Mehrwertsteuersatz belegt wären. Kuchen -in England Grundnahrungsmittel - ist steuerfrei. Das finden die Keks-, hoppla, Kuchenfabriken, deren größte im Jahr 750 Millionen Jaffa Cakes produziert, natürlich fein.

Während des Zweiten Weltkrieges wollte niemand Obst aus Israel haben - da sind sich alle Geschichten überraschend einig. Danach aber wurde die Orange wieder gerne gegessen. Die Briten zogen aus dem Mittleren Osten ab, die Israeliten und Araber hatten das Heilige Land wieder für sich, und verkauften weiter ihre Orangen in die ganze Welt. „Jaffa“ ist heute ein eingetragenes Markenzeichen für Früchte, und jedes Jahr wird eine Million Tonnen der leckeren Frischmacher geerntet -fünfundachtzig Prozent davon gehen ins Ausland. Aber auch in den Supermärkten im ganzen Land liegt das Obst mit dem kleinen grünen Aufkleber „Jaffa“.

Man könnte die Geschichte noch einmal ganz anders erzählen, so ähnlich wie die mit dem kleinen Bären und dem kleinen Tiger, die eine leere Bananenkiste mit der Aufschrift „Panama“ im Fluss finden und beschließen, dass Panama ein Land ist, das von oben bis unten nach Bananen riecht. Sie ziehen los, um es zu suchen, laufen im Kreis und entdecken schließlich ihre alte Heimat neu, ohne es zu merken, beziehen in trauter Eintracht ihre alte, inzwischen leicht ramponierte Hütte, renovieren sie und genießen das Leben. Die Heimat riecht zwar nicht nach Bananen, aber sie ist perfekt für die beiden unterschiedlichen Charaktere. Janosch, der Autor dieser Geschichte, findet: „Jeder lebte schon immer im Paradies, er hat es nur nicht gewusst.“

In der Stunde vor Sonnenuntergang riecht es in Jaffa genauso wie Tel Aviv: Nach Auspuff, nach heißen Snacks aus den Imbissbuden und ein wenig nach Strand und Meer. Ziemlich paradiesisch also, und doch sehr heutig. Und in der Stunde vor Sonnenuntergang ist der Lebenslust-Pegel in beiden Orten gleich hoch.

Auch in der Bäckerei von Said Abouelafia in der Ladenstraße von Jaffa ist Hochbetrieb. Von hier kommen all die Rascheltüten mit den Sesamkringeln, den Fladenbroten, den kompakten Brötchen mit der Knusperrinde. Der Geruch des frischen Brotes weht so intensiv aus der Backstube, dass er die Auto-und Mopedabgase überdeckt. Die Backstube ist nach vorne zur Straße offen, es gibt keine Tür, sondern ein Verkaufstresen über die ganze Breite des Ladens erstreckt sich direkt am Gehsteig entlang. Verkauft wird direkt von den Blechen weg, und nur, was nicht sofort über den Tresen geht, wird in kleinen Vitrinen aufgestapelt. Der Ruf der Bäckerei von Jaffa reicht sogar noch weiter als der Duft des frischen Gebäcks, der immerhin die ganze Straße erfüllt. Jeder, der einmal eine Nacht in den Clubs von Tel Aviv durchgefeiert hat, erzählt „vom Bäcker in Jaffa“. Wer vom Tanzen erschöpft ist, landet unweigerlich am Strand und wandert wie magisch angezogen nach Süden, wo ihn in der Morgendämmerung eben jener Duft nach Brot empfängt. Er wird sich bei Said Abouelafia und seinen Söhnen die erste Mahlzeit des neuen Tages holen, die vielleicht nicht den Kater vertreibt, aber zumindest neue Kraft gibt, um die Bushaltestelle zu finden oder sogar zurück zu wandern, wieder auf die weißen Hochhäuser zu. Ach, der Bäcker in Jaffa ... so seufzen die ehemaligen Austausch-Studenten und Urlauber, die Club-Gänger und auch die Rucksack-Traveller, die am Strand übernachtet haben.

Ein Vater hat seinen Sohn auf die Schultern genommen, damit der sich aussuchen kann, was gekauft wird, Frauen mit Kopftüchern drängeln sich ebenso am Tresen. Seit 1879 geht das schon so, verrät das Schild über der Backstube. Die beleuchteten Glasmosaike mit Kamelen und Beduinen verweisen auf die noch viel ältere Tradition des Arabischen an der östlichen Mittelmeerküste. Es dauert, bis man ganz vorne ist, und der Hunger wird größer, wenn man nur noch eine Glasscheibe von den Spezialitäten entfernt ist. Trotzdem, Zeit für ein Experiment ist immer: „Einen Jaffa-Cake, bitte!“ Der junge Verkäufer hat für Firlefanz keine Zeit. „WAS?“, fragt er scharf, als hätte er nicht verstanden. „Jaffa-Cake!“ - „Ja, hier, alles Cakes, alles Gebäck! Was wollen Sie denn jetzt?!? Süß? Oder mit Käse? Sesam?“

Entweder, er hat den Spruch schon tausendmal gehört, oder die maschinell gefertigten Kekse aus dem Supermarkt liegen seinem Geist so fern, dass er nicht im Traum darauf kommen würde, jemand könnte sie bei ihm bestellen, wo er doch der Herr über all die Fladen und Kringel, die gefüllten Teigtaschen und verführerisch glänzenden Süßwaren ist. Das ist unglaublich erfreulich. „Geht das nicht schneller?“, schimpft ein alter Mann von hinten, der schon einen kleingerollten Schein in der Hand hat. „Dann bitte einmal Samosa mit Pizzafüllung ohne Schinken, zweimal Pita mit Zatar und einmal Sesambrot.“ Zack, ist alles in der Rascheltüte und der knurrige Alte ruft schon seine Bestellung über den Tresen.

Es ist längst dunkel, als der Stau nach Tel Aviv das Auto endlich wieder frei gibt. Da duftet es schon im ganzen Wagen nach frischem Brot, Kräutern und Käse. Israel riecht nicht von oben bis unten nach Orangen, nicht einmal der kleine Ort Jaffa, und Jaffa Cakes gibt es auch nicht. Aber, genau deshalb: Oh, wie schön ist Israel!

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