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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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»Da konnte dich wohl jemand überhaupt nicht ausstehen, was?«, sagte ich. »Hat sich nicht mit dem Skalp begnügt, sondern gleich den ganzen Kopf genommen.«

Was die Frage aufwarf – war der Rest von ihm ebenfalls hier? Ich rieb mir beim Nachdenken mit der Hand über das Gesicht. Schließlich hatte ich nichts Besseres vor; vor Tagesanbruch würde ich nirgendwo hingehen, und die Wahrscheinlichkeit, dass ich schlafen würde, war mit der Entdeckung meines neuen Kameraden ziemlich geschrumpft. Ich legte den Schädel vorsichtig auf die Seite und begann zu graben.

Es war jetzt völlig dunkel, doch im Freien ist selbst die dunkelste Nacht selten ohne Licht. Der Himmel war immer noch mit Wolken verhangen, die eine beträchtliche Menge Licht abstrahlten, selbst bis in meine flache Grube.

Der sandige Boden war weich und ließ sich leicht umgraben, doch nachdem ich ein paar Minuten gekratzt hatte, waren meine Fingerknöchel und -spitzen wund gescheuert. Ich kroch nach draußen und suchte mir einen Stock zum Graben. Ich stocherte noch ein bisschen herum und stieß auf etwas Hartes; kein Knochen, dachte ich, und auch kein Metall. Ein Stein, entschied ich und befühlte das schwarze Oval. Nur ein Flusskiesel? Ich glaubte es nicht; die Oberfläche war sehr glatt, doch es war etwas hineingeritzt; irgendeine Glyphe, obwohl mein Tastsinn nicht ausgereift genug war, um mich erkennen zu lassen, was es war.

Weiteres Graben förderte nichts mehr zutage. Entweder war der Rest von Yorick nicht hier, oder er war so tief begraben, dass ich keine Chance hatte, ihn zu entdecken. Ich steckte mir den Stein in die Tasche, hockte mich auf meine Fersen und rieb mir die sandigen Hände am Rock ab. Zumindest war mir von der Bewegung wieder warm geworden.

Ich setzte mich wieder hin, hob den Schädel auf und hielt ihn auf dem Schoß. Gruselig, wie er war, bedeutete er doch so etwas wie Gesellschaft, eine Ablenkung von meiner eigenen Misere. Ich war mir wohl bewusst, dass alles, was ich während der letzten Stunde getan hatte, der Ablenkung gedient hatte; es sollte die Panik abwehren, die ich unter der Oberfläche meines Bewusstseins spüren konnte und die nur darauf wartete durchzubrechen wie das spitze Ende eines versunkenen Astes. Es würde eine lange Nacht werden.

»Gut«, sagte ich zu dem Schädel. »Irgendwas Gutes gelesen in letzter Zeit? Nein, ich schätze, du kommst nicht mehr viel herum. Lyrik vielleicht?« Ich räusperte mich und begann mit Keats, wärmte mich auf mit »Aus Abscheu über den vulgären Aberglauben« und fuhr fort mit der »Ode an eine griechische Urne«.

»›… und immer liebst du, immer bleibt sie schön‹«, deklamierte ich. »Es geht noch weiter, aber ich habe vergessen, wie. Ist aber nicht übel, oder? Ein bisschen Shelley vielleicht? Die ›Ode an den Westwind‹ ist gut, ich glaube, sie würde dir gefallen.«

Mir stellte sich die Frage, warum ich das glaubte; ich hatte keinen besonderen Anlass, Yorick für einen Indianer zu halten statt für einen Europäer, doch mir wurde klar, dass ich das tat – vielleicht lag es an dem Stein, den ich bei ihm gefunden hatte. Achselzuckend fuhr ich fort, ganz im Vertrauen, dass die große englische Dichtung die Bären und Panther genauso effektiv fernhalten würde wie ein Lagerfeuer.

»Mach mich zu deiner Lyra wie den Wald;

Mag auch mein Laub wie seine Blätter fallen,

Dann werden deine Harmonien bald

Durch unser beider dunkle Saiten hallen,

Süß, doch voll Trauer, Geist aus meinem Geist,

Sei du mein Selbst, treib, die wie tot verschallen

Wie Blätter, die du selbst vom Baume reißt,

Meine Gedanken wirbelnd übers Land,

Neu sie zu wecken. Wie mein Vers es weist

Streu aus die Asche aus des Herdes Brand

Mein Wort gleich Funken aus des Feuers Kern,

Posaune sei durch meiner Lippen Band,

Der Erde künde, Wind, der Hoffnung Stern …«

Die letzte Strophe erstarb mir auf den Lippen. Auf dem Hügel schien ein Licht. Ein kleiner Funke, der zu einer Flamme anwuchs. Zuerst dachte ich, es sei der vom Blitz getroffene Baum, ein Stück schwelende Glut, das wieder angefacht worden war – doch dann bewegte es sich. Es glitt langsam den Hügel herab auf mich zu und schwebte dabei knapp über den Büschen.

Ich sprang auf, und erst da fiel mir wieder ein, dass ich keine Schuhe anhatte. Ich tastete verzweifelt auf dem Boden herum und durchkämmte die kleine Höhle wieder und wieder. Doch es war vergeblich. Meine Schuhe waren fort.

Ich hob den Schädel auf und stand barfuß da, das Gesicht dem Licht zugewandt.

Ich beobachtete, wie das Licht näher kam und den Hügel herunterdriftete wie eine Pusteblume. Ein einziger Gedanke ging mir durch den gelähmten Verstand – Shelleys »Ich trotz dir, Unhold! mit ruhigem festen Sinn«. Irgendwo in den dunkleren Winkeln meines Bewusstseins traf ich die Feststellung, dass Shelley viel bessere Nerven gehabt hatte als ich. Ich umklammerte den Schädel noch fester. Er war keine besonders wirksame Waffe – aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich das, was da auf mich zukam, von Messern oder Pistolen ebenfalls nicht vertreiben lassen würde.

Nicht nur, dass es mir aufgrund der Feuchtigkeit extrem unwahrscheinlich erschien, dass jemand mit einer brennenden Fackel durch den Wald spazierte. Das Licht schien nicht wie eine Kiefernfackel oder eine Öllampe. Es flackerte nicht, sondern brannte in einem sanften, beständigen Glühen.

Es schwebte etwas mehr als einen Meter über dem Boden, etwa dort, wo jemand eine Fackel halten würde, die er vor sich hertrug. Es näherte sich langsam mit der Geschwindigkeit eines Wanderers. Ich sah, wie es sich im Rhythmus eines regelmäßigen Schrittes leicht auf und ab bewegte.

Ich kauerte in meiner Grube, halb verborgen hinter dem Erdwall und den freiliegenden Wurzeln. Es war eiskalt, doch mir lief der Schweiß am Körper herunter, und ich konnte die Ausdünstung meiner eigenen Angst riechen. Meine tauben Zehen krallten sich in den Boden, bereit wegzulaufen.

Ich hatte schon einmal Elmsfeuer gesehen, auf See. Das war zwar unheimlich gewesen, doch das flüssige blaue Flackern hatte keine Ähnlichkeit mit dem blassen Licht, das sich mir jetzt näherte. Es schlug weder Funken, noch besaß es eine Farbe; es glühte nur gespenstisch. Sumpfgas, sagten die Leute in Cross Creek, wenn jemand die Berglichter erwähnte.

Ha, sagte ich zu mir, allerdings lautlos. Sumpfgas, ganz bestimmt!

Das Licht durchquerte ein kleines Erlendickicht und trat dann vor mir auf die Lichtung. Es war kein Sumpfgas.

Er war hochgewachsen, und er war nackt. Außer seinem Lendenschurz trug er nur Farbe. An Armen, Beinen und Körper zogen sich lange rote Streifen entlang, und sein Gesicht war vom Kinn bis zur Stirn völlig schwarz. Sein Haar war eingefettet und zu einem Kamm frisiert, aus dem zwei Truthahnfedern steif herausragten.

Ich war unsichtbar, völlig verborgen in der Dunkelheit meiner Zuflucht, während seine Fackel ihn mit weichem Licht umgab, das auf seiner unbehaarten Brust und seinen Schultern glänzte und seine Augen in Schatten tauchte. Doch er wusste, dass ich da war.

Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Mein Atem klang mir furchtbar laut in den Ohren. Er stand einfach nur da, vielleicht vier Meter von mir entfernt, und blickte in die Dunkelheit, geradewegs in meine Richtung, als wäre es helllichter Tag. Und das Licht seiner Fackel brannte beständig und lautlos, bleich wie eine Grabkerze, ohne dass ihr Holz verzehrt wurde.

Ich weiß nicht, wie lange ich so wartete, ehe mir auffiel, dass ich keine Angst mehr hatte. Es war immer noch kalt, doch mein Herzschlag hatte sich auf seine normale Geschwindigkeit verlangsamt, und meine nackten Zehen hatten sich entspannt.

»Was willst du?«, fragte ich, und erst da fiel mir auf, dass schon seit einiger Zeit zwischen uns eine Art Kommunikation stattfand. Was auch immer das hier war, es kannte keine Worte. Wir wechselten keine zusammenhängenden Sätze – und doch tauschten wir etwas aus.

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