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Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.

Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:

Sommer 2008. Hundert Jahre sind vergangen, seit in Sibirien eine verheerende Explosion stattgefunden hat. Viktoria Vandenberg versucht mit zwei anderen deutschen Forschern dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Hat es sich um den Einschlag eines Meteoriten gehandelt? Leo, ein junger Hirte, erzählt Viktoria von seiner neunzigjährigen Großmutter, deren Vater zu den ersten Wissenschaftlern vor Ort gehörte. Die Alte beschwört Viktoria, ihre Nachforschungen einzustellen: Geister, böse Schamanen seien am Werk. Als sämtliche Stromgeneratoren ausfallen, scheinen die Prophezeiungen in Erfüllung zu gehen, erst recht als eine Serie von geheimnisvollen Todesfällen über die Forschergruppe hereinbricht. Doch Viktoria gibt nicht auf. Sie begreift, dass Leo den Schlüssel zu einer Wahrheit besitzt, die weitaus unglaublicher erscheint als ein Meteoriteneinschlag.
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Die Geburt verlief blutig und rasch. Der kleine Junge überlebte noch nicht einmal den nächsten Tag. Tschirins Frau weinte nicht, und er hatte Angst, dass sie auch sterben könnte, denn sie redete nicht. Die alten Frauen des Dorfes kümmerten sich aufopfernd um sie und die Kinder. Ein paar starke Männer hatten in kürzester Zeit die zerstörten

Zelte aufgerichtet, und so bekam das menschliche Leben im Dorf recht schnell jene Routine, die es vor der Katastrophe gehabt hatte. Die menschlichen Verluste waren bis auf das Kind gering. Die toten Tiere stellten hingegen einen herben Verlust dar. Es würde dauern, bis die Menschen ihren bescheidenen Wohlstand wiedererlangt hatten. Spekulationen blühten. Gott Ogdy hatte stählerne Donnervögel zur Erde geschickt, um den Menschen eine Lektion zu erteilen. Zwei bedeutende Schamanen wurden vermisst. Dabei hatte niemand auch nur die leiseste Ahnung, was wirklich geschehen war. Niemand - bis auf Tschirin.

Am vierten Tag nach der Katastrophe sattelte er ein Rentier, und obwohl ihm alle davon abrieten, nicht nur weil der Zustand seiner Frau mehr als beklagenswert war, brach er auf, um nach Leonard und seinen Kameraden zu suchen. Im Traum hatte er Leonard in einer Höhle liegen gesehen. Außerdem war ihm Tschutschana erschienen. Also war er tot. Anders konnte sich Tschirin die Erscheinung, die so echt gewesen war, als hätte ihm der Vater gegenübergesessen, nicht erklären. Er hatte in den Reihen der Ahnen gestanden und ihn um Verzeihung gebeten und ihm dabei angekündigt, dass aus seiner Familie schon bald ein neuer Schamane hervorgehen würde. Weder Leonard noch seine Begleiter waren in die Stadt zurückgekommen, obwohl das Hinterland lichterloh gebrannt hatte. Wenn Leonard immer noch in der Versuchsstation am Kimchu war, würde er ihn finden.

Tschirin glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er mit dem braven Rentier über das tote Land ritt. Es gab keine Bäume mehr. So weit das Auge reichte, lagen die Stämme am Boden oder waren umgeknickt wie Grashalme, gebrochen vom Wind. Ihre verkohlten Reste streckten sich wie mahnende Finger zum Himmel. Überall lagen Tierkadaver. Bären, Elche, Luchse, Wölfe. Zerschmettert, verkohlt und mit aufgebrochenen Leibern. Der Gestank des Todes war beinahe unerträglich.

Vereinzelt begegneten ihm lebendige Exemplare, die verstört, mit verbranntem Fell zwischen noch glühendem Holz umherstreunten. Ihre Seelen waren geflohen, und Dämonen bevölkerten ihre schutzlosen Leiber, wie Tschirin an ihren stumpfen Augen erkennen konnte.

Als er den Fluss unterhalb des Hügels endlich erreichte, bot sich ihm ein weiteres Bild des Grauens. Der Kimchu hatte sein Flussbett verändert. Dort, wo zuvor eine sanfte Biegung den Hügel umrundete, klaffte ein schlammiges Loch, in dem sich ein kleiner See gestaut hatte. Ganz in der Nähe fand Tschirin die Leichen von sieben Kosaken. Ihre Körper waren so schwarz und aufgedunsen wie die ihrer Pferde, die unweit entfernt lagen. Hier musste es sein. Oben auf dem Hügel hatte einmal ein Bauwerk gestanden. Die Kuppe samt Hang war abgerutscht und lag nun am Ufer des Sees. Teile eines ehemaligen Antennenmastes, wie Tschirin ihn aus dem Tal ohne Wiederkehr kannte, lagen umgestürzt und abgeknickt halb im Wasser.

Immer wieder wurde Tschirin von Hustenattacken geschüttelt, und selbst sein Rentier atmete schwer. Es roch nach Schwefel und Rauch, und die Luft war so dick, dass man sie hätte schneiden können.

Tschirin schloss vor Verzweiflung die Augen und betete zu Mayin. Bitte, großer Gott, lass Leonard leben. Ihn und seine Kameraden. Als er aufschaute, fiel sein Blick auf einen kleinen Hügel jenseits des Flusses. Von dort oben hatte man einen guten Ausblick über den See.

Dort angekommen, zügelte er sein Rentier und stieg ab. Nach einer Weile des Umherstreifens fand er eine abgebrochene Fahnenstange mit der verkohlten Flagge des Zaren und daneben einen verschütteten Einstieg.

Der Weg durch den Bunker war schaurig. Hier und da ein lebloser Körper - Arbeiter aus dem Lager und auch der eine oder andere Kosake.

Leonard hier lebend zu finden würde an ein Wunder grenzen. Jedoch - Wunder konnten durchaus geschehen, man musste nur fest genug daran glauben.

Als er eine Art Haupthalle erreichte, sah er den hochgewachsenen Deutschen am Boden liegen. Zusammengekrümmt und reglos kauerte er zwischen den Trümmern eines merkwürdig anmutenden metallischen Aufbaus.

Tschirin kniete nieder und zückte die Wasserflasche. Erst dann streckte er die Hand aus, um die Stirn des Mannes zu berühren. Sie war kühl, aber nicht so kühl, als ob der Tod bereits Einzug gehalten hätte. Tschirin hob den Kopf des Bewusstlosen an und legte ihn in seinen Schoß. Er benetzte das ausdruckslose Gesicht mit Wasser und sprach leise tungusische Worte. Dann setzte er die Flasche an die ausgetrockneten Lippen, und Leonard begann erst zaghaft, dann immer gieriger mit geschlossenen Augen zu trinken.

Tschirin strich ihm vorsichtig über die verbrannten Haare, die nur noch in Stoppeln von Kopf und Kinn abstanden. »Wo bin ich?« Die Stimme war schwach.

»Keine Sorge«, flüsterte Tschirin von Tränen gerührt. »Ich bin's, Tschirin. Ich bringe dich nach Hause.«

34.

Juni 2008, Tunguska - Enthüllungen

Gegen vier Uhr morgens hatten Leonid und Viktoria immer noch nicht in den Schlaf gefunden. Ajaci hatte sich wie selbstverständlich auf das gegenüberliegende Bett verzogen und schnarchte leise.

Die beiden lagen unterdessen eng umschlungen auf der anderen Pritsche des Eisenbahnabteils und waren sich dabei so nah, dass ihre Nasen sich beinahe berührten. Mit ruhigen Worten hatte Leonid die Geschichte aus dem Tagebuch seines Urgroßvaters wiedergegeben, so wie Taichin sie ihm vor wenigen Tagen erzählt hatte. Viktoria schaute ihm unentwegt in die dunklen Augen.

»Leonid, weißt du, was du mir da erzählst?« Ihre Stimme verriet ihr ungläubiges Staunen. »Bei der Explosion wurden 2200 Quadratkilometer Land verwüstet und Millionen von Bäumen umgeknickt. Die Stärke der Detonation war bis Sankt Petersburg zu spüren und verursachte über halb Europa drei helle Nächte. Wie sollte ein einzelner Schamane so etwas bewerkstelligen?«

»Es war kein einzelner Schamane« entgegnete Leonid. »Es waren zwei. Dazu kam ein missglücktes Waffenexperiment. Irgendjemand aus der Truppe meines Urgroßvaters hatte eine Ahnung davon, wie man eine frühe Form der Wasserstoffbombe herstellen konnte. Nur mit dem Zünder haperte es. In späteren Untersuchungen hat man am Unglücksort zweifelsfrei Spuren einer Atomexplosion festgestellt. Soviel ist sogar mir bekannt.«

»Es klingt ziemlich fantastisch, jedoch wenn man es genau betrachtet, ist es nicht so abwegig, wie es sich anhört. Unter anderem vermuteten die Wissenschaftler einen Kometen als Ursache für die Explo-sion, dessen Kern aus Wasserstoff, Ammoniak und flüssigen Helium bestand. Helium in der dreifachen Verbindung mit Wasserstoff und Ammoniak speichert automatisch Energie. Bei ihrer Freisetzung erzielt diese Energie bis zu hundertmal soviel Wirkung wie normaler Sprengstoff. Kommt sehr hoher Druck hinzu, kann die Temperatur auf mehrere Millionen Grad Celsius ansteigen - genug, um schweren Wasserstoff zur Explosion zu bringen.«

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