Das Foucaultsche Pendel
- Автор: Эко Умберто
- Год: 1989
- Язык: немецкий
- Жанр: Триллеры
Электронная книга - «Das Foucaultsche Pendel». Краткое содержание книги:
Was ist der Große Plan des Romans denn anderes als das Erhabene, das nicht Darstellbare, aber Vorstellbare bei Lyotard? Die Idee vom unbeweglichen Punkt im Universum, an dem das Pendel aufgehängt ist? Oder jenes mystische Zentrum Agarttha? Den Verlust der Großen Erzählungen beklagt Eco nicht mehr. Vielmehr nutzt er die Möglichkeiten der Texte und erzählt mit den alten, großen Erzählungen neue Geschichten, Stories. Versucht Eco nicht auch, das narrative Wissen mit dem wissenschaftlichen zu verknüpfen, und ist es nicht zum Scheitern verurteilt, wie jeder Vereinheitlichungsversuch, schließlich werden sowohl Belpo als auch Casaubon verrückt? Schwindet sie nicht, die empirische Wirklichkeit? Zerstört Eco nicht den falschen Schein, der im Glauben an höhere Ursprünge und Zwecke, an eine Teleologie des Weltablaufs besteht, und (lässt er nicht) die empirische Welt als eine prinzipiell scheinhafte vor uns erstehen?
Belpo versucht indessen den ästhetischen Umgang mit der neuen Technologie, dem Computer, der ihn gar zum Schreiben bringt. Jene Technologie, die dem narrative Wissen den Todesstoß verpasst hat. Doch seine Texte sind nur als magnetische Spuren virtuell auf Diskette vorhanden. Die Auswirkungen der neuen Technologien (Computer, synthetisierte Bilder) sind der Gestalt, dass sie die traditionellen Dualismen des abendländischen Denkens sprengen und damit deren Kultur, für die diese Dualismen konstitutiv sind, verabschieden, wie Eco z.B. bei den grotesken, multimedialen, okkulten Zeremonien vorführt.
Eco parodiert die Denkweise der Hermeneutik (Okkultismus, Voodoo etc.) durch raffinierte scheinlogische Konstruktionen und wirft dabei alles durcheinander. Er gebiert sich radikal eklektizistisch. Das wäre gegen Lyotards Vorstellungen, aber der Eklektizismus, der herauskommt, erscheint so lächerlich wie Charles Moores Bau Piazza d`Italia in New Orleans. Das Ergebnis kann bei Ecos Denken nur als Parodie aufgefasst werden; die meisten Verrücktheiten des Romans sind schließlich hinterlistiges, intellektuelles Schelmentum!
Warum aber erzählt Eco die Geschichte der Templer in Westernmanier oder als Comic-Strip beim Whiskey in der Kneipe oder mit seiner Freundin im Bett? Etwa nur, um die nicht-Akademiker bei der (Lese)Stange zu halten? In den 60er Jahren und später waren jene Autoren, die sich in Kneipen und Betten bewegten und jeden modernen, elitären Anspruch von sich wiesen, Autoren wie Ferlinghetti, Ginsberg oder Jörg Fauser (mit seinem Roman Rohstoff), diejenigen, die man zuerst als postmodern bezeichnete. Ist Eco, wenn er auf diese Generation zurückverweist, wenn er, wie jene, auf Trivialmythen abhebt, von Casablanca bis zu Zitaten von Rockgruppen, nicht schon post-post-modern? Hat er die Postmoderne, die fortwährend ihre Moderne gebiert und umgekehrt, weil sie sich jeweils beinhalten, nicht schon hinter sich gelassen? Ist er nicht hochaktuell, wenn er vorführt, wie mit seiner Art der Wissenschaftsvermittlung umgegangen wird, nämlich dem Palavern über die Templer beim Knabbern im Bett? So, und nicht anders, wird heute Wissenschaft rezipiert! Es ist problematisch, den gesamten Roman mittels postmoderner Termini zu hinterfragen, doch ist sicher: Das Foucaultsche Pendel ist ein geistsprühender Krimi, ganz gleich welcher Blödsinn in manchen Rezensionen zu lesen war.
Matthias Kehle.
Die Originalausgabe erschien 1988 unter dem Titel Il pendolo di Foucault.
»Ich sage Ihnen, sie haben die Gold-und Silberminen in der Neuen Welt entdeckt, haben dort Eruptionen provoziert und dann, durch entsprechende Lenkung des Golfstroms, die Bodenschätze an die portugiesische Küste abfließen lassen. Tomar war das Steuer-und Verteilungszentrum, der Fôret d’Orient das Hauptmagazin. So kam ihr ganzer Reichtum zustande. Aber das waren alles nur winzige Häppchen. Die Templer hatten begriffen, daß sie, um ihr Geheimnis voll auszubeuten, erst eine technische Entwicklung abwarten mussten, die mindestens sechshundert Jahre dauern würde.«
Also hatten die Templer den Großen Plan so eingerichtet, daß erst ihre Nachfolger zu einer Zeit, wenn sie in der Lage sein würden, ihr Wissen gut zu gebrauchen, herausfinden könnten, wo sich der Umbilicus Telluris befand. Aber wie hatten sie die Fragmente der Enthüllung auf die in alle Welt verstreuten Sechsunddreißig verteilt? Waren es lauter Teile ein und derselben Botschaft? Wieso bedurfte es einer so komplexen Botschaft, um mitzuteilen, daß der Nabel der Welt zum Beispiel in Baden-Baden ist, oder in Cuneo, in Chattanooga?
War es eine Karte? Aber eine Karte hätte ein Zeichen auf dem gesuchten Punkt, und wer das Fragment mit dem Zeichen besäße, wüsste schon alles und bräuchte die anderen Fragmente nicht mehr. Nein, die Sache musste komplizierter sein. Wir zerbrachen uns ein paar Tage den Kopf, bis Belbo beschloss, Abulafia zu fragen. Und der Orakelspruch lautete:
Guillaume Postel stirbt 1581. Bacon ist Viscount of Saint Albans. Im Conservatoire ist das Foucaultsche Pendel.
Es wurde Zeit, eine Funktion für das Pendel zu finden.
Schon nach wenigen Tagen konnte ich eine ziemlich elegante Lösung vorschlagen. Ein Diaboliker hatte uns einen Text über das hermetische Geheimnis der Kathedralen vorgelegt. Dem Autor zufolge hatten die Erbauer der Kathedrale von Chartres eines Tages ein Senkblei an einem Gewölbeschlussstein hängen lassen und aus seinem Pendeln mühelos die Rotation der Erde erschlossen. Aha, deswegen der Prozess gegen Galilei, hatte Diotallevi bemerkt, die Kirche hatte in ihm den Templer gewittert — nein, hatte Belbo gesagt, die Kardinäle, die Galilei verurteilt hatten, waren in Rom eingeschleuste templerische Adepten, die sich beeilten, dem verdammten Toskaner das Maul zu stopfen, diesem treulosen Templer, der aus Eitelkeit alles auszuplaudern drohte, fast vierhundert Jahre vor dem Ablauf des Großen Plans.
In jedem Fall erklärte diese Entdeckung, warum jene Maurermeister auf den Boden unter das Pendel ein Labyrinth gezeichnet hatten, das stilisierte Bild des Systems der innerirdischen Ströme. Wir besorgten uns eine Abbildung des Labyrinths von Chartres, und es war eine Sonnenuhr, eine Windrose, ein Adernsystem, eine Schleimspur der schläfrigen Bewegungen Kundalinis. Eine Weltkarte der tellurischen Strömungen.
»Gut, nehmen wir an, die Templer benutzten das Pendel, um den Umbilicus Mundi anzuzeigen. Anstelle des Labyrinths, das immer noch ein abstraktes Schema ist, lege man eine Karte der Welt auf den Boden und sage zum Beispieclass="underline" Der Punkt, auf den die Pendelspitze in einem gegebenen Augenblick zeigt, ist der Umbilicus. Aber wo?«
»Der Ort ist keine Frage, es muß Saint-Martin-des-Champs sein, das Refugium.«
»Ja, aber«, wandte Belbo spitzfindig ein, »angenommen, das Pendel pendelt um Mitternacht längs einer Achse Kopenhagen-Kapstadt. Wo liegt dann der Umbilicus, in Dänemark oder in Südafrika?«
»Der Einwand ist berechtigt«, sagte ich. »Aber unser Diaboliker berichtet auch, daß es in Chartres einen Sprung in einem Chorfenster gibt, durch den zu einer bestimmten Stunde des Tages ein Sonnenstrahl hereinfallt, um immer denselben Punkt zu beleuchten, immer denselben Stein im Fußboden. Ich habe vergessen, welche Folgerung daraus zu ziehen ist, aber in jedem Fall handelt es sich um ein großes Geheimnis. Damit hätten wir den Mechanismus: im Chor von Saint-Martin gibt es ein Fenster mit einem kleinen Loch, einem herausgebrochenen Stück an der Stelle, wo zwei farbige oder mattierte Scheiben von der Bleifassung zusammengehalten werden. Es ist punktgenau kalkuliert worden, und vermutlich gibt es seit sechshundert Jahren jemanden, der sich die Mühe macht, es in Form zu halten. Bei Sonnenaufgang an einem bestimmten Tag des Jahres...«
»... der kein anderer sein kann als der 24. Juni, der Tag nach der Johannisnacht, dem Fest der Sommersonnwende... «
»... genau, an dem Tag und zu der Stunde trifft der erste Sonnenstrahl, der durch das Loch im Chorfenster einfallt, auf das Pendel, und genau an dem Punkt auf der Karte unter dem Pendel, auf den die Pendelspitze in dem Augenblick zeigt, in dem sie von dem Sonnenstrahl getroffen wird, da liegt der Umbilicus!«
»Perfekt«, sagte Belbo. »Und wenn es bewölkt ist?«
»Dann wartet man auf das nächste Jahr.«
»Entschuldigung«, wandte Belbo nochmals ein. »Das letzte Treffen ist in Jerusalem. Hängt dann das Pendel nicht eher in der Kuppel der Omar-Moschee?«
»Nein«, versicherte ich. »An bestimmten Punkten der Erde vollzieht das Pendel seinen Zyklus in sechsunddreißig Stunden, am Nordpol würde es vierundzwanzig Stunden brauchen, und am Äquator würde sich die Schwingungsebene nie ändern. Also kommt es auf den Ort an. Wenn die Templer ihre Entdeckung in Saint-Martin gemacht haben, gilt ihre Berechnung nur für Paris, denn in Palästina würde das Pendel eine andere Kurve beschreiben.«
»Und wer sagt uns, daß sie ihre Entdeckung in Saint-Martin gemacht haben?«
»Die Tatsache, daß sie Saint-Martin zu ihrem Refugium gemacht haben, daß sie es die ganze Zeit unter Kontrolle gehalten haben, vom Prior des Klosters Saint Albans über Guillaume Postel bis zum Konvent, die Tatsache, daß sie nach Foucaults ersten Experimenten das Pendel dort haben anbringen lassen... Es gibt zu viele Indizien.«
»Aber das letzte Treffen ist in Jerusalem.«
»Na und? In Jerusalem wird die Botschaft zusammengesetzt, und das geht nicht in fünf Minuten. Dann bereitet man sich ein Jahr lang vor, und am 23. Juni des nächsten Jahres treffen sich alle sechs Gruppen in Paris, um endlich zu erfahren, wo der Umbilicus ist, und sich daran zu machen, die Welt zu erobern.«
»Aber«, beharrte Belbo, »da ist noch was anderes, was mir nicht einleuchten will. Daß es bei der letzten Enthüllung um den Umbilicus gehen würde, wussten alle Sechsunddreißig. Das Pendel war schon in den Kathedralen benutzt worden, ergo war es kein Geheimnis. Was also hinderte Bacon oder Postel oder auch Foucault — denn wenn er die Sache mit dem Pendel aufgezogen hatte, muß auch er zu der Clique gehört haben —, was zum Teufel hinderte sie daran, eine Karte der Welt auf den Boden zu legen und sie nach den Kardinalpunkten auszurichten? Wir sind auf dem Holzweg.«
»Wir sind nicht auf dem Holzweg«, sagte ich. »Die Botschaft sagt etwas, das niemand wissen konnte: Was für eine Karte man nehmen musste!«
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A map is not the territory.
(Eine Karte ist nicht das Territorium.)
Alfred Korzybski, Science and Sanity, 1933; 4. ed., The International Non-Aristotelian Library, 1958, II, 4, p. 58
»Ist Ihnen der Stand des Kartenwesens zur Zeit der Templer gegenwärtig?« fragte ich, »Damals kursierten arabische Karten, die Afrika oben und Europa unten zeigten, Seekarten, die im großen ganzen schon recht genau waren, und Karten, die bereits drei-bis vierhundert Jahre alt waren, aber in den Schulen noch immer als brauchbar galten. Beachten Sie, daß man, um anzugeben, wo der Nabel der Welt ist, keine genaue Karte in dem Sinne braucht, wie wir heute den Begriff der genauen Karte verstehen. Es genügt, daß sie eine Karte ist, die, einmal ausgerichtet, den Nabel an dem Punkt zeigt, über welchem das Pendel beim ersten Sonnenstrahl am Morgen des 24. Juni aufleuchtet. Nun passen Sie auf. Nehmen wir rein hypothetisch an, der Nabel der Welt wäre in Jerusalem. Auf unseren heutigen Karten liegt Jerusalem an einem bestimmten Punkt, und der ist auch heute noch abhängig von der Projektion. Aber die Templer benutzten eine Gott weiß wie beschaffene Karte. Und warum auch nicht, was scherte es sie? Nicht das Pendel richtet sich nach der Karte, sondern die Karte richtet sich nach dem Pendel. Verstehen Sie, was ich meine? Es konnte die unsinnigste Karte der Welt sein, solange nur, wenn sie einmal unter dem Pendel lag, der erste Sonnenstrahl am Morgen des 24. Juni den Punkt traf, wo auf dieser und keiner anderen Karte Jerusalem lag.«